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Glosse:

Vom Abenteuer, in Frankfurt einen Füllfederhalter einzukaufen

Seit vielen Jahren habe ich Freunde in Deutschland, weil meine Mutter als junge Frau, aus Frankfurt kommend, sich in London niedergelassen und mich schon als Kind immer mit nach Deutschland genommen hatte.

Als ich kurz nach Weihnachten in Frankfurt war, fiel mir ein, dass ich schon lange mit den luxuriösen Füllfederhaltern geliebäugelt hatte, die von Mont Blanc und anderen regelmäßig in limitierter Zahl angeboten werden. Ich schreibe gerne mit richtiger Tinte und benutze seit über zwanzig Jahren ein ziemlich bescheidenes Exemplar. Es war also ein ebenso unschuldiger wie, so zeigte sich dann, verwegener Gedanke, mir eines dieser Edelschreibwerkzeuge zulegen zu wollen.

Ich erzählte meinem Freund davon, der mich nach Frankfurt mitnahm. Nachdem wir das Parkhaus an der Kaiserstraße verlassen hatte, fiel ihm ein: „Der Commerzbank gegenüber ist ein Spezialgeschäft für Füllfederhalter und Zubehör. Lass uns dort hingehen!“

Nach drei Minuten Fußweg fanden wir in der Kirchnerstraße tatsächlich die „Schreibschatulle Tinkl“. Das ist ein verheißungsvoller Anfang, dachte ich.

Als wir das Geschäft betreten hatten, erschien ein Herr, wohl Herr Tinkl selbst. Die ausgeleierten Kordhosen und manch anderes sprachen dafür, dass Herr Tinkl wohl vielleicht künstlerisch tätig sei. Wir interessierten uns für ein Modell, das von 1.180 Euro auf, ich glaube, 800 Euro herabgesetzt war. Herr Tinkl tauchte die Spitze in die Tinte, und ich konnte einige Worte schreiben. Auf die Frage, ob denn das Gold auch wirklich Gold sei, bei diesem Preis, lachte er: „Die Ausgabe in Gold kostet etwa 140.000 Euro. Das hier ist nur vergoldet.“ Beschämt darüber, für satte 1.500 deutsche Mark (ich rechne immer noch um) etwas „Echtes“ verlangt zu haben, legte ich den Stift weg. Das alternative Modell von Mont Blanc kostete nur Euro 650,00. Auf meine Frage, ob denn der Chinalack auch wirklich Chinalack sei, sagte Herr Tinkl: „Ja, aber nicht auf Pflanzenbasis!“ (Später erfuhr ich, dass dies die vornehme Beschreibung für teures Plastik mit Chinalack-Look sei.)

Ich begehrte einen Schreibversuch mit diesem Füller, und Herr Tinkl tauchte ihn in das flüssige Schwarz. Erwartungsvoll schrieb ich: „Frankfurt“, zur Ergänzung „am Main“ kam ich aber nicht mehr, der Federhalter schrieb nicht weiter. Tinkl: „Ich hab ihn nur ganz wenig eingetaucht.“

Ich war irritiert, weil ich nicht wusste, ob der Luxus-Pen (nicht auf Pflanzenbasis) vielleicht Schaden nehmen würde, wenn ich mehr als ein Wort schriebe. Tinkl jedenfalls legte den Stift sorgfältig zurück. Mein Freund sagte, wir würden uns das überlegen. Ziemlich überrascht stand ich plötzlich auf der Straße. Ich verstand gar nicht, warum es nicht zum Kauf gekommen war. Ich fragte meinen Freund, ob es in Deutschland nicht üblich sei, dass ein Kunde einen Federhalter ein wenig ausprobiere? „Doch, ich denke, dass dies allgemein üblich ist, damit ein Käufer eine ihm angenehme Feder finden könne – nur möglicherweise in der ‚Schreibschatulle Tinkl’ nicht.“

Wir liefen durch Frankfurt downtown, und es kam mir so vor, als sei die Innenstadt dieser Metropole auf einen Quadratkilometer zusammengepresst. Höchst wirkungsvoll und vorteilhaft, weil man seine Besorgungen komprimiert erledigen kann und keine weiten Strecken zurücklegen muss. Die sieben Sachen, die ich in Frankfurt kaufte, waren in gerade einmal anderthalb Stunden erledigt. In London brauche ich dafür die dreifache Zeit. Schon dafür liebe ich Frankfurt.

Jedenfalls gingen wir auch zu einem weiteren Fachgeschäft für Schreibwerkzeuge mit Namen „Papier Krämer“, unweit der Liebfrauenkirche. Treppen führten uns in das Kellergeschoss, wo die kostbaren Federhalter (nicht auf Pflanzenbasis) in mit Schlössern versehenen Glasvitrinen deponiert waren. Ich fragte die Verkäuferin, ob sie mir etwas zeigen könne. Diese etwas ältere Dame nahm einen Katalog, blätterte darin, ließ mich aber gar nicht hineinschauen, sondern sagte: „Nein, diese Modelle sind nichts für einen Herrn. Zu überladen!“

Schließlich bat ich sie um das Alternativmodell, das Herr Tinkl vermutlich bis heute verwahrt. „Ach ja“, sagte sie, „Scherwantes von MoBlo. Das ist nicht mehr am Lager.“

Ich war verblüfft und fragte nach: „Bekommen Sie den Stift denn wieder herein?“ Die Dame beugte sich leicht über den Ladentisch und hauchte: „Limitiert!“ Und als weitere Erklärung: „Unsere Kundschaft wird weitere Stücke nicht abnehmen, das weiß ich aus Erfahrung. Ich kann den Handelsvertreter aber bitten, ein Stück kommen zu lassen.“ Sie nahm den Telefonhörer in die Hand, um zu wählen.
Ich war wieder verblüfft und störte den Wählvorgang: „Ja, aber muss ich denn das Gerät dann nicht abnehmen, wenn Sie es extra ordern?“
„Selbstverständlich. Wie ich schon sagte, ich werde mir den Federhalter nicht hinlegen.“
Ich hatte es wohl mit der Chefin der Abteilung zu tun und war so ungeschickt gewesen, dies nicht zu bemerken. Jetzt erklärte sich auch, warum ich nicht in den Katalog schauen durfte, denn manche Menschen sind eben zum Führen geboren und andere tun gut daran, sich zu fügen. Jedenfalls fragte ich nochmals, um sicher zu gehen: „Ich kann einen Federhalter für 650 Euro nicht auf Verdacht kaufen. Ich muss ihn doch ausprobieren können, nicht wahr?“
Die Chefin winkte ab, ich müsse doch Verständnis haben, sie bleibe dann, wenn ich das Produkt nicht kaufte, zuletzt darauf sitzen.

Ich dachte bei mir, es muss in Deutschland schon eine besondere Kultur um Füllfederhalter geben. Die Schreibwerkzeuge liegen in Vitrinen, die mit Schlössern und vielleicht sogar mit Panzerglas geschützt sind. Ausprobieren darf man sie nicht. Entweder wird die Tinte verweigert, oder man muss erst kaufen und bezahlen und das auszuprobierende Produkt braucht man dann gar nicht mehr auszuprobieren, denn es gehört einem ja bereits! Vielleicht ist es dasselbe wie mit einem teuren Sportwagen. Anschauen und bezahlen, ja bitte. Probefahren? Da kann ja jeder kommen! Etwas merkwürdig fand ich dann aber doch, dass ein Schreibgerät von Mont Blanc mit dem klangvollen Modellnamen „Cervantes“ limitiert ist, also besonders wertvoll zu sein scheint und unter Sammlern vielleicht sogar eine Wertsteigerung ermöglicht. Etwas, was also so werthaltig und wertbeständig ist, kann doch kein Ladenhüter sein, auf dem das Geschäft sitzen bleibt, dachte ich.
Höflich, aber bestimmt lehnte ich ab, den Stift auf Verdacht zu kaufen. Die Chefin lächelte gelassen und wünschte uns einen guten Tag.

Als wir die Vitrinen voller Meisterwerke der Zunft hinter uns ließen und die Treppen hinaufstiegen, sagte mein Freund: „Das ist unglaublich, ich habe hier für meine Firma schon soviel eingekauft. Ich finde es unerhört und ziemlich unklug, Kunden weggehen zu lassen, die in diesen Zeiten offensichtlich noch Geld ausgeben können! Ich werde mal sehen, ob wir weiterhin bei Papier Krämer kaufen werden.“
Als wir Papier Krämer verlassen wollte, fragte mein Freund noch, ob er die Toilette aufsuchen könnte. Der ältere Herr an der Kasse sagte: „Wir haben keine Kundentoilette“. Mein Freund verwundert und ärgerlich: „Ach so?“ „Aber“, fügte der Mitarbeiter mit listigem Lächeln hinzu, „gehen Sie doch nebenan zu Burger King, die haben ein Klo!“

Wir verließen Papier Krämer, und ich war bestürzt. „Ist das in Deutschland die Bedeutung von Kundendienst? Wenn ich im Kaufhaus von John Lewis in London auch nur 20 Euro (oder Pfund) ausgeben will, werde ich auf Händen getragen und bestens bedient!“ Mein Freund sagte nur, dies sei so und wohl einer der Gründe dafür, warum der Einzelhandel nicht vorankomme, sondern unter der wirtschaftlichen Rezession stark zu leiden habe. Der Dienst am Kunden gehe in Deutschland immer noch sehr oft unter, insbesondere wenn der Verkäufer sich belästigt oder beansprucht fühle, statt seine Arbeit als Dienst aufzufassen, der ihn auch befriedigen und erfüllen könne.
„Dann lass uns einen letzten Versuch im Kaufhof unternehmen“, sagte ich. „Vielleicht versteht man dort etwas mehr vom Verkaufen und davon, mit einem real existierenden Kunden einen Umsatz zu machen.“ Mein Freund wandte ein, dass es im Kaufhof vermutlich die teureren Füllfederhalter nicht gebe, aber es sei zu Fuß nur ein Katzensprung.

Um die Geschichte nun zu Ende zu bringen: Zu unserer Überraschung fanden wir im Kaufhof eine wohl organisierte Abteilung für luxuriöse Schreibgeräte vor und wurden vorzüglich beraten und bedient. Ich durfte testweise mehr als ein Wort schreiben, Modell „Cervantes“ war vorrätig, und ich erhielt während des Gesprächs aufschlussreiche Anmerkungen über die Technik und Kultur der Füllfederhalter. Die junge Frau, sie heißt, wenn ich nicht irre, N. Rödig, hatte sichtlich Fachkenntnis, Interesse und sogar Freude daran, mir zu einem Schreibgerät zu verhelfen. Ich verließ den Kaufhof nach kurzer Zeit mit Meister Cervantes in der Tasche und mit dem glücklichen Gefühl, dass man in Deutschland als Kunde doch kein unwillkommener Störenfried ist.

In der Kaiserstraße liefen wir an der Douglas Parfümerie vorbei. Nach der guten Erfahrung im Kaufhof war ich wieder mutig geworden, und wir betraten zuversichtlich das Geschäft. Ich hatte vor, eine ganze Palette an Duftwässern als Weihnachtsgeschenke zu besorgen, auch weil mir diese billiger erschienen als in London. Statt mich zu bedienen, musterte die ältere weibliche Bedienung allerdings ausgiebig meine Kleidung, angefangen von den Schuhen über den Mantel bis zur Frisur – mich fröstelte, und ich verließ wortlos das Geschäft.

Heute sitze ich zu Hause, blicke auf die Themse, und freue mich über meinen wunderschönen Füllfederhalter. Mir ist klar, ich liebe Frankfurt, aber mein Geld gebe ich doch besser woanders aus.

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