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Zum Tode von Christa Wolf

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Unsere Beiträge:

Christa Wolf - literarische Zeugin des 20. Jahrhunderts
In Ost und West gelesen und verehrt: Christa Wolf ist tot
PEN-Chef Strasser: Wolf war wichtige Stimme
Eine rote Rose für Christa Wolf
Wichtige Werke von Christa Wolf

Abschied von Christa Wolf

 

 
 

02.12. Christa Wolf - literarische Zeugin des 20. Jahrhunderts

Christa Wolf war eine der wichtigsten deutschsprachigen Autorinnen der Gegenwart und eine literarische Zeugin des 20. Jahrhunderts. Es gab aber auch einen «dunklen Punkt» in ihrem Leben.

Berlin (dpa) - Ob «Der geteilte Himmel» oder «Kassandra» - Christa Wolf gehörte mit ihren Werken zu den großen Autorinnen des 20.
Jahrhunderts. Von ihrer Geburt 1929 im heute polnischen Landsberg an der Warthe bis zum Tod mit 82 Jahren am Donnerstag in Berlin: Wolf sammelte eine Fülle an Stoff, den sie durch ihr Schreiben aufbewahrte. Wie wohl wenige deutsche Literaten hielt sie der deutschen Geschichte einen Spiegel vor. Mit ihren Brüchen wirft Wolfs DDR-Biografie aber auch Fragen auf.

Bis ins hohe Alter wurde Wolf für den Literaturnobelpreis gehandelt. Ausgezeichnet wurde sie mit dem Büchner-Preis und dem Thomas-Mann-Preis. «Frauen und Frieden» - auf diese Formel haben Kritiker das literarische Werk und gesellschaftliche Engagement gebracht. Dafür steht «Kassandra» (1983). Die «weltgeschichtliche Niederlage der Frau» war ihr Thema. Die deutsche Zerrissenheit fand in Wolf ein literarisches Sprachrohr, nicht zuletzt in der berühmten Erzählung «Der geteilte Himmel» (1963).

Mit «Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud» (2010) schrieb sie eine Fortsetzung ihres Buchs «Kindheitsmuster» von 1976, sie selbst sprach von ihrem letzten Roman. Das Buch ist eine Selbstbefragung zur Zeit nach dem Fall der Mauer und dem Bekanntwerden ihrer kurzzeitigen Tätigkeit für die Stasi als IM «Margarethe». Sie beharrte aber auch darauf, nie eine «Staatsschriftstellerin» gewesen zu sein».

Wolf, die mit dem Schriftsteller Gerhard Wolf verheiratet war, zählte mit Anna Seghers zu den bedeutendsten DDR-Autorinnen, denen der Konflikt zwischen Geist und Macht nicht fremd war. Sie verließ nie die DDR und ließ auch nicht zu, «dass ihr Land sie verlässt», wie es Suhrkamp-Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz formulierte. Zur DDR gab es für Wolf keine Alternative. Und doch fühlte sie sich immer mehr heimatlos, wie sie es in dem Titel «Kein Ort. Nirgends» (1979) zusammenfasste.

Die Nationalpreisträgerin, die die Bürgerrechtler unterstützte und gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann protestierte, trat dennoch erst 1989 aus der SED aus. Mit der friedlichen Revolution war sie als erstes freigewähltes Staatsoberhaupt der DDR im Gespräch. Damals unterschrieb sie mit anderen Autoren einen Aufruf «Für unser Land», den viele als «Rettungsversuch» für die DDR missverstanden. «Wir hatten für einen sehr kurzen geschichtlichen Augenblick an ein ganz anderes Land gedacht, das keiner von uns je sehen wird», sagte sie später.

So hat sich Christa Wolf Anerkennung und Respekt erarbeitet, ihre Romane und Erzählungen finden Interesse in breiten Leserkreisen, auch bei Frauen. Ihnen schrieb sie oft aus der Seele. Aber die Frage, wieweit ein Künstler sich mit staatlichen Interessen identifizieren darf, weckte ein gewisses Misstrauen.

Der Kritiker Marcel Reich-Ranicki nannte sie eine «weit überbewertete Autorin». Manche warfen Wolf «Gesinnungsästhetik» vor.
Ihr Buch «Nachdenken über Christa T.» (1968) halten viele dagegen für einen der wichtigsten Romane der deutschen Nachkriegsliteratur.

In «Kassandra» versteckte sie eine Botschaft für die Zensur in der DDR. «Ich wartete gespannt, ob sie es wagen würden, die Botschaft der Erzählung zu verstehen, nämlich dass Troja untergehen muss. Sie haben es nicht gewagt und die Erzählung ungekürzt gedruckt. Die Leser in der DDR verstanden sie.» Sie habe dieses Land DDR einmal geliebt, schrieb Wolf nach dem Ende der DDR an ihren Kollegen Günter Grass. Sie meinte damit die Menschen, nicht den Machtapparat.

Ihr eigenes Gewissen musste Wolf befragen, als ein Schatten auf sie fiel mit dem Bekanntwerden ihrer früheren IM-Tätigkeit in jungen Jahren (1959-1962). Die Akte darüber legte sie selbst in einem Dokumentationsband («Akteneinsicht Christa Wolf») offen, aber auch ihre eigene Bespitzelung durch die Stasi. Es bleibe «ein Wunder, ein dunkler Punkt» in ihrem Leben.

«Ich fühlte mich doch völlig unbelastet ... IM - weißt du, wie das ist, wenn dir zwei Buchstaben wie ein Gerichtsurteil entgegenblicken? ... Das hatte ich vergessen können? ... IM stand da, ich habe es nicht glauben wollen, Katastrophenalarm, der Schweiß brach aus», erinnerte sie sich später. «Wie konnte ich das vergessen?» fragte sich die Autorin, die ein Leben lang gegen das Vergessen angeschrieben hat.

«Du wolltest geliebt werden, auch von Autoritäten», sagt ihr im Buch «Stadt der Engel» ein Freund über ihre Motive zur Zusammenarbeit mit dem DDR-Geheimdienst. Seinem beschwichtigenden Argument, sie habe doch niemandem geschadet, entgegnet Wolf ebenso nüchtern wie hart:
«Doch, sagte ich trotzig. Mir selbst.» Nach dem Fall der Mauer notierte sie im Buch: «Es war vorbei. Ich hatte verstanden...»

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02.12 In Ost und West gelesen und verehrt: Christa Wolf ist tot

Ob «Der geteilte Himmel» oder «Kassandra»: Ihre Bücher gehören zum Kanon der deutschen Literatur. Christa Wolf, Chronistin der DDR und der deutschen Teilung, ist jetzt mit 82 Jahren gestorben.

Berlin (dpa) - In Ost und West wurde sie gelesen und verehrt:
Christa Wolf, eine der bedeutendsten deutschsprachigen Autorinnen der Gegenwart, ist tot. Die Schriftstellerin starb am Donnerstag im Alter von 82 Jahren nach langer Krankheit im Berliner St.-Hedwig-Krankenhaus, wie der Suhrkamp Verlag mitteilte. Ihr Mann Gerhard Wolf sei bei ihr gewesen. Sie hinterlässt zwei Töchter.

In den Mittelpunkt ihrer Bücher stellte Christa Wolf immer wieder Figuren, die von der deutschen Teilung gezeichnet waren. Zu den bedeutendsten Werken zählen «Der geteilte Himmel», «Nachdenken über Christa T.», «Kindheitsmuster», «Kein Ort. Nirgends», «Kassandra» und «Störfall». Für viele Menschen in der DDR galt sie auch als moralische Instanz - auch wenn sie einige Jahre «IM» der DDR-Staatssicherheit war. Sie wurde unter anderem mit dem Büchner-Preis und dem Thomas-Mann-Preis ausgezeichnet. Die Bücher wurden in mehrere Sprachen übersetzt.

«Ihre Literatur hat die Menschen in unserem Land bewegt und begeistert und zum Nachdenken gebracht», erklärte Bundespräsident Christian Wulff. Für sehr viele Leser sei sie mehr als eine Schriftstellerin gewesen. «Sie hat auf fast altmodische und doch immer aktuelle Weise an das Gute geglaubt und an die Verbesserungsfähigkeit des Menschen.»

Deutschland verliere eine der bedeutendsten gesamtdeutschen Autorinnen der Gegenwart, erklärte Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU). Ihre literarischen Gestalten Christa T., Medea und Kassandra seien aus der deutschsprachigen Literatur nicht mehr wegzudenken.
«Christa Wolf hat sich nach der Wende der politischen Realität gestellt und stellen müssen, auch wenn schmerzhafte Verwundungen die Folge waren», erklärte Neumann.

Der Frankfurter Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, der Wolf lange Zeit eher ablehnend gegenübergestanden hatte, sagte der Nachrichtenagentur dpa: «Sie war eine mutige Schriftstellerin, die die zentralen Fragen ihrer Zeit und ihrer Problematik ausdrücklich behandelt hat.»

Ihr erster großer literarische Erfolg, «Der geteilte Himmel» (1963) über eine an der deutschen Teilung scheiternde Liebe, wurde eines der meistdiskutierten Bücher in der DDR und später auch von Konrad Wolf für die DDR-Filmgesellschaft DEFA verfilmt.

Wolf hatte sich lange für gesellschaftliche Reformen in der DDR eingesetzt und als SED-Mitglied gegen Willkürmaßnahmen der Staats- und Parteiführung und die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann protestiert. Sie trat aber erst 1989 aus der SED aus. In jungen Jahren arbeitete sie aber auch mit der Stasi unter dem Decknamen «IM Margarete» zusammen.

Mit der friedlichen Revolution war Wolf im Gespräch als Kandidatin für die erste freie Wahl eines DDR-Staatsoberhaupts. Damals unterschrieb sie mit anderen Autoren einen Aufruf «Für unser Land», den sie später als Versuch beschrieb, eine «andere» DDR aufzubauen.

2010 veröffentlichte Wolf mit dem Buch «Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud» » (Los Angeles) eine Art Fortsetzung ihres Buchs «Kindheitsmuster» (1976) als Aufarbeitung der Zeit nach dem Mauerfall und dem Bekanntwerden ihrer früheren Tätigkeit für die Stasi. Darüber legte sie einen Dokumentationsband («Akteneinsicht Christa Wolf») an, benannte aber auch ihre eigene Bespitzelung durch die Stasi. Sie sprach von einem «dunklen Punkt» in ihrem Leben.

Wolf hatte sich immer wieder geweigert, die DDR zu verlassen. Für sie gab es keine Alternative zum sozialistischen Staat. Die am 18. März 1929 im heute polnischen Landsberg an der Warthe geborene Schriftstellerin war nach der Flucht 1945 mit der Familie nach Mecklenburg-Vorpommern gekommen. In Jena und Leipzig studierte sie Germanistik und wurde später wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Deutschen Schriftstellerverband und Cheflektorin des Verlages «Neues Leben». 1961 erschien «Moskauer Novelle», ihr erstes Prosawerk.

Der Autor Ingo Schulze («Simple Storys») nahm Wolf vor Vorwürfen zu ihrer Stasi-Mitarbeit in Schutz. Sie sollte in ihrer «Zerrissenheit» gesehen und nicht auf ihre zeitweise Rolle als «IM» reduziert werden, sagte Schulze im Deutschlandradio Kultur. Zu DDR-Zeiten sei es für ihn wichtig gewesen, «dass jemand wie sie eben nicht weggeht» und Wolfs Bücher weiter in der DDR erscheinen konnten.

Hermann Kant sprach von einem traurigen Tag für die Literatur. Der frühere Präsident des DDR-Schriftstellerverbandes erinnerte an die Zeiten, «als wir eigentlich befreundet waren - und wir sind später dann nicht fertig geworden mit den Konflikten, die aus den Großkonflikten auch für uns entstanden».

Berlins Kulturstaatssekretär André Schmitz nannte Wolf «eine der großen Frauen der deutschen Literatur». Wolf sei eine «moralische Instanz der DDR-Leserschaft und Identifikationsfigur einer großen Zahl westdeutscher Leserinnen und Leser» gewesen, erklärte der Präsident der Berliner Akademie der Künste, Klaus Staeck.

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02.12. PEN-Chef Strasser: Wolf war wichtige Stimme

Starnberg (dpa) - Der Präsident der Schriftstellervereinigung PEN, Johano Strasser, kannte Christa Wolf seit Beginn ihrer literarischen Arbeit und stand beim Protest gegen den Nato-Doppelbeschluss und die Pershing-Raketen an ihrer Seite. Nach ihrem Tod wird Deutschland «eine wichtige, kritische Stimme» fehlen, sagte er am Donnerstag im Interview der Nachrichtenagentur dpa.

Herr Dr. Strasser, wie haben Sie Christa Wolf erlebt?

Strasser: «Ich kenne Christa Wolf von den Anfängen ihrer literarischen Tätigkeit her. Sie war ja lange Zeit eine authentische Stimme deutscher Literatur in der DDR. Ihre Bücher wurden im Westen rezipiert, vor allem «Kassandra», das ja mitten hineinkam in die Auseinandersetzung über die Nachrüstung. In diesem Zusammenhang habe ich sie auch kennengelernt. Wir waren zusammen bei der Blockade des Pershing-Standortes in Mutlangen. Sie hat aber nicht nur gegen die Pershing-Raketen West protestiert, sondern auch gegen die SS-20-Raketen Ost. Das war dem Regime natürlich nicht recht. Zum Bruch mit dem DDR-Regime kam es schon, als sie den offenen Brief gegen die Biermann-Ausbürgerung 1976 unterschrieb. Sie bekam eine strenge Rüge und entfernte sich immer stärker vom SED-Regime.

Sie hat aber niemals - auch nach der Vereinigung nicht - die Idee des Sozialismus aufgegeben. Sie war immer eher skeptisch gegenüber den westlichen Formen des Kapitalismus. Sie war eine Demokratin, sie trat für Freiheit ein, für freie Meinungsäußerung. Aber sie hatte eine Vorstellung eines freien Sozialismus, der sie angehangen hat bis zu ihrem Tode. Ich denke, dass manche im Westen ihr das übelgenommen haben. Es gab ja dann auch eine Kampagne gegen Ost-Schriftsteller und vor allem auch gegen sie. Sie ist darüber sehr entrüstet gewesen.
Eine Zeit lang war sie auch sehr zurückgezogen in ihrem Schmerz darüber.»

Wie bewerten Sie ihre Rolle im wiedervereinigten Deutschland?

Strasser: «Die war widersprüchlich, weil ein Teil der westlichen Öffentlichkeit nun auf einmal die Stimmen aus dem Osten nur noch zur Kenntnis nehmen wollte, wenn sie undifferenziert alles ablehnten, was in der DDR war. Je länger die Vereinigung zurücklag und je deutlicher wurde, dass in der Tat manches bei diesem Vereinigungsprozess ja nicht so optimal gelaufen ist, umso genauer hörte man auch Stimmen wie die von Christa Wolf.»

Was wird der literarischen Welt in Deutschland fehlen ohne sie?

Strasser: «Sie war eine große Schriftstellerin, eine ganz wichtige Stimme. Wahrscheinlich eine, die es so bald in dieser Form nicht mehr geben wird. Ihre Art zu schreiben war sperrig, nicht einfach zu konsumieren. Einem kumpelhaften Einverständnis mit dem Leser hat sie sich immer verwehrt. Sie hat den Leser immer gezwungen, noch einmal genauer hinzuhören, genau zu lesen, und das hat es für ein großes Publikum manchmal schwer gemacht. Süffigkeit war nicht das, was ihre Texte auszeichnete. Aber sie war eine wichtige kritische Stimme, die uns jetzt fehlt. So eine typische Stimme wie Christa Wolf, die wird es so nicht wieder geben.»

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02.12. Eine rote Rose für Christa Wolf

KBerlin (dpa/bb) - Christa Wolf hat lange Jahre in einem beschaulichen Altbauviertel in Berlin-Pankow gelebt. Nach ihrem Tod erinnert am Donnerstag eine rote Rose in einer Buchhandlung um die Ecke an die prominente Nachbarin. Rundherum hat Inhaberin Renate Saavedra die Bücher Christa Wolfs aufgestellt - eine dezente Würdigung der Autorin. «Ich war sprachlos, als ich die Nachricht bekam», sagt Saavedra. Wolf habe ihr empfohlen, 1993 in der Gegend ihre literarische Buchhandlung zu eröffnen.

Obwohl die Autorin zuletzt unter Krankheiten gelitten habe, sei die Nachricht vom Tod «eine traurige Überraschung» gewesen. «Ich habe das nicht erwartet», sagte Saavedra. «Aber ich habe ihr sehr viel zu verdanken hat und bin sehr glücklich, sie getroffen zu haben.»

Bis zuletzt sei die Schriftstellerin eine regelmäßige Kundin gewesen, habe fachkundig mit anderen Besuchern des Geschäfts über die feilgebotenen Bücher gesprochen. «Sie war ein sehr zurückhaltender, sehr freundlicher Mensch», erzählt Saavedra. «In der Nachbarschaft war sie sehr beliebt.» Nun sei es ganz wichtig, die Erinnerung an Wolf und ihr Werk wachzuhalten. «Ich denke, dass das in dieser Buchhandlung und auch in Berlin immer passieren wird.»

Die Angehörigen wirken äußerlich gefasst, als sie gegen 15.00 Uhr mit ernsten Gesichtern zum Haus gehen. Auch Christa Wolfs Mann Gerhard ist dabei. Die beiden waren seit 1951 verheiratet. Nach Angaben des Suhrkamp Verlags war er beim Tod seiner Frau an ihrer Seite. Freundlich sagt ein Enkel der Autorin, dass die Familie sich jetzt nicht äußern wolle. Dann schließt sich die Tür des Mehrfamilienhauses.

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02.12. Wichtige Werke von Christa Wolf

Berlin (dpa) - Die Werke der Schriftstellerin Christa Wolf haben die deutsche Literatur des 20. Jahrhunderts bereichert. Zu den wichtigsten zählen:

- «Der geteilte Himmel» (1963): Die Erzählung über die Folgen der Teilung Deutschlands machte Wolf schlagartig in beiden deutschen Staaten bekannt.

- «Nachdenken über Christa T.» (1968): Der Roman handelt von einer jungen Frau, die an Leukämie stirbt. Eine ehemalige Freundin erinnert sich an sie, um sie «leben und altern» zu lassen. Wolf erzählt die Geschichte in Rückblenden und Träumen. Dabei geht es auch die Möglichkeiten der eigenen Entfaltung.

- «Kindheitsmuster» (1976): Das Werk gilt als teilweise autobiografisch. Der Roman erzählt von einer Frau, die als Kind den Nationalsozialismus, Krieg und Flucht erlebt und sich später daran erinnert.

- «Kein Ort. Nirgends» (1979): Die Erzählung beschreibt eine erfundene Begegnung zwischen dem Schriftsteller Heinrich von Kleist (1777-1811) und der Dichterin Karoline von Günderrode (1780-1806).
Sie sprechen unter anderem über Grenzen der Selbstverwirklichung und über die Möglichkeiten der Poesie. Zwei tragische Figuren treffen aufeinander.

- «Kassandra» (1983): Die warnende Erzählung greift auf die Geschichte der trojanischen Königstochter Kassandra zurück. Die Seherin warnte vergeblich vor dem Krieg mit den Griechen. Wolfs Kassandra blickt vor ihrem Tod auf ihr Leben zurück. Das Buch gilt als Darstellung des Geschlechterkonflikts und der Gefahren eines Krieges. Es wurde von der Friedens- und Frauenbewegung geschätzt.

- «Medea. Stimmen» (1996): In diesem Roman beschäftigt sich die Autorin mit dem antiken Mythos über die Königstochter und Zauberin Medea. Wolf verändert den Stoff und lässt die Frauenfigur in einem anderen Licht erscheinen. Anders als im Drama von Euripides sieht die Autorin nicht die böse Kindsmörderin, sondern sucht nach der «anderen Medea» in den frühen Legenden und Mythen.

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14.12. Abschied von Christa Wolf

Unter großer Anteilnahme ist in Berlin die Schriftstellerin Christa Wolf beigesetzt worden. Auch Günter Grass gab ihr das letzte Geleit - und fand harte Worte für ihre Kritiker.

Berlin (dpa) - Hunderte Freunde, Kollegen und Leser haben am Dienstag in Berlin Abschied von der Schriftstellerin Christa Wolf genommen. Knapp zwei Wochen nach ihrem Tod wurde Wolf auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin-Mitte beerdigt. In einer leidenschaftlichen Rede warf Literaturnobelpreisträger Günter Grass bei einer Gedenkfeier am Abend ihren westdeutschen Kritikern vor, nach dem Fall der Mauer eine «öffentliche Hinrichtung» an ihr zelebriert zu haben.

Christa Wolfs Buch «Was bleibt» habe bei führenden Blättern wie der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» und dem Wochenblatt «Die Zeit» einen «Vernichtungswillen» ausgelöst, sagte Grass. Die im eigenen Land verletzte Autorin habe auch im Westen «Verleumdung, verfälschte Zitate und immer wieder versuchten Rufmord» erfahren. Die Erwartung, die Wortführer von einst könnten sich entschuldigen, bleibe vergeblich, sagte Grass. «So schäbig ging es im Jahr der Deutschen Einheit zu.»

Christa Wolf, eine der bedeutendsten deutschsprachigen Autorinnen der Nachkriegszeit, war am 1. Dezember im Alter von 82 Jahren gestorben. Vielen Lesern galt sie als moralische Instanz. Die DDR sah sie mit kritischer Distanz, obwohl sie auch SED-Mitglied war.

Bei der Beerdigung sagte der Dramatiker Volker Braun: «Wohl nie hat so viel Liebe eine Tote zum Grab geleitet.»

Unter den Trauergästen waren neben Grass auch Schauspielerin Corinna Harfouch, Schriftsteller Christoph Hein, Linke-Politiker Gregor Gysi, DDR-Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer und Musiker Andrej Hermlin. Vor den Kondolenzbüchern bildeten sich im strömenden Regen lange Schlangen. Die Ansprachen der Trauerredner wurden per Lautsprecher auf den Platz vor der Friedhofskapelle übertragen. Am Grab legten die mit Witwer Gerhard Wolf trauernden Menschen rote und weiße Rosen und Nelken nieder.

Bei der Gedenkveranstaltung am Abend in der Akademie der Künste würdigte der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) die Verstorbene als eine gesamtdeutsche Autorin: «Berlin verneigt sich vor dieser großen Schriftstellerin. Danke Christa Wolf.» Der frühere DDR-Bürgerrechtler und evangelische Theologe Friedrich Schorlemmer sagte: «Sie hat niemanden verraten, auch nicht sich selbst. Die Hechelmeute stehle sich davon.»

Der Schriftsteller Volker Braun bezeichnete Wolf bei der Trauerfeier am Friedhof als «die Hoffnungsvolle, die Zweifelnde». Sie habe ein liebevolles, tätiges, reiches Leben geführt. «Sie ließ sich nicht einschränken», sagte Braun. «Sie ging bis an die Grenze, an der man sich selbst als Fremder entgegenkommt.»

Zu Wolfs bedeutendsten Werken zählen «Der geteilte Himmel», «Nachdenken über Christa T.», «Kindheitsmuster», «Kein Ort. Nirgends» und «Kassandra». Sie war Chronistin der DDR und der deutschen Teilung und hatte Leser in Ost wie West. Ihr Grab liegt in der Nähe der Ruhestätten des Schriftstellers Stephan Hermlin, des Journalisten Günter Gaus und des Literaturwissenschaftlers Hans Mayer.

«Nach dem Umbruch blieb sie voll Neugier, ihre Spottlust ungestillt», sagte Braun. Wolfs Roman-Gestalten Kassandra und Medea «umzingeln sie wie Schwestern», sagte der Dramatiker. Wolfs Enkelin Jana Simon meinte in Erinnerung an ihre Großmutter: «Du hast immer etwas gewollt und das möglichst mit vielen gemeinsam.» Sie habe ihre Großeltern stets um die Existenzialität ihrer Gefechte beneidet, sagte die Enkelin.
 

 

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