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News-Sonderthema: 

Vergabe des Georg-Büchner-Preises 2010

Berichte, Stimmen und Hintergrundinformationen zur Preisvergabe
 

 
Unsere Beiträge:

Reinhard Jirgl erhält Georg-Büchner-Preis
Jirgl: Einzelgänger und Autor per zweitem Bildungsweg
Georg-Büchner-Preis für Berliner Autor Reinhard Jirgl
Der Georg-Büchner-Preis
Reinhard Jirgl: Ein Blatt Papier ist wie eine Theaterbühne
 

 
 

09.07. Reinhard Jirgl erhält Georg-Büchner-Preis

Berlin/Darmstadt (dpa) - Der 57-jährige Berliner Schriftsteller Reinhard Jirgl erhält den Georg-Büchner-Preis. Das teilte die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung am Freitag in Darmstadt mit. Der mit 40 000 Euro dotierte Preis gilt als wichtigste literarische Auszeichnung in Deutschland.

Jirgl habe in einem Romanwerk «von epischer Fülle und sinnlicher Anschaulichkeit ein eindringliches, oft verstörend suggestives Panorama der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert entfaltet», heißt es in der Begründung. Dabei lasse er die historischen Umbrüche aus unterschiedlichsten Perspektiven alltäglichen Erlebens gegenwärtig werden und mache ­ so zuletzt in den großen Romanen «Die Unvollendeten» und «Die Stille» ­ die Stimmen der Vergessenen und Verschütteten wieder hörbar.

Der Preis wird auf der Herbsttagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung am 23. Oktober in Darmstadt übergeben.

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09.07 Jirgl: Einzelgänger und Autor per zweitem Bildungsweg

Darmstadt/Berlin (dpa) - Der letztjährige Preisträger Walter Kappacher ist gelernter Motorradmechaniker, Reinhard Jirgl Elektromechaniker: Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung hat den Georg-Büchner-Preis erneut an einen Schriftsteller mit ungewöhnlichem Karriereweg vergeben. Der 1953 in Ost-Berlin geborene Jirgl, aufgewachsen bei den Großeltern in der Altmark im heutigen Sachsen-Anhalt, studierte später Elektronik an der Berliner Humboldt- Universität. Allerdings verfasste er schon zu der Zeit Prosaarbeiten.
1978 gab er eine Anstellung als Ingenieur auf, um sich ganz dem Schreiben zu widmen.

Seinen Unterhalt verdiente sich der Sohn zweier Dolmetscher als
Beleuchtungs- und Servicetechniker der Berliner Volksbühne. Das blieb er bis 1996, ehe er sich - nach langen Jahren der Nicht-Beachtung und des Schreibens für die Schublade - als freier Schriftsteller niederließ. In der DDR hatte er keine Chance, zu publizieren. Als er 1985 sein erstes umfangreiches Manuskript «Mutter Vater Roman» beim Aufbau-Verlag Berlin einreichte, wurde ihm eine «nichtmarxistische Geschichtsauffassung» vorgeworfen und die Veröffentlichung verweigert.

Einen Förderer hatte der in der Fachkritik als «extremer Einzelgänger» beschriebene Jirgl in dem Dramatiker und Regisseur Heiner Müller. «Zu genau war Reinhard Jirgls Blick auf die Verhältnisse im Staat, zu drastisch waren seine historischen Vergleiche, als dass er in der DDR hätte publizieren können», heißt es im «Lexikon der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur» (2003). In aller Heimlichkeit schrieb Jirgl weiter. Bis zur Wende lagen sechs fertige Manuskripte vor, ohne dass ein einziges veröffentlicht worden war.

In der Nachwende-Zeit 1990 konnte Jirgls erstes Buch «Mutter Vater Roman» in einem von Gerhard Wolf edierten Literaturprogramm beim Aufbau-Verlag erscheinen. Weitere drei der bereits fertigen Bücher folgten. Die Wende in der öffentlichen Wahrnehmung kam 1993, als Jirgl für das Manuskript seines fünften Romans «Abschied von den Feinden» mit dem Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet wurde und Autor des Carl Hanser Verlags wurde.

«Abschied von den Feinden» wurde bei seinem Erscheinen 1995 als «literarisches Ereignis» vom Feuilleton gefeiert. Es lobte Jirgl als großen epischen Erzähler dieser Zeit, der eine komplizierte Familiengeschichte in die nicht weniger verwickelte Geschichte des geteilten Deutschland hineinschrieb. Zuvor war der sprachmächtige 57- Jährige von Kritikern auch als Nachkomme des Expressionismus oder als Erbe Brechts, Döblins oder Heinrich Manns bezeichnet worden.

Zuletzt erschien das monumentale 533 Seiten langes Epos «Die Stille», für das Jirgl 2009 für den Deutschen Buchpreis nominiert war. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung hebt in ihrer Würdigung auch den Roman «Die Unvollendeten» (2003) heraus. Jirgl erhielt bereits zahlreiche Auszeichnungen: So bekam er etwa 1999 den Josef-Breitbach-Preis, 2003 den Kranichsteiner Literaturpreis, 2006 den Bremer Literaturpreis und 2009 den Lion-Feuchtwanger-Preis. Außerdem war er im Jahr 2007 Stadtschreiber von Bergen-Enkheim und ist seit 2009 Mitglied der Akademie für Sprache und Dichtung.

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09.07. Georg-Büchner-Preis für Berliner Autor Reinhard Jirgl

Das breite Publikum findet die Werke des Autors schwer zu lesen. Doch Kritiker loben Reinhard Jirgls experimentelle Sprache. Nun kann er den Georg-Büchner-Preis seinen zahlreichen Auszeichnungen hinzufügen.

Darmstadt (dpa) - Der Berliner Schriftsteller Reinhard Jirgl (57) bekommt den Georg-Büchner-Preis 2010. Bekannt ist der Autor vor allem für seine experimentelle Sprache. Der in der DDR aufgewachsene Jirgl habe in «einem Romanwerk von epischer Fülle und sinnlicher Anschaulichkeit ein eindringliches, oft verstörend suggestives Panorama der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert entfaltet», begründete die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung am Freitag in Darmstadt ihre Wahl.

Der mit 40 000 Euro dotierte Georg-Büchner-Preis gilt als wichtigste literarische Auszeichnung in Deutschland. Im Vorjahr war Jirgl für seinen jüngsten Roman «Die Stille» für den Deutschen Buchpreis nominiert.

Die Akademie erklärte in ihrer Begründung zur Preisverleihung: «Mit großer erzählerischer Sensibilität und Leidenschaft - geschützt durch den Firnis eines avantgardistischen Schreibgestus» erzähle der gebürtige Ost-Berliner von den Aufbrüchen und Katastrophen, den Kriegen und Vertreibungen, den Zeiten der Teilung und der schwierigen Vereinigung.

Wohl auch wegen seiner Experimentierfreude mit Sprache - in der Tradition etwa von Arno Schmidt - scheute das breite Publikum Jirgl bisher. So verwendet er Ziffern statt Wörtern oder Silben - schreibt etwa «1zige» statt «einzige», «&» oder «u» anstelle von «und», setzt Ausrufungszeichen vor Wörtern und Bindestriche scheinbar wahllos. In seinem Roman «Die Stille» finden sich Sätze wie: «?Hättest du=Anihrerstelle? nicht weinen müssen. Denn son Hochzeit's Tag gilt doch für 1 Frau als Der-Schönste-Tag=im-Le -»

«Er hat den Ruf als schwieriger Autor. Aber wenn man sich einmal auf die Zeichensetzung einlässt, ist sie überhaupt nicht schwer zu verstehen», meint sein langjähriger Lektor Wolfgang Matz (55) vom Münchner Carl Hanser Verlag. «Unter Kritikern, Kollegen und literarischen Lesen gilt er schon viele Jahre als einer der besten.» Jirgl selbst war am Freitag auf einer Lesereise in Niederösterreich unterwegs.

Der Autor erhielt zahlreiche Auszeichnungen: Etwa 1999 den Josef- Breitbach-Preis, 2003 den Kranichsteiner Literaturpreis, 2006 den Bremer Literaturpreis und 2009 den Lion-Feuchtwanger-Preis. Außerdem war er im Jahr 2007 Stadtschreiber von Bergen-Enkheim und ist seit 2009 Mitglied der Akademie für Sprache und Dichtung.

Dabei wurde Jirgl, der bei seinen Großeltern in der Altmark im heutigen Sachsen-Anhalt aufwuchs, erst über Umwege Schriftsteller. Als gelernter Elektromechaniker studierte er Elektronik an der Berliner Humboldt-Universität. Von 1975 an schrieb Jirgl, der zunächst als Ingenieur arbeitete, Prosa und brachte es in der DDR auf sechs unveröffentlichte Bücher, darunter das Manuskript «Mutter Vater Roman». Dieses wurde vom Aufbau-Verlag wegen «nichtmarxistischer Geschichtsauffassung» abgelehnt. Seinen Unterhalt verdiente er sich während dieses Schreibens für die Schublade ab 1978 als Beleuchtungs- und Servicetechniker an der Berliner Volksbühne. Einer seiner Förderer war der Dramatiker und Regisseur Heiner Müller.    

In der Nachwende-Zeit 1990 konnte Jirgls erstes Buch «Mutter Vater Roman» in einem von Gerhard Wolf edierten Literaturprogramm beim Aufbau-Verlag erscheinen. Der Durchbruch gelang ihm 1993, als er für das Manuskript seines fünften Romans «Abschied von den Feinden» den Alfred-Döblin-Preis erhielt, mit Feuilleton-Lob überschüttet und Autor des Hanser Verlags wurde. Dort erscheinen seine Bücher seither.

Seit 1996 ist Jirgl nicht mehr Techniker der Volksbühne, sondern freier Schriftsteller. Neben dem monumentalen, 533 Seiten langen Familienepos «Die Stille» hob die Akademie in ihrer Begründung den Roman «Die Unvollendeten» (2003) hervor. Hanser-Geschäftsführer Michael Krüger sagte: «Reinhard Jirgl ist der krasse Außenseiter der deutschen Literatur - und damit der ideale Büchner-Preisträger.»  Der Preis wird auf der Herbsttagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung am 23. Oktober im Staatstheater Darmstadt übergeben.

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09.07. Der Georg-Büchner-Preis

Darmstadt (dpa) - Der Georg-Büchner-Preis gilt als renommierteste Auszeichnung für deutschsprachige Literatur. Er ist mit 40 000 Euro dotiert und wird seit 1951 jährlich von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt vergeben. Geehrt werden Schriftsteller und Dichter, «die in deutscher Sprache schreiben, durch ihre Arbeiten und Werke in besonderem Maße hervortreten und die an der Gestaltung des gegenwärtigen deutschen Kulturlebens wesentlichen Anteil haben». Namensgeber ist der Dramatiker und Revolutionär Georg Büchner, der 1813 im Großherzogtum Hessen geboren wurde und 1837 in Zürich starb.

Im vergangenen Jahr ging der Georg-Büchner-Preis an den österreichischen Schriftsteller Walter Kappacher. Frühere Preisträger sind neben anderen Friedrich Dürrenmatt, Heinrich Böll, Erich Kästner, Günter Grass, Elfriede Jelinek, Wilhelm Genazino, Brigitte Kronauer und Martin Mosebach.

Der Preis wurde erstmals am 11. August 1923 vom «Volksstaat Hessen» verliehen, damals «an bildende Künstler, an Dichter, an Künstler, an hervorragende ausübende Künstler, Schauspieler und Sänger». 1951 wurde die Auszeichnung in einen Literaturpreis umgewandelt und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung zur Verfügung gestellt.

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12.07. Reinhard Jirgl: Ein Blatt Papier ist wie eine Theaterbühne

Darmstadt (dpa) - Reinhard Jirgl (57) ist der Träger des Georg- Büchner-Preises 2010. Der Berliner Schriftsteller stellt Dinge mit Sprache an, die vielen gewöhnungsbedürftig erscheinen. Ein Satz aus seinem jüngsten Roman «Die Stille» lautet beispielsweise: «?Hättest du=Anihrerstelle? nicht weinen müssen. Denn son Hochzeit's Tag gilt doch für 1 Frau als Der-Schönste-Tag=im-Le -» Im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa gibt Jirgl Erklärungen zu seinem Ziffern- und Zeichensystem, vergleicht eine Seite Papier mit einer Theaterbühne und äußert seine große Freude über die Auszeichnung mit dem renommiertesten Literaturpreis Deutschlands.

Was bedeutet Ihnen der Preis?

Jirgl: «Die Bedeutung ist immer bei jedem Preis zweigeteilt. Zum einen die materielle Seite: Gerade für jemanden, der von dem Verkauf seiner Bücher nicht leben kann, ist das natürlich eine enorme Unterstützung. Das Zweite - das Wesentliche - ist die ideelle Seite: Anhand dieses Preises kann ich erkennen, dass mit meinem Schreiben doch etwas in Ordnung sein muss, vielleicht auch gerade wegen meiner Eigenheiten.»

Sie sprechen die Eigenheiten an. Verschließen Sie sich dem großen Publikum?

Jirgl: «Ich verschließe mich nicht. Ich habe nur festgestellt, dass das große Publikum offenbar nicht willens ist, diese Sachen wahrzunehmen. Dass es da offenbar große Irritationen gibt. Ich hab' das einmal festgestellt anhand des Buches "Die Unvollendeten" - das Buch über die Vertreibungen. Da haben sich viele Leser von dem Thema neugierig machen lassen, haben das gekauft und waren dann sehr irritiert darüber. Im Verlag gibt es Briefe und Anrufe, die beweisen, dass die Menschen mit meiner Methode nichts anzufangen wussten.»

Finden Sie Ihre Sprachkunst nicht schwer verständlich?

Jirgl: «Nein, der Schritt um das zu verstehen, ist relativ simpel. Ich möchte gegen die Legende der Schwierigkeit ein Wort sagen: Es ist nicht schwierig, es ist nur zeitaufwendig. Es ist einfach so, dass Sprache nicht nur ein Instrument ist, um Inhalte zu transportieren. Sprache selbst hat ja auch ein Material und einen Kunstwert. Sprache selbst hat auch eine Geschichte und wenn man die aufbricht, dann sieht man, woher die Buchstaben kommen, was in den Buchstaben stecken könnte - nämlich Körper- und Charaktersignale. Und das sind ja keine Erfindungen von mir. Aber das ist eben eine ungewöhnliche Manier.»

Und wie tragen Sie ihre Sprachkunst bei Lesungen vor?

Jirgl: «Das ist natürlich ein Problem. Das können Sie nicht transportieren. Diese Ziffern- und Zeichenebene, die können Sie einfach nicht laut machen, ohne irgendeinen Blödsinn zu veranstalten. Deswegen sind Lesungen für mich von dieser Seite her immer ein bisschen frustrierend. Also, ich les' die Texte ganz konventionell.»

In welcher Tradition sehen Sie sich?

Jirgl: «Ich suche eigentlich nicht nach Traditionen. Allzu oft hat man mir den Arno Schmidt angehängt. Aber das ist eine sehr oberflächliche Beobachtung. Ich würde mir im Übrigen nicht anmaßen, Schmidt auch nur im entferntesten das Wasser reichen zu können. Es ist einfach nur der Oberflächenreflex, weil der auch mit Ziffern, Zeichen und merkwürdigen Satzkonstruktionen optisch auf der Papierseite etwas gestaltet hat. Auf den zweiten Blick sehen Sie aber, dass das relativ wenig damit zu tun hat. Ich suche nach anderen Methoden, nach anderen Verfahren.»

Nach welchen?

Jirgl: «Es hat mit der Zeit, die im Text steckt, zu tun - also der Figurenzeit oder Handlungszeit - ähnlich wie der Schnitt beim Film. Und es hat mit den Charakter- und den physiologischen Signalen zu tun, die im Buchstaben, in Wortzusammenstellungen, Wortzerreißungen stecken. Es ist einfach die Vorstellung, dass auf einer Seite Papier wie auf einer Theaterbühne dreidimensionale Dinge stattfinden. Da sind Schauspieler und da sind Objekte und die muss ein Regisseur - in dem Fall ich, der Schriftsteller - arrangieren. Wenn man den Schritt einmal getan hat, dass man vom grafischen Zeichen des Buchstabens in die figürliche Ebene tritt, hat man schon viel gewonnen.»

Der Anruf der Akademie hat sie aber schon überrascht, oder nicht?

Jirgl: «Ich war völlig überrascht. In den letzten Jahren habe ich immer wieder von Leuten gehört: "Pass mal auf, du bist der nächste, der den Preis kriegt." Und ich habe immer gesagt: "Pass auf, mein Lieber, dieser Floh ist viel zu groß für meine kleinen Ohren, der passt da nicht rein." Das ist das schlimmste, was es gibt für einen Schriftsteller, auf einen Preis zu warten, den er nie kriegt. Das macht einen sauer. Und das wollte ich mir ersparen. Also habe ich den Preis soweit weggestellt, dass ich jetzt das Problem hab', da wieder ranzukommen, zu begreifen, dass ich ihn wirklich gekriegt hab'.»

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