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News-Sonderthema:

150. Geburtstag des Psychoanalytikers Sigmund Freud
(6. Mai)

Unsere Beiträge:

150 Jahre nach Freud halten Psychoanalytiker Religion für unabdingbar
Die wichtigsten Schriften von Sigmund Freud
Experte: Auf Freud berufen sich auch heute fast alle Therapeuten
 

 

150 Jahre nach Freud halten Psychoanalytiker Religion für unabdingbar

Frankfurt/Main (dpa) - Landauf, landab klagen christliche Gemeinden über Kirchenaustritte, Gottesdienste könnten in vielen Orten längst in kleinen Räumen abgehalten werden, die Kirchen scheinen in einer Krise zu stecken. Doch auch wenn sich immer mehr Menschen der Religion scheinbar abwenden, sehen Psychologen keinen Grund zur Beunruhigung. Im Gegenteil: Religiosität werde es immer geben, sie sei ein Grundbedürfnis der Menschheit, meinen sie. Am Wochenende beschäftigten sich im Frankfurter Sigmund-Freud-Institut Wissenschaftler des Arbeitskreises Politische Psychologie zum Freud- Jahr mit dem Thema Religion und Religiosität.

Als der Urvater der Psychoanalyse, Sigmund Freud (1856-1939), seine Betrachtungen zur Religion veröffentlichte, klang das ganz anders. Er ging damals davon aus, dass Religion eine gemeinschaftliche, «kollektive Neurose» sei. «Freud hat Religion als falsche Wunschwelten gesehen, die durch Wissen und Wissenschaft irgendwann überwunden werden», meint der Soziologe des Sigmund-Freud- Instituts Hans-Joachim Busch. «Wir wissen aber inzwischen, dass Religionen weiter lebendig sind und sich an die Bedingungen der späten Moderne angepasst haben.»

Denn auch der aufgeklärte Mensch von heute benötige Religion «als Hilfe, sich in der Welt zurecht zu finden», glaubt Busch. Religion sei keine Illusion, sondern eine Orientierungshilfe. Gleichgültig, welche Entscheidung wir treffen, aus psychoanalytischer Sicht bräuchten wir diese Leitlinien des Handelns. Sie helfen, Krisen zu überwältigen und Entscheidungen zu treffen. Psychologen sprechen hier gerne von einer «Auslagerung von Entscheidungsfragen» durch die Religion. Zugespitzt bedeute dies, «Glaube ist eine verkümmerte Form autonomer (eigener, selbstständiger) Handlungsfähigkeit» und damit ein Zurückfallen in Kindheitsphasen, erklärt Busch. - Wer nicht mehr selbstständig handeln könne, greife auf den Glauben zurück.

Der Frankfurter Theologe und Gruppenanalytiker Hans Bosse geht gar noch einen Schritt weiter. «Religiosität ist das Gefühl, dazugehören zu wollen», sagt der emeritierte Professor der Frankfurter Goethe- Universität. Er spricht von einem «gruppalen Erleben» und meint damit die Sehnsucht des Menschen, mit anderen verbunden sein zu wollen. Dies sei die Ursache allen Strebens nach Religion. Somit könnten auch Erscheinungen wie religiöser Fundamentalismus erklärt werden.

Ebenso wie die zahlreichen Ersatz- und Quasi-Religionen, die in der modernen Gesellschaft einen immer größeren Stellenwert einnehmen. Menschen wollen einfach zu einer Gruppe dazu gehören - gleichgültig, ob dies die im Fitness-Studio gestählten Schönheiten oder sonntäglich Betende seien. Oder der Konzertbesucher. «Wer nicht religiös im herkömmlichen Sinne ist, der setzt sich dann eben mit Kunst und Literatur auseinander», sagt Busch.
 

 

Die wichtigsten Schriften von Sigmund Freud

Hamburg (dpa) - Sigmund Freud (1856-1939) gilt als Begründer der Psychoanalyse. Im Folgenden eine Auswahl seiner wichtigsten Schriften:

- «Studien über Hysterie» (1895). Zusammen mit dem Wiener Arzt Josef Breuer wendet er sich in diesem Werk von bisherigen Behandlungsmethoden ab und begründet die Psychoanalyse.

- «Die Traumdeutung» (1900). In seinem wohl berühmtesten Werk führt er die grundlegenden Begriffe der Psychoanalyse ein und trägt damit zur Entwicklung und Verbreitung der Psychologie bei. Freud betont den Sexualtrieb als größte Antriebskraft des Menschen.

- «Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie» (1905). In den Abhandlungen unterscheidet Freud ein normales und krankhaftes sexuelles Verhalten und spricht bereits dem Kleinkind sexuelle Lust zu.

- «Jenseits des Lustprinzips» (1920). Der Psychoanalytiker führt in diesem Werk den Begriff Wiederholungszwang ein und stellt die Begriffe Todestrieb und Sexualtrieb gegenüber.

- «Massenpsychologie und Ich-Analyse» (1921). Freud beschäftigt sich in diesem Essay mit den psychologischen Mechanismen, die in einer Massenbewegung wirken.

- «Das Ich und das Es» (1923). Die Studie ist die Weiterführung des Dualismus zwischen Todes- und Sexualtrieb. Freud unterscheidet darin drei psychische Instanzen: das Ich, das Über-Ich und das Es. Die unbewussten Impulse des Es stehen dabei den hohen moralischen Vorgaben des Über-Ich gegenüber.

- «Die Zukunft einer Illusion» (1927). Freud geht in dieser religionskritischen Schrift auf die Bedeutung der Religion als kulturbewahrende Institution ein.

- «Das Unbehagen in der Kultur» (1929). Der kulturtheoretische Aufsatz behandelt die Abneigung der Menschen gegenüber ihrer eigenen Kultur.

- «Warum Krieg?» (1933). Der Briefwechsel mit Albert Einstein zeigt Freuds Abneigung zum kriegerischen Patriotismus.
 

 

Experte: Auf Freud berufen sich auch heute fast alle Therapeuten

Wien (dpa) - Alfred Pritz, Präsident des Weltverbandes für Psychotherapie (Wien), hält die Theorien Sigmund Freuds für «brennend aktuell». Auch heute noch beriefen sich fast alle Psychoanalytiker und Therapeuten auf Entdeckungen, die Freud Anfang des 20. Jahrhunderts gemacht habe, sagte Pritz im dpa-Interview «Drei Fragen, drei Antworten». Als einen «Säulenheiligen» will Pritz, Rektor der neuen Sigmund-Freud-Universität für Psychotherapie in Wien, den Vater der Psychoanalyse aber nicht verstanden wissen.

Frage: Welche Rolle spielen Sigmund Freud und seine Lehre in der Psychoanalyse und -therapie heute weltweit?

Pritz: «Da ist einmal die Behandelbarkeit von psychischen Störungen durch Beziehungen. Das akzeptiert heute jeder, aber damals war es eine Errungenschaft. Zweitens die Bedeutung des Unbewussten. Es heißt in verschiedenen Schulen zwar anders, etwa das "Nicht- Bekannte" oder das "Falsch-Gelernte". Die Freudschen Modelle (Ich, Es und Über-Ich) werden von vielen nicht mehr geteilt. Aber die Tatsache, dass wir von vielem bestimmt werden, von uns nicht bekannten Kräften im Seelenleben, das leugnet eigentlich keiner. Freud hat die Basis gelegt für die heutige Entwicklung, und er hat dadurch, dass er auch ein universales Wissen hatte, nicht nur die Therapie beeinflusst, sondern auch die Kunst und die Literatur und die Erziehung. Er hat gesellschaftliche Prozesse erklärt und das Fundament für viele Prozesse gelegt, die heute noch andauern. Wie soll man den Surrealismus verstehen ohne die Psychoanalyse?»

Frage: Ist Freud noch das Fundament für die Psychoanalyse?

Pritz: «Na ja, ich würde Freud jetzt nicht verherrlichen als einen Halbgott oder Gott. Er war ein Empiriker. Er hat auch immer wieder seine Forschungen revidiert. Er war auch in diesem Sinne ein seriöser Forscher. Wenn man ihn in den Status eines Säulenheiligen erhebt, dann tut man sowohl ihm Unrecht als auch der Psychoanalyse. Denn worum wir uns bemühen, ist ja eine wissenschaftliche Grundlage dieser Arbeit, und in dieser Tradition sollte Freud gesehen werden: Als ein wesentlicher Forscher in diesem Sektor im 20. Jahrhundert. Es gab viele Forschungen bereits im 19. und 18. Jahrhundert. Das wird in dieser Diskussion of vergessen. Freud hat vieles davon aufgegriffen und eingebaut in sein Werk. Und auch nach ihm gab es viele, die Wichtiges beigetragen haben.»

Frage: In der Psychoanalyse und -therapie gibt es eine Vielzahl rivalisierender Richtungen. Welche Auswirkungen hat dies für die Zukunft der Therapie?

Pritz: «Natürlich gibt es diese Lager, oder auch Schulen, weil die Welt der Psychotherapie auch etwas mit Weltanschauung zu tun hat. Auch der Weltanschauung der Patienten. Und daher beschäftigen sich Psychotherapeuten der unterschiedlichen Richtungen auch mit ihren Weltanschauungen, mit ihren eigenen Theorien über seelische Gesundheit, Krankheit, Beziehungen. Aber was man früher als Makel empfand, würde ich heute als einen Reichtum definieren. Es gibt nämlich sehr wohl Patienten, die mit unterschiedlichen Methoden unterschiedlicher therapeutischer Schulen besser behandelt werden können als mit einer Einheitsschule. Wir haben zum Beispiel an unserer Universität Vertreter von acht verschiedenen psychotherapeutischen Schulen, hier entwickelt sich ein fruchtbarer Dialog: Wir versuchen, voneinander zu lernen.»

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