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16.10. Sansal sieht Welt vor Wende zur Demokratie
Der Arabische Frühling gibt das Signal für einen weltweiten Wandel:
So sieht es der Algerier Sansal. Am Sonntag hat er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten.
Frankfurt/Main (dpa) - Die Welt steht nach Ansicht des algerischen Schriftstellers Boualem Sansal vor einem Aufbruch zu mehr Demokratie.
Dafür gebe der Arabische Frühling das Signal. «Die Menschen lehnen Diktatoren ab, sie lehnen Extremisten ab, sie lehnen das Diktat des Marktes ab, sie lehnen den erstickenden Zugriff der Religion ab», sagte der 62-Jährige, der am Sonntag den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche erhielt. In seiner Dankesrede warb er für einen Frieden zwischen Israelis und Palästinensern. Die Bücher Sansals sind in Algerien verboten.
Der Friedenspreis gehört zu den bedeutendsten kulturellen Auszeichnungen in Deutschland. Er ist mit 25 000 Euro dotiert.
Mit dem politischen Aufbruch im arabischen Raum habe sich für die Menschen weltweit etwas verändert, sagte der Preisträger. Die Jagd «auf alte bornierte und harthörige Diktatoren» sei nicht nur auf die arabischen Länder beschränkt. «Überall empören sich die Leute und widersetzen sich dem, was dem Menschen und seinem Planeten schadet.» Die Zeitenwende werde auch China erreichen.
Die Menschen wollten auch nicht mehr hinnehmen, dass der «älteste Konflikt der Welt» - der Nahost-Konflikt - weiter andauere, prognostizierte der Autor. Die beiden Völker dürften nicht «auch nur einen Tag länger als Geiseln ihrer kleinen Diktatoren dahinleben, ihrer bornierten Extremisten, ihrer nicht zu entwöhnenden Nostalgiker, ihrer Erpresser und kleinen Provokateure».
Der Antrag der Palästinenser bei den Vereinten Nationen (UN) auf Anerkennung als unabhängiger Staat sei zwar ein «Schlag ins Wasser» gewesen. Aber zum ersten Mal hätten die Palästinenser aus eigenem Willen gehandelt. US-Präsident Barack Obama - «dieses wunderbare Bindeglied zwischen den beiden Hemisphären unseres Planeten» - habe leider die Gelegenheit nicht ergriffen.
Im vergangenen Jahr hatte der Börsenverein den israelischen Autor David Grossman geehrt - also ebenfalls einen Schriftsteller, der sich für die Aussöhnung zwischen Israelis und Palästinensern einsetzt. In diesem Jahr wollte der Stiftungsrat, der die Preisträger bestimmt, mit der Auswahl Sansals die Demokratiebewegung in Nordafrika stärken.
Der Algerier, der auf Französisch publiziert, lebt trotz aller Repressionen weiter in seiner Heimat.
Algerien, dessen Weg von der Unabhängigkeit über den blutigen Bürgerkrieg bis zum Einparteistaat Sansal in Frankfurt ausführlich beschrieb, bezeichnete er als «unglücklich und zerrissen».
«In einem Land, das nichts anderes kennengelernt hat als die Diktatur, nämlich die der Waffen und der Religion, besteht die einzige Vorstellung, die man sich vom Frieden machen kann, aus Unterwerfung, Selbstmord oder endgültiger Emigration. Das Fehlen von Freiheit ist ein Schmerz, der einen auf Dauer verrückt macht», sagte er.
In seiner Laudatio bezeichnete der Schweizer Literaturwissenschaftler Peter von Matt den 62-Jährigen als «unbändigen Erzähler». Sansal sei «witzig und weise, unerbittlich in den Diagnosen dessen, was schlecht läuft, gnadenlos hart im Urteil über die Habgier der Mächtigen und immer von Mitleid bewegt» über das Schicksal der Menschen in Algerien.
Außenminister Guido Westerwelle (FDP) teilte mit: «Ich empfinde große Hochachtung für einen Schriftsteller, der unermüdlich und unter persönlichen Opfern für das freie Wort und einen freien öffentlichen Diskurs in Algerien eintritt.»
Zur feierlichen Übergabe des Preises waren mehrere hundert Gäste gekommen. Der Friedenspreis gibt es seit 1950. Er wird traditionell am letzten Tag der Frankfurter Buchmesse vergeben.
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16.10. Wortlautauszüge aus der Rede von Boualem Sansal
Frankfurt/Main (dpa) - Der algerische Autor Boualem Sansal (62) ist am Sonntag in Frankfurt mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden. Die Nachrichtenagentur dpa dokumentiert Auszüge aus seiner Dankesrede nach dem
Wortlautmanuskript:
(...) «Im Kontext der heutigen Zeit ist dies (die Verleihung des
Friedenspreises) eine rührende, eine aufmunternde Geste, denn sie zeugt davon, dass Sie sich dafür interessieren, wie wir Völker des Südens versuchen, uns vom Joch unserer bösartigen und archaischen Diktaturen zu befreien, in dieser arabisch-muslimischen Welt, die einst ruhmreich und tatkräftig war, nun aber schon so lange verschlossen und erstarrt ist, dass wir schon vergessen haben, dass wir Beine haben und einen Kopf, und dass man auf seinen Beinen stehen und gehen und laufen kann, oder auch tanzen, wenn einem der Sinn danach steht, und dass man mit seinem Kopf jenes unvorstellbar Zauberhafte tun kann, nämlich sich eine Zukunft ersinnen und diese dann auch leben, hier, in der Gegenwart, in Frieden, in Freiheit, in Freundschaft. (...)
In einem Land, das nichts anderes kennengelernt hat als die Diktatur, nämlich die der Waffen und der Religion, besteht die einzige Vorstellung, die man sich vom Frieden machen kann, aus Unterwerfung, Selbstmord oder endgültiger Emigration. Das Fehlen von Freiheit ist ein Schmerz, der einen auf Dauer verrückt macht. (...)
Mein Land ist eine Summe unauflöslicher Paradoxien, von denen die meisten tödlich sind. Im Absurden zu leben, macht einen schwachsinnig, man torkelt von einer Wand an die andere wie ein Betrunkener. Für junge Menschen, die sich eine Zukunft suchen müssen und einen klaren Kurs brauchen, um sich orientieren zu können, ist dies dramatisch, und es zerreißt einem das Herz, wenn man sie verzweifelt heulen hört wie Wölfe tief in der Nacht. (...)
(...)Wir spüren alle, dass sich seit der tunesischen Jasminrevolution in der Welt etwas geändert hat. Was in der verknöcherten, komplizierten und schwarzseherischen arabischen Welt unmöglich schien, ist nun eingetreten: Die Menschen kämpfen für die Freiheit, sie engagieren sich für die Demokratie, sie öffnen Türen und Fenster, sie blicken in die Zukunft, und diese Zukunft soll erfreulich und soll ganz einfach menschlich sein.
Was derzeit geschieht, ist meines Erachtens nicht nur eine Jagd auf alte bornierte und harthörige Diktatoren, und es beschränkt sich nicht auf die arabischen Länder, sondern es kommt eine weltweite Veränderung auf, eine kopernikanische Revolution: die Menschen wollen eine echte universelle Demokratie, ohne Grenzen und ohne Tabus.
Alles, was das Leben ramponiert, verarmen lässt, beschränkt und denaturiert, ist dem Gewissen der Welt unerträglich geworden und wird mit aller Macht abgelehnt.
Die Menschen lehnen Diktatoren ab, sie lehnen Extremisten ab, sie lehnen das Diktat des Marktes ab, sie lehnen den erstickenden Zugriff der Religion ab, sie lehnen den anmaßenden und feigen Zynismus der Realpolitik ab, sie verweigern sich dem Schicksal, auch wenn jenes das letzte Wort haben mag, sie lehnen sich gegen alle Arten von Verschmutzern auf; überall empören sich die Leute und widersetzen sich dem, was dem Menschen und seinem Planeten schadet. Es entsteht ein neues Bewusstsein, und in der Geschichte der Nationen ist das eine Wende, wie man das in Ihrem Land beim Fall der Mauer nannte.
Im Zuge all dieser Rebellionen wollen auch immer mehr Menschen nicht mehr hinnehmen, dass der älteste Konflikt der Welt, nämlich der israelisch-palästinensische, noch weiter andauert und morgen auch noch unsere Kinder und Enkel betrübt. Wir sind sogar voller Ungeduld und wollen es nicht hinnehmen, dass diese beiden so sehr in der Menschheitsgeschichte verankerten großen Völker auch nur einen Tag länger als Geiseln ihrer kleinen Diktatoren dahinleben, ihrer bornierten Extremisten, ihrer nicht zu entwöhnenden Nostalgiker, ihrer Erpresser und kleinen Provokateure.
Wir möchten, dass die beiden Völker frei und glücklich und brüderlich leben. Wir sind davon überzeugt, dass der in Tunis angebrochene Frühling auch in Tel-Aviv, in Gaza, in Ramallah eintreffen wird, er wird nach China kommen und selbst noch weiter. Es ist ein Wind, der in alle Richtungen weht. Bald wird er Palästinenser und Israelis im Zeichen der gleichen Wut vereinen, dann kommt über den Nahen Osten die Wende, und mit herrlichem Getöse werden sämtliche Mauern fallen. (...)
Der Antrag auf Anerkennung eines unabhängigen und souveränen palästinensischen Staates in den Grenzen von 1967, den Präsident Mahmud Abbas der UNO vorlegt hat, war ein Schlag ins Wasser, das wussten wir bereits im Voraus, doch bin ich der Meinung, dass dieser kleine Schlag, selbst wenn er daneben ging, sich noch als großer Schlag erweisen wird, so entscheidend wie die Selbstverbrennung des jungen Tunesiers Bouazizi, die die arabische Welt entflammte.
Zum ersten Mal seit sechzig Jahren haben die Palästinenser nur aus eigenem Willen heraus gehandelt. Sie sind nach New York gekommen, weil sie selbst es wollten, und sie haben niemanden gebeten, diesen Schritt zu genehmigen oder für ihn geradezustehen, weder die arabischen Diktatoren, die wir einen nach dem anderen absägen, noch die Arabische Liga, die nun nicht mehr die Kriegstrommel rührt, noch auch irgendeinen geheimnisvollen Mufti aus einem islamistischen Hinterzimmer.»
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16.10. Boualem Sansal: Mutiger Autor, der nicht schweigen will
Boualem Sansal nimmt kein Blatt vor den Mund: Der algerische Autor hat Nazis und islamistische Hassprediger miteinander verglichen. Die zarten Knospen der Demokratie sieht er ohne Hilfe aus dem Westen schon wieder verwelken.
Frankfurt/Main (dpa) - Das Regime hat ihn zuerst mit Privilegien zu ködern versucht. Als das bei Boualem Sansal nicht half, wurde der Autor in Algerien geächtet. Und seine Frau verlor ihren Job als Lehrerin. Doch der Schriftsteller, der in seinen Romanen mit ätzendem Spott die Zustände in seiner Heimat beschreibt, bleibt unerschrocken.
Vor der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels am Sonntag in der Frankfurter Paulskirche fordert er vom Westen Hilfe für die Demokratiebewegung in Nordafrika.
«Ich bin ziemlich pessimistisch», sagt der 61-jährige Intellektuelle mit dem vollen grauen Haar, das er zu einem Zopf gebunden hat. Die Demokratiebewegung sieht er zwischen den Militärs und den Islamisten - den politischen Pfeilern der Maghreb-Länder - zerrieben. Keine Waffen und kein Geld mehr - nur damit könnten die «Diktaturen» entscheidend geschwächt werden.
Sansal, in einem Bergdorf geboren und in einem Arbeiterviertel von Algier aufgewachsen, war als promovierter Ökonom in leitender Stellung in der algerischen Regierung tätig. Nach dem blutigen Bürgerkrieg und dem wachsenden islamistischen Terror veröffentlicht er 1996 seinen ersten Roman «Der Schwur der Barbaren». Sansal wählt bewusst kein Pseudonym - danach wird er von seinem Posten im Industrieministerium beurlaubt.
Wegen kritischer Äußerungen über den algerischen Präsidenten Bouteflika wird er endgültig entlassen. 2006 hat Sansal einen offenen Brief an seine Landsleute veröffentlicht, in dem er über Algerien hinaus eine wahrhaftige Demokratie forderte. In der Folge wurden sämtliche Bücher Sansals in Algerien auf den Index gesetzt.
In Deutschland, dessen Literatur er gut kennt, hat er mit seinem
2008 veröffentlichten Buch «Das Dorf des Deutschen» Aufsehen erregt.
In dem Roman entdecken die zwei Söhne einer deutsch-algerischen Familie, die wohl nicht zufällig Schiller heißt, die Nazi-Vergangenheit ihres Vaters. Dieser wird zugleich von der Bevölkerung als Held im algerischen Unabhängigkeitskampf gefeiert.
Und Sansal provoziert: Er zieht im Buch eine Parallele zwischen den Hassparolen der Nazis und denen der islamistischen Prediger in den Pariser Vorstädten, wo einer der Söhne landet. Der Massenmord an den Juden ist aus Sansals Sicht in seiner Heimat nie zum Thema geworden.
«Mit seinem hartnäckigen Plädoyer für das freie Wort und den öffentlichen Dialog in einer demokratischen Gesellschaft tritt er gegen jede Form von doktrinärer Verblendung, Terror und politischer Willkür auf», hat der Stiftungsrat den Friedenspreis für den mutigen Autor begründet. Sansal gehört zu den wenigen Intellektuellen, die nicht ins (französische) Exil gegangen sind. Vor kurzem ist in Paris sein neuester Roman «Rue Darwin» herausgekommen. Am Beispiel der Straße in Algier, in der er aufgewachsen ist, erzählt er die traurige Geschichte seines Landes von der Befreiung vom Kolonialismus.
Bücher spielen in Algerien keine große Rolle, wie Sansal feststellt. «Doch die Ideen zirkulieren.» Er vergleicht die Situation mit der Dissidenten-Literatur im ehemals kommunistischen Ostblock.
Ob er Angst um sein Leben hat? Ja, es gab schon Morddrohungen, sagt er. Doch er hält es mit einem Spruch des marokkanischen Schriftstellers Tahar Ben Jelloun: «Wenn Du sprichst, stirbst Du.
Wenn Du nicht sprichst, stirbst Du auch.» Dann doch besser gleich sprechen.
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09.06. Algerischer Autor Sansal erhält Friedenspreis
Im Kampf um demokratische Freiheiten in Nordafrika setzt die deutsche Buchbranche ein Signal. Der Friedenspreis geht an einen hierzulande wenig bekannten algerischen Autor. In seiner Heimat stehen seine Romane auf dem Index.
Frankfurt/Main/Berlin (dpa) - Der algerische Schriftsteller Boualem Sansal erhält den Friedenspreis 2011 des Deutschen Buchhandels. Damit solle ein Zeichen für die Demokratiebewegung in Nordafrika gesetzt werden, teilte der Börsenverein des Deutschen Buchhandels am Donnerstag zum Auftakt der Buchtage in Berlin mit. Der renommierte Kulturpreis, der mit 25 000 Euro dotiert ist, wird seit 1950 vergeben. Die Auszeichnung wird zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse am 16. Oktober überreicht.
Mit Sansal werde ein Autor geehrt, «der als leidenschaftlicher Erzähler, geistreich und mitfühlend, die Begegnung der Kulturen in Respekt und wechselseitigem Verstehen befördert», heißt es in der Begründung des Stiftungsrats. Der 61-Jährige, dessen Bücher in Algerien auf den Index gesetzt wurden, gehöre zu den wenigen im Land verbliebenen Intellektuellen, die offen Kritik an den politischen und sozialen Verhältnissen übten. «Mit seinem hartnäckigen Plädoyer für das freie Wort und den öffentlichen Dialog in einer demokratischen Gesellschaft tritt er gegen jede Form von doktrinärer Verblendung, Terror und politischer Willkür auf.» Bereits im Jahr 2000 war der Friedenspreis nach Algerien gegangen: Damals wurde die Schriftstellerin und Historikerin Assia Djebar ausgezeichnet.
Der in einem Bergdorf geborene Sansal war als promovierter Ökonom in leitender Stellung in der algerischen Regierung tätig. Unter dem Eindruck des Bürgerkriegs veröffentlichte er erst 1999 in Frankreich seinen ersten Roman «Der Schwur der Barbaren», für den er bewusst kein Pseudonym wählen wollte. Danach wurde Sansal, der Generaldirektor im Ministerium für Industrie und Umstrukturierung war, beurlaubt. Wegen kritischer Äußerungen über den algerischen Präsidenten Bouteflika wurde er in der Folge endgültig entlassen.
2006 veröffentlichte Sansal einen offenen Brief an seine Landsleute, in dem er über Algerien hinaus eine wahrhaftige Demokratie forderte. Danach wurden sämtliche Bücher Sansals in Algerien auf den Index gesetzt. Sein jüngster Roman «Das Dorf des Deutschen» (2008; deutsch 2009) wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Sansal lebt trotz wachsenden politischen Drucks weiter in seinem Heimatland. Er ist in zweiter Ehe verheiratet. Aus einer ersten Verbindung mit einer Tschechin sind zwei Töchter hervorgegangen.
Mit dem Friedenspreis werden seit 1950 Schriftsteller, Philosophen, Wissenschaftler und Politiker aus dem In- und Ausland geehrt. Der Preis geht dem Statut zufolge an Persönlichkeiten, «die im hervorragendem Maße vornehmlich durch ihre Tätigkeit auf den Gebieten der Literatur, Wissenschaft und Kunst zur Verwirklichung des Friedensgedankens beigetragen» haben.
Im vergangenen Jahr ging die Auszeichnung an den israelischen Schriftsteller David Grossman. Unter den bisherigen Preisträgern sind Autoren wie Hermann Hesse, Astrid Lindgren, Max Frisch, Siegfried Lenz, Martin Walser, Mario Vargas Llosa oder Orhan Pamuk.
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09.06 Friedenspreis: Die Begründung des Stiftungsrats
Frankfurt/Main (dpa) - Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hat am Donnerstag seinen renommierten Friedenspreis dem algerischen Schriftsteller Boualem Sansal zuerkannt. Aus der Begründung des
Stiftungsrats:
«Den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verleiht der Börsenverein im Jahr 2011 Boualem Sansal und ehrt damit den algerischen Schriftsteller, der als leidenschaftlicher Erzähler, geistreich und mitfühlend, die Begegnung der Kulturen in Respekt und wechselseitigem Verstehen befördert. Boualem Sansal gehört zu den wenigen in Algerien verbliebenen Intellektuellen, die offen Kritik an den politischen und sozialen Verhältnissen üben. Mit seinem hartnäckigen Plädoyer für das freie Wort und den öffentlichen Dialog in einer demokratischen Gesellschaft tritt er gegen jede Form von doktrinärer Verblendung, Terror und politischer Willkür auf. Dabei richtet sich sein Blick nicht nur auf die Heimat, sondern auf die ganze heutige Welt.»
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09.06. Bücher von Boualem Sansal auf Deutsch
Frankfurt/Main (dpa) - Die Bücher von Boualem Sansal sind in Deutschland seit 2002 in dem kleinen Verlag Merlin (Gifkendorf bei
Lüneburg) erschienen. Eine chronologische Auswahl:
- «Das verrückte Kind aus dem hohlen Baum», Roman.
Merlin Verlag, Gifkendorf 2002, gebunden, 320 Seiten,
ISBN13: 978-3-87536-224-4, 23,00 Euro
- «Der Schwur der Barbaren», Roman.
Merlin Verlag, Gifkendorf 2003, gebunden, 420 Seiten,
ISBN13:
978-3-87536-229-9, 23,00 Euro; Merlin Verlag, Gifkendorf 2010, kartoniert, 468 Seiten, ISBN13: 978-3-87536-280-0, 18,60 Euro
- «Erzähl mir vom Paradies», Roman.
Merlin Verlag, Gifkendorf 2004, gebunden, 332 Seiten,
ISBN13:
978-3-87536-245-9, 22,90 Euro
- «Harraga» Roman.
Merlin Verlag, Gifkendorf 2007, gebunden, 280 Seiten,
ISBN13:
978-3-87536-254-1, 22,90 Euro
- «Das Dorf des Deutschen. Das Tagebuch der Brüder Schiller», Roman.
Merlin Verlag, Gifkendorf 2009, gebunden, 360 Seiten,
ISBN13:
978-3-87536-270-1, 22,90 €; Merlin Verlag, Gifkendorf 2010, kartoniert, 280 Seiten, ISBN13: 978-3-87536-281-7, 15,80 Euro
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09.06. Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandelsnnpreis
Frankfurt/Main (dpa) - Der seit 1950 vergebene Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ist eine der bedeutendsten Auszeichnungen des Landes. Geehrt wird damit eine Persönlichkeit aus dem In- oder Ausland, die vor allem auf den Gebieten Literatur, Wissenschaft und Kunst zur Verwirklichung des Friedensgedankens beigetragen hat.
Verliehen wird die mit 25 000 Euro dotierte Auszeichnung vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels, dem Dachverband der deutschen Buchbranche. Überreicht wird der Preis zum Ende der Frankfurter Buchmesse in der Paulskirche, wo 1848 die für die demokratische Entwicklung Deutschlands bedeutende Nationalversammlung tagte.
Die Preisträger werden von einem Stiftungsrat mit einfacher Mehrheit gewählt. Der Rat setzt sich aus Mitgliedern des Börsenvereins sowie Persönlichkeiten aus Kultur und Wissenschaft zusammen. Zu den bisherigen Preisträgern gehören Albert Schweitzer (1951), Hermann Hesse (1955), Astrid Lindgren (1978), Siegfried Lenz (1988), Vaclav Havel (1989), Mario Vargas Llosa (1996) oder Orhan Pamuk (2005). Im vergangenen Jahr ging der Preis an den israelischen Autor David Grossman.
Um Preisverleihungen hat es wiederholt Auseinandersetzungen gegeben. So war 1995 das Votum für die Orientalistin Annemarie Schimmel umstritten, der Kritiker mangelnde Distanz zu fundamentalistischen Positionen des Islams vorwarfen. Eine Kontroverse löste als Laudator Günter Grass aus, als er 1997 in seiner Rede auf den türkischen Preisträger Yasar Kemal die deutsche Kurdenpolitik kritisierte. 1998 entbrannte nach der Rede des Preisträgers Martin Walser eine monatelange Diskussion über den Umgang mit der NS-Vergangenheit in Deutschland.
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10.06. Sansal: «Preis kommt genau zum richtigen Zeitpunkt»
Frankfurt/Main (dpa) - Für den algerischen Autor Boualem Sansal kommt der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels «genau zum richtigen Zeitpunkt». «Die Menschen in den arabischen Ländern kämpfen gerade für die Freiheit - und der Frieden ist für sie die Freiheit», sagte Sansal in einem am Donnerstag veröffentlichten Interview von «boersenblatt.net», der Online-Ausgabe des Fachorgans des Deutschen Buchhandels. «Für mich und für uns ist das (die Auszeichnung) toll».
Sansal beklagte die fehlende Solidarität des Westens mit der Demokratiebewegung in seinem Land: «Im Augenblick unterstützt uns hier in Algerien niemand. Die westlichen, demokratischen und freien Länder haben vor allem die Diktaturen unterstützt. Sie glauben nicht an diese Völker. Sie behaupten, die Völker des Südens, die Araber, die Schwarzafrikaner, seien nicht reif für die Freiheit», kritisierte der algerische Intellektuelle.
Es seien jedoch diese Länder gewesen, die sich im Kampf gegen die Länder des Nordens von der Kolonisierung befreit hätten. «Es gibt eine historische Schuld der westlichen Länder, und es ist deshalb kein Wunder, dass sie Realpolitik betreiben und mit den Diktaturen zusammenarbeiten.»
Was jetzt in Ägypten und anderen Ländern der arabischen Welt geschehe, habe in Algerien bereits 1988 begonnen. Nach den Demonstrationen damals seien jedoch alle Freiheiten von der Staatsgewalt wieder zurückgenommen worden. «Für Ägypten heißt das:
Wenn die Bürger nicht wachsam sind, kehren die Kräfte des alten Regimes wieder zurück.» Die Unterstützung der EU und der UNO sei daher auch wichtig.
Sansal warnte zugleich vor dem arabischen Nationalismus, der den regierenden Diktatoren nur als neue Form der Legitimation diene. «Die Nationalisten sagen, der Westen hat uns abgehängt, daher müssen wir uns vereinigen. Aber auch das geht nicht auf, weil es niemanden gibt, der der Kopf dieser Bewegung sein könnte. Also richtet man seinen Blick lieber auf die Feinde der Nation - die Christen oder Israel beispielsweise.»
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10.06. Riesige Freude bei Sansals deutschem Verlag
Frankfurt/Main (dpa) - Riesenfreude bei Boualem Sansals kleinem deutschen Verlag über die Vergabe des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an den algerischen Autor. «Unsere kontinuierliche Arbeit erfährt jetzt ihre Krönung», sagte Katharina Eleonore Meyer vom Merlin Verlag der Nachrichtenagentur dpa am Donnerstag. Die Verlegerin aus Gifkendorf bei Lüneburg hatte Sansal 1999 entdeckt, als dessen Debütroman «Der Schwur der Barbaren» in Frankreich für Aufsehen sorgte. «Ich war damals überrascht, dass sich kein großer Verlag drangehängt hat», sagte Meyer, die sich unter anderem auf französische Literatur spezialisiert hat.
Die größte Resonanz in Deutschland habe Sansal, der erst spät unter dem Eindruck des Bürgerkriegs in Algerien mit dem Schreiben begann, mit dem «Dorf des Deutschen» (2009) gefunden. Es sei der erste Roman aus der arabischen Welt, der sich mit dem Holocaust beschäftige und zugleich Parallelen zwischen Islamismus und Nationalsozialismus ziehe, sagte Meyer. Auch «Harraga» (2007), in dem sich Sansal mit der Rolle der Frauen und der jungen Leute in Algerien beschäftigt, sei ein sehr wichtiges Buch.
Die Auflagen von Sansals Büchern bewegen sich laut Merlin Verlag zwischen 2000 und 4000 Exemplaren. Durch den Friedenspreis erhofft sich die Verlegerin einen Schub für den Autor, der in den vergangenen Jahren seine Bücher regelmäßig auch auf Lesereisen in Deutschland vorstellte.
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10.06. In Algerien lässt der arabische Frühling auf sich warten
Paris (dpa) - Beinahe hätte der arabische Frühling auch Algerien erreicht. Demonstranten waren auf die Straße gegangen, um gegen steigende Preise und Perspektivlosigkeit zu protestieren. Mehrere Algerier hatten sich aus Verzweiflung selbst angezündet - vielleicht in der Hoffnung, ähnlich wie im benachbarten Tunesien zum Sturz des verhassten Regimes beizutragen.
Doch der seit mehr als zwei Jahrzehnten amtierende Präsident Abdelaziz Bouteflika hat Massenproteste wie in anderen arabischen Staaten gerade noch verhindern können. Gegen die Demonstranten setzte er massiv Sicherheitskräfte ein, die restliche Bevölkerung beruhigte er vorerst mit begrenzten Reformen.
So ließ er im Februar den seit 1992 geltenden Ausnahmezustand aufheben, der dem Staat weitgehende Eingriffe in politische Rechte erlaubt hatte. Er versprach mehr Demokratie und Meinungsfreiheit.
Bouteflikas dritte Amtszeit endet 2014. Der 74-Jährige gilt als gesundheitlich angeschlagen. Er tritt nur noch selten in der Öffentlichkeit auf.
In Algerien kommt es immer wieder zu Anschlägen islamistischer Gruppen auf Armee und Polizei. Im April wurden 17 Soldaten in der Unruheprovinz Tizi Ouzou getötet. Die Terrororganisation Al-Kaida im islamischen Maghreb, die mittlerweile in der ganzen Region aktiv ist, ging ursprünglich aus der algerischen Terrorvereinigung GSPC hervor.
Algerien verfügt über große Öl- und Gasvorkommen. Es herrscht jedoch großer Unmut bei der Bevölkerung, die sich vom Reichtum des Landes ausgeschlossen fühlt.
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