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News-Sonderthema: 

Zum 11. September

Berichte, Stimmen und Hintergrundinformationen
 

 
Unsere Beiträge:

Ära des Misstrauens: Der 11. September und die Folgen
Bücherflut zu 9/11: Die Gegenwart mit dem Terror von damals erklären
Experte: Über Selbstmordattentate berichtet schon die Bibel
Zur Person: Dr. Arata Takeda
 

 
 

09.09. Ära des Misstrauens: Der 11. September und die Folgen

Die Anschläge von New York und Washington haben die Welt in Angst gestürzt. Zehn Jahre später sitzt das Misstrauen noch tief.

Berlin (dpa) - Die Stimmung war geladen. Als Thilo Sarrazin vor einigen Wochen in Berlin-Kreuzberg zwischen den Obstständen des türkischen Marktes spazierte, schlug ihm eine Welle der Ablehnung entgegen. Kein Wunder: Mit seinen Thesen hat der Ex-Bundesbanker viele Einwanderer getroffen. Doch offenbar hat er auch Millionen Menschen aus der Seele gesprochen, wie der Erfolg seines Bestsellers «Deutschland schafft sich ab» zeigt. Das Unbehagen an Multikulti-Deutschland ist auch eine Folge des 11. Septembers 2001.
Zehn Jahre nach den Terroranschlägen bleiben Islam und Einwanderung eine brisante politische Mischung.

Dabei hatte das Jahrtausend so optimistisch angefangen. Mit einer rauschenden Millenniumsparty hatten die Menschen vom Brandenburger Tor in Berlin bis Rios Copacabana-Strand am 1. Januar 2000 das Ende der verheißungsvollen 90er Jahre im Rausch der Zuversicht gefeiert. Doch spätestens 21 Monate und elf Tage später war alles vorbei. Die Anschläge auf World Trade Center und das Pentagon versetzten die Welt in den Ausnahmezustand. Eine kleine Gruppe von Islamisten hatte die Welt aus den Fugen katapultiert.

Die Nato in Alarmbereitschaft, schärfere Anti-Terrorgesetze, Zensur und Selbstzensur und später der Irak-Krieg - in einer Forsa-Umfrage eine Woche nach den Angriffen äußerte mehr als die Hälfte der Bundesbürger (53 Prozent) «sehr große oder große» Angst vor einem neuen Weltkrieg.

Die Furcht war oft von Hysterie kaum zu unterscheiden - und dennoch im Angesicht der realen Ungeheuerlichkeit nachvollziehbar. Immer mehr Flugzeuge führten verdeckte «Sky-Marshalls» an Bord, Ausweise sollten noch fälschungssicherer werden, der Fingerabdruck darauf Pflicht, und die Atomkraftwerke wurden zu potenziellen Terrorzielen erklärt. Ob in der Abflug-Lounge, in der U-Bahn oder im Shopping Center: Alle mutierten dort zu grauen, unscharfen Gestalten auf Überwachungsmonitoren.

Im Windschatten der Al-Kaida-Bedrohung schäle sich eine neue Demokratie heraus, diagnostizierte der Soziologe Ulrich Beck. Es war der Anfang der allgemeinen Verunsicherung, die angesichts einer globalen Bedrohung Populisten Tür und Tor öffnete - und bis heute mit der globalen Finanzkrise nicht verklungen ist. Die These des amerikanischen Politikwissenschaftlers Samuel Huntington vom «Kampf der Kulturen» wurde selbst für seine Kritiker nachvollziehbar.

Die Wahnsinnsbilder von New York setzten die demokratische Abstimmung de facto außer Kraft, schrieb Ulrich Beck 2003 im «Spiegel». Die USA als mächtigste Nation der Welt sähen sich von der Mehrheit der Menschen ermächtigt, Gefahren abzuwenden. George W. Bush habe die Ketten internationaler Verträge gesprengt und sich mit dem Anti-Terrorkampf eine Quelle für einen globalen Populismus der Gefahrenabwehr erschlossen.

Aber auch in Deutschland wurde aus der Angst politisches Kapital geschlagen. Ausgerechnet die rot-grüne Koalition verschärfte die Sicherheitsgesetze. Zur Symbolfigur einer «wehrhaften Demokratie» wurde der SPD-Innenminister Otto Schily.

Politiker wetteiferten um den schärfsten Sicherheitsdiskurs. Aber am besten kann wohl die Literatur die Dimension der Angst ausloten. Vor allem die US-Autoren lässt «Nine Eleven» nicht mehr los. Ob John Updikes «Terrorist», «Des Kaisers Kinder» von Claire Messud oder Don DeLillos «Falling Man» - es geht in diesen und dutzenden anderer Werke um die «Vorstellungskraft des Desasters», wie der Essayist Adam Kirsch schreibt.

 

 

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09.09 Bücherflut zu 9/11: Die Gegenwart mit dem Terror von damals erklären

Zum 10. Jahrestag der Anschläge vom 11. September 2001 ist auch in Deutschland eine Flut von Büchern erschienen. Sie alle belegen die historische Bedeutung von 9/11 vor allem mit den unterschiedlichen Versuchen, die Gegenwart mit dem Schrecken von damals zu erklären.

Kapstadt (dpa) - Wer über 9/11 spricht, will die Welt erklären:
Den Kampf der Kulturen, die Krise der Moderne, den Niedergang der USA, die Gefährdung der Bürgerrechte, den Beginn einer neuen Ära. Es geht auch um die neue Verunsicherung des Menschen in der globalisierten, vernetzten und entgrenzten Welt. Das belegen die zahlreichen Bücher, die auch in Deutschland zum zehnten Jahrestag der Anschläge vom 11. September 2001 publiziert werden.

Sachbücher wie Romane signalisieren die überragende Bedeutung von «Nine Eleven» für das 21. Jahrhundert. Alle versuchen, wenn auch mit unterschiedlichen Ergebnissen, die Gegenwart mit dem Schrecken von damals zu erklären. Zuweilen scheint mancher Autor zu übertreiben, als ob 9/11 oder die Reaktion des Westens darauf nun für alle Übel und Krisen der Moderne verantwortlich seien. Dennoch stimmen alle dem Satz des ehemaligen US-Außenministers Henry Kissinger zu, der kurz nach den Anschlägen sagte: «Nichts wird mehr so sein, wie es war.»

Der Wirtschaftsjournalist Ulrich Schäfer glaubt, dass «Der Angriff», so der Buchtitel, auch die aktuelle Finanzkrise und insbesondere die staatliche Schuldenkrise im Westen ausgelöst hat.
Osama bin Laden habe kühl kalkulierend auf eine Überreaktion der USA, auf teure, auf Dauer unbezahlbare Kriege und damit auf eine «imperiale Überdehnung» gesetzt. Kern des «teuflischen Plans» sei es, den Westen wirtschaftlich zu Fall zu bringen. Für den Autor geht der Kampf der islamistischen Terroristen weiter, nach wie vor gebe es den Willen, Werte und Wohlstand des Westens zu zerstören. Die Brisanz der «tiefen Frustration» in der islamischen Welt könne der Westen nur mit mehr Kooperation und Einbindung entschärfen.

Für Elmar Theveßen hat «Nine Eleven», so der Titel, für ein «Jahrzehnt beispielloser Destabilität» gesorgt. Der «Krieg gegen den Terror» und die Waffengänge in Afghanistan und im Irak hätten den Westen auf gefährliche Abwege geführt. Dazu zählten die Einschränkung der Bürgerrechte und finanzpolitische Abenteuer. Der Autor meint, der Kampf der Islamisten werde andauern. Überall in der Welt agierten unabhängige «Metastasen» der El Kaida-Ideologie.

Der Vorwurf des ZDF-Terrorismus-Experten lautet, «dass wir selbst der Freiheit und Demokratie in den letzten zehn Jahren mehr geschadet haben als die Terroristen». Für Theveßen ist die wichtigste Lehre aus 9/11, dass es uns nicht in erster Linie um den Schutz vor dem Terror gehen dürfe, sondern darum, die Welt «ein bisschen gerechter und besser zu machen». Der Autor selbst sagt, dass das «naiv» klinge.

Auch der Historiker Bernd Greiner sorgt sich in seinem Buch «9/11
- Der Tag, die Angst, die Folgen» um die Auswirkungen des Anti-Terror-Kampfes für unsere Demokratie und unser politisches Wertesystem. Besonders kritisiert er den früheren US-Präsidenten George W. Bush, der mit seinem Versuch einer «imperialen Präsidentschaft» verantwortlich für das Aushebeln der Verfassung sei, für Folter und Gefängnisse wie Guantánamo, für die «Korrumpierung der Gewaltenteilung». Der Westen habe insgesamt mit seiner überzogenen Reaktion letztendlich El Kaida eher noch gestärkt. Der Professor für Philosophie und Geschichte (Universität Hamburg) fordert eine «Rückbesinnung» des Westens auf das, was er in dem Kampf gegen die Terroristen zu verteidigen vorgibt.

Greiner präsentiert aber neben seiner Botschaft auch eine akribische und spannende Darstellung der Ereignisse vor zehn Jahren und ihre Folgen. «9/11» widmet dem Detail ebenso viel Aufmerksamkeit wie den historischen Zusammenhängen und den sozial-kulturellen Hintergründen der Islamisten. Wie die meisten anderen Autoren auch entlarvt er die vielen Verschwörungstheorien als Humbug und Hirngespinste.

Für manche war der 11. September 2001 eine Katastrophe vor der Haustür, die auch dem eigenen Leben eine dramatisch umhauchte Selbstreflexion eröffnete. So etwa war es für das Journalisten-Ehepaar Alexander Osang und Anja Reich. Es sind Geschichten einer deutschen Familie in New York aus der Perspektive dieses historischen Tages. Der Leser wird Zeuge, wie sich in diesen aufgewühlten Stunden Fassungslosigkeit und Verunsicherung ausbreiten, Lebensgefühl und Erfahrungen auf teilweise sogar amüsante Weise verdichten. Leicht zu lesen, illustriert mit Familienfotos, sehr lebendig und persönlich geschildert, hin und wieder auch ein wenig selbstverliebt und eitel.

Der österreichische Journalist Herbert Bauernebel war ein Augenzeuge, einer, der dicht dabei war an diesem Schreckenstag. Mit packender, kraftvoller Sprache lässt uns der Autor in seinem «Und die Luft war voller Asche» die Vorgänge in Manhattan noch einmal mit erleben. Bauernebel, der damals selbst in Gefahr geriet, schreibt, dass der 11. September sein Leben verändert habe. Aber er registriert auch manch anderen Wandel, im persönlichen Umfeld wie in der großen Welt. Auch der Österreicher wirft den USA vor, im Krieg gegen den Terror ihre Werte verletzt, wenn nicht gar verraten zu haben.

Zur Fiktion einer besonders beängstigenden Welt hat der Autor Friedrich von Borries den Schreckenstag im September 2001 benutzt. In seinem Debüt-Roman «1WTC» geht es zehn Jahre nach dem Ereignis um den Kampf junger Menschen gegen einen beängstigend kontrollierenden und verborgen agierenden Staat. In dem zuweilen verwirrenden Verlauf mit Tarnungen und Täuschungen verschwimmen die erzählerischen Ebenen.
«Fiktion ist die beste Tarnung der Realität» steht vieldeutig am Ende einer irritierenden Erzählung.

 

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09.09. Experte: Über Selbstmordattentate berichtet schon die Bibel

Tübingen (dpa/lsw) - Der Tübinger Germanist Arata Takeda warnt davor, Selbstmordattentate für ein islamistisches Phänomen zu halten.
«Die Strategie, sich selbst das Leben zu nehmen und die Feinde mit in den Tod zu reißen, gehört seit langem zu den Vorstellungen des Menschen», sagte der Literaturwissenschaftler der Nachrichtenagentur dpa. Belege dafür gebe es selbst in der Bibel. «Es ist nicht Teil einer bestimmten Religion oder Kultur - auch der Westen hat eine Geschichte des Suizidterrorismus.»

Statt wie bisher vor allem auf die arabische Welt oder den Islam zu schauen, müsse man Macht- und Gesellschaftsstrukturen betrachten, forderte Takeda. Die Geschichte vieler Selbstmord-Attentate zeige, dass Religion dabei sehr selten eine Rolle spiele. «Meistens geht es um soziale Probleme oder die eigene Ohnmacht.» Wer sehr wenig Macht in einer Gesellschaft habe, sei eher bereit, auch große Opfer zu bringen.

In der abendländischen Literatur ist Takeda auf viele unterschiedliche Darstellungen von Attentätern gestoßen. «Sehr lange wurde das Selbstopfer als heldenhafte Tat gesehen und beschrieben», sagte der aus Japan stammende Wissenschaftler. Erst in jüngerer Zeit habe sich dieses Bild gewandelt. Heute seien Attentäter in den Augen der meisten Menschen keine Helden oder Märtyrer mehr, sondern Mörder. Zugleich habe sich der Blick verengt: Selbstmordattentate würden inzwischen durch medienöffentliche Ereignisse der vergangenen Jahre vor allem in bestimmten Regionen, Religionen und Kulturen verortet.

Dabei gebe es die Idee von Massentötungen im Lager der Feinde auch in der westlichen Kultur schon sehr lange, betonte der Forscher. In der Antike hätten die Menschen die Vorstellung von Götter-Blitzen gehabt, die sehr viele Menschen gleichzeitig töten. Die Bibel erzählt von Simson, der im Tempel die Säulen einreißt. 3000 seiner Feinde, darunter viele Frauen und Kinder, werden unter den Trümmern begraben - und auch Simson selbst stirbt.

Mit der Erfindung des Dynamits seien diese Vorstellungen tatsächlich umsetzbar geworden, sagte Takeda. In vielen Punkten seien die heutigen Selbstmordanschläge dabei eine genaue Umsetzung der Ideen, die es schon in der Antike gab.

Über die Parallelen zwischen Selbstmordanschlägen in Literatur und Realität hat Takeda das Buch «Die Ästhetik der Selbstzerstörung» (Wilhelm Fink Verlag) geschrieben.

 

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09.09. Zur Person: Dr. Arata Takeda

Tübingen (dpa/lsw) -

- geboren am 15. Juni 1972 in Ueno (in der japanischen Präfektur Mie)
- 1997-2003: Magister-Studium der Neueren Deutschen Literatur und der
Allgemeinen Vergleichenden Literaturwissenschaft in Tokio, Tübingen
und Venedig
- 2008: Promotion über die «Ästhetik der Selbstzerstörung.
Selbstmordattentate in der abendländischen Literatur»
- 2008-2011: Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Dozent für Neuere
Deutsche Literatur und Internationale Literaturen in Tübingen
- ab Oktober 2011: Research Fellow in Wien

 

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