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News-Sonderthema: 

Samuel Beckett - 100. Geburtstag am 13. April

Lebenswerk, Hintergründe und aktuelle Neuerscheinungen
 

 
Unsere Beiträge:

Neuerscheinungen zu Becketts Gesburtstag
Bühnenvereins-Präsident Zehelein: Beckett oft falsch zugeordnet
Kassel gedenkt Beckett mit Ausstellung und Theateraufführung
Zitate von Beckett
 

 

18.04. Beckett-Geburtstag: Neue Biografien und einziger O-Ton des Meisters

Berlin (dpa) - Beckett und kein Ende: Eine Flut von Neuerscheinungen schwappt rund um den 100. Geburtstag des Dramatikers Samuel Beckett (13. April) auf den Buch- und Hörbuchmarkt. Dabei kommen nicht nur Beckett-Verehrer auf ihre Kosten, sondern auch Neugierige, die den Autor von «Warten auf Godot» näher kennen lernen wollen. Hervorzuheben ist zum Beispiel der Band «Beckett Erinnerung» des britischen Ehepaars James und Elizabeth Knowlson mit Beiträgen zahlreicher Wegbegleiter, Freunde und Kollegen. Er versammelt Erinnerungen etwa von Edward Albee, Paul Auster und dem Regisseur Anthony Minghella ebenso wie Becketts eigene Rückschau auf seine frühen Jahre, zum Beispiel auf seine Psychotherapie. Beckett hat nur sehr wenige Interviews gegeben.

Bewegend sind die Begegnungen mit dem alten, von Krankheit schwer gezeichneten Autor, darunter das letzte Treffen mit dem Suhrkamp- Verleger Siegfried Unseld (1924-2002) im Frühjahr 1989 in Paris. Für den Kollegen Edward Albee («Wer hat Angst vor Virginia Woolf?») gibt es nur vier Dramatiker des 20. Jahrhunderts, «die bleiben werden»:
Tschechow, Brecht, Pirandello - und Beckett. Regisseur Minghella («Der englische Patient»), der einige Jahre lang den irischen Autor fast täglich las, vergleicht Beckett mit Bach - strenges Formbewusstsein verdecke einen brodelnden Vulkan. Becketts Werk sei «ehrlich, nackt, durchsetzt mit Schalk - und voller Mitgefühl».

Eine ganz andere Fundgrube ist «Der unbekannte Beckett - Samuel Beckett und die deutsche Kultur». Darin spielen seine «German Diaries» (Deutsche Tagebücher) eine ebenso bedeutende Rolle wie die Einflüsse der Kunst, Musik, Film und Literatur in Deutschland auf sein Werk. Zum Beispiel hielt er sehr viel vom bayerischen «Komiker des Absurden», Karl Valentin. Auch Becketts Verbindungen zum deutschen Theater, etwa seine Arbeiten am Berliner Schiller-Theater, wo Beckett eigene Stücke inszenierte, werden nachgezeichnet. Ein Leckerbissen für Theaterliebhaber und -wissenschaftler ist die Faksimile-Ausgabe von Becketts Handexemplar von «Warten auf Godot» für seine Berliner Inszenierung 1975 mit zahlreichen eigenhändigen Strichen und Anmerkungen.

Auch, wenn Beckett nicht ohne eine gehörige Portion Selbstironie immer wieder meinte, wenn jemand eine Biografie über ihn schreiben wolle, dann werde er wohl «als der Scharlatan entlarvt, der ich bin», ist sein Leben alles andere als uninteressant gewesen. Das zeigen die jüngsten Biografien von Andreas P. Pittler bei dtv und die Suhrkamp- «BasisBiographie» von Gaby Hartel und Carola Veit.

Bei den Hörbüchern sticht die Werksammlung «Wir sind Zauberer» heraus. Mit prominenten Schauspielern von damals und heute gibt die Zusammenstellung einen runden Überblick über das Schaffen des großen Iren. Zu finden ist unter anderem die einzige veröffentlichte Originalaufnahme, in der Beckett selbst zu hören ist. In einem leicht zugänglichen biografischen O-Ton-Feature von Gaby Hartel spricht Beckett 1987 mit dem amerikanischen Regisseur seines Stücks «Was Wo».

Unbestrittener Höhepunkt ist aber Fritz Kortners «Warten auf Godot»-Inszenierung an den Münchner Kammerspielen aus dem Jahr 1954.
Heinz Rühmann lässt darin als Estragon seine komödiantischen Filmrollen weit hinter sich. Im englischen Original ist Becketts Lieblingsschauspielerin Billie Whitelaw in dem beeindruckenden Hörspiel «All that fall» zu hören. Martin Wuttke liest die lakonischen Gedichte «Trötentöne».

Zwei weitere Meister ihres Fachs interpretieren Becketts frühen, aus dem Jahr 1946 stammenden Kurzroman «Mercier und Camier»: Peter Fitz und Otto Sander sprechen und spielen die beiden Titelhelden - zwei Tramps, die rastlos um die Stadt kreisen und nach einem Ziel suchen. Haben sie sich einmal zu etwas entschlossen, dann lassen sie die vereinbarte Verabredung sicher platzen, vielleicht war es sowieso nicht das richtige Treffen. Beckett selbst soll «Mercier und Camier» als Übungsstück betrachtet haben. Die beiden Rastlosen sind Vorläufer von Wladimir und Estragon aus «Warten auf Godot».

Sander fuhr nach Angaben des Patmos Verlags Anfang der 80er Jahre nach Paris, um mit Beckett über «Mercier und Camier» zu sprechen. Mit der hingekritzelten Genehmigung für die Aufführung kehrte er nach Berlin zurück. Das 1982 für das Schweizer Radio DRS entstandene Hörspiel orientiert sich an der Theaterproduktion aus dem selben Jahr. Fitz und Sander bringen darin wunderbar das zögerliche, abwägende Denken und Handeln der beiden Vagabunden zum Ausdruck.

Ein Klassiker sind die Gesamtaufnahmen der Inszenierungen in Becketts eigener Regie am Berliner Schiller-Theater. 1975 hatte dort «Warten auf Godot» unter anderem mit Horst Bollmann, Stefan Wigger und Carl Raddatz Premiere. Martin Held ist der Solist in Becketts 1970 entstandener Inszenierung «Das letzte Band». Beide Aufnahmen sind bis heute ein großartiges, kraftvolles Hörerlebnis.

Bibliographische Angaben

James und Elisabeth Knowlson (Hg.): Beckett Erinnerungen
Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main
358 S., Euro 22,80
ISBN 3-518-41766-5

Samuel Beckett: Warten auf Godot
Faksimile eines Handexemplars Becketts zur
Inszenierung 1975 am Berliner Schiller-Theater
Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main
115 S., Euro 10,00
ISBN 3-518-12465-X

Therese Fischer-Seidel (Hg.): Der unbekannte Beckett
Samuel Beckett und die deutsche Kultur
Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main
357 S., Euro 11,50
ISBN 3-518-45674-1

Gaby Hartel/Carola Veit: Samuel Beckett - BasisBiographie
Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main
160 S., Euro 7,90
ISBN 3-518-18213-7

Andreas P. Pittler: Samuel Beckett - Porträt
Deutscher Taschenbuch Verlag, München
192 S., Euro 10,00
ISBN 3-423-31082-0

Samuel Beckett: Wir sind Zauberer
Hörspiele, Lesungen, Feature
Der Hörverlag, München
385 Min., Euro 39,95
ISBN 3-89940-802-0

Samuel Beckett: Mercier und Camier
Gelesen von Peter Fitz und Otto Sander
Patmos Verlag, Düsseldorf
89 Min., Euro 14,95
ISBN 3-491-91198-2

Samuel Beckett: Warten auf Godot/Das letzte Band
Gesamtaufnahmen nach Aufführungen des
Schiller-Theaters Berlin in Inszenierungen
des Autors u.a. mit Martin Held, Horst Bollmann,
Stefan Wigger und Carl Raddatz
Deutsche Grammophon Literatur, Berlin
148 Min., Euro 11,49
ISBN 3-93278-406-5

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Bühnenvereins-Präsident Zehelein: Beckett oft falsch zugeordnet

Stuttgart (dpa) - An den deutschen Theatern werden aus Sicht des Präsidenten der Deutschen Bühnenvereins, Klaus Zehelein, im Moment viele Stücke von Samuel Beckett nicht gespielt. «Häufig falsch wurde Beckett dem so genannten "Absurden Theater" zugeordnet», sagte Zehelein in einem dpa-Gespräch. Beckett habe aber «ein klares Weltgefühl artikuliert, das Zeigen einer Stagnation».

Frage: Welche Bedeutung hatte Beckett in den 50ern - also seiner

fruchtbarsten Zeit - für das Theater speziell in Deutschland?

Zehelein: «Mit seiner Arbeit in Deutschland, auch als Regisseur seiner Stücke, ist Beckett in den 1950er Jahren wirklich entdeckt worden, maßgeblich befördert durch Elmar Tophovens Übersetzungen.
Denken Sie allein an seine Aufführungen im Berliner Schiller-Theater oder in den 1960er Jahren an seine filmischen Arbeiten hier in Stuttgart beim damaligen Süddeutschen Rundfunk (SDR).»

Frage: Wie ist es um seine manchmal schwer verdaulichen Werke, die oft eine kaum erkennbare Handlung haben, heute bestellt?

Zehelein: «Häufig falsch wurde Beckett dem so genannten "Absurden Theater" zugeordnet. Ganz anders als Ionesco, geradezu im Gegensatz zu ihm, hat Beckett ein klares Weltgefühl artikuliert, das Zeigen einer Stagnation, das wirklich im Gegensatz zur Euphorie des Wiederaufbaus stand.»

Frage: Wie gehen Theater in Deutschland mit den Stoffen um, und wo steht Beckett in der deutschen Theaterlandschaft?

Zehelein: «Zwei seiner Werke werden oder wurden in Deutschland besonders häufig aufgeführt: "Endspiel" und "Warten auf Godot". Sein Theater ist eines, das gegen den Ausdruck ist, aber sich nur im Ausdruck artikulieren kann. Im Moment werden nicht viele seiner Werke gespielt. Eines, das die Staatsoper Stuttgart in der vergangenen Spielzeit aufgeführt hat, mit der Musik von Morton Feldman, ist "Neither". Mit ihm verweist Beckett auf einen Zustand, der der Gesellschaft heute angemessener ist als Sören Kirkegaards Entweder/Oder.»

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Kassel gedenkt Beckett mit Ausstellung und Theateraufführung

Kassel (dpa/lhe) - Für den irischen Literatur-Nobelpreisträger Samuel Beckett war Kassel bei seinen Deutschlandreisen ein regelmäßiges Ziel. Acht Mal besucht Beckett zwischen 1928 und 1932 in Kassel seine Tante und seinen Onkel und er verliebt sich in seine Kusine Peggy Sinclair. In Kassel findet seine früheste und intensivste Begegnung mit der deutschen Sprache und Kultur statt.
Hier erfährt er seine erste Liebe und deren Bruch - die Heiratspläne mit Peggy zerschlagen sich. Seine Kasseler Erfahrungen hält Beckett in dem autobiografischen Roman «Traum von mehr bis minder schönen Frauen» fest, der erst nach seinem Tod 1993 veröffentlicht wird.

Zum 100. Geburtstag plant die Beckett-Gesellschaft in Kassel zahlreiche Aktivitäten. Vorgesehen sind eine Ringvorlesung an der Universität, Aufführungen des Amateur- und Studententheaters sowie eine Ausstellung im Stadtmuseums. Außerdem werden Stadtspaziergänge «Auf Becketts Spuren in Kassel» organisiert. Unter gleichem Titel soll außerdem noch in diesem Jahr ein Buch veröffentlicht werden.

(Internet: www.beckett-in-kassel.de)

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«Wir alle werden verrückt geboren» - Zitate von Samuel Beckett

Hamburg (dpa) - Der irische Schriftsteller und Nobelpreisträger Samuel Beckett hat sich immer wieder zynisch und pessimistisch zu den verschiedensten Themen geäußert:

ÜBER DIE MENSCHEN

- «Wir alle werden verrückt geboren. Manche bleiben es.»
(Aus: Theaterstück «Warten auf Godot», 1952)

- «Unsere Zeit ist so aufregend, dass man die Menschen eigentlich nur
noch mit Langeweile schockieren kann.»

- «Moralisten sind Menschen, die sich dort kratzen, wo es andere
juckt.»

- «Die Menschen mögen sich noch so fein waschen und noch so fein
parfümieren - sie stinken.»

- «Wenn Frauen nicht mehr wissen, was sie tun sollen, ziehen sie sich
aus, und das ist wahrscheinlich das Beste, was sie tun können.»

ÜBER SICH SELBST UND SEINE ARBEIT

- «Meine Theaterstücke sind nur Spiel. Erst andere haben daraus Ernst
gemacht.»

- «Nichts...außer dem Schreiben, nichts anderes hat die Zeit
gelohnt.»

- «Interviews sind so töricht. Die Presse missversteht mich immerzu,
ich halte mich fern von ihr. Sie fragen mich nach der Aussage
meiner Stücke, aber es gibt keine Aussage. Was ich zu sagen habe,
sagen die Texte. Die Journalisten drehen mir die Worte im Munde
herum und suchen nach verborgenen Lösungen für irgendwelche Rätsel.
Ich habe keine Lösungen. Wenn ich lese, was ich geschrieben haben
soll, verstehe ich kein Wort.»

- «Ich werde immer depressiv sein, aber...ich kann diese dunkle Seite
nun als die bestimmende Seite meiner Person akzeptieren.»

- «Man reist, um zu sehen. Ich reise nur an Ziele, die ich kenne,
denn ich kann nicht sehen. Wenn ich heute reise, fahre ich ins
Ungefähr.»

ÜBER LEBEN UND TOD

- «Ich werde in den Tod geboren, wenn ich so sagen darf...Die Füße
haben die große Scheide der Existenz schon passiert.»
(Aus: Roman «Malone stirbt», 1952)

- «Wir fragen immer nur, ob es ein Leben nach dem Tode gebe. Wir
sollten fragen: gibt es ein Leben nach der Geburt?»

- «Eines Tages wurden wir geboren, eines Tages sterben wir, am selben
Tag, im selben Augenblick, genügt Ihnen das nicht?»
(Aus: «Warten auf Godot», 1953)

- «Welche Meinung wir auch immer über den Tod zu haben belieben, wir
können sicher sein, dass sie bedeutungslos und wertlos ist. Der
Tod hat nicht von uns verlangt, ihm einen Tag freizuhalten.»
(Essay «Proust», 1931)

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