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News-Sonderthema: 

Georg-Büchner-Preis 2008 an österreichischen Schriftsteller Josef Winkler

Berichte, Hintergründe und Informationen zur Verleihung
 

 
Unsere Beiträge:

Schriftsteller Josef Winkler mit Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet
Stichwort: Der Georg-Büchner-Preis
Georg-Büchner-Preisträger seit 1998
Die Rede des Büchner-Preisträgers Josef Winkler in Auszügen
 

 

Schriftsteller Josef Winkler mit Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet

Darmstadt (dpa) - Der österreichische Schriftsteller Josef Winkler («Roppongi, Requiem für einen Vater») hat am Samstag in Darmstadt den renommierten Georg-Büchner-Preis erhalten. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung verlieh dem 55-Jährigen die bedeutendste deutsche Literaturauszeichnung, weil er «schonungslos und mit unerhörter Radikalität die Katastrophen seiner katholischen Dorf-Kindheit und die seines Ausgesetztseins in einer mörderischen Welt in barock-expressive, rhythmische Prosa von dunkler Schönheit verwandelt hat». Akademie-Präsident Klaus Reichert bezeichnete den vielfach preisgekrönten Winkler als einen «Revolutionär und Ankläger».

Der Preis ist mit 40 000 Euro dotiert. Die Akademie ehrt damit jährlich deutschsprachige Schriftsteller und Dichter, die «durch ihre Arbeiten in besonderem Maße hervortreten und die an der Gestaltung des gegenwärtigen deutschen Kulturlebens wesentlichen Anteil haben».

Mit viel Wut und Kraft schreibt Winkler in seinen Werken über den Tod, seine bedrückende Kindheit im 200-Seelen-Dorf Kamering in Kärnten, in dem es weder Bücher noch Bilder gab, und über die erschreckende Finsternis der katholischen Kirche. Das schwierige Verhältnis zu seinem unnahbaren strengen Vater und zu seiner verstummten schreibt sich Winkler in seinen Büchern von der Seele.

Geschichten sind ihm weniger wichtig als eine musikalische und präzise Sprache, als Form, Stil und Klang. Der Kulturkritiker und Essayist Ulrich Weinzierl sagte in seiner Laudatio: «Herkömmliches, an einer sorgsam gestrickten Handlung orientiertes Erzählen ist Josef Winklers Sache nicht.» Sein Schreiben sei eine «disziplinierte Raserei», das «Luftschöpfen eines vom Ertrinken Bedrohten»: «Derlei schreibt man nicht, weil man eben gerne schreibt [...] Es ist ein innerer Zwang als Antwort auf einen äußeren, es ist reine Notwehr.» Winkler habe sich in die Literatur und durch sie gerettet.

Weinzierl wies den Vorwurf zurück, Winklers Literatur sei «veraltet» und «unzeitgemäß»: «Das angeblich unzeitgemäße der Winklerschen Texte und Themen ist in Wirklichkeit von bestürzender Realität.» Der Tod des Rechtspopulisten Jörg Haider habe bewiesen, dass die Österreicher noch immer Verdrängungskünstler seien. Haider werde posthum geradezu kultisch verehrt. Dass er sich vor seiner Todesfahrt «in einem Klagenfurter Schwulenlokal 1,8 Promille angetrunken hatte», werde radikal ausgeblendet. Hingegen habe Winkler schon in seinem ersten Roman «Menschenkind» 1979 offen mit einer «blut-, sperma- und todgetränkten Sprache kunstvoll» gegen die brutale Unterdrückung der der Norm widersprechenden Liebe zwischen jungen Männern rebelliert.

In seiner Dankesrede schilderte Winkler einschneidende Erfahrungen seines Lebens und betonte, dass das Lesen und Schreiben ihn vor dem Selbstmord bewahrt habe. Mit der Beschreibung seiner frühen Lektüre-Gewohnheiten beleuchtete er auch seinen späteren Schreibstil: «Wenn ich beim Lesen nicht spürte, dass die Sprache ununterbrochen, Satz für Satz, auf die Goldwaage gelegt, Leben und Tod auspendelt, interessierte mich das Buch nicht. Es langweilte mich [...] buchstäblich zutode.» Auslöser seiner Schreibwut sei der Selbstmord zweier Jugendlicher in Kamering gewesen: «...ich wollte mich schreibend dazuhängen zu den beiden Buben, ich war eifersüchtig und hätte am liebsten den einen Toten erschlagen, weil er mich betrogen hatte und nicht mit mir gegangen war, ich konnte nicht leben und nicht sterben, ich musste und konnte nur lesen und schreiben... .»

Seinen ersten Roman »Menschenkind« veröffentlichte der 1953 als Bauernsohn geborene Winkler 1979, es folgten «Der Ackermann aus Kärten» (1980) und «Muttersprache» (1982). Die autobiografische Triologie wurde im Band «Das wilde Kärnten» zusammengefasst. Später reiste er nach Italien, Indien und Mexiko und fasste seine präzisen Beobachtungen in Werken wie «Domra. Am Ufer des Ganges» (1996) oder «Natura Morta. Römische Novelle» (2001) zusammen. Winklers Werk wurde bereits mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Kranichsteiner Literaturpreis (1990), dem Berliner Literaturpreis (1996), dem Alfred-Döblin-Preis (2001) und dem österreichischen Staatspreis (2008).

Im vergangenen Jahr ging der Georg-Büchner-Preis an den Frankfurter Schriftsteller Martin Mosebach. Frühere Preisträger sind unter anderem Friedrich Dürrenmatt, Heinrich Böll, Erich Kästner, Günter Grass, Elfriede Jelinek, Wolfgang Hilbig und Wilhelm Genazino.

Neben dem Büchner-Preis verlieh die Akademie am Samstag zwei mit jeweils 12 500 Euro dotierte Auszeichnungen. Den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa erhielt der Mediziner und Wissenschaftshistoriker Michael Hagner. Mit dem Johann-Heinrich- Merck-Preis für literarische Kritik und Essay wurde der Literaturwissenschaftler Lothar Müller gewürdigt.

(Internet: www.deutscheakademie.de)

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Stichwort: Der Georg-Büchner-Preis

Darmstadt (dpa) - Der Georg-Büchner-Preis gilt als renommierteste Auszeichnung für deutschsprachige Literatur. Er wird seit 1951 jährlich von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt vergeben und ist mit 40 000 Euro dotiert. Mit dem Preis ehrt die Akademie Schriftsteller und Dichter, «die in deutscher Sprache schreiben, durch ihre Arbeiten und Werke in besonderem Maße hervortreten und die an der Gestaltung des gegenwärtigen deutschen Kulturlebens wesentlichen Anteil haben». Namensgeber ist der Dramatiker und Revolutionär Georg Büchner, der 1813 im Großherzogtum Hessen geboren wurde und 1837 in Zürich starb.

Im vergangenen Jahr ging der Georg-Büchner-Preis an den Frankfurter Schriftsteller Martin Mosebach. Frühere Preisträger sind unter anderem Friedrich Dürrenmatt, Heinrich Böll, Erich Kästner, Günter Grass, Elfriede Jelinek, Wilhelm Genazino und Brigitte Kronauer.

Der Preis wurde erstmals am 11. August 1923 vom «Volksstaat Hessen» verliehen, damals «an bildende Künstler, an Dichter, an Künstler, an hervorragende ausübende Künstler, Schauspieler und Sänger». 1951 wurde die Auszeichnung in einen Literaturpreis umgewandelt und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung zur Verfügung gestellt.

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Georg-Büchner-Preisträger seit 1998

Darmstadt (dpa) - Den Georg-Büchner-Preis haben in den vergangenen Jahren folgende Schriftsteller erhalten:

- 2008 Josef Winkler
- 2007 Martin Mosebach
- 2006 Oskar Pastior
- 2005 Brigitte Kronauer
- 2004 Wilhelm Genazino
- 2003 Alexander Kluge
- 2002 Wolfgang Hilbig
- 2001 Friederike Mayröcker
- 2000 Volker Braun
- 1999 Arnold Stadler
- 1998 Elfriede Jelinek

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Die Rede des Büchner-Preisträgers Josef Winkler in Auszügen

Darmstadt (dpa) - Der österreichische Schriftsteller Josef Winkler («Roppongi, Requiem für einen Vater») ist am Samstag in Darmstadt mit dem renommierten Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet worden. dpa dokumentiert Auszüge aus der Rede:

«Als ich im Alter von fünfzehn Jahren in die Handelsschule kam, damals, als noch Schulgeld zu zahlen war und ich täglich mit dem Omnibus von meinem Geburtsort Kamering in die zwanzig Kilometer weit entfernte Stadt Villach fahren musste, verlor ich einmal, bereits an einem Montag, meine Wochenkarte für den Omnibus. Ich hatte nicht den Mut, dem Vater von meiner Ungeschicklichkeit zu erzählen und ihn zu fragen, ob er mir noch einmal 50 Schilling geben könne [...]. An einem Nachmittag, als die Mutter in ihrem zweiten, an die Friedhofsmauer angrenzenden Gemüsegarten arbeitete, Maggikraut und Petersilie schnitt und der Vater mit Traktor und Pflug auf dem Acker unterwegs war, nahm ich aus der Küche den Schlüssel zum elterlichen Schlafzimmer, ging über die sechzehnstufige Stiege, öffnete die Schublade seines Nachttisches und nahm einen Fünfzigschillingschein aus seiner weichen, ledernen schwarzen Brieftasche. Zur Tür gehend, wurde mir schwarz vor Augen, ich wäre beinahe unter dem großen Heiligenbild mit der eine weiße Lilie und das Jesukind haltenden Muttergottes vor den Betten der Eltern zu Boden gefallen. Da ich in der Taschenbuchausgabe der Pest von Camus auf den letzten Seiten Hinweise auf andere, im selben Verlag erschienene Bücher bekam, von denen ich mir vorstellte, dass sie mich auch interessieren könnten, und da ich oft in Villach vor dem Schaufenster der Buchhandlung Pfanzelt stand und weiterhin niemand meinen Diebstahl für die Omnibusfahrkarte bemerkt hatte, versuchte ich es wieder, und ohne dass mir diesmal schwarz wurde vor Augen unter der Muttergottes, nahm ich einen Schein aus seiner Brieftasche und begann, mir Bücher zu kaufen [...]. Jahrelang konnte ich unbemerkt dem Vater Geld stehlen, weit über hundert Bücher standen schließlich auf dem selbst gebastelten Bücherregal im Zimmer, in das ich mich einquartiert hatte und aus dem die Großeltern längst herausgestorben waren, es muss wohl im Laufe dieser drei Jahre soviel Geld gewesen sein, dass sich der Vater mindestens den Stier davon hätte kaufen können, den er allzu gerne vorführte im Hof...

Wiederum ein paar Jahre später [...], als zwei Jugendliche das kreuzförmig gebaute Dorf mit einem drei Meter langen Hanfstrick, mit dem Kälber auf die Welt gezogen wurden, aus der Angel hoben und die Füße der beiden Buben wenige Zentimeter über dem Boden des Pfarrhofstadels pendelten, so dass der Aufschrei der Grabsteine und der manns- und frauengroßen Eisenkruzifixe am anderen Ufer der Drau zu hören war und der Wider- und Gegenhall hinter dem Dorf in das Gehölz des Fichtenwaldes schlug, stieß ich auf die Romane "Notre-Dame-des Fleurs" und auf "Pompes Funèbres" von Jean Genet, auf "Jeden ereilt es" und auf "Die Nacht aus Blei" von Hans Henny Jahnn, Bücher, in denen mir Himmel und Hölle auf zwei nummerierten, nach Druckerschwärze riechenden Seiten zusammengepappt schienen, in denen sich die Engel und Teufel meiner Kindheit aneinanderrieben, und ich schrieb, immer wieder die im Heustadel pendelnden Füße der beiden leblosen Buben vor Augen, Nacht für Nacht ein tausend Seiten langes Tagebuch. Es war noch kein literarischer Ehrgeiz, es waren Wortanfälle, ich wollte mich schreibend dazuhängen zu den beiden Buben, ich war eifersüchtig und hätte am liebsten den einen Toten erschlagen, weil er mich betrogen hatte und nicht mit mir gegangen war, ich konnte nicht leben und nicht sterben, ich musste und konnte nur lesen und schreiben, um nicht von einem tintenbeklecksten Löschpapier aufgesaugt zu werden und hinter meinem eigenen Rücken zu verschwinden für alle Zeiten.»

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