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News-Sonderthema:
14.06. Verfolgung machte ihn zum Juden: Friedländer erhält
Friedenspreis
Frankfurt/Main (dpa) - Wie in einem so hoch entwickelten Volk
ein so unfassbar großes Verbrechen geschehen konnte, diese
Frage hat den Historiker Saul Friedländer sein Leben lang
beschäftigt. Der 74- Jährige, der im Herbst den Friedenspreis
des Deutschen Buchhandels erhält, ist einer letzten Zeitzeugen
des Holocaust.
«Saul Friedländer hat den zu Asche verbrannten Menschen
Klage und Schrei gestattet, Gedächtnis und Namen geschenkt.
Er hat den Ermordeten die ihnen geraubte Würde zurückgegeben,
deren Anerkennung die Grundlage des Friedens unter den Menschen
ist», begründete der Börsenverein des Deutschen
Buchhandels in Frankfurt seine am Donnerstag verkündete
Entscheidung.
Ausgerechnet die Verfolgung hat Friedländer zum Juden
gemacht: Er wuchs als Sohn deutschsprachiger Eltern in Prag auf,
die jüdischen Wurzeln seiner Vorfahren waren Geschichte.
Als die Deutschen Prag besetzten, floh die Familie nach Frankreich.
Pavel, wie er damals hieß, überlebte als Paul-Henri
Ferland als getaufter Katholik in einem christlichen Internat.
Zeitweise, wissen die Biografien, wollte er sogar Priester werden.
Seine Eltern starben im Konzentrationslager Auschwitz. Nach Kriegsende
konvertierte Friedländer zum Judentum, aus Pavel wurde Saul,
1948 wanderte er nach Israel aus.
Der Holocaust ist nicht nur sein persönliches, sondern
auch sein berufliches Lebensthema. Nach dem Studium in Tel Aviv
und Paris lehrte er in Genf, Tel Aviv und Los Angeles. Als Quintessenz
seiner wissenschaftlichen Arbeit gilt das zweibändige Werk «Das
Dritte Reich und die Juden», das auf Deutsch 1998 und 2006
veröffentlicht wurde.
darin sammelte er Dokumente, Studien und Analysen, aber auch
persönliche Schicksale, Tagebuchaufzeichnungen, Briefe und
Erinnerungen. Der Börsenverein charakterisiert seine Arbeitsweise
als «dokumentarisch genau, stilsicher und mitleidend».
Friedländer etablierte den Begriff des «Erlösungsantisemitismus» in
der Geschichtswissenschaft. Er meint damit, dass der Judenhass
der Nazis einen pseudoreligiösen Aspekt hatte. Die Nazis,
meint Friedländer, erwarteten von der Ermoderung der Juden
eine Art persönliche Erlösung. Das habe sie so skrupellos
gemacht.
Zu seinen frühen Arbeiten gehört eine Studie über
Papst «Pius XII und das Dritte Reich» (deutsch 1965).
In «Kurt Gerstein oder die Zwiespältigkeit des Guten» (1967)
schildert er einen tief gläubigen christlichen Arzt, der
der SS beitrat, um verdeckt gegen den Holocaust wirken zu können.
In «Wenn die Erinnerung kommt» (Original Paris 1978)
erzählt er von seiner eigenen Kindheit. 1984 kritisierte
er die Instrumentalisierung menschlicher Leiden durch Kommerz
und Medien («Kitsch und Tod»).
Er arbeitet in zahlreichen Kommissionen, unter anderem untersuchte
er die Rolle des Bertelsmann-Konzerns im Dritten Reich. Friedländer
wurde mehrfach ausgezeichnet, so mit dem Preis der Leipziger
Buchmesse (2007), dem Geschwister-Scholl-Preis (1998), dem National
Jewish Book Award (1997) und dem Israel Prize (1983). Er lebt
heute vorrangig in Los Angeles, hat drei Kinder und vier Enkel.
Mit der Entscheidung für Friedländer hat sich der
Börsenverein für einen Preisträger entschieden,
der länger zurückliegende historische Ereignisse bearbeitet.
Der Vorschlag, den Friedenspreis posthum an Anna Politkowskaja
zu verleihen, wurde nicht befolgt. Die Statuten hätten eine
Ehrung nach dem Tod erlaubt. 260 Persönlichkeiten hatten
sich im Februar für die ermordete russische Journalistin
ausgesprochen, darunter der französische Philosoph André Glucksmann,
die Autorin Monika Maron, Historiker Arno Lustiger und Cap-Anamur-
Gründer Rupert Neudeck.
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14.06. NS-Geschichte und Holocaust - Bücher von Saul Friedländer
Frankfurt/Main (dpa) - Bücher von Saul Friedländer,
dem Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels:
- «Den Holocaust beschreiben. Auf dem Weg zu einer integralen
Geschichte», Wallstein-Verlag, Göttingen 2007
- «Das Dritte Reich und die Juden. Die Jahre der Verfolgung
1933-
1939»,
C.H. Beck Verlag, München 1998
- «Das Dritte Reich und die Juden. Die Jahre der Vernichtung
1939-
1945», C.H. Beck Verlag, München 2006
- «Bertelsmann im Dritten Reich», C. Bertelsmann
Verlag, München 2002
- «Wenn die Erinnerung kommt», C.H. Beck Verlag,
München 1991
- «Gebt der Erinnerung Namen», C.H. Beck Verlag,
München 1999
- «Neue politische Geschichte» Wallstein Verlag,
Göttingen 1999
- «Das Judentum im Spiegel seiner kulturellen Umwelten»,
Symposium zu
Ehren von Saul Friedländer, Edition Mnemosyne, Neckargmünd
2002
- «Richard Wagner im Dritten Reich. Ein Schloss Elmau-Symposium»,
C.H. Beck Verlag, München 2000
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14.06. Hintergrund: Friedenspreis des Deutschen Buchhandels
Hamburg (dpa) - Der seit 1950 vergebene Friedenspreis des Deutschen
Buchhandels ist eine der bedeutendsten Auszeichnungen in Deutschland.
Mit dem Preis soll eine Persönlichkeit aus dem In- oder
Ausland geehrt werden, die vor allem auf den Gebieten der Literatur,
Wissenschaft und Kunst zur Verwirklichung des Friedensgedankens
beigetragen hat. Verliehen wird die mit 25 000 Euro dotierte
Auszeichnung jährlich zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse
im Oktober vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels, dem
Dachverband der deutschen Buchbranche. Ort der Preisübergabe
ist die Frankfurter Paulskirche, wo 1848 die für die demokratische
Entwicklung Deutschlands bedeutende Nationalversammlung tagte.
Die Preisträger werden von einem Stiftungsrat mit einfacher
Mehrheit gewählt. Der Rat setzt sich aus Mitgliedern des
Börsenvereins sowie Persönlichkeiten aus Kultur und
Wissenschaft zusammen. Zu den bisherigen Preisträgern gehören
Albert Schweitzer (1951), Hermann Hesse (1955), Astrid Lindgren
(1978), Siegfried Lenz
(1988) und Vaclav Havel (1989).
Um Preisträger hat es wiederholt Auseinandersetzungen
gegeben. So war 1995 das Votum für die Orientalistin Annemarie
Schimmel umstritten, der Kritiker mangelnde Distanz zu fundamentalistischen
Positionen des Islams vorwarfen. Eine Kontroverse löste
1997 Günter Grass aus, als er in seiner Laudatio auf den
türkischen Preisträger Yasar Kemal die deutsche Kurdenpolitik
kritisierte. 1998 entbrannte nach der Rede des Preisträgers
Martin Walser eine monatelange Diskussion über den Umgang
mit der NS-Vergangenheit in Deutschland.
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14.06. Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels
seit 1997
1997 - Yasar Kemal, türkischer Schriftsteller
1998 - Martin Walser, deutscher Schriftsteller
1999 - Fritz Stern, amerikanischer Historiker 2000 - Assia Djebar,
algerische Schriftstellerin und Historikerin
2001 - Jürgen Habermas, deutscher Soziologe und Philosoph
2002 - Chinua Achebe, nigerianischer Schriftsteller
2003 - Susan Sontag, amerikanische Schriftstellerin
2004 - Peter Esterhazy, ungarischer Schriftsteller
2005 - Orhan Pamuk, türkischer Schriftsteller
2006 - Wolf Lepenies, deutsche Soziologe
2007 - Saul Friedländer, israelischer Historiker und Publizist
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