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News-Sonderthema:
Literatur und Fußball WM 2006, Teil
2
Veranstaltungshinsweise, Berichte und Meinungen über die
Verbindung von Literatur und Kultur mit dem Fußball
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Unsere Beiträge:
Abseits des Balls - Kultur während der WM
Kopfzerbrechen über amtliche Namen
Debatte um Nationalhymne zur WM
Kulturveranstaltungen bringen Fans und Muffel zusammen
Poesie-Automat bastelt Fußballlyrik zur WM
Public Viewing, City Dressing - Zur WM wird «Denglish» gesprochen
Ausstellung «Seitenwahl»: Der Ball im
Buch
Verband wirbt zur Fußball-WM für das
Lesen und Schreiben
«Ballazzo»: Kulturzentrum K4 im Zeichen
von König Fußball
... aus der Tiefe des Raumes - Fußball als Lebensweisheit
Broschüre weist
Weg zu WM-Kultur
Fußballfragen: Interviews mit Kulturschaffenden
zu unserem Fußball-Sonderthema,
Teil 1
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18.06. Abseits des Balls - Kultur während der WM
KULTURSCHUSS: Beim Fußball-Turnier des deutsch-niederländischen
Jugendcamps in Hinterzarten (Kreis Breisgau-Hochschwarzwald) wird der
baden-württembergische Kultusminister Helmut Rau (CDU) am kommenden
Sonntag «anstößig». Der Wettbewerb, für
den er den Start übernimmt, sei Höhepunkt des Camps, meinte
Rau. 30 deutsche und 15 holländische Jugendliche im Alter zwischen
16 und 18 Jahren spielen an drei Tagen Fußball und verbringen
gemeinsam die Freizeit unter anderem mit einem Ausflug zum Training
der niederländischen Nationalmannschaft und zum Europa-Park in
Rust.
KULTURGUT FUßBALL: Keinesfalls mit Abseits und Hattrick, sondern mit
dem Fußball als «Kulturgut» will sich der Wissenschaftler
Wolfram Pyta am kommenden Dienstag bei einem Vortrag in Stuttgart auseinander
setzen. In seiner Rede zur «historischen Ursachenforschung über
die atemberaubende Karriere des Fußballsports in Deutschland» sucht
Pyta unter anderem die Gründe, «dass eine ganze Nation wie gebannt
darauf starrt, wie 22 Spieler mit einem Ball auf einem grünen Rasen
umzugehen pflegen».
PEEP-BOX: Mit dem Fotokunstprojekt «Peep in the box» können
sich Fußballfans in Stuttgart bei der WM gemeinsam in Szene setzen.
Bis zum Endspiel am 9. Juli können sich im WM-FAN-Camp und vor dem Rathaus
werden jeweils zwei oder mehrere Menschen in einer schwach beleuchteten schwarzen
Box von außen digital fotografiert. Die Aufnahmen werden im Laptop
verarbeitet, gedruckt und in Form eines Ansteck-Buttons vergeben (www.bilder.youth2006.com).
HEIMSPIEL: Viele niederländische Fußballfans haben vor dem Spiel
ihrer Elf gegen die Elfenbeinküste am Freitag das unweit des Stadions
gelegene Stuttgarter Mercedes-Benz-Museum besucht. «Das ist wie in
Heimspiel», sagte ein Oranje-Fan dem Museums-Sprecher Enrico Müller.
Denn dass das wegen seiner Architektur viel bewunderte neue Museum
vom Amsterdamer Architekten Ben van Berkel entworfen worden ist, hat sich
auch in der Heimat herumgesprochen. Das Museum, das 160 Fahrzeuge präsentiert,
war am 19. Mai eröffnet worden. Erwartet werden eine Million Besucher
im Jahr.
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18.06. Kopfzerbrechen über amtliche Namen: «Ivorer» oder «Elfenbeiner»
Frankfurt/Main (dpa/lhe) - «Ivorer» lautet die korrekte
Bezeichnung für Menschen aus der afrikanischen Elfenbeinküste.
Das Wort sei nämlich vom amtlichen Namen des Landes, «Cote
d'Ivoire», hergeleitet, heißt es in der Duden-Sprachberatung. «Elfenbeinküste» sei
die frühere, im allgemeinen Sprachgebrauch aber immer noch gängige
Bezeichnung. Seit dem Beginn der Fußball-WM erreichen die Duden-Sprachberatung
nach Angaben vom Freitag zahlreiche Anfragen zu den amtlichen Bezeichnungen
von Ländern wie Togo, Elfenbeinküste, Ghana, Trinidad und
Tobago oder Serbien und Montenegro.
Bei Costa Rica, Paraguay und Ghana ist der Fall nach Angaben der Sprach-Berater
noch relativ klar. Amtlich korrekt müsse es heißen «Costa-Ricaner», «Paraguayer» und «Ghanaer».
Schwieriger wird es schon bei Togo: Amtlich ist «Togoer», aber «Togolese» ist
im Deutschen auch möglich. Ganz falsch ist lediglich «Toganer».
Keine amtliche Bezeichnung im Deutschen gibt es für Staatsangehörige
von Trinidad und Tobago sowie Serbien und Montenegro. Offiziell ist in diesen
Fällen nur Umschreibung erlaubt:
«Spieler/Einwohner von Trinidad und Tobago» oder «Spieler/Einwohner
von Serbien und Montenegro». Als Behelfslösungen sind laut Duden-
Sprachberatung Formen wie «Trinidader (und Tobagoer)» oder «Serben
und Montenegriner» erlaubt.
(Internet: www.duden.de/Sprachberatung)
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18.06. WM-Kultur in
Nürnberg: Japanischer Tee zum fränkischen Frühschoppen
Nürnberg (dpa/lby) - Schweigend sitzen fünf Männer
und fünf Frauen auf schwarzen Meditationsmatten. Ab und zu dringen
Fetzen von Fan- Gesängen durch das geschlossene Fenster. Im Nürnberger «Ballazzo» ist
japanischer Tag. Die Meditierenden schnuppern eine halbe Stunde lang
Zen-Übungen. «Wir wollten ein Programm für die Schnittmenge
aus
Fußball- und Kultur-Interessierten», erklärt Projektleiterin
Kiki Schmidt am Tag des Spieles Japan-Kroatien. Schriftsteller Wolfgang
Winkel macht sich indes im Nebenraum laut Gedanken über Fantreue,
Abseitsregeln für Frauen oder Scheidungsraten in WM-Jahren.
Die Stadt Nürnberg bietet begleitend zur Weltmeisterschaft ein umfangreiches
Kulturprogramm, zentraler Anlaufpunkt ist das Kulturzentrum K4 direkt am
Hauptbahnhof. Unter dem WM-Namen «Ballazzo» ist das K4 Haupteinfallschneise
für ankommende Fans, Informationszentrum, Presselounge und eben auch
Kulturtreff. Daher gibt es am Sonntag zum fränkischen Frühschoppen
eine japanische Teezeremonie, ein Meister im Kimono bläst traditionell
Bambusflöte.
«Ich interessiere mich nicht so sehr für Fußball, aber
das finde ich gut», lobt Ulrike Bernd. Die Schwabacherin nutzt öfters
das Kulturprogramm. Jeden Tag spielen Bands der Länder, die in Nürnberg
zu Gast sind, Dauerausstellungen mit ironischem Unterton sind zu sehen und
Kabarett aus Franken, das live für die ausländischen Gäste
zur Stand-Up-Comedy übersetzt wird. Dazwischen liegt eine so genannte
Wohlfühloase, in der die Gesichter für zehn Euro in den gewünschten
Landesfarben geschminkt werden. Notfalls gibt es als Ausgleich zum harten
Sitzen auf Biergarten- oder Stadionbänken eine Rückenmassage.
«Schon am ersten Wochenende waren hier über 5 000 Besucher,
und wir sind ja nur ein kleines Haus», freut sich Kiki Schmidt über
den Kulturhunger von Einheimischen und Gästen. «Alles, was unter
freiem Himmel stattfindet, ist voll besucht», zieht Schmidt Zwischenbilanz.
Bei abendlichen 25 Grad ist der «Kulturbiergarten» zum Renner
geworden. «Angeblich gibt es hier die besten Lichtverhältnisse
für die Sechs-Uhr-Spiele», hat Kiki Schmidt von den Volunteers
gehört.
Weniger gut besucht sind dagegen Konzerte und die tägliche Disco.
Wenige Meter weiter hat sich Sachiko Mochida ein japanisches Mannschaftstrikot
als Minikleid übergezogen. Die 28-Jährige aus Yokohama hört
in der Lorenzkirche andächtig zu, was der Kirchenführer erzählt. «Mich
beeindrucken die alten Gebäude hier und die Kirchen.
Ich will auch das Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände sehen»,
sagt die leidenschaftliche Fußball-Anhängerin.
Ihr Landsmann Akio Lee, Pfarrer aus Kyoto, erklärt Gästen geschnitzte
Altäre und den berühmten Engelsgruß von Veit Stoß.
Als er an diesem Kunstwerk die frühere Theologen-Meinung erläutert,
dass Maria durchs zuhören schwanger wurde, können sich die japanischen
Fans in ihren blauen Trikots ein unterdrücktes Kichern kaum verkneifen.
Sachiko Mochida ist zwar nur eine Woche in Deutschland, aber sie ist begeistert
von der Kultur rund um die WM in Nürnberg.
«Ich würde am liebsten hier wohnen,» lacht sie und läuft
weiter, jetzt will sie erst mal deutsches Essen probieren.
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18.06. Debatte um
Nationalhymne zur WM - Minister kritisieren Gewerkschaft
Hannover (dpa/lni) - In der Debatte um die deutschen Nationalhymne
mitten in der Fußball-WM-Euphorie hat Niedersachsens Kultusminister
Bernd Busemann (CDU) die Haltung der Lehrer-Gewerkschaft GEW kritisiert. «Über
die Aktion der GEW kann ich nur den Kopf schütteln, die GEW bleibt
sich treu und ist fern der Lebenswirklichkeit», sagte Busemann
der dpa am Freitag in Hannover. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft
(GEW) geht gegen die Hymne vor.
In Hessen wurden zur Fußball-WM Broschüren mit «Argumenten
gegen das Deutschlandlied» an die Schulen verschickt. Die GEW kritisierte,
die Hymne transportiere eine Stimmung des Nationalismus und der «deutschen
Leitkultur».
Kultusminister Busemann sagte auch, es sei sinnvoll, wenn an Schulen im
Deutsch- und Musikunterricht die Gelegenheit genutzt werde, über die
Nationalhymne zu diskutieren und «das Singen zu üben». Mit
Blick auf die vielen Fans mit schwenkenden Fahnen sagte der Minister, dies
sei eine «sympathische Form, sich über den Sport mit der eigenen
Identität auseinander zu setzen.
Innenminister Uwe Schünemann (CDU) sagte der dpa, er habe nicht die
Befürchtung, dass durch die Hymne eine Stimmung entstehe, die den Rechtsradikalen
Vorschub leiste. Der Text der Hymne solle unangetastet bleiben. Das «Lied
der Deutschen» wurde 1841 vom Dichter August Heinrich Hoffmann von
Fallersleben (1798-1874) verfasst.
Zu der Verständigung auf das Lied kam es am 2. Mai 1952 in einem offizielle
Briefwechsel zwischen Bundespräsident Theodor Heuss und Bundeskanzler
Konrad Adenauer. Anders als etwa die amerikanische Nationalhymne oder die
französische Marseillaise ist das Deutschlandlied bis heute nicht in
der Verfassung oder per Gesetz verankert. Es gilt aber offiziell auf Grund
der Übereinkunft zwischen Adenauer und Heuss als deutsche Nationalhymne
- seit 1991 allerdings nur mit der dritten Strophe des Texts und der Eingangszeile «Einigkeit
und Recht und Freiheit».
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16.06. Kulturveranstaltungen zum Fußball bringen Fans und Muffel
zusammen
Hannover/Lüneburg/Göttingen (dpa/lni) - Kultur und Fußball
scheinen auf den ersten Blick nicht recht zusammen zu passen.
Anlässlich der Fußball-WM im eigenen Land aber bieten Bühnen
und Museen in Niedersachsen mit großem Erfolg zahlreiche Stücke
und Ausstellungen rund um das Fußballspiel. Die Veranstaltungen
werden sowohl von klassischen Kulturfreunden als auch Fußballfans
besucht, wie eine dpa-Umfrage ergab.
Während der Fußball-WM sind im Schauspielhaus Hannover
auch
Schlager- und Stadiongesänge zu hören. Der Liederabend «Männer
06» von Franz Wittenbrink wird im Foyer des Hauses gezeigt und
ist eingebettet in die Live-Übertragung der WM-Spiele der deutschen
Nationalelf. «Die Auslastung ist sehr gut», sagte eine
Sprecherin.
Mit dem Stück werde nicht nur das sonst klassische Theaterpublikum
erreicht. «Männer 06» beginnt nach dem Abpfiff: Fußballfans
wollen nach einer Heimniederlage im Stadion nicht nach Hause gehen
und singen über Liebe, Frauen und Fußball.
Auf den Spuren des Fußballs wandelt auch das Roemer- und Pelizaeusmuseum
in Hildesheim. Die Ausstellung zeigt die Anfänge des Fußballspiels,
außerdem sind unter anderem alte Dokumente und Vereinsfahnen
aus dem Fundus des Bundesligisten Hannover 96 zu sehen.
«In der Ausstellung sind Fans und Fußballmuffel gleichermaßen
vertreten», sagte Sprecherin Kristina Zappen.
Wegen des Bilderbuchwetters der vergangenen Tage sei der Besucheransturm
aber etwas weniger geworden. Dabei kommen vor allem Familien mit Kindern,
auch Schulklassen zeigen Interesse. Die Ausstellung ist noch nach dem
Ende der WM bis zum 17. September zu sehen.
Im Historischen Museum Hannover zieht eine Ausstellung zur Fußballleidenschaft
in den heimischen vier Wänden vor allem Kinder und Jugendliche
an. «Man kann auch Kickern und Tipp-Kick spielen», erklärte
eine Sprecherin. Aber auch Fußball-Fans aus Mexiko seien ins
Museum gekommen. Zudem hätten sich Fernsehteams aus Südkorea
und China angemeldet.
Das Theater Lüneburg hat zur WM eine Revue unter dem Titel «Alles
Fußball - oder was?» ins Programm seiner Studiobühne
genommen. Darin entdecken zwei zunächst getrennte Fernsehabend-Gruppen
von männlichen
Fußball- und weiblichen «Traumschiff»-Fans nach und
nach, dass die andere schönste Nebensache der Welt gar nicht so
unversöhnlich mit dem runden Leder ist wie zunächst vermutet.
Der Untertitel kündigt das Projekt als «Eine musikalische
Alternative zum Fußballplatz» an, und entsprechend schätzte
Chefdramaturg Kurt-Achim Köweker das Publikum ein: «Das
waren natürlich Leute, die auch mal auf Fußball verzichten
können.» Die Reaktionen seien begeistert gewesen, berichtete
Köweker, schränkte jedoch ein: «An dem Abend war
allerdings auch kein wichtiges Spiel.» Der Erfolg sei jedenfalls
groß genug gewesen, um die Revue in der nächsten Spielzeit
ins reguläre Programm zu nehmen.
Im Deutschen Theater (DT) in Göttingen läuft seit Monaten
mit riesigem Erfolg die Kabarett-Show «Der Ball ist ein Sauhund
- mentales Warmlaufen für die WM». «Es kommen nicht
nur Fußballfans, sondern auch das klassische Kulturpublikum»,
sagte eine DT- Sprecherin. Die Vorstellungen auf der Kellerbühne
seien ständig ausverkauft. Die selbst entwickelte Show mit viel
Musik solle deshalb unter leicht abgewandeltem Titel in der kommenden
Spielzeit weiter gespielt werden.
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13.06 Jedes Tor ein Reim - Poesie-Automat bastelt Fußballlyrik
zur WM
München/Berlin (dpa) - Deutschland startet mit Hurra-Fußball
und einem 4:2-Sieg in die Weltmeisterschaft. Die «Bild»-Zeitung
titelte dazu am Samstag nach dem Eröffnungsspiel in München: «Traumtore!
Aber unsere Abwehr ist ein Alptraum». Nach zwei Toren von Stürmer
Miroslav «Miro» Klose gegen Costa Rica kann man es aber
auch anders
ausdrücken: «Transatlantisches Treffen! Risiko in der Versicherungsarena.
Miro - ein surrealistischer Künstler? Man trinkt den Siegersekt
mit Schuss. Alle Welt schaut auf ein Rechteck. Es weltmeistert!» Ein
Stück Fußballlyrik, wie sie der Poesie-Automat des WM-Kulturprogramms
direkt nach jedem Spiel massenhaft ausspuckt.
Denn solche Verse stammen nicht etwa von professionellen Dichtern,
auch nicht von Spielern, Zuschauern oder Trainern, sie kommen aus einem
Automaten. Dieser Automat, ein Computer mit einer entsprechenden Text-Software, «steht» im
Fußballglobus in Berlin und ist über das Internet von überall
her zu erreichen (http://poesieautomat.zeit.de).
Ursprünglich stammt die Idee für einen Poesie-Automaten
von dem Dichter und Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger. Schon
1974 hatte er die Maschine in einem Aufsatz vorgeschlagen. Und obwohl
Deutschland im selben Jahr Fußballweltmeister wurde, hatte seine
Idee nichts damit zu tun. «Ich bin der totale Fußball-Analphabet»,
bekennt Enzensberger, «ich wollte lediglich eine Art Spielzeug
erfinden - eine Maschine, die beliebig viele Gedichte erfinden kann
und auf einem kleinen mathematischen Modell mit den Gesetzen der Kombinatorik
beruht».
André Heller, Kulturkoordinator der Fußball-Weltmeisterschaft
und langjähriger Freund von Enzensberger, gefiel die Idee und
so wurde sie Teil des offiziellen Kunst- und Kulturprogramms zur WM.
Für jedes der 64 Spiele entstehen mit Hilfe einer Software Gedichte,
theoretisch mehrere Millionen verschiedene. Der Computer greift dabei
auf verschiedene Datenbanken zurück, die von etlichen jungen Kreativen
- Dichtern und Textern - mit Satzteilen und Worten bestückt wurden
und kombiniert diese mit Texteingaben, die das aktuelle Spielgeschehen
reflektieren: Wer hat das entscheidende Tor geschossen, wer die rote
Karte bekommen und welcher Torwart einen Elfmeter gehalten? Die Ereignisse
auf und um den Platz werden so zum Inhalt des Gedichts.
«Wir wollen damit Menschen erreichen, die sich sonst nicht
so mit kulturellen Dingen beschäftigen», sagt Volker Bartsch,
Geschäftsführer der Kulturstiftung des Deutschen Fußball-Bundes
(DFB). Das scheint gelungen: Schon am zweiten WM-Tag seien im Internet
mehr als 20 000 Gedichte und Statements aus dem Automaten abgerufen
worden, im Durchschnitt alle zwei Sekunden eines, verkünden die
Macher des Automaten stolz. Ihre Vision geht allerdings noch einen
Schritt weiter. Die Gedichte sollen die Wahrnehmung der Spiele begleiten,
auf Zugtickets am Bahnhof und Kassenzetteln im Supermarkt sollen die
Deutschen während der Weltmeisterschaft ihr tägliches Gedicht
zum Spiel lesen können.
Wer es individueller mag, geht ins Internet. Einfach das gewünschte
Spiel und die gewünschte Gedichtform eingeben, ein Klick und fertig
ist die Fußballlyrik. «Was dabei herauskommt, ist natürlich
Glückssache», sagt Hans Magnus Enzensberger, «aber
der Automat ist auch ein bisschen als Prüfung gedacht: Wen jemand
nicht besser ist als die Maschine, dann kann er das Dichten eigentlich
bleiben lassen.»
(Internet: http://poesieautomat.zeit.de)
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12.06. Public Viewing, City Dressing - Zur WM wird «Denglish» gesprochen
Berlin (dpa) - Fußball gucken auf Großbildleinwand heißt «Public
Viewing», Flagge hissen «City Dressing». Der Bereich
für die Reichen und Schönen nennt sich «Hospitality
Zone», freiwillige Helfer sind «Volunteers» und der
Hamburger Hauptbahnhof ist seit neuestem die «FIFA Railway Station
Hämbörg». Die Fußball-Weltmeisterschaft ist,
um im Marketingdeutsch zu bleiben, ein «Event». Mancher
Deutsche hat das Großereignis auch zum Anlass genommen, sein
Englisch aufzupolieren, darunter die Polizisten in Leipzig oder rund
1000 Mitarbeiter der Deutschen Bahn.
Zur WM kursieren viele Anglizismen aus der globalen Marketingsprache.
Auf der offiziellen FIFA-Internetseite wird für das «kommerzielle
Incentive-Programm "Hospitality"» geworben. Die Zielgruppe
wird vermutlich verstehen, dass damit noble WM-Angebote für Firmen
gemeint sind. Beim Kartenverkauf («Ticketing») heißt
es «First come, first served», der Wiederverkauf läuft
unter «Resale» beim «Customer Self Service».
Der bayerische Kabarettist Gerhard Polt hätte seine Freude daran,
schließlich hat er einmal über Freizeitaktivitäten
wie «freshair snapping», «mushroom searching» und «televisioning» sinniert.
Der Deutsche Philologenverband sieht die Anglizismen gelassen. Man
habe «schon aufgehört, sich darüber aufzuregen»,
sagt der Bundesvorsitzende Heinz-Peter Meidinger. Nach der WM werde
wieder das «Normalmaß» einkehren.
Für Walter Krämer, den Vorsitzenden des Vereins Deutsche
Sprache, sind die englischen Ausdrücke dagegen ein rotes Tuch. «Die
allermeisten Teilnehmer sprechen kein Englisch», kritisiert er
mit Blick auf WM-Schwergewichte wie Argentinien und Brasilien. «Public
Viewing! Die Franzosen finden das peinlich und sehen uns als Arschkriecher
der USA und Englands», ereifert sich Krämer. Für ihn
haben die Anglizismen zur WM ein «Übermaß» erreicht. «Ich
bin nicht der einzige, dem das aufstößt.»
Die in Berlin lebende amerikanische Kabarettistin Gayle Tufts hat
sich schon über die Durchsagen bei der Bahn gewundert. Erst ein «endloser
Satz» zu den Stopps und den Umsteigemöglichkeiten, «dann
kommt auf Englisch nur ganz knapp "Thank You for riding Deutsche
Bahn". Das klingt gut, aber so wahnsinnig effektiv ist es nicht.» Zur
WM wittert Tufts, die mit der Sprachmischung «Denglish» ihr
Publikum unterhält, ein großes «Sprachchaos».
Marketing-Ausdrücke wie «Public Viewing» oder «City
Dressing» findet sie eher belustigend als informativ. «City
Dressing - das klingt wie eine Salatsoße.»
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09.06. Ausstellung «Seitenwahl»: Der Ball im Buch
Offenbach/Frankfurt (dpa/lhe) - Das Runde muss ins Eckige und der
Ball ins Buch: Großformatige, bunte Erinnerungsbände gehören
zu fast jeder Weltmeisterschaft. Auch 2006 werden, kaum ist das Finale
in Berlin abgepfiffen, die ersten Bücher auf den Markt kommen.
Die Geschichte der WM-Bücher stellt die Doppelausstellung «Seitenwahl» seit
Donnerstag vor. Das «Spielfeld» auf beiden Seiten des Mains
bilden das Klingspor Museum Offenbach und die Deutschen Bibliothek
in Frankfurt. Die rund 300 Exponate zu den 18 bisherigen Weltmeisterschaften
kommen aus eigenen Beständen, sind Leihgaben der FIFA und eines
privaten Sammlers. Für die Präsentation sind sie auf dem
grünen Rasen platziert - hier auf duftendem frischem Heu, dort
auf Kunstrasen.
Die Bände spiegeln den sozialen und gesellschaftlichen Wandel
des Fußballs. Marksteine setzen parallel zu den für Deutschland
besonders wichtigen Turnieren die Ausgaben von 1954, 1966 und 1974.
Vor 1954 war die Zahl der WM-Bücher so klein wie die Beschwernisse
des ersten Turniers 1930 groß waren. Allein 15 Tage Schiffreise
nahmen die vier europäischen Teilnehmer- Mannschaft in Kauf, um überhaupt
in Uruguay zu landen. Davon zeugt ein dürres Bändchen, in
dem sich seitenlang die im Stil der Zeit gehaltenen pathetisch-staatstragenden
Eröffnungs- und Tischreden der Funktionäre nachlesen lassen.
Der in roten Stoff gebundene offizielle Bericht über das olympische
Fußballturnier von 1928 zählt zu den Glanzstücken von «Seitenwahl».
Uruguay wird darin bereits als Weltmeister tituliert, obwohl die erste
WM erst zwei Jahre später ausgetragen wurde - Uruguay siegt tatsächlich.
«Die Wende zum Populären, Weltumspannenden kam mit der
WM 1954 in der Schweiz. Noch vier Jahre vorher erschien im heute so
fußballbegeisterten Brasilien zur Weltmeisterschaft im eigenen
Land kein einziges Buch», erzählt der Leiter des Klingspor
Museums, Stefan Soltek. Angesichts des unerwarteten Titelgewinns der
Herberger-Elf finden die 54er Bücher vor allem in Deutschland
eine begeisterte Leserschaft. Zum ersten Mal gibt es ausführliche
Hintergrundberichte und Bildstrecken, Texte über Städte und
Stadien wechseln mit Spielberichten ab. «Das offizielle Erinnerungswerk
des Schweizer Organisationskomitees ist beispielhaft und Vorbild für
den Aufbau solcher Bücher», ordnet Soltek ein.
Ein Band ohne Zusatzinformationen ist heute aus Marketinggründen
undenkbar. Soltek: «Auch nicht fußball-begeisterte Leser
sollen ja kaufen.» Der Italien-Band 1990 ähnelt eher einem
Reiseführer - erst kommen stimmungsvolle Fotos von Sonne, Strand
und Kirche, Fußball folgt unter ferner liefen. Einen Kontrapunkt
bilden Publikationen aus DDR-Verlagen. Sie setzen opulent ausgestatteten
westlichen Werken kritische Aufsätze über soziale Probleme
der Gastgeberländer entgegen. Fast symbolhaft in schwarz-weiß.
Nach England 1966 brachten West-Verlage kräftig Farbe ins Buch.
Bände von 1974 zeigen Fotos auf großformatigen Doppelseiten. «Der
Einfluss des Fernsehens wird deutlich sichtbar», erläutert
Museumsleiter Soltek. Leistungsfähige Kameraobjektive bringen
die Spieler nicht nur großformatig auf den Bildschirm, sondern
als intensive Nahaufnahme auch aufs Papier. Genau darin liegt für
Soltek die Faszination der Kompendien: «Wenn wir sie in die Hand
nehmen, holen wir uns die Erinnerung an Miterlebtes zurück. Wir
erleben die guten wie schlechten Gefühle solcher Momente jedes
Mal neu.» In der Rückbesinnung kommt «Seitenwahl» nicht
ohne Torwand aus: In fotografischen Einzelaufnahmen kann jeder Fan
das umstrittene Wembley-Tor nachvollziehen: Drin oder nicht? Nach der
bisherigen Entwicklung dürfen die Leser zur WM 2006 Ball-Bücher
mit vielen Bildern und wenig Text erwarten.
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09.06. Verband wirbt zur Fußball-WM
für das Lesen und Schreiben
Gelsenkirchen (dpa/lnw) - Angesichts von mehr als vier Millionen Analphabeten
in Deutschland will der Bundesverband Alphabetisierung während
der Fußball-WM in den Spielorten für das Lesen und Schreiben
werben. Erstmals macht das Projekt «FAN» am Freitag in
Gelsenkirchen Station, wo etwa 13 000 Erwachsene nicht richtig
lesen und schreiben könnten, wie der Verband am Donnerstag in
Münster mitteilte. Zu den Unterstützern zählten der
FC Schalke 04 und DFB-Teammanager Oliver Bierhoff. Die nächsten
Stationen sind Dortmund und Köln.
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09.06. «Ballazzo»: Kulturzentrum
K4 ganz im Zeichen von König Fußball
Nürnberg (dpa/lby) - Das Nürnberger Kulturzentrum K4 präsentiert
sich während der Fußball-WM als «Ballazzo».
Bis zum Finale am 9. Juli sorgt eine breite Palette aus Kabarett, Theater,
Literatur, Kunst, Kino und Musik «für manchmal augenzwinkernde,
aber auch ernsthafte kulturelle Ablenkung» zwischen den Spielen.
Im idyllischen Biergarten mit Nürnberger Altstadt-Flair werden
alle Partien live übertragen.
Davor, dazwischen und danach solle ein vielfältiges Kulturprogramm
rund um König Fußball zum Mitfiebern, Weiterdenken und Entspannen
anregen, sagte Kulturreferentin Julia Lehner bei der Eröffnung
am Donnerstag.
Vor dem Anpfiff trug eine Marching Band das «runde Leder» durch
die Altstadt zum K4 am Hauptbahnhof. Der anschließende Festakt lieferte
Kostproben aus dem «Ballazzo»-Programm der kommenden viereinhalb
Wochen mit Filmen, Lesungen, fetziger Musik, DJing, Wellness und einer ausgefallenen
Sportmodenschau. «Von 9.00 Uhr bis in den frühen Morgen können
sie hier täglich schmökern, aktuelle und verpasste Spiele anschauen,
frühstücken, Mittagessen, vespern, einen Cocktail schlürfen,
tanzen, debattieren, Filme gucken, sich amüsieren, lachen, schimpfen
und sich verwöhnen lassen», beschrieb Lehner das Angebot.
Bereits mittags liefert die Deutsche Akademie für Fußball-Kultur «literarische
Steilvorlagen» zu den Tagespaarungen. Nachmittags und spätabends
sind im Filmhaus großes Kino aus den 13 WM-Jahren seit
1954 und Kurzfilme zum Thema Fußballfieber zu sehen. Auf die Abendspiele
stimmen Kabarettisten wie Lizzy Aumeier, Mac Härder, Birgit Süß und
Oliver Tissot sowie das «WM-Kompetenz-Team» des Staatstheaters
ein. Zu den jeweiligen Spielen im Franken-Stadion präsentiert der WorldMusicCup
musikalische Leckerbissen aus Mexiko, Iran, Trinidad und Tobago, Ghana, Serbien,
Argentinen und dem nächsten WM-Gastgeber-Land Südafrika.
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09.06. Die Hand Gottes
aus der Tiefe des Raumes - Fußball
als Lebensweisheit
Berlin (dpa) - Aus Bibel und «Faust» stammen die geläufigsten
Zitate deutscher Sprache. Sie bieten Orientierung und Lebenshilfe.
Doch auch der Volkssport Fußball verbreitet mit ähnlicher
Kraft ewige Weisheiten. Günter Netzer kam «aus der Tiefe
des Raumes» und Jürgen Klinsmann sollte jetzt vielleicht
diesen Spruch beherzigen: «Hinten dicht, und vorne hilft der
liebe Gott». Kirchenmänner haben sogar auf der Kanzel über
Maradonas «Hand Gottes» gepredigt. Für Fußballfans
hat die Wahrheit aber nur einen Ort: «Auf'm Platz».
Ur-Vater der Fußball-Sprüche war Sepp Herberger. «Der
Ball ist rund», antwortete der Nationaltrainer verschmitzt auf
das 3:8- Desaster gegen Ungarn bei der Weltmeisterschaft 1954 in der
Schweiz.
Danach offenbarte der 3:2-Finalsieg für Deutschland die ganze
tiefe Bedeutung des Herberger-Satzes: Im Fußball ist alles im
Fluss. Bis dann eine sich überschlagende Rundfunk-Stimme aus dem Äther
rief:
«Aus, aus, aus, das Spiel ist aus.» Kaum ein anderer Satz
dürfte in diesem WM-Jahr häufiger im Radio und Fernsehen
zu hören und in Zeitungen zu lesen sein. Selbst Kabarettisten
kupferten den Ausrufe- Satz von Herbert Zimmermann zum Ende der Ära
von Gerhard Schröder ab.
Auch Herberger hatte überwiegend recht. «Das nächste
Spiel ist immer das schwerste», sagte er stets treffsicher voraus.
Mit dieser Weisheit irrte der alte Fuchs: «Ein Spiel dauert 90
Minuten.» Nicht nur der FC Bayern weiß seit dem 1:2-Drama
im Champions-League-Finale gegen Manchester United, dass bis zur 94.
Minute auch noch alles ganz anders kommen kann.
Viele banale, schlaue, aber auch ironische und manche kaum verständlichen
Fußballer-Sprüche haben Eingang in die Alltagssprache gefunden. «Zuerst
hatten wir kein Glück, und dann kam auch noch Pech dazu»,
lässt sich für jede Lebenslage verwenden. Manches klingt
aber auch gaga: «Mailand oder Madrid, Hauptsache Italien» oder
die Forderung eines Spielers in Vertragsverhandlungen mit seinem Verein «Ich
möchte lieber ein Viertel als ein Drittel verdienen», sind
eher abschreckende Beispiele.
In jedem Fall war das gern genutzte TV-Phrasenschwein für die
Strafgebühren bei den schlimmsten Fußball-Floskeln schon
immer prall gefüllt. Da ist «Die Ecke, die nichts einbrachte»,
die «linke Klebe» von Lothar Emmerich, das typische Pokalspiel,
das seine «eigenen Gesetze» hat, der Elfmeter, der erst
ist, «wenn der Schiedsrichter pfeift», und, völlig
unbegreiflich, da das Tor ja überall harmonische Rechtwinkligkeit
aufweist, der Eckball «auf den kurzen und den langen Pfosten».
Dann sind da noch die Leute «mit Pferdelunge», die «Wasserträger»,
die «Wadenbeißer», die «elf Freunde»,
die sie längst nicht mehr sind und natürlich «die Deutschen,
die am Ende immer gewinnen», falls sich der englische Ex-Stürmer
Gary Lineker da diesmal nicht irrt. Ein anderer Brite, Bill Shankley,
setzte das unumstößliche Fußball-Zitat in die Welt: «Manche
Leute halten Fußball für eine Sache von Leben und Tod. Ich
bin von dieser Einstellung sehr enttäuscht. Ich kann Ihnen versichern,
es ist sehr viel wichtiger als das.»
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08.06 Der Fan lebt nicht
vom Ball allein - Broschüre weist Weg zu WM-Kultur
Düsseldorf (dpa/lnw) - Der Fan lebt nicht vom Ball allein: Auch
ein ebenso hochkarätiges wie facettenreiches Kulturprogramm bieten
Bühnen und Museen, Veranstaltungshäuser und Marktplätze
während der Fußball-WM in Nordrhein-Westfalen. Eine gerade
erschiene Broschüre, die in den nächsten Wochen mit 1,3 Millionen
Exemplaren auf Deutsch und Englisch unters Fan-Volk gebracht wird,
weist als offizieller WM- Guide des Landes NRW nicht nur den Weg zu
Spielstätten, Bahnhöfen und allerlei Wissens- und Sehenswertem
zwischen Rhein und Weser.
Die 120 Seiten im praktischen Taschenformat sind ebenso ein Kulturkompass
für den, der in der spielfreien Zeit zwischen dem Brauerei-Museum
in Dortmund und der spektakulären Gemäldeschau des Romantikers
Caspar David Friedrich in Essen, zwischen den Jazz Nights in Köln
und archäologischen Schätzen Chinas in Bonn auf Entdeckungsreise
zu kulturell «Hochkarätigem» gehen will. Schließlich
soll die WM nicht nur für die erwartete eine Million Gäste
aus aller Welt, sondern für das ganze Bundesland «zu einem
stimmungsvollen Fest werden», lädt Landessport- und Innenminister
Ingo Wolf (FDP) ein:
«Feiern Sie mit!».
Selbstverständlich wurde darauf geachtet, dass die kulturellen
Top-Acts nicht am Ende dem Runden Leder die Schau stehlen und für
jeden Geschmack etwas dabei ist, beschreibt der im Innenministerium
zuständige Leiter der Projektgruppe WM 2006, Peter Landmann, die
richtige Mischung. Und selbstverständlich stehen die «wortlosen» Künste
wie Musik oder Ausstellungen angesichts vieler Fremdsprachler dabei
im Mittelpunkt, sagt Landmann, dessen Team es verstanden hat, die sonst
traditionell konkurrierenden, selbstbewussten NRW-Kommunen mit ihren
Kultureinrichtungen an einen Programm-Tisch zu bringen.
Wem die 46 Bands aus 32 Ländern als reisender Rahmen der Public-
Viewing-Wände zu lärmig sind, wer möglicherweise den
Ball-Rausch des lieben Mitbewohners nicht mehr erträgt, den lockt
das Kunstprojekt «DormArt» nach Dortmund, wo je eine von
elf Künstlern geschaffene Rauminstallation zur Übernachtung
gemietet werden kann (ÜF plus Bettzeug 95.- Euro). Erste Anmeldungen
lägen schon vor, so «von einem kunstsinnigen Mann, dessen
Frau viel Fußball schaut», sagten die Organisatoren. Hunderttausende
wirkliche Nachtschwärmer erwartet am 17. Juni die Nacht der Industriekultur
an 38 Orten im Revier mit Tanz und Party.
Die Fußball-WM für ausgesprochene Genießer mit Großleinwand
und Melodien von Mozart bis Bossa-Nova bieten die Städte Essen
zum zweiten Halbfinale am 5. Juli, Hamm beim Spiel um den 3. Platz
am 8.
Juli und Wuppertal zum großen Finale am 9. Juli an. Auch «für
gepflegte Getränke und schmackhafte Speisen zu moderaten Preisen» sei
gesorgt. Den erstklassigen Musikgenuss garantiert an allen drei Orten
der prominente Pianist und Mozart-Interpret Matthias Kirschnereit,
der zu den fußballerischen Top-Terminen in die Tasten greifen
will.
Andrang herrscht sicher auf dem Schlossplatz Siegen, wo Stargeiger
und Fußballfan Nigel Kennedy am 7. Juli seine Europatournee startet.
Die WM des Theatersports gastiert an drei Tagen in Dortmund: Hier treffen
sich die Meister des internationalen Improvisationstheaters, die auf
Zuruf der Zuschauer etwa einen verschossenen Elfmeter im Endspiel in
ein Drama im Stile Shakespeares verwandeln können. Wohl entschieden
esoterischer dürfte ein Dichtertreffen im Mülheimer Theater
werden: Hier lesen 32 Autoren aus dem WM-Teilnehmerländern erstmals
in der Literaturgeschichte in jeweils ihrer Sprache Samuel Beckett
- natürlich das Drama «Endspiel».
(Internet: www.wm2006.nrw.de)
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09.06. Interviews mit Kulturschaffenden zum Thema Fußball
Drei Fragen an MICHAEL KNOCHE,
Direktor der Herzogin Anna Amalia Bibliothek Weimar und begeisterter
Freizeitfußballer
Weimar (dpa/th) -
Was erwarten Sie von der WM 2006?
Knoche: «Nationale Gefühlsaufwallungen, Randale auf den
Straßen, aber
auch: die Offenbarung einer neuen Spielkultur durch die afrikanischen
WM-Teilnehmer.»
Was sind Ihre stärksten Erinnerungen an die
bisherigen WM-Turniere?
Knoche: «An die Tage der WM 1958 erinnere ich mich gut. Damals
war ich Helmut Rahn - als siebenjähriger Dreikäsehoch auf
einem Bolzplatz am Rhein. Helmut Rahn, Rechtsaußen bei Rot-Weiß Essen,
war unser großes Idol.»
Wer hat diesmal die größten Chancen?
Knoche: «Polen. Die polnische Mannschaft ist mein Geheimfavorit.
Das verlorene Testspiel vor wenigen Tagen war nur Bluff.»
Drei Fragen an WALTER JENS,
Literaturwissenschaftler, Schriftsteller und Fußballfan
Tübingen (dpa/lsw) -
Was erwarten Sie von der WM 2006? «Es kann ein sehr freundliches Event werden mit einer Reihe
von interessanten Mannschaften. Ich werde auch zu einem Spiel gehen
und mir in Stuttgart Frankreich gegen die Schweiz ansehen. Was ich
mir vor allem von dieser WM erhoffe sind souveräne und faire Verlierer,
also keine Maradonnas mit "Gottes Hand", also Mannschaften,
die mit Fair Play verlieren können. "Lernt mit Würde
zu verlieren"» ist vielleicht die größte sportliche
Leistung. Und vor
allem: Das Spielerische muss im Vordergrund stehen, so dass man sagen
kann: "Mein Gott, haben die gut gespielt!»
Was sind Ihre stärksten Erinnerungen an bisherige WM-Turniere? «Das Jahrhundertspiel zwischen Italien und Deutschland bei
der WM 1970 in Mexiko, das Italien 4:3 erst in der Verlängerung
gewann, Brasilien siegte im Endspiel gegen Italien 4:1. Das skandalöseste
Spiel ist für mich das 1:0 Deutschlands gegen Österreich
bei der WM
1982 in Spanien gewesen, als beiden Mannschaften das Ergebnis zum Weiterkommen
reichte und die Kicker über weite Strecken kaum noch spielten
und nur noch den Ball hin und her bewegten. Beim berühmten Endspiel
in Bern 1954 waren mir die anschließenden nationalen Emphasen
mit dem Singen der ersten Strophe des Deutschlandliedes ("Deutschland,
Deutschland über alles") zuwider.»
Wer hat diesmal die größten Chancen? «Natürlich zunächst einmal die bekannten Größen
mit Brasilien an der Spitze sowie Italien, England und Deutschland,
mit einem kleinen Vorsprung für Brasilien. Aber es ist alles offen,
auch für Deutschland natürlich. Wir haben ja aus dem letzten
Spiel gegen Italien gelernt. Die Hintermannschaft muss wesentlich evaluiert
werden. Und mit Stürmern wie Klose und Podolski kann sich einiges
ergeben. Ich denke, dass sie die Vorrunde überstehen werden, danach
kann es aber schon sehr leicht bergab gehen, man soll die Fans oder
den Heimvorteil nicht überschätzen. Es kann aber auch ganz
große Überraschungen bei dieser WM geben, manchmal wird
im Fußball ja alles auf den Kopf gestellt, und es kommt eine
Mannschaft, mit der niemand gerechnet hat, die bravourös auftrumpft.»
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