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Joachim Ringelnatz zum 75. Todestag

Berichte, Stimmen und Hintergrundinformationen
 

 
Unsere Beiträge:

Ringelnatz - Meister der Satire und des Sarkasmus'
Ringelnatz - mit Humor im Wunderland des Lebens
Forscher: Ringelnatz war Megastar und Dandy
 

 

17.11. Ringelnatz - Meister der Satire und des Sarkasmus'

Hamburg (dpa) - Bekannt ist Joachim Ringelnatz vor allem für seine satirisch-heiteren und meist grotesken Reime. Dabei sind seine Texte mitunter erschütternd ernst, und hinter dem Ironisch-Satirischen verbergen sich Schwermut und Sarkasmus. Vor 75 Jahren starb der Schöpfer vom «Seemann Kuttel Daddeldu», den Ameisen, die nach Australien reisen und den Turngedichten an einer zu spät behandelten Lungentuberkulose. Er wurde nur 51 Jahre alt. Der fleißige Autor brachte es bis dahin allerdings auf zahlreiche Gedichtbände, Romane, Bühnenstücke, Erzählungen und Märchen und arbeitete als Matrose, Maler und Kabarettist. Erich Kästner (1899-1974) würdigte Ringelnatz einst als Allround-Künstler, bei dem das Banalste zum Wunder werde.

Als Sohn des sächsischen Dichters Georg Bötticher am 7. August 1883 in Wurzen bei Leipzig geboren, erhielt er den Namen Hans. Schon früh entwickelte Ringelnatz seine Eigenwilligkeit und die Liebe fürs Skurrile. Vom sechsten Lebensjahr an soll er Zeilen zu Papier gebracht haben. Das Gymnasium besuchte er nur bis zur Mittelstufe, um dann - angeblich ohne das Wissen seiner Eltern - als Schiffsjunge anzuheuern. Wieder an Land, tauchte er in die Münchner Bohème ein - und debütierte 26-jährig als Rezitator im Schwabinger Künstlerlokal «Simplizissiumus». 1912 erschienen erste Sammlungen von grotesk-komischen und drastisch-humorigen Gedichten, darunter «Es war einmal ein Kannibale, der war aus Halle an der Saale. Man sah ihn oft am Bodensee - Für zwanzig Pfennige Entree».

Als reisender Artist trug er jahrelang überall seine Verse vor. Die Paraderolle des kleinen, etwas kurzsichtigen Mannes mit dem kantigen Gesicht war die des Matrosen Kuttel Daddeldu, dem er im wahren Leben mit seinem dandyhaften Auftreten so gar nicht ähnelte. Nach seinen Vagabundenjahren zog Ringelnatz mit seiner Frau Leonarda, die er «Muschelkalk» nannte, nach Berlin. Dort fand er Anerkennung als Mitglied der Kleinkunstbühne «Schall und Rauch» und als Maler. Er schuf Ölgemälde, Aquarelle und Zeichnungen, die seit dem Zweiten Weltkrieg fast alle verschollen sind.

1933 erhielt der Humorist Auftrittsverbot, seine Bücher wurden beschlagnahmt, seine Malerei als entartet verleumdet. Künstlerfreunde und Fans riefen zu Spenden für den völlig verarmten Künstler und seine Frau auf. «Die Nachtigall ward eingefangen, Sang nimmer zwischen Käfigstangen (...)», heißt es in einem seiner letzten Gedichte.

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17.11. Ringelnatz - mit Humor im Wunderland des Lebens

Hamburg (dpa) - Skurrile Verse und groteske Balladen über den Seemann «Kuttel Daddeldu» machten Joachim Ringelnatz (1883-1934) unvergessen. Aus Auftritten als Bänkelsänger im Matrosenanzug oder Briefen an seine «Muschelkalk» genannte Frau Leonharda (1898-1977) stammen Lebensweisheiten des Dichters:   

«Ich bin etwas schief ins Leben gebaut.»

«Sicher ist, dass nichts sicher ist. Selbst das nicht.»

«Die Leute sagen immer: Die Zeiten werden schlimmer. Die Zeiten bleiben immer. Die Leute werden schlimmer.

«Humor ist der Knopf, der verhindert, dass uns der Kragen platzt.»

«Überall ist Wunderland. Überall ist Leben. Bei meiner Tante im Strumpfenband wie irgendwo daneben.»

«Jeder spinnt auf seine Weise - der eine laut, der andere leise.»

«In Hamburg lebten zwei Ameisen, die wollten nach Australien reisen. Bei Altona auf der Chaussee, da taten ihnen die Beine weh, und da verzichteten sie weise dann auf den letzten Teil der Reise.»

«Wenn Amtsgeheimnisse gelüftet werden, gibt es Stunk.»

«Das Feigenblatt ist das Blatt der Feigen.»

«Die Löcher sind das Wichtigste am Sieb.

«Versuchungen bekämpft man am besten mit Geldmangel und Rheumatismus.»

«War einmal ein Bumerang, war ein weniges zu lang, Bumerang flog ein Stück, Bumerang kam nicht zurück. Publikum noch stundenlang wartete auf Bumerang.»

«Es lohnt sich doch, ein wenig lieb zu sein und alles auf das Einfachste zu schrauben.»

«Ich hab dich so lieb! Ich würde dir ohne Bedenken eine Kachel aus meinem Ofen schenken!»

«Schenke mit Geist, ohne List. Sei eingedenk, dass dein Geschenk du selber bist.»

«Die besten Vergrößerungsgläser für die Freuden der Welt sind die, aus denen man trinkt.»

«Bernhardiner ist das letzte, was ich sein möchte. Dauernd die Flasche am Hals, und niemals trinken dürfen!»

«Die Nachtigall ward eingefangen, sang nimmer zwischen Käfigstangen.»

«Ein Mann kommt in die Jahre, wenn seine Schulden immer älter und seine Freundinnen immer jünger werden.»

«Dass bald das neue Jahr beginnt, spür ich nicht im Geringsten.
Ich merke nur: die Zeit verrinnt genau so wie zu Pfingsten.»

«Auch die besessensten Vegetarier beißen nicht gern ins Gras.»

«Wenn ich tot bin, darfst du nicht trauern. Meine Liebe wird mich überdauern und in fremden Kleidern dir begegnen und dich segnen.»

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17.11. Forscher: Ringelnatz war Megastar und Dandy

Leipzig/Göttingen (dpa) - Seine Kunstfigur «Kuttel Daddeldu» ist legendär: Mit diesem einprägsamen Namen spielte Joachim Ringelnatz (1883-1934) seine humoristische Paraderolle eines Leichtmatrosen. Der kleine, etwas kurzsichtige Sachse war ein gefeierter Kabarettist, aber auch ein fleißiger Dichter, Schriftsteller und Maler. Privat sei er genau das Gegenteil des Matrosen Kuttel Daddeldu gewesen, sagte der Göttinger Philologie-Professor Frank Möbus in einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Der Literaturwissenschaftler forscht seit zehn Jahren über Ringelnatz.

Herr Prof. Möbus, was ist aus (literatur-)historischer Sicht das Besondere an Ringelnatz?

Möbus: «Er spiegelt eindrücklich die Geschichte des 20. Jahrhunderts wider: Er war als Kaisertreuer in den Ersten Weltkrieg gezogen, hat sich dann aber schnell vom Kriegsgeschehen abgewendet und mit den revolutionären Arbeiter- und Soldatenräten sympathisiert. Er war in der Weimarer Republik ein bekennender Demokrat und erlebte Glanz und Elend der 20er Jahre. Er war auch als ernsthafter Autor und Maler in den 20er und 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts berühmt, geriet aber dann wegen der Nationalsozialisten fast in Vergessenheit. Er ist ein Spiegel von Licht und Schatten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Das lässt sich an seinem Werk sehr gut zeigen.»

Ringelnatz hat verschiedene künstlerische Facetten. Gibt es darunter welche, die zu seinen Lebzeiten und auch danach zu wenig beachtet wurden?

Möbus: «Sein ernsthaftes Werk stand immer im Schatten des Bühnenzauberers, der er auch war. Er hat oft drei Eineinhalb-Stunden- Programme an einem Abend absolviert. Dafür liebte ihn das breite Publikum. Es ist heute auch nicht einfach, vom Humorigen wegzukommen zum Ernsthaften. Ich war gerade auf Lesereise mit ernsthaften Ringelnatz-Texten. Da war das Publikum erstaunt: "Was, so etwas gibt es von ihm auch?"»

Wie war der gefeierte Künstler privat?

Möbus: «Der private Ringelnatz hatte mit dem Bühnen-Ringelnatz nichts zu tun. Er trug weiße Anzüge und Gamaschen, hatte einen Gehstock. Er war ungewöhnlich sorgfältig herausgeputzt, dandyhaft und eitel. Er liebte teure Weine und Champagner. Er hat das Geld in vollen Zügen ausgegeben, verkehrte mit berühmten Leuten wie Max Schmeling und Asta Nielsen. Mit dem abgerissenen Seemann von der Bühne hatte er nichts gemein.»

War Ringelnatz in seiner Zeit ein Star?

Möbus: «Man darf ihn getrost einen Star nennen. In den frühen 20er und 30er Jahren war er ein Megastar. Wenn er in eine Stadt kam, war es ein ziemlich großes Ereignis. - Ihm blieb nichts anderes übrig, als viel zu arbeiten. Es wurde nicht gut bezahlt. Er war aber auch bühnensüchtig, liebte sein Publikum. Er liebte es, angehimmelt zu werden und große Rezensionen zu bekommen.»

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