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«Simplicissimus» wird zeitgemäß

Berichte, Stimmen und Hintergrundinformationen zur Modernisierung des Barockromans
 

 
Unsere Beiträge:

Grimmelshausens Barockroman «Simplicissimus» wird zeitgemäß
Reinhard Kaiser: «Kein Satz ist geblieben wie er war»
Simplicissimus Teutsch und heutiges Deutsch
Der rätselhafte Simplicissimus-Autor Grimmelshausen
Gelnhausen: Historische Kleinstadt im Zentrum Europas
 

 

11.08. Grimmelshausens Barockroman «Simplicissimus» wird zeitgemäß

Frankfurt/Main (dpa) - An Lobeshymnen hat es nie gefehlt: Als «Literatur- und Lebens-Denkmal der seltensten Art» feierte Thomas Mann den «Simplicissimus». Wüst und komisch sowie von überbordender Fantasie - Hans Jakob von Grimmelshausens Schelmenroman aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges gilt unbestritten als das bedeutendste Werk der deutschen Literatur des 17. Jahrhunderts. Doch gelesen haben das 1668/69 erschienene Buch nur wenige. Dafür sind Sprache und Grammatik zu altertümlich. Jetzt hat der Frankfurter Übersetzer Reinhard Kaiser den Versuch unternommen, den «abenteuerlichen Simplicissimus Teutsch» in zeitgemäßes Deutsch zu bringen. In diesen Tagen kommt das Buch in den Handel.

Der «Simplicissimus» hat das Werk von Günter Grass («Die Blechtrommel», «Beim Häuten der Zwiebel»), wie dieser selbst sagte, stark beeinflusst. Bertolt Brechts «Mutter Courage» basiert auf Grimmelshausen. Der heutige Leser kann den Roman aber nur noch richtig verstehen, wenn er sich durchbeißt. «Er muss selbst zum Übersetzer werden», sagt Kaiser.

Diese Aufgabe hat nun der 59-Jährige, der viel aus dem Englischen und Französischen übersetzt hat, stellvertretend übernommen. Daraus ist ein flüssig zu lesender Text geworden, der Grimmelshausen ins 21. Jahrhundert bringt, ohne zu falschen modernen Floskeln zu greifen. Kaiser spricht vom «großartigsten Roman, den es noch zu entdecken gibt». Und wer mit dem Übersetzer und Autor spricht, der spürt, dass er es mit seiner Begeisterung ernst meint.

Grimmelshausens Held «Simplicius Simplicissimus», der «Einfältige», erzählt im Buch seine Geschichte selbst. Als 10-Jähriger muss er vor den Soldaten fliehen, die den väterlichen Bauernhof im Spessart überfallen. Er landet bei einem alten Eremiten, bevor seine abenteuerliche Erkundung der Welt als Narr oder auch als Soldat oder Räuber beginnt. Am Ende schickt Grimmelshausen seinen Ich-Erzähler vom Schwarzwald aus rund um den Globus. Er strandet auf einer einsamen Insel und wird am Ende selbst zum Einsiedler.

Der «Simplicissimus» ist ein Kriegs- und Reiseroman - und als Schelmenroman beeinflusst von literarischen Vorbildern aus Spanien und Frankreich. Es ist ein «Buch von unten», das mit der höfischen Barockliteratur nichts gemein hat. «Es kommt auf eine Weise rüber, wie man es von einem 350 Jahre alten Buch nie erwarten würde», sagt Kaiser. Dennoch ist das Projekt auch ein Risiko. Auch Kaiser rechnet damit, dass sich die «Gralshüter» mit der Frage zu Wort melden werden, ob denn ein Klassiker wie Grimmelshausen aus dem Neuhochdeutschen tatsächlich übersetzt werden darf. «Aber das macht mir wenig Kummer, weil die Übersetzung das Original nicht verschwinden lassen will.»

Kaiser hat an der Übertragung des Textes über ein Jahr lang gearbeitet. Dabei ging es um das Ersetzen von Wörtern, die heute eine ganz andere Bedeutung haben wie zum Beispiel «schlecht», das dem heutigen «schlicht» entspricht. Andere Bezeichnungen sind historische Verbrämungen. Zum Beispiel wurden die plündernden Soldaten im Dreißigjährigen Krieg «Parteigänger» genannt. Schließlich war das Plündern damals der Sold, der den Soldaten zustand.

Der neue «Simplicissimus» erscheint in zwei aufwendig gestalteten Bänden in der «Anderen Bibliothek» des Eichborn Verlags, die Hans Magnus Enzensberger einst begründete. Offiziell vorgestellt wird die Neuübersetzung am kommenden Montag (17. August) - dem 333. Todestag von Grimmelshausen - in seinem zwischen Frankfurt und Fulda gelegenen Geburtsort Gelnhausen. Die Kreissparkasse Gelnhausen und die Sparkassenstiftung Hessen-Thüringen haben Kaisers Projekt großzügig unterstützt.

Vieles am Autor Grimmelshausen, der aus einer Adelsfamilie stammte, ist bis heute noch rätselhaft. Nicht einmal das genaue Geburtsjahr - 1621 oder 1622 - steht fest. Grimmelshausen ging im damals protestantischen Gelnhausen in die Lateinschule, verlor ähnlich wie der Simplicissimus früh seine Eltern und geriet schon als Heranwachsender in die Kriegswirren. Später brachte er es sogar zum Schultheiß im südbadischen Renchen. Dort starb er am 17. August 1676.

Grimmelshausen war literarischer Außenseiter. Seine Schreibkarriere begann spät und ist umso merkwürdiger, weil er sowohl der Adelswelt wie dem akademischen Bürgertum fernblieb. Die fünf Bände des «Simplicissimus» und einen Fortsetzungsband (Continuatio) veröffentlichte er unter Pseudonymen, was damals nicht unüblich war. Erst 1837 wurde die Anagramme (Buchstabenspiele), die Grimmelshausen für seine Pseudonyme benutzte, entziffert.

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11.08 Reinhard Kaiser: «Kein Satz ist geblieben wie er war»

Frankfurt/Main (dpa) - Reinhard Kaiser hat viele Bücher aus dem Englischen und Französischen ins Deutsche übersetzt. Jetzt hat er den «Simplicissimus» aus dem Neuhochdeutschen ins heutige Deutsch übertragen. Wie er dabei vorging, erläutert er im dpa-Interview:

Was haben Sie alles am Original verändert?

Da ist kein Satz geblieben wie er war - auch wenn nicht jedes Wort verändert werden musste. Manche Wörter gibt es aber heute nicht mehr, die mussten durch andere Vokabeln ersetzt werden. Andere Worte kennen wir sehr gut, aber ihre Bedeutung hat sich verschoben. «Freundschaft» bedeutete zum Beispiel bei Grimmelshausen nicht das abstrakte Freundschaftsverhältnis unter Menschen, wie wir es heute verstehen, sondern der «Kreis der Freunde». Daneben gibt es Umständlichkeiten und Merkwürdigkeiten grammatikalischer Art. Zum Beispiel hieß es damals «der Luft» - Luft war noch Maskulinum.

Was ging durch die Übersetzung verloren?

Eine Übersetzung geht nie ohne Unkosten ab. Die wunderschöne barocke Sprache wurde durch ein gegenwärtiges Deutsch ersetzt. Aber darunter ist eine unglaubliche Vielfalt an Geschichten, Erzählperspektiven und Erzähltechniken zum Vorschein gekommen. Grimmelshausen liebt ja das Motiv der verkehrten Welt. Manchmal haben die Tiere mehr Recht als die Menschen und der Narr ist vernünftiger als die Menschen, die ihn für einen Narren halten. Selbst die größten Unholde können Dinge sagen, die einfach wahr sind. Es gibt keine Seite im Buch, die langweilig ist - selbst die langatmig anmutenden religiös-introvertierten Selbstbetrachtungen.

Haben Sie auch Kürzungen vorgenommen, wie es bei Grimmelshausen- Editionen früher oft üblich war?

Früher wurde nicht selten alles von 700 auf 200 Seiten kondensiert. Der Roman wurde für die Jugend zurechtgestutzt, anstößige Stellen wurden herausgenommen. Übersetzen ist einerseits eine brutale Operation, weil sie das sprachliche Material umwälzt. Aber auf der anderen Seite hält sie dem Werk auch die Treue. Ich bin an den Text herangegangen wie ich es bei einem englischen oder französischen Text tun würde. Man übersetzt wirklich Satz für Satz, ohne zu kürzen. Und man versucht, immer den Ton zu treffen. Wo unanständige Worte bei Grimmelshausen stehen, da stehen bei mir auch unanständige. Manchmal auch dieselben.

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11.08. Simplicissimus Teutsch und heutiges Deutsch

Frankfurt/Main (dpa) - Das «Simplicissimus Teutsch» des 17. Jahrhunderts unterscheidet sich sehr wesentlich vom heutigen Deutsch. Einige Beispiele:

Simplicissimus Teutsch:             Bedeutung im heutigen Deutsch:

das Gegenteil                           die gegnerische Armee, der Feind, der Gegner

das Widerspiel                          das Gegenteil

vergeben                                 vergiften

Interesse                                  Zinsen

das Gewehr                               die Waffen überhaupt, Bewaffnung,   
                                               Ausrüstung

die Freundschaft                        der Kreis der Freunde

Schelm                                     nicht: harmloser Spaßmacher,
                                               sondern: Spitzbube,
                                               davor auch: Knochen, Henker, Räuber

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11.08. Der rätselhafte Simplicissimus-Autor Grimmelshausen

Frankfurt/Main (dpa/lhe) - Allzuviel ist über die Kindheit des Simplicissimus-Autors nicht bekannt: Hans Jakob von Grimmelshausen wird 1621 oder 1622 in Gelnhausen im Tal der hessischen Kinzig geboren. Die Adelsfamilie, der er angehört, stammt ursprünglich aus Thüringen. Grimmelshausen verliert früh seine Eltern und geht in Gelnhausen auf die Lateinschule. Schon in jungen Jahren gerät er in die Wirren des Dreißigjährigen Kriegs (1618-1648). Er wird Soldatenhelfer, Pferdeknecht, kaiserlicher Dragoner und Musketier sowie später Regimentsschreiber.

Nach dem Krieg tritt Grimmelshausen vom protestantischen zum katholischen Glauben über und heiratet 1649. Er wird Burgverwalter im badischen Gaisbach bei Oberkirch am Oberrhein in der Nähe von Straßburg. Später wird er Schultheiß im benachbarten Renchen, wo er am 17. August 1676 stirbt.

Das literarische Schaffen des bedeutendsten deutschen Autors des 17. Jahrhunderts liegt ziemlich im Dunkeln. Alle Werke wurden in den letzten zehn Jahren seines Lebens veröffentlicht, darunter nur drei unter seinem richtigen Namen. Noch Jahrzehnte nach seinem Tod war unbekannt, dass Grimmelshausen Autor des «Simplicissimus» war. Die fünf Bände hatte er - wie damals nicht unüblich - unter wechselnden Pseudonymen wie zum Beispiel German Schleifheim von Sulsfort verfasst. Dafür benutzte er gerne Anagramme, die er aus den Buchstaben aus seinem um Hans und Jacob verkürzten Namen bildete. Erst 1837 wurden das Rätsel um den Autor Grimmelshausen gelöst.

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11.08. Gelnhausen: Historische Kleinstadt im Zentrum Europas

Gelnhausen (dpa/lhe) - Die 22 000 Einwohner zählende Kreisstadt Gelnhausen liegt im Main-Kinzig-Kreis zwischen Frankfurt und Fulda. Die Kommune ist vor allem wegen ihres gut erhaltenen Altstadtkerns mit zwei Marktplätzen bekannt. Im Stadtteil Meerholz liegt der geografische Mittelpunkt der Europäischen Union.

Kaiser Friedrich I. - Barbarossa - schloss im Jahr 1170 die Stadt aus drei nebeneinanderliegenden Siedlungen zusammen. Kaiserliche Privilegien und die verkehrsgünstige Lage ließen Gelnhausen zu einem Anziehungspunkt für Kaufleute und Handwerker werden, die der Stadt zu Reichtum verhalfen und sie zu einem zentralen Ort des mittelalterlichen Fernhandels machten. Brände, Hungersnöte und Seuchen entvölkerten Gelnhausen während des Dreißigjährigen Krieges.

Die Ende des 12. Jahrhunderts am Rand der Kinzig erbaute Kaiserpfalz gilt nach Angaben der Verwaltung als das am besten erhaltene staufisches Palastgebäude in Deutschland. Neben dem «Simplicissimus»-Autor Hans Jakob von Grimmelshausen ist auch der Erfinder des Telefons, Philipp Reis (1834-1874), ein bedeutender Sohn der Stadt.

(Internet: www.gelnhausen.de/inhalt/index_i010100.cfm)

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