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News-Sonderthema: 

«Betriebsratsverseucht» ist Unwort des Jahres 2009

Berichte und Stimmen
 

 
Unsere Beiträge:

«Betriebsratsverseucht» ist Unwort des Jahres 2009
«Worte» und «Unworte» des Jahres seit 1999
Arbeitnehmervertreter loben «Unwort des Jahres»
DGB-Chef: Unwort-Entscheidung «positives Zeichen»
IG Metall-Bezirkschef lobt «Unwort»-Wahl
 

 

20.01. «Betriebsratsverseucht» ist Unwort des Jahres 2009

Frankfurt/Main (dpa) - Das «Unwort des Jahres» 2009 heißt «betriebsratsverseucht». «Damit werden in völlig unangemessener Weise Arbeitnehmer-Interessen als Seuche dargestellt», begründete der Sprecher der sprachkritischen Jury, Horst Dieter Schlosser, am Dienstag in Frankfurt die Entscheidung. «Die Wahrnehmung von Arbeitnehmerinteressen "stört" zwar viele Unternehmen, sie als "Seuche" zu bezeichnen, ist indes ein zumindest sprachlicher Tiefpunkt im Umgang mit Lohnabhängigen.» Mit dem zum «Unwort» gewählten Begriff stünden Menschen, «plötzlich da, als wären sie Aussätzige».

Ein Mitarbeiter der Baumarktkette Bauhaus (Mannheim) hatte in der ARD-TV-Sendung «Monitor» (14. Mai 2009) berichtet, das Wort werde von Abteilungsleitern des Unternehmens verwendet, wenn Kollegen aus einer Filiale mit Betriebsrat in eine ohne wechseln wollten. «Dort könnte ihm vorgehalten werden, dass sein bisheriges Vertrauen in eine Arbeitnehmervertretung die Einstellung gefährde», so die Erläuterung. Der Mitarbeiter habe seine Aussage eidesstattlich versichert.

«Wir haben uns für ein Wort entschieden, dass im Gegensatz zu den "notleidenden Banken" (Unwort 2008) erst im Kommen ist. Wir wollten rechtzeitig sagen: Stopp!», erläuterte der Sprachwissenschaftler die Wahl.

Die sechsköpfige «Unwort»-Jury kritisierte zudem die von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verwendete Formulierung «Flüchtlingsbekämpfung» als «dramatischen sprachlichen Fehlgriff», weil dabei eine Menschengruppe mit einem negativen und deshalb zu bekämpfenden Sachverhalt gleichgesetzt werde. Mit der Formulierung habe die Kanzlerin bei einem «Bürgerforum» der Bertelsmann-Stiftung einen Teil des deutschen Beitrags zum Migrationsproblem, der Abwehr von Flüchtlingen an Europas Grenzen, benannt. «Es ist zu hoffen, dass damit nicht tatsächlich militärische Aktionen gemeint sind.»

Gerügt wurde als dritte Wortschöpfung «intelligente Wirksysteme», «weil sich hinter dieser scheinbar harmlosen Bezeichnung ausschließlich technologisch hoch entwickelte Munitionsarten verbergen». Diese würden von einem Tochterunternehmen zweier Rüstungskonzerne mit dem gleichfalls verschleiernden Firmennamen «Gesellschaft für Intelligente Wirksysteme mbH» produziert.

An der 19. Wahl zum «Unwort des Jahres» beteiligten sich 2018 Einsender. Sie machten 982 verschiedene Vorschläge. Am häufigsten wurde das «Wachstumsbeschleunigungsgesetz» (183) vorgeschlagen, gefolgt von «Schweinegrippe» (79), «Schattenhaushalt» (69) und der von der Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden zum Wort des Jahres 2009 gewählten «Abwrackprämie» (68). Die Jury entscheidet aber nicht nach der Häufigkeit eines Vorschlags, sondern wählt ein «besonders schiefes Verhältnis zu der bezeichneten Sache», Begriffe, die verschleiern, dramatisieren oder gar die Menschenwürde verletzen.

Das Börsen-Unwort 2009 «Bad Bank» wurde zugleich in Düsseldorf verkündet. Die Begründung laut Schlosser: «Es ist für das Publikum schwer nachvollziehbar, dass eine offenbar schlechte Bank eine weitere bad (schlechte) Bank gründet und dies eine gute Lösung für Probleme der Finanzkrise sein soll.»

Nach Auffassung des Frankfurter Bezirksleiters der IG Metall, Armin Schild, prangert das «Unwort des Jahres» zu Recht einen gesellschaftlichen Missstand an. Die Arbeit der betrieblichen Interessenvertretungen werde immer noch viel zu gering geschätzt. Sie seien dafür verantwortlich, dass in Deutschland mitten in der Wirtschaftskrise und trotz der starken Exportorientierung Massenentlassungen bislang verhindert werden konnten.

Der Direktor des Instituts für Deutsche Sprache (Mannheim), Prof. Ludwig Eichinger, sagte: «Ich habe "betriebsratsverseucht" als Wort so bisher gar nicht wahrgenommen.» Das Thema sei aber plausibel. Der Bundesvorsitzende des Verbands deutscher Schriftsteller (VS), Imre Török, nannte «die Wahl mal wieder sehr treffend». Mit dem Begriff würden Menschenrechte und -würde zutiefst verletzt. Die Wahrnehmung von Arbeitnehmerinteressen in Betriebsräten sei gesetzlich geregelt und eine wesentliche Einrichtung der Demokratie. Der VS gehört der der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di an.

(Internet: www.unwortdesjahres.org)

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20.01. «Worte» und «Unworte» des Jahres seit 1999

Frankfurt/Main (dpa/lhe) - «Worte» und «Unworte» des Jahres gelten als Ausdruck des Zeitgeistes in Deutschland. dpa dokumentiert die «Worte» und - mit kurzer Begründung der Jury - die «Unworte» seit 1999:

WORT DES JAHRES
1999: «Millennium»
2000: «Schwarzgeldaffäre»
2001: «Der 11. September»
2002: «Teuro»
2003: «Das alte Europa»
2004: «Hartz IV»
2005: «Bundeskanzlerin»
2006: «Fanmeile»
2007: «Klimakatastrophe»
2008: «Finanzkrise»
2009: «Abwrackprämie»

UNWORT DES JAHRES
1999: «Kollateralschaden» (Verharmlosung der Tötung Unschuldiger als Nebensächlichkeit, NATO-offizieller Terminus im Kosovo-Krieg)

2000: «National befreite Zone» (Zynisch heroisierende Umschreibung einer Region, die von Rechtsextremisten terrorisiert wird)

2001: «Gotteskrieger» (Kein Glaube an einen Gott gleich welcher Religion kann einen Krieg oder gar Terroranschläge rechtfertigen)

2002: «Ich-AG» (Reduzierung von Menschen auf Börsenniveau)

2003: «Tätervolk» (Grundsätzlich inakzeptabler Kollektivschuldvorwurf; als potenziell möglicher Vorwurf gegen Juden antisemitisch)

2004: «Humankapital» (Degradierung nicht nur von Arbeitskräften in Betrieben, sondern von Menschen überhaupt zu nur noch ökonomischen Größen)

2005: «Entlassungsproduktivität» (Verschleierung der Mehrbelastung derjenigen, die ihren Arbeitsplatz noch behalten konnten)

2006: «Freiwillige Ausreise» (Gesetzes- und Behördenterminus, wenn abgelehnte Asylbewerber aus deutschen Abschiebehaftanstalten, sog.
Ausreisezentren, nach intensiver «Beratung» in ihre Herkunftsländer zurückkehren, wobei die Freiwilligkeit in vielen Fällen zweifelhaft ist)

2007: «Herdprämie» (Das Wort diffamiert nach Ansicht der Jury Eltern, insbesondere Frauen, die ihre Kinder zu Hause erziehen)

2008: «Notleidende Banken» (Der Begriff stellt nach Auffassung der Jury das Verhältnis von Ursachen und Folgen der Weltwirtschaftskrise auf den Kopf)

2009: «betriebsratsverseucht» (Die Arbeitnehmervertretung als «Seuche» zu bezeichnen, ist nach Ansicht der Jury zumindest ein sprachlicher Tiefpunkt im Umgang mit Lohnabhängigen)

(Worte des Jahres: http://dpaq.de/0mbNa;
Unworte des Jahres: www.unwortdesjahres.org)

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20.01. Arbeitnehmervertreter loben «Unwort des Jahres»

Frankfurt/Main (dpa/lhe) - Mit der Kür von «betriebsratsverseucht» zum «Unwort des Jahres» 2009 hat die Jury die Stimmung vieler Arbeitnehmer und ihrer Vertreter in der Wirtschaftskrise getroffen. Allerdings nicht auf Anhieb, denn der sperrige Begriff war vielen aus der öffentlichen politischen Diskussion gar nicht geläufig. «Ich würde mir vom "Unwort" wünschen, dass jeder sagt: "Ja, das ist es!"», bringt Prof. Ludwig Eichinger das Unverständnis auf den Punkt. Der Direktor des Instituts für Deutsche Sprache ergänzt aber sogleich:
«Das Thema ist plausibel», und nennt als Beispiele: Die Diskussion über Unternehmen, die keinen Betriebsrat wollen, und Prozesse um Kündigungen wegen Bagatell-Verstößen von Mitarbeitern.

«"Betriebsratsverseucht" steht für eine Haltung, die sich leider inzwischen verbreitet hat», begründet der Sprecher der «Unwort»-Jury, Horst Dieter Schlosser am Dienstag in Frankfurt die Wahl. Das Wort sei im Kommen, «wir wollten rechtzeitig "Stopp" sagen.» Ziel der sprachkritischen Aktion sei die öffentliche Diskussion. «Politisch wird sie dadurch, dass wir den Finger in die Wunde legen.» «Das "Unwort" kann dazu anregen, hinter die Kulissen zu schauen, was in Betrieben ohne Betriebsrat los ist.»

Lob von Klaus Franz und vielen Gewerkschaften

Zuspruch für die Entscheidung für «betriebsratsverseucht» erhielt die Jury, der neben vier Sprachwissenschaftlern diesmal auch Stephan Hebel von der «Frankfurter Rundschau» und der Sozialethiker Prof. Friedhelm Hengsbach angehören, vor allem von Deutschlands bekanntestem Betriebsratschef, Klaus Franz (Opel), und den Gewerkschaften. Franz beurteilt das «Unwort» mit einem süffisanten Schmunzeln und sagt der dpa: «Da Opel betriebsratsverseucht ist, gibt es das Unternehmen noch und viele zigtausend Arbeitsplätze in Deutschland und Europa.»

DGB-Chef Michael Sommer spricht von «einem positiven Zeichen, dass die Bedeutung der Wahrnehmung von Arbeitnehmerinteressen doch einen hohen Stellenwert hat». «Dass das in dem Jahr passiert, in dem Betriebsrätewahlen stattfinden, finde ich besonders wichtig», sagt Sommer. Der stellvertretende Vorsitzende der IG Metall, Detlef Wetzel, sagt, das «Unwort» spiegle das Denken nicht weniger Arbeitgeber und Manager wider. «Die Vertreter dieses Begriffs müssen sich nach ihrem Demokratieverständnis fragen lassen, denn das Wort ist demokratieverächtlich.»

Die stellvertretende ver.di-Vorsitzende Margret Mönig-Raane ergänzt: «Das "Unwort" zeigt, dass es immer noch Arbeitgeber gibt, die ihre Beschäftigten mit Leibeigenen verwechseln und ihnen Mitbestimmung über ihre Arbeitsbedingungen verweigern.» Es sei «Ausdruck dieser menschenverachtenden Geisteshaltung, die sich nicht nur verbal, sondern beispielsweise durch Lohndumping, Erpressung und Nötigung in bestimmten Teilen der Arbeitswelt zeigt».

Der Vorsitzende des zu ver.di gehörenden Verbands deutscher Schriftsteller, Imre Török, findet: «Das Wort ist ja grauenhaft und die Wahl wieder einmal sehr treffend.» Die Wahrnehmung von Arbeitnehmer-Interessen sei gesetzlich geregelt und wesentlich für die Einrichtung der Demokratie. «Das mit einer Seuche zusammenzubringen, die in der Natur eine tödliche Gefahr bedeutet, die mit allen Mitteln gekämpft werden darf, offenbart faschistoides Gedankengut».

Arbeitgeber wollen das Unwort nicht kommentieren

Der Bundesverband der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) und Gesamtmetall wollten sich dagegen nicht äußern. Bei der Baumarktkette Bauhaus hieß es nur, man recherchiere noch. Ein Mitarbeiter dieses Unternehmens hatte in der ARD-Sendung «Monitor» berichtet, dass der Begriff «betriebsratsverseucht» von Abteilungsleitern verwendet worden sei.

Keine Reaktion kam zunächst auch von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), deren Formulierung «Flüchtlingsbekämpfung» die Jury neben dem Unwort als «dramatischen sprachlichen Fehlgriff» rügte. «Wenn Merkel klug ist, sagt sie gar nichts», sagt Schlosser. Denn häufig habe erst eine empörte Reaktion auf das «Unwort» zu langen Diskussionen geführt, so etwa, als die Jury 1993 den Ausspruch von Ex-Kanzler Helmut Kohl (CDU) «kollektiven Freizeitpark» als sprachlichen Missgriff kritisiert hatte. Apropos Merkel: Unter den 982 verschiedenen Vorschlägen für das Unwort war Schlosser zufolge auch «"Merkeln" für Nichtstun».

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20.01. DGB-Chef: Unwort-Entscheidung «positives Zeichen»

Neuhardenberg/Frankfurt/Main (dpa/lhe) - Der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Michael Sommer, hat die Entscheidung begrüßt, den Begriff «betriebsratsverseucht» zum «Unwort des Jahres» zu erklären. «Es ist ein positives Zeichen, dass die Bedeutung der Wahrnehmung von Arbeitnehmerinteressen doch einen hohen Stellenwert hat. Dass das in dem Jahr passiert, in dem Betriebsrätewahlen stattfinden, finde ich besonders wichtig», sagte Sommer der Deutschen Presse-Agentur dpa am Dienstag am Rande der DGB-Vorstandsklausur im brandenburgischen Neuhardenberg.

Er nannte es bemerkenswert, dass Sprachwissenschaftler mit der Wahl dieses Unwortes ein gesellschaftliches Missverhältnis deutlich zu machen versuchen. Auf der einen Seite stehe die Notwendigkeit und Bedeutung der Betriebsratsarbeit, auf der anderen Seite die Missachtung dieser Arbeit durch bestimmte Arbeitgeber. Die Unwort-Wahl sei auch ein Zeichen dafür, dass es offensichtlich «noch ein Bewusstsein dafür gibt, dass Interessen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern wahrgenommen werden müssen und diese Interessenwahrnehmung nicht als Übel zu betrachten ist, sondern als Vorteil für die Menschen».

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20.01. IG Metall-Bezirkschef lobt «Unwort»-Wahl

Frankfurt/Main (dpa) - Das «Unwort des Jahres» - «betriebsratsverseucht» - prangert nach Ansicht des Frankfurter Bezirksleiters der IG Metall, Armin Schild, zu Recht einen gesellschaftlichen Missstand an. Die Arbeit der betrieblichen Interessenvertretungen werde immer noch viel zu gering geschätzt, sagte er am Dienstag. Sie seien dafür verantwortlich, dass in Deutschland mitten in der Wirtschaftskrise und trotz der starken Exportorientierung Massenentlassungen bislang verhindert werden konnten. Einzige Ausnahmen seien Branchen wie die Zeitarbeit, wo es wenig Mitbestimmung gebe. «Die wahren Helden der Krise sind die Betriebsräte», sagte Schild. Der Bezirk der IG Metall umfasst Hessen, Thüringen, Rheinland-Pfalz und das Saarland.

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