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Das Autorenporträt

Jutta Grell
Politikbewusste Abenteurerin, modemachende Autorin

Wer viel erlebt, hat viel zu erzählen: Jutta Grell, die lange Jahre in Afrika und auf den Kanaren gelebt hat, dort unter anderem eine Plantage geleitet hat, schreibt aktuell an ihrem dritten Buch. In ihren Werken plaudert sie über die Politik, das Leben, die Frauen und lässt kaum ein umstrittenes Thema unberührt.  Auch wird sie nicht müde, ihre Bücher in Eigenregie an den ungewöhnlichsten Orten vorzustellen. Was für die „Edelzynikerin“ noch aussteht, ist ihre Autobiografie.

Von der Schlossbewohnerin zur Plantagenleiterin

„Ich bin so 'ne Gebürtige“, kommentiert Jutta Grell die ersten Jahre ihres Lebens. Auf Schloss Hohenstein in Schleswig-Holstein geboren und dort bis zum sechsten Lebensjahr wohnhaft, verlief ihr Leben zunächst wenig ereignisreich. Bis sie mit 20 Jahren ihre Mutter zu einem Urlaub auf Teneriffa begleitete und von der Insel zutiefst beeindruckt einen Entschluss fasste: „Im ersten Moment auf dem Flugplatz wusste ich, dass ich bleiben würde.“ Und so blieb sie, ohne viel Geld in der Tasche und gegen den Willen und Protest ihrer Mutter, auf der kanarischen Insel.

„Ich war ein völlig unbeschriebenes Blatt“, urteilt die Autorin heute. Angst habe sie nie gekannt. Sie lebte von geklauten Tomaten und die Bauern duldeten das hübsche blonde Mädchen. Oft hätten sie ihr gar die schönsten Früchte an den Wegrand gelegt. Eines Tages in einem Straßencafé beschlossen zwei Männer – „Baulöwen“ –, sie anzusprechen. „Sie dachten wohl, dass sie mich für irgendetwas gebrauchen könnten.“ Das Unwahrscheinliche geschah: Die Männer erkannten Potential in Jutta Grell, forderten von ihr, Agrarwissenschaft und Spanisch sowie weitere Sprachen zu studieren, um anschließend eine Kakaoplantage im Kongo zu leiten.

Die junge Frau erkannte ihre Chance. 3,5 Jahre Studium öffneten die Türe zu sieben bis acht Jahren Tonangeben auf einer Plantage. Dann orientierte sich Jutta Grell, inzwischen gereift und selbständig geworden, wieder einmal komplett um. In Nordafrika war sie als Gerichtsdolmetscherin tätig – den Abschluss hatte sie zwischenzeitlich im spanischen Sevilla gemacht – und eröffnete dann eine Modeboutiquen-Kette. Die führte sie schließlich zurück nach Deutschland.

Keine Angst vor Insekten und Politikern

Jutta Grell – eine Lebenskünstlerin? „Weniger, ich bin ein absoluter Realist mit sehr viel Mut, impulsiv und voller Risiko.“ Als sie eine zeitlang am Rande der Sahara lebte, wurde sie regelmäßig von Heuschrecken und anderem Getier heimgesucht. Aber all die Insekten seien ja „nur Natur“. „Man muss die Furcht verlieren, dass einem die Natur etwas anhaben will“, betont sie. Gleichwohl weiß die Autorin, dass ihre Sicht der Dinge nicht ganz der einer Durchschnittsfrau entspricht. Dreimal war sie verheiratet – und dreimal wollten die Männer sie zu einem ganz normalen Familienleben überreden, das ihre Sache nun mal nicht war.

Auch ihre Sicht auf Deutschland wurde von dem Leben geprägt, dass sie in frühen Jahren führte. Woanders schien Vieles so unkompliziert. Hier beklagt Jutta Grell die „typisch deutsche Lahmarschigkeit“, die Angst, Risiken einzugehen und den Mangel an Selbständigkeit. Eine Tugend, die ihre Kinder (ein Findelkind, eine Adoptivtochter und ein leiblicher Sohn) früh lernten. Um zurück in Deutschland Anschlu0ss zu finden und etwas zu verändern, trat sie der CDU bei. „Das ist mein regelmäßiges wunderbares Ärgernis“, sagt Jutta Grell und ist so gar nicht desillusioniert, dass man letztlich, wie sie findet, doch nichts bewegen kann. Denn: „man muss vor Ärger keine Angst haben“.

So unbeschwert und heiter, doch auch voller Spitzen, wie sie sich gibt, sind denn auch ihre Bücher. Das erste – betitelt „Lustmolch mit Himbeermarmelade“ – ist eine Internet-Lovestory, die viel über ihr Leben verrät. Geschrieben hat sie es übrigens zum Teil auf einem Stein sitzend, denn Möbel hatte sie zu diesem Zeitpunkt ihrer Rückkehr nach Europa noch nicht. „Ich wartete auf mein Überseegepäck und um mich beschäftigt zu halten, riet mir ein befreundeter Mönch, doch etwas zu schreiben.“ Das zweite Buch „Mit Spatzen auf Kanonen“, erschienen 2005 im Fouque-Verlag, nennt die Autorin „mein politisches Kochbuch“. Darin rechnet sie ab mit Politikern und Krankenkassen, schimpft über die Fehlentwicklung in Deutschland. Aktuell schreibt sie, die Modegeschäfte in 20 Ländern geführt hat, über die weibliche Midlife Crisis. „Es geht um die Prozesse, die in Frauen stattfinden, wenn sie älter werden, um ihren Verfall und darum, wie sie immer trauriger werden“, verrät die Verfasserin. Das alles frech und heiter erzählt, versteht sich.

„Ich schreibe keine netten Bücher!“

Dass sie Autorin werden würde, hatte sie nicht geplant. Doch schon immer, erinnert sie sich, waren Freunde „ganz verrückt“ auf ihre Briefe und redeten auf sie ein, ihr Leben aufzuschreiben. Mit der Autobiografie ist es allerdings bislang nichts geworden, denn Jutta Grell hatte nach sechzig Seiten „keine Lust“ mehr. Allerdings ist sie zuversichtlich, dass es noch dazu kommt, denn sie verblüfft ja gern die Leute. Während der letzten Frankfurter Buchmesse hielt sie eine spontane Lesung an der Hotelbar. Wer nicht zuhören wollte, wurde eben überredet und am Ende lauschte alles andächtig, erinnert die Autorin.

Ihre Parteifreunde reagierten übrigens wenig begeistert auf ihr Schreiben. „Das können sie nicht machen, Frau Grell“, hörte sie immer wieder, als sie m vergangenen Jahr ihre Politsatire veröffentlichte. Doch die Autorin, die sich gern als „Edel-Zynikerin“ verstanden sieht, stellt klar: „Ich schreibe keine netten Bücher!“ Denn Nettsein, glaubt sie, bringt Deutschland nicht vorwärts.
 

 
Kurz gefragt:

1. Wann haben Sie sich entschieden, Autorin zu werden?

Das war ziemlich genau Mitte Mai 2003. Aber die Idee, Autorin zu werden, war noch nicht einmal geboren oder angedacht. Aber ich musste von heute auf morgen mein Leben mit anderen Maßstäben messen. Da, wo ich vorher noch eine restlos überlastete Geschäftsfrau war, da war ich jetzt eine faule Socke und glaubte, das sei genau das Leben, welches ich führen möchte. Ich lebte eine kurze Weile in einem Kloster in Holland, fand einen Mönch zauberhaft – er mich auch – und er fungierte im Grunde genommen dazu, mich zum Schreiben zu ermuntern. Fand ich spannend. Sofort und ohne viel zu denken, wollte ich Bestseller-Autorin werden und zweifelte auch nicht am Gelingen. Ich bin nämlich erfolgssüchtig und hatte damit auch immer Erfolg.

Ich hatte weder eine Ahnung noch das Wissen von Struktur, noch überhaupt etwas davon, was es heißt, ein Buch zu schreiben und zu fabrizieren. Interessierte mich auch noch nicht. Für mich war nur wichtig zu wissen, was in der Luft lag. Und mir war weder schlecht, noch überschätzte ich mich, noch sagte mein Bauchgefühl mir, dass ich einen Spleen habe. Typischerweise gehöre ich natürlich nicht zu den Frauen, die ihre Mitte suchen und finden und dann auch noch etwas damit anfangen können. Mein Erspürtes lag mehr in den Eingeweiden und das war die Grundlage für die Indizien.

Es war keine einzige Sekunde Grübeln in Aussicht gestellt, und meinen ersten kleinen Roman schrieb ich in vierzehn Tagen nur so runter. Ich wurde natürlich Dauergast im Nachdenken und gehörte bald schon zu den Menschen, die hinterher klüger als vorher sind. Ein Freund rief mich an und sagte: „Im Spiegel – hast du gelesen? – Autoren gesucht, meld dich da und es wird schon klappen. Klappte auch, sechs Tage später war ich einstimmig vom Lektorat angenommen und jetzt kam ein Ehrgeiz zum Vorschein, den ich gar nicht in mir vermutet hatte. Ich setzte mich hin und schrieb 87 Stunden in einem Rutsch und mit tonnenweise Kaffee das Buch nochmals neu und dann ging es Anfang Juli 2003 in die Verlagsarbeit. Vorstellung dann im Oktober auf der FF Buchmesse und Riesenpresserummel hier in meiner Heimatstadt. So einfach war es. So einfach und so teuer.

2. Wie sieht Ihr Schreiballtag aus?

Da kann ich nur sagen – witzig! Eine wirkliche Verhaltenslogik gibt es nicht. Ich musste meine sensible Seele danach richten, dass mein Verstand erst ca. um 14 Uhr mittags einsetzt. Das lässt sich auf keinen Fall ignorieren. Bis dahin gehen meine Blicke und Gedanken mit fast tödlicher Sicherheit ins Leere. Und ich lasse in solchen Fällen den Dingen einfach ihren Lauf. Dann allerdings kann ich bis drei Uhr nachts schreiben, ohne wirklich den Verstand und die Ideen zu verlieren. Es gibt auch kaum Korrekturen inhaltlich, so wie es kommt, steht es geschrieben. Mich unterbricht dann auch nur mein schmerzender Rücken und mein fast lahmgelegter Hintern. Zwei Dinge, die ich ständig im Visier haben muss. Ich muss wohl zugestehen, dass mein Verhalten als Autorin das einer Steinzeitfrau ist, die hoffentlich schnell kapiert, dass die Verleger ein gehöriges Maß an Respekt verlangen. Wenn sie es dann man täten!! Aber das Schreiben entwickelte sich zur Leidenschaft. Und da setzt bei mir der wirkliche Spaß ein.

3. Welches Verhältnis haben Sie zu Ihren Helden?

Wie zu räudigen Katern. Da jeder Held und jede Heldin – ich will damit sagen: egal welchen Geschlechts – autobiografisch ist, habe ich natürlich eine seltene Trarahaltung zu deren Tun. Mit anderen Worten: Sie kennen jetzt das Geheimnis, dass ich jeder einzelne Held selber bin, was ich auch glaube, dass es bei allen anderen Autoren dieser Welt genauso ist. Das liegt daran, dass wir alle nur eine einzige Fantasie haben, und das ist unsere eigene. Optisch suche ich mir dann immer „die Schönsten“ und „die Hässlichsten“ heraus. Nach diesem Motto gestalte ich die Figuren. Auch hier richte ich mich nach „vor dem Schminken“ und „nach dem Schminken“. Mal ehrlich, da sind doch alle Fassaden von schön bis hässlich drin. Und hier liegt auch der Genuss für mich, zu schreiben. Diese eigenartige Ehrlichkeit, die ich aber als Lügen „verkaufe“. Weil: gelogen klingt alles ein wenig weicher, und ich kann den Menschen besser Schrammen verpassen. Mal so als Beispiel: die Beantwortung ihrer Fragen schreibe ich in einem Rutsch – aber nicht gedankenlos, aber ich muss eben auch nicht viel nachdenken.

4. Was macht für Sie einen guten Roman aus?

Das ist genau die Frage, die ich immer am liebsten beantwortet habe. Das Lebendigste an Büchern ist immer der Dialog. Ich liebe Dialoge, die aber exzellent geschrieben sein müssen. Aber der schönste Dialog nutzt nicht das Geringste, wenn er inhaltlich laberig und gähnend langweilig ist. Um es genauer auszudrücken: Ich schreibe, wie ich spreche und denke und erzähle. Ich überlege keine ausgefeilten Formulierungen, sondern ich antworte in den Dialogen aus dem Bauch heraus. Da sind natürlich satte Dinger dabei, zugegebenerweise. Aber genau hier liegt der fundamentierte Leserspaß. Ich erinnere gut die Worte von Fabian Bauer – der Cheflektor, den ich sehr mag – als er sagte, er hat mit großem Genuss gelesen und sehr gelacht. Es mag sich jetzt so anhören, dass ich alles ein wenig dem Zufall überlasse. Das stimmt nicht, ich überlasse alles meiner täglichen Laune, und genau die ist ein Sammelbecken für alle möglichen Plaudereien. Darüber hinaus halte ich es für extrem wichtig, ironisch (selbstironisch), satirisch, gemein, lapidar, kritisch und äußerst mutig zu sein. Und damit wissen Sie, was ich unter einem guten Inhalt verstehe, davon abgesehen, dass das Inhaltliche auch dem Geist der Zeit entsprechen sollte. Z.B. Politik, Wechseljahre, menschliches Fehlverhalten, niemals eine verständnisvolle Mit-Geschlechtsgenossin sein, Psychologengeschwafel.

Also fasse ich doch mal zusammen: faszinierende Dialoge, kritische Betrachtungsweise, spontanes Lachen, große Ärgernisse und differenzierte Meinung. Und fast vollkommen bedenkenlos sein. Das ist meines Erachtens einer der integralsten Punkte für ein gutes Buch. Und jetzt wissen Sie auch gleichzeitig, dass ich für die Lyrik nicht geboren bin. Aber ohne mit der Wimper zu zucken, behaupte ich, dass ich klasse Reiseberichte schreiben kann/könnte, so dass den Menschen das Wasser im Munde zusammenläuft. Ich versuche, und ich weiß, ich kann ein Buch schreiben, welches gelesen und gleichzeitig gelebt wird. Im Grunde genommen habe ich es fertig im Kasten und es wird mein nächstes sein.

5. Welchen Rat würden Sie Schreibanfängern mit auf den Weg geben?

(lacht) … sich zu erschießen!!!!!
 

 

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