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Grass feiert 80. Geburtstag - das «wunderbare Ereignis»
Göttingen (dpa/lni) - Das könne doch nicht sein. Sie sei extra nach Göttingen gekommen. Und nun sei die Veranstaltung mit Günter Grass ausverkauft. Die ältere Dame, die am Samstagvormittag an der Verkaufsstelle im historischen Rathaus vergeblich nach Karten für die offizielle Feier zum 80. Geburtstag des Literatur-Nobelpreisträgers angestanden hatte, war untröstlich. Ob ihr die Feier gefallen hätte, ist Spekulation. Grass selbst jedenfalls war zufrieden. Mit 80 Jahren sei er wieder in der Lage, «sich kindlich zu freuen», auch über das «wunderbare Ereignis» in Göttingen.
Wie schon zu seinem 75. Geburtstag hatte der Autor auch zum 80. die südniedersächsische Universitätsstadt als Ort der offiziellen Feier gewählt. Hauptgrund dürfte sein, dass der Steidl-Verlag, zu dem Grass 1993 mit seinem gesamten Werk gewechselt war, in Göttingen residiert.
Wie schon das vergleichsweise kleine Deutsche Theater vor fünf Jahren war diesmal auch die weitaus größere Lokhalle ausverkauft. Neben mehreren Hundert geladenen Gästen waren an die 2000 zahlende Besucher erschienen.
Gemeinsam mit der Stadt, dem NDR, der die Feier im Hörfunk übertrug und für das Fernsehen aufzeichnete, hatte Verleger Gerhard Steidl viele Weggefährten des Nobelpreisträgers als Mitstreiter gewonnen. Die Künstler gestalteten das von der ARD-Tagesthemen-Frau Caren Miosga moderierte Programm.
Jazz-Schlagzeuger Günter «Baby» Sommer, der viele Lesungen seines Freundes Grass musikalisch begleitet hat, gab noch einmal alles auf seiner 20 Jahre alten Blechtrommel. Anschließend vermachte er Grass das Instrument als Geburtstagsgeschenk. Regisseur Volker Schlöndorf und David Bennent, der in der Verfilmung der «Blechtrommel» den Oskar gespielt hatte, erinnerten an den größten literarischen Erfolg des Jubilars.
Von der Verlegerin Inge Feltrinelli erfuhr das Publikum, Grass sei in Krisenzeiten «ein sehr behutsamer, feinfühliger Freund» gewesen. Und Klaus Staeck, Grafiker und Präsident der Akademie der Künste Berlin, würdigte den «streitbaren Demokraten» Grass.
Der Schriftsteller habe die Politik nicht den so genannten Experten überlassen, sondern sich eingemischt», sagte Staeck. Auch habe er sich solidarisch «für bedrängte Kollegen in aller Welt» eingesetzt. Zudem erinnerte der Akademie-Präsident daran, dass Grass zu den Künstlern gehörte, die der damalige Kanzler Gerhard Schröder im Januar 2003 um Rat fragte, ob Deutschland sich am Irak-Krieg beteiligen solle oder nicht. Das Ergebnis sei bekannt. Schröder - wie früher von mehreren Leibwächtern begleitet - war in Göttingen ebenso Ehrengast wie Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse.
Grass selbst dankte in seinem Schlusswort allen, die an der Verbreitung seines Werkes beteiligt sind: Von Verlegern, Übersetzern und Lektoren, über PR-Fachleute, Drucker und Schriftsetzer bis hin zu Fahrern und Lageristen. Schriftsteller seien eben nicht nur Autoren und Urheber, sagte der Nobelpreisträger. «Sie sind auch Arbeitgeber». Und «das erfüllt mich mit Freude». Nach 95 Minuten war alles vorbei. Das Publikum stand auf und applaudierte höflich.
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Schlöndorff: «Grass sehr sensibler und sehr treuer Freund»
Berlin (dpa) - Der Regisseur der oscarprämierten «Blechtrommel»- Verfilmung, Volker Schlöndorff, hat den Schriftsteller Günter Grass als einen «sehr sensiblen und sehr treuen Freund über 30 Jahre» gewürdigt. Im «Morgenmagazin» des ZDF äußerte sich der 68-jährige Schlöndorff am Dienstag über seine Zusammenarbeit und Freundschaft mit dem Literaturnobelpreisträger, der an diesem Dienstag seinen 80. Geburtstag feiert. Grass habe auf der ganzen Welt viele Freunde und sei auch «eine ganz andere Person, als die, die er so polternd in der Öffentlichkeit gibt».
Grass sei «manchmal nicht leicht im Umgang» und mit seiner Künstlernatur verstehe er es auch, «sich zu verschanzen und abzusichern». Das erkläre auch, «warum er gewisse Geheimnisse - und ich weiß ja nicht, welche noch - für sich behalten hat». Auf die für viele überraschende Entdeckung der früheren Zugehörigkeit zur Waffen- SS des 17-jährigen Grass am Ende des Krieges angesprochen meinte Schlöndorff: «Natürlich war ich von den Socken, als ich das gelesen habe...Ich habe gedacht, hier ist dieses Denkmal Günter Grass und in diesem Denkmal ist der kleine Oskar Matzerath und der hat jetzt einen Sprengsatz gelegt, damit das Monument explodiert oder endlich runter vom Sockel ist und wieder als normaler Mensch auftreten kann.»
Stark beeindruckt war Schlöndorff von den Wohn- und Lebensverhältnissen des Schriftstellers in seinem Geburtsort Danzig, die er bei der Vorarbeit für die Verfilmung der «Blechtrommel» erkundet hatte. «Als ich in diesen Hausflur kam, in dieses enge Mietshaus mit der kleinen Wohnung und dem Plumpsklo auf dem Flur, hat es mich überwältigt. Ich konnte es nicht glauben, dass aus dieser Enge dieses Riesenwerk entstanden ist.»
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Reich-Ranicki: Grass ist der bedeutendste deutsche Autor
Frankfurt/Main (dpa) - Für den Literaturkritiker Marcel Reich- Ranicki ist Günter Grass «nachwievor der bedeutendste deutsche Schriftsteller» der Gegenwart, auch wenn er wie die meisten Autoren «Werke von sehr unterschiedlicher Qualität» geschrieben hat. «Ich schätze seine Erzählungen», sagte Reich-Ranicki in einem dpa-Gespräch zum 80. Geburtstag des Nobelpreisträgers und verwies auf «Katz und Maus» (1961), «Das Treffen in Telgte» (1979) und «Im Krebsgang» (2002). Überdies sei Grass «ein unterschätzter Lyriker». Gedichtbände wie «Ausgefragt» (1967) oder «Letzte Tänze» (2003) seien wichtige Publikationen der deutschen Lyrik.
«Was von Grass bleiben wird, ist sehr schwer zu sagen, eher die Erzählungen als die Romane, die von sehr unterschiedlicher Bedeutung sind», meinte Reich-Ranicki. «"Die Blechtrommel" (1959) enthält großartige Kapitel, aber die "Hundejahre" (1963) sind nicht ganz gelungen und sein später Roman "Ein weites Feld" (1995) ist total missraten.» Andere Romane seien inzwischen schon vergessen. Er wünsche Grass, dass ihm eine neue Erzählung gelinge, sagte der 87- jährige Kritiker und fügte hinzu: «Das ist sehr gut möglich und wir brauchen diese Erzählung.»
Reich-Ranicki betonte, sich über das späte Eingeständnis von Grass, Ende des Krieges als 17-Jähriger in die Waffen-SS eingezogen worden zu sein, im vergangenen Jahr mit keinem Wort geäußert zu haben. «Und jetzt, da sei 80. Geburtstag gefeiert werde, sei es ganz überflüssig, darauf einzugehen. «Grass hat einiges erklärt, auf seine Weise, na schön. Die meisten Leute sagen, das Schlimme ist nicht, dass er in der Waffen-SS war, sondern dass er solange mit der Veröffentlichung dieser Tatsache gewartet hat. Nun er hat seine Gründe gehabt, deswegen hat er so und nicht anders gehandelt.»
Grass sei ein Schriftsteller seiner Zeit. Er habe das Seinige getan und «uns bleibt es, das zu lesen und sich mit diesen Büchern zu beschäftigen.»
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Gesammelte Glückwünsche aus Kultur und Politik
Merkel würdigt «eindrucksvolles Lebenswerk» von Grass
Berlin/Lübeck (dpa) - Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat das «eindrucksvolle Lebenswerk» des Literaturnobelpreisträgers Günter Grass gewürdigt. Es sei ein bleibendes Oeuvre auf ganz unterschiedlichen künstlerischen Gebieten, betonte Merkel in einem in den «Lübecker Nachrichten» veröffentlichten Glückwunschschreiben zum 80. Geburtstag des Schriftstellers am 16. Oktober.
«Als Schriftsteller und auch als bildender Künstler findet Günter Grass seit langem weltweit große Beachtung und Anerkennung, die in der öffentlichen Meinung und nicht zuletzt auch in der enormen Zahl herausragender Ehrungen zum Ausdruck kommt.» Das auch mit Hilfe des Bundes in Lübeck etablierte Günter Grass-Haus veranschauliche seine literarischen und bildkünstlerischen Begabungen in beeindruckender Weise, betonte die Kanzlerin. «Als politisch engagierter Streiter und Mahner hat sich Günter Grass stets sehr vernehmbar auch auf dem Feld der Politik eingebracht. Demokratie lebt vom Diskurs. Gerade seinen Einsatz für die Bürgerrechte möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich würdigen.»
Schröder: Grass einer der größten Schriftsteller unserer Zeit
Lübeck (dpa) - Altbundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) hat Literaturnobelpreisträger Günter Grass als einen «der größten Schriftsteller unserer Zeit» gewürdigt. «Kein anderes Lebenswerk der deutschen Nachkriegsliteratur hat in gleichem Maße weltweite Anerkennung gefunden» heißt es in einem in den «Lübecker Nachrichten» veröffentlichten Glückwunschschreiben Schröders zum 80. Geburtstag des Schriftstellers am 16. Oktober.
Den Literaturnobelpreis bezeichnete der Altkanzler als Auszeichnung, «die auch Genugtuung gewesen ist für manche Schmähung, die der Schriftsteller und Intellektuelle gerade auf dem "weiten Feld" des Politischen in Deutschland hat erfahren müssen». Grass sei weiterhin ein eminent politischer Kopf. «Sein ausgeprägter Sinn für Gerechtigkeit und sein unermüdlicher Einsatz für Bürgerrechte waren Grund dafür, dass sich auch unsere Wege kreuzten. Denn dieser kritische Geist mischt sich ein ins Politische und scheut sich nicht, öffentlich Stellung zu beziehen.» Die Auseinandersetzung mit Grass sei ein intellektuelles Vergnügen.
Köhler: Grass ist zum Gesicht der deutschen Literatur geworden
Berlin (dpa) - Der Literaturnobelpreisträger Günter Grass ist nach den Worten von Bundespräsident Horst Köhler «als Deutschlands bekanntester Schriftsteller» in der ganzen Welt «zum Gesicht der deutschen Literatur geworden». Seine Romane und Erzählungen würden überall gelesen. «Mit Ihren bedeutenden Werken haben Sie mit dazu beigetragen, dass unsere Kultur nach dem Dritten Reich und dem Krieg zu neuem Ansehen kam. Dafür danke ich Ihnen an diesem Tag», betonte Köhler in seinem Glückwunschschreiben an Grass zu dessen 80. Geburtstag an diesem Dienstag.
Grass habe sich immer auch für die Belange anderer eingesetzt, vor allen Dingen für verbotene, verfolgte und gefangene Schriftstellerkollegen. Er habe sich zudem in vielen politischen Auseinandersetzungen entschieden zu Wort gemeldet und so mitgeholfen, dass in der Bundesrepublik eine kritische Öffentlichkeit entstand, betonte das Staatsoberhaupt. «Das hat unsere Demokratie mitgeformt und gestützt. Am 27. Oktober werde ich in Lübeck Ihr Lob ausführlicher anstimmen. Ich freue mich sehr darauf!» Köhler spricht in Lübeck auf einem Festakt aus Anlass des 80. Geburtstages des Literaturnobelpreisträgers.
Lammert wünscht Grass das «notwendige Quäntchen Verwegenheit»
Berlin (dpa) - Bundestagspräsident Norbert Lammert hat das Werk des Literaturnobelpreisträgers Günter Grass als maßgeblichen Beitrag zur «demokratischen Erinnerungskultur» gewürdigt. «Die Helden Ihrer Romane sind Teil unserer Identität: In ihnen leben die Erfahrungen der Kriegs- und Nachkriegsgeneration», schrieb Lammert an den Schriftsteller, der an diesem Dienstag seinen 80. Geburtstag feiert.
«Ich wünsche Ihnen für die kommenden Jahre vor allem Glück und Gesundheit, aber auch Kraft und das notwendige Quäntchen Verwegenheit, das immer wieder Anlass zum Streit bietet, den eine lebendige Demokratie nicht nur erträgt, sondern braucht», heißt es in dem am Montag in Berlin veröffentlichten Schreiben.
Die beharrliche Auseinandersetzung der Deutschen mit der nationalsozialistischen Diktatur habe den Weg bereitet für ein gemeinsames Bewusstsein von der Universalität der Menschenrechte. Deshalb habe die Auszeichnung von Grass' Lebenswerk mit dem Nobelpreis für Literatur «am Ende dieses von zwei Diktaturen geprägten deutschen Schreckensjahrhunderts vielleicht nicht alle, aber doch die meisten Deutschen mit Freude und Stolz erfüllt».
Neumann gratuliert Grass zur «großartigen Lebensleistung»
Berlin (dpa) - Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) hat dem Literaturnobelpreisträger Günter Grass «Respekt und Hochachtung» für seine «großartige Lebensleistung» bekundet. In seinem Glückwunsch zum 80. Geburtstag (16. Oktober) des Schriftstellers schreibt Neumann, Grass' Werk gehöre «zweifellos zu den großen und bleibenden Kulturleistungen des zwanzigsten Jahrhunderts».
Nur ganz wenigen wie ihm sei es geglückt, «die Zeitläufe - und besonders deren deutsche Kapitel - in einem derart faszinierenden, vielgestaltigen literarischen Kosmos zu beschreiben, zu spiegeln und zu kommentieren». Grass sei 1999 mit dem Nobelpreis geehrt worden, seine Bücher würden weltweit gelesen und auch als bildender Künstler genieße er hohe Anerkennung.
Neumann hebt ferner hervor, dass sich Grass stets «auch als politisch engagierter Bürger verstanden» habe. Als solcher werde er in der Öffentlichkeit auch hoch geachtet und geschätzt. «Ihr Wort hat Gewicht - in der Literatur wie im öffentlichen Leben unseres Landes», schreibt Neumann an Grass.
Bischof Huber wünscht Günter Grass auch künftig «Unverzagtheit»
Hannover (dpa) - Bischof Wolfgang Huber wünscht dem Schriftsteller und Bildhauer Günter Grass zu dessem 80. Geburtstag an diesem Dienstag auch für die Zukunft «eine gehörige Portion Unverzagtheit». Durch seine Werke entstehe in der Öffentlichkeit immer wieder Streit. Das sei aber ein gutes Zeichen, weil hier um «das Selbstverständnis des deutschen Volkes, um Schuld und Verantwortung, um Freiheit und Verstrickung» gestritten werde, meinte der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) laut EKD am Montag in Hannover.
Huber wünsche Grass Gottes Segen. Dieser könne in der «einzigartigen Wachheit» von Grass erkannt werden, mit der der Schriftsteller die deutsche Geschichte der vergangenen Jahrzehnte in dichterisches Werk umgesetzt habe. Sein politisches Engagement, sein Mut, Position zu beziehen, und seine Fähigkeit, Menschheitsgeschichte und Gesellschaftsgeschichte als Geschichte von glaubwürdigen Figuren zu erzählen, hätten Wolfgang Huber oft beeindruckt, so die EKD.
US-Schriftsteller Irving rühmt Verdienste von Grass
Frankfurt/Main (dpa) - Anlässlich des 80. Geburtstags von Günter Grass hat US-Schriftsteller John Irving die Verdienste des Deutschen für die Literatur gerühmt. «Es ist meine Meinung, dass jeder Schriftsteller, der Günter Grass wirklich gelesen hat, in seiner Schuld steht», schreibt Irving in der «Frankfurter Rundschau» (Dienstag-Ausgabe). Grass sei sein «Held» und ein «Vorbild». Der 65 Jahre alte Irving ist mit Grass seit Jahren befreundet. Der Amerikaner erhielt im Jahr 2000 den Oscar für das beste adaptierte Drehbuch, das auf seinem Roman «Gottes Werk und Teufels Beitrag» basiert. Die gleichnamige Literaturverfilmung von Lasse Hallström bekam noch einen weiteren Oscar für Michael Caine als besten Nebendarsteller.
VS würdigt «kritischen Geist» von Grass zum 80. Geburtstag
Berlin (dpa) - Der Verband deutscher Schriftsteller (VS) hat den kritischen Geist und das gesellschaftliche Engagement des Literaturnobelpreisträgers Günter Grass gewürdigt. «Dein Renommee, Dein gesellschaftliches und kritisches Engagement hat nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa und weltweit unserer Sprache und unserem Land Aufmerksamkeit und Anerkennung verschafft», betonte der VS in seinem Glückwunsch zum 80. Geburtstag des Schriftstellers am 16. Oktober.
«Deine literarischen Verdienste, Deine Förderung der Literatur hierzulande sowie Dein unermüdlicher Einsatz für die Urheber dieser Literatur können wir nicht hoch genug schätzen», schrieb der VS- Vorsitzende Imre Török. «Ausdrücklich danken möchten wir Dir auch dafür, dass Du die Belange der literarischen Übersetzer stets mit Verve vertreten hast...Als Worturheber, als Schriftstellerverband haben wir Dir seit der Gründung des VS viel an kritischem Engagement zu verdanken.»
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Party, Festakt und Kopfstand - Günter Grass feiert 80. Geburtstag
Lübeck (dpa) - Wenn der mit Abstand bekannteste deutsche Gegenwartsautor Günter Grass 80 Jahre alt wird, reicht eine Geburtstagsfeier nicht aus. Mit gleich vier Feiern ehren die Hansestadt Lübeck, die Geburtsstadt Danzig (Gdansk), die Stadt Göttingen mit dem Steidl Verlag sowie die Freie Akademie der Künste Hamburg den Literaturnobelpreisträger. Der Festakt in Lübeck mit einer Ansprache von Bundespräsident Horst Köhler am 27. Oktober ist ein Höhepunkt. Danzig lud bereits Anfang des Monats zu einem dreitägigen Programm (4.-6.10.) für den berühmten Sohn, der sich schon früh für die Aussöhnung zwischen Polen und Deutschen engagierte. Am 16. Oktober wird Grass, der in Behlendorf bei Lübeck lebt, 80 Jahre alt.
Der Norddeutsche Rundfunk (NDR) und der Fernsehsender 3sat räumen dem Künstler breiten Raum ein. Bereits am Samstagabend (13.10.) zeigte 3sat die TV-Dokumentation «Günter Grass - Die Blechtrommelstory», die an den Originalschauplätzen des Romans gedreht wurde. Im NDR Fernsehen sollte die Produktion am Montagabend (15. Oktober, 23.45 Uhr) ausgestrahlt werden. In der Freien Akademie der Künste in Hamburg wird am Donnerstag (18.10.) eine Ausstellung mit Bildern und Grafik von Günter Grass eröffnet. Zum Auftakt lesen Karen Duve, Hanjo Kesting, Siegfried Lenz, Fritz J. Raddatz und schließlich Grass selbst aus seinen Texten.
Die wohl größte Geburtstagsfeier mit voraussichtlich 2500 Teilnehmern findet am 20. Oktober in Göttingen statt. Dort richten die Stadt, der in Göttingen beheimatete Steidl Verlag und der NDR in der Lokhalle eine öffentliche Party mit mehreren hundert Ehrengästen aus Literatur, Theater und Musik aus.
Zum offiziellen Festakt mit Bundespräsident Köhler am 27. Oktober im Lübecker Theater werden auch Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD), Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Peter Harry Carstensen sowie Angehörige und Freunde erwartet. Der Festakt ist ein Geschenk der Hansestadt Lübeck an Grass, der seit 1995 sein Büro in Lübeck hat. Seit 2002 ist dort in einem ausgebauten alten Bürgerhaus auch das Günter-Grass-Haus als Forschungs-, Ausstellungs- und Veranstaltungsstätte eingerichtet.
Wo und wann Günter Grass seinen Geburtstag im Kreis der Großfamilie - acht Kinder, 17 Enkel - feiert, wird öffentlich nicht preisgegeben. Der Autor will dabei wie schon bei früheren runden Geburtstagen einen Kopfstand wagen: «Ich hoffe, es gelingt auch diesmal.»
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Grass äußert Verständnis für Vorwurf
Berlin (dpa) - Der Literaturnobelpreisträger beklagt die «Niedertracht», mit der versucht worden sei, ihn «mundtot zu machen», hat allerdings auch Verständnis für den Vorwurf, dass sein Bekenntnis über die kurzzeitige Zugehörigkeit zur Waffen-SS spät gekommen sei. «Ja, das sagen mir auch Freunde», sagte Grass in einem Interview mit dem «Kölner Stadt-Anzeiger» wenige Tage vor seinem 80. Geburtstag am 16. Oktober.
Er selbst habe sich gefragt, wie es dazu kommen konnte, «dass ich diese kurze Phase von drei oder vier Monaten, in denen ich als Siebzehnjähriger bei der Waffen-SS eingezogen war, in mir verkapselt hatte». Er habe noch nie so viele Briefe bekommen wie zu seinem autobiografischen Buch «Beim Häuten der Zwiebel», sagte Grass.
«Die Phase in der Waffen-SS ist etwas, das ohne mein Zutun geschehen ist», betonte der Nobelpreisträger in einem Interview mit der «Passauer Neuen Presse» (Samstag). «Aber durch mein späteres Wissen über ihre Verbrechen ist das für mich eine Schande gewesen, dass ich dazugehört habe.»
Der Schriftsteller fühlt sich von den Medien schlechter behandelt als von seinen Lesern, und in Deutschland überhaupt auch schlechter als im Ausland. Dort hätten vor allem auch seine späteren Bücher ein großes Echo gefunden. «Dass man sich so konzentriert auf die "Blechtrommel", das kann ich verstehen. Das ist allgemein üblich. Ob das bei Thomas Mann mit den "Buddenbrooks" ist oder bei Goethe mit dem "Werther" - ich erlaube mir diese Vergleiche.» Für ihn selbst sei von den frühen Büchern für seine Weiterentwicklung zum Beispiel «Hundejahre» viel wichtiger als die «Blechtrommel».
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Interview mit Günter Grass: «Wir demontieren unsere Demokratie»
Lübeck (dpa) - Am 16. Oktober wird Literaturnobelpreisträger Günter Grass 80 Jahre alt. In einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur dpa blickt der streitbare Schriftsteller zurück auf sein literarisches Schaffen und politisches Engagement. Die Demokratie in der Bundesrepublik sieht Grass in Gefahr, es gebe Tendenzen zum Überwachungsstaat. Und er äußert Kritik an den USA: Es sei ein Irrglaube, der Terrorismus lasse sich militärisch besiegen. «Draufhaun» allein reiche nicht, notwendig sei ein globaler Ausgleich zwischen dem reichen Norden und dem armen Süden.
Am 20. Oktober steigt in Göttingen in einer ehemaligen Lokhalle eine riesige Geburtstagsparty. Freuen Sie sich auf die Feier?
Grass: «Runde und halbrunde Geburtstage habe ich immer im großen Kreis gefeiert. In Anbetracht meines Alters und dass mir immer noch etwas einfällt, geht's mir wirklich gut. Es geht mir auch gut, weil ich die Kraft hatte, einiges, was verletzend und schwer war im letzten Jahr, mit Hilfe von Freunden und viel Zuspruch - auch von meinen Lesern - zu überstehen.»
1979 hatten Sie den Bundesverdienstorden abgelehnt, nun ist am 27. Oktober in Lübeck ein Festakt mit Bundespräsident Horst Köhler zu Ihren Ehren vorgesehen - sind Sie mit diesem Land im Reinen?
Grass: «Das hat damit nichts zu tun. Ich habe damals, übrigens zeitgleich mit Siegfried Lenz, das Bundesverdienstkreuz abgelehnt, weil ich aus einer Hansestadt komme und man dort keine Orden annimmt. Ich stehe im übrigen fester auf dem Boden unserer Verfassung als manche, die mich für einen Verfassungsfeind gehalten haben.»
Was bedeutet Ihnen die Würdigung durch den Bundespräsidenten?
Grass: «Da ich in den letzten Jahren viel Häme und Niedertracht erfahren habe, tut mir es mir gut, wenn meine sechs Jahrzehnte währende Arbeit anerkannt wird - nicht nur in Deutschland, sondern auch im Ausland. Anfang Oktober hatte meine Heimatstadt Danzig zu einem dreitägigen Germanisten-Colloqium über mein Werk eingeladen. Zum Programm gehörten auch die Uraufführung einer polnischen Bühnenfassung des Romans "Die Blechtrommel" und eine Ausstellung meiner Grafiken.»
Sie wollten schon mit zwölf Jahren Künstler werden, woher kam der Antrieb?
Grass: «Es waren angelegte Talente, insbesondere von meiner Mutter her. Sie hatte einen romantischen Sinn für Kunst, während mein Vater dem eher distanziert gegenüber stand - heute sagt man, das lag in den Genen.»
Schriftsteller sind Zeitgenossen und daher nicht frei in ihrer Themenwahl, haben Sie einmal gesagt. Wäre Ihr literarisches Schaffen ohne den Zweiten Weltkrieg denkbar? Siegfried Lenz sprach von «traumatischem Erinnerungsgepäck».
Grass: «Ich fühlte mich frei in der Art, damit künstlerisch umzugehen, aber die Thematik war mir vorgeschrieben. Wie Siegfried Lenz sagt: Dieses traumatische Gepäck war nicht abzuwerfen. Hinzu kommt: Schreiben bietet die Möglichkeit, absolut verlorene Dinge wie meine Heimatstadt Danzig mit literarischen Mitteln wieder entstehen lassen zu können. Das war - unter anderem - das Reizvolle beim Schreiben der sogenannten Danziger Trilogie.»
Manche Kritiker formulieren salopp, «der Grass schreibt mal wieder über die Vergangenheit». Ärgert Sie das?
Grass: «Darüber kann ich nur lachen. Nachdem ich die Danziger Trilogie 1963 abgeschlossen hatte, schrieb ich die weitgehend in der Gegenwart angesiedelten Romane "Örtlich betäubt" (1969) und "Aus dem Tagebuch einer Schnecke" (1972). Da hat man mir gesagt, ich solle von der Gegenwart lassen und mich doch bitte wieder der Vergangenheit zuwenden. Das sind wohlfeile Ratschläge oder Erwartungen, die ich nicht zu erfüllen habe. Jeweils vom Zeitgeist diktiertes Wollen und Wünschen hat mit meiner Arbeit nichts zu tun. Im übrigen habe ich in meinen Werken immer aus der Gegenwart heraus in die Vergangenheit zurückgeblickt, aber gleichzeitig das gegenwärtige Geschehen im Auge. Und aus solchen Spannungsverhältnissen ergeben sich Ausblicke in die Zukunft - das meine ich mit der Methode "Vergegenkunft", die ich zur Grundlage meines Schreibens gemacht habe.»
Sind Sie mit Ihrem literarischen Oeuvre zufrieden, oder hätten Sie noch den einen oder anderen Trümmer- oder Kadaverberg abzutragen?
Grass: «Wenn man im künstlerischen Bereich arbeitet, kann man nie zufrieden sein. Nach jeder abgeschlossenen Arbeit beginnt neues Bemühen, mit ästhetischen Mitteln etwas auszudrücken, erkennbar werden zu lassen. Aber ich bin neben meinem künstlerischen Schaffen als Bürger der Bundesrepublik auch jahrelang politisch tätig gewesen. Auch im politischen Bereich ist es so, dass es nie ein Genug gibt, dass Dinge, sobald sie erreicht worden sind, bereits wieder abbröckeln.»
Was meinen Sie?
Grass: «Demokratie ist kein fester Besitz. Ich will das an einem Beispiel deutlich machen: Wir sind jahrelang in Deutschland, zum zweiten Mal, bemüht gewesen, eine Demokratie aufzubauen, mit wechselndem Erfolg, aber sie festigte sich. Zurzeit sind wir dabei, sie zu demontieren. Wir werden aus hysterischer Terroristenfurcht mehr und mehr zu einem Überwachungsstaat, betreiben das Geschäft der Terroristen, indem wir das, was die Terroristen so hassen, nämlich den demokratischen Rechtsstaat, mehr und mehr schwächen, wobei wir es hinnehmen, dass ein Innenminister von Woche zu Woche die Angst antreibt. Ich sehe, wie bestimmte politische Leistungen der Nachkriegszeit, auf die wir eigentlich stolz sein könnten, ins Bröckeln geraten. Wir machen einen Kotau vor dem Terrorismus, indem wird die Grundrechte schmälern. All das ist Abrissarbeit am Gebäude der Demokratie, das wir mit sehr viel Mühe aufgebaut haben.»
In Ihrer Nobelpreisrede 1999 - also vor den Terroranschlägen vom 11.
September 2001 - beschworen Sie den globalen Nord-Süd-Konflikt - Reich und Arm driften immer weiter auseinander - als die große Zukunftsaufgabe. Hängen Terrorismus und der Nord-Süd-Konflikt zusammen?
Grass: «Mich haben die Terroranschläge letztendlich nicht überrascht.
Willy Brandt hatte schon in den 70er Jahren im Nord-Süd-Bericht, beauftragt von der UNO, die wachsende Diskrepanz zwischen den reichen Industriestaaten und den armen und immer ärmer werdenden Entwicklungsländern als das Problem der Zukunft, des 21. Jahrhunderts, beschrieben. Er hat darauf hingewiesen, welcher Sprengstoff in diesem Problem liegt.»
Wobei der Terrorismus sicherlich auch noch andere Quellen hat?
Grass: «Ja sicherlich. Die Terroristen missbrauchen die Religion. Die eigentliche Ursache ist die Verelendung und die Verarmung in diesen Ländern, die jahrzehntelang mit Geduld hingenommen worden ist, nun aber Hass zur Folge hat.»
Zum Irakkrieg. Im Januar 2003 hatten Sie über dpa eine eindringliche Mahnung gegen den drohenden Krieg, in dem es primär ums Öl gehe und nur Verlierer geben werde, verbreitet. Deutschland sollte sich nicht beteiligen. Wie kann aus heutiger Sicht das Vietnam namens Irak beendet werden?
Grass: «Zunächst einmal haben wir Grund, der rotgrünen Regierung unter Gerhard Schröder und Joschka Fischer dankbar zu sein, dass sie trotz aller heftigen Angriffe diesen Friedenskurs gehalten hat. Sonst wären wir in den schrecklichen Irakkrieg mitverwickelt. Das Zweite ist, dass die Machtpolitik der Vereinigten Staaten gescheitert ist - sie scheiterte schon in Vietnam, sie ist mehrmals zwischendurch gescheitert bei kleineren Anlässen und nun wiederum im Irak. Und es wird auch in Afghanistan der partielle Erfolg, den man dort unter anderem mit deutscher Hilfe erreicht hat, gefährdet, wenn man dort weiterhin den Vereinigten Staaten das Militäroberkommando überlässt.
Denn sie haben nur dieses eine Konzept: Draufhaun! Damit sind die Taliban nicht zu besiegen, so wird der Terrorismus nicht besiegt, denn hinter den Taliban und hinter dem Terrorismus stehen Millionen von Menschen, die sich entrechtet und geschmäht vorkommen aus Gründen, die wir nicht begreifen wollen, die wir vielleicht zum Teil auch nicht akzeptieren können, aber sie fühlen sich so.»
Hätten Sie denn eine Perspektive für den Irak oder Afghanistan?
Grass: «Ich weiß jedenfalls, dass Krieg auf keinen Fall eine Lösung bringt. Zu unterstützen ist der Weg von Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD): verhandeln, verhandeln, verhandeln. Solange wie möglich im Gespräch bleiben. Man sollte dabei jene Taliban, die gesprächswillig sind, miteinbeziehen. Aber solche Politik wird natürlich erschwert oder unmöglich gemacht durch diese Art von Kampfführung unter amerikanischem Oberkommando.»
Macht Ihnen die Entwicklung in Deutschland Angst? Bis zum Jugoslawienkrieg waren Militäreinsätze wegen der jüngeren Geschichte grundsätzlich tabu, jetzt geht es in den Diskussionen fast nur noch um politische Vor- und Nachteile und die Kosten. Hat die Bundesrepublik ihre militärische Unschuld verloren?
Grass: «Wenn wir uns weiterhin, wie es immer wieder geschehen ist, allein dem amerikanischen Oberkommando beugen, sind wir auf dem besten Wege dazu. Erfolgreich sind wir immer dort, wenn wir uns wie in Afghanistan auf den zivilen Aufbau konzentrieren. Ich wäre dafür, dass die Bundeswehr sich entsprechend umorientiert. Wir sollten uns auf Aufbauarbeit konzentrieren und nicht auf den Irrglauben, man könne den Terrorismus mit militärischer Gewalt besiegen.»
Haben Sie einen besonderen Geburtstagswunsch für sich und das Land?
Grass: «Dem Land wünschte ich, dass es sich seines Reichtums bewusst wird und daraus Konsequenzen zieht - das heißt: dafür sorgt, dass die Kinder, die keine Lobby haben, nicht weiterhin als Randgruppe unter die Armutsgrenze sinken, ausgeschlossen werden aus der Gesellschaft. Dass wir der Gefahr widerstehen, wiederum zu einer Klassengesellschaft zu werden, die wir in weiten Bereichen schon sind, und dass wir nicht nur kinderfreundlich, sondern auch gastfreundlich werden, im Umgang mit den Menschen, die bei uns Zuflucht gesucht haben und die bestrebt sind, als deutsche Staatsbürger zu leben, ohne ihre eigene Kultur dabei vergessen zu müssen.»
Und Ihr Wunsch für sich selbst?
Grass: «Weiterhin Neugierde und Gesundheit.»
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Günter Grass: Ein Jahrhundert-Erzähler und «Störenfried» wird 80
Berlin (dpa) - Ein Jahrhundertmann wird 80, der nach Ansicht der Stockholmer Nobelpreis-Akadamie «der Menschheit einen Dienst erwiesen» hat. Seinen ersten Auftritt in der bundesdeutschen Autorenvereinigung «Gruppe 47» und damit in der literarischen Öffentlichkeit beschrieb eine Zeitungsmeldung 1955 mit den Worten: «Einen neuen, als "kräftig, vital und bravourös" apostrophierten Ton brachten die Gedichte des Berliner Bildhauers Günter Grass.» Ein halbes Jahrhundert später wird ein zwischenzeitlich tief verletzter Literaturnobelpreisträger, der letzte des 20. Jahrhunderts, zu seinem runden Geburtstag viel geehrt werden. Der in Danzig geborene Romanautor, Lyriker, Bildhauer, Zeichner und Dramatiker Grass vollendet am 16. Oktober sein achtes Lebensjahrzehnt.
«In ganz Deutschland wird ein gewaltiger Schnurrbart wachsen», prophezeite eine Tageszeitung («Die Welt»). Auf den Nobelpreis als höchste Weihe in der Welt der Literatur hatte Grass lange warten müssen. 1972 war ihm Heinrich Böll vorgezogen worden. 1999 erhielt Grass den Nobelpreis vor allem, aber nicht nur, für sein Historienepos «Die Blechtrommel», den grotesk-deftigen «Schelmenroman» über die jüngere deutsche Vergangenheit mit dem in einer Nervenklinik Lebensrückblick haltenden, zwergwüchsigen Oskar Matzerath, einem modernen Peer Gynt oder «Säulenheiligen».
Ein «Wilhelm Meister auf Blech getrommelt», wie es Hans Magnus Enzensberger formulierte. «Eine anständige Sauerei war der Roman außerdem», erinnert sich Grass-Biograf Michael Jürgs an seine Jugendlektüre. Vor allem aber: Der Roman werde «zu den bleibenden literarischen Werken des 20. Jahrhunderts gehören», befand das Nobelkomitee.
Als die Stockholmer Akademie ihren Preis 1972 an Böll vergab, meinte der erstaunt: «Warum ich und nicht Grass?» Aber «das Erbe Heinrich Bölls ist in guten Händen», meinte der Grass-Weggefährte Walter Jens, nicht zuletzt wegen ihres gemeinsamen Lebensinhalts «Glaube Liebe Hoffnung».
Doch «warum soviel Hass auf Grass», fragte der Kritiker Fritz. J. Raddatz. «Spannender als alle seine Dramen ist das Drama, das der Schriftsteller Günter Grass selber vorführt», der «vielleicht demokratisch segensreichste Intellektuelle», der nach dem Zweiten Weltkrieg die politische Bühne betreten habe, befand schon vor 30 Jahren der Kritiker Joachim Kaiser. Auch als Trommler im politischen Alltag der Bundesrepublik hat sich Grass immer verstanden, auch wenn der katholisch getaufte Autor, der weder an Gott noch Götter glaubt, nie den Anspruch einer «moralischen Instanz» erhoben hat, die ihm manche zuschrieben.
Schon in den frühen 60er Jahren engagierte sich Grass für Willy Brandt und die «Es Pe De», zu der er später ein ambivalentes Verhältnis entwickelte nach dem Motto «Nur wer liebt, darf kritisieren», und sogar sein Mitgliedsbuch aus Protest gegen die Verschärfungg des Asylrechts wieder zurückgab. Wie weit dieses politische Engagement, für das er von seinen Gegnern auch mal als «Pinscher» beschimpft wurde, seine spätexpressionistische Schreibkunst, die zum Artistischen und zur Verspieltheit neigt, beinflusst hat, ist unter Literaturexperten umstritten.
Seine Vorbilder sind Grimmelshausen, Cervantes, Jean Paul, Alfred Döblin und Albert Camus, von dem er das «Nie aufgeben!» als Weltsicht bis heute übernahm («Man muss sich Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen»).
Die «Lektion des armen B.B.» (Bertolt Brecht) hatte Grass gelernt: Dass man auch als «Großschriftsteller» nicht einfach nur seiner Arbeit nachgehen kann, wenn draußen auf der Straße das Volk ganz andere Sorgen umtreiben. «Innerhalb der hiesigen intellektuellen Schickeria ist politisches Engagement anrüchig geworden, das kriege ich jetzt zu spüren», meinte Grass schon 1986. Und er hat nicht die demütigende Szene vergessen, als in Anwesenheit von Peter Stein unwidersprochen «Grass raus!»-Rufe ertönten, als er 1971 auf der Hochzeit der 68er Studentenrevolte in der Berliner Schaubühne eine «Peer Gynt»-Aufführung besuchte.
Als unpolitischer Autor hat sich Grass nie verstanden. Umso härter musste ihn das «Stahlgewitter» im August 2006 treffen - dieser «Vernichtungsversuch», wie Grass überempfindlich die heftige öffentliche Reaktion auf sein ebenso überraschendes wie spätes Eingeständnis seiner Zugehörigkeit zur Waffen-SS als 17-Jähriger zum Ende des Krieges in seinem autobiografischen Buch «Beim Häuten der Zwiebel» nennt. Der junge Grass hatte bis zuletzt an Hitlers «Endsieg» geglaubt.
Der heimatvertriebene Kaschube aus Danzig hatte schon mit der zuvor erschienenen Novelle «Im Krebsgang» über den Untergang des deutschen Flüchtlingsschiffes «Wilhelm Gustloff» am 30. Januar 1945 in der Ostsee das fast schon wieder vergessene Drama der ostdeutschen Flüchtlingstrecks und Heimatvertriebenen in Erinnerung gerufen. «Nichts verdrängen» war uns ist sein Credo im Werk und im Leben. Bei dem Letzteren tat er sich persönlich schwerer, wie er selbst einräumte. «Mit dem Älterwerden wächst die Scham über das, was ich bis zu meinem siebzehnten Lebensjahr mitgegrölt, mitgemacht habe, gottlob ohne in Verbrechen verwickelt worden zu sein», wie Grass 1995 bekannte.
«Am Ende war Thomas Mann ertappt, wurde auch Zeit. Glaubte wohl, den Zauberer spielen zu können», meinte Grass einmal in einer Philippika auf seine Kritiker in den 90er Jahren über die journalistischen Ausspähungen der im wahrsten Sinne des Wortes «Bände sprechenden» Tagebücher des Nobelpreis-Kollegen. Man las manches anders seitdem im Werke Manns und manche meinen heute, das könnte auch mit den Büchern des nun 80-jährigen Grass passieren. Es wird sich zeigen, wenn der «Pulverdampf» der ersten Aufregungen sich verzogen hat, ob das späte Bekenntnis einer «Jugendsünde», wie es viele auch nannten, wirklich das Jahrhundertwerk des weltweit bekanntesten deutschen Schriftstellers der Gegenwart überschatten kann, in dem die Deutschen wie in nur wenigen einen fabulierfreudigen und bildermächtigen Erzähler ihres wechselvollen Jahrhunderts gefunden haben.
Heute wohnt der in zweiter Ehe verheiratete Autor - sein Frau Ute und er haben insgesamt acht Kinder und 17 Enkel - bei Lübeck, wo es auch ein Günter-Grass-Haus gibt. Es erhält die Manuskripte seit 1995. Sein Archiv bis 1995 hat er bereits der Berliner Akademie der Künste übergeben, deren Präsident er in den 80er Jahren auch mal war. In Berlin lebte Grass nach Pariser Jahren und Studium an der Düsseldorfer Kunstakademie lange als Nachbar von Uwe Johnson im «Dichterviertel» Friedenau. Aber eigentlich hat das Flüchtlingskind Grass, wie er sich selber immer noch sieht, nirgendwo richtig Wurzeln geschlagen.
Ob er nach dem Paukenschlag der «Blechtrommel» von 1959 («Nun war ich berühmt. Schreiben fällt schwerer seitdem»), die Volker Schlöndorff oscarprämiert verfilmt hat, jemals wieder ein Werk von verleichbarem Rang geschrieben hat, ist unter Kritikern umstritten, was Grass ärgert. Er hält zum Beispiel die «Hundejahre» für bedeutender. Die Rezeptionsgeschichte der Grass-Bücher ist jedenfalls von Höhen und Tiefen geprägt, von Lobeshymnen bis zum Totalverriss wie bei der apokalyptischen «Rättin» von 1986. «Ein Katastrophenbuch» lautete ein doppeldeutiges Kritiker-Verdikt.
Fast noch schlimmer sollte es 1995 kommen, als der damalige «ständige Nobelpreiskandidat» den Roman «Ein weites Feld» vorlegte («endlich ein Berlin-Roman», wie Grass sagte) und mit Hilfe eines «wiedergeborenen» Theodor Fontane («Fonty») auf die seiner Meinung nach «absolut missratene» deutsche Wiedervereinigung reagierte. Grass gab hier seinem Hang zur anekdotischen Kleinmalerei allzu ausufernd nach, befanden Kritiker. «Ganz und gar missraten» lautete das spektakuläre Verdikt des «Kritikerpapstes» Marcel Reich-Ranicki, dem sich viele, wenn auch nicht alle anschlossen. Ausgerechnet Ernst Jünger, für Grass eine «Reizfigur», lobte die «schöne Sprache» des Romans. Reich-Ranicki hatte sich übrigens, wie er später auch einräumte, bei der «Blechtrommel» seinerzeit mächtig vertan.
Wieder hieß es, Grass habe seit der Danziger Trilogie - «Die Blechtrommel», «Katz und Maus» und «Hundejahre» - nichts Gleichwertiges mehr schreiben können. Das schwedische Nobelkomitee teilte diese Auffassung ausdrücklich nicht. Auch «Narr» Reich- Ranicki, wie Grass ihn einmal nannte, fand das Gesamtwerk von Grass nobelpreiswürdig. So wurden auch «Der Butt», «Das Treffen in Telgte» und «Die Rättin» als zweite Trilogie des Autors («Märchen erzählen für heute») viel beachtet, wenn auch mit unterschiedlichen Wertungen.
1992 folgten die augenzwinkernden deutsch-polnischen Unkenrufe und 2001 sein Rückblick in 100 Geschichten auf «Mein Jahrhundert». Die Geschichte des Jahres 1944, in dem Grass zur Waffen-SS eingezogen wurde, beginnt mit den Worten: «Irgendwann musste es zum Krach kommen.»
Summa summarum: Wer in der Literatur Lust auf sprachliche Virtuosität, eine erstaunliche Bildervielfalt (samt Zeichnungen), detailreiche und oft liebevolle Beschreibungen und einen manchmal auch bissigen Humor voller Spitzen hat, wird in dem Gesamtwerk überreich bedient - auch mit Gedichten wie zuletzt in seinem Band «Dummer August», in dem Grass tief verletzt (und beleidigt) auf die Vorgänge nach dem Erscheinen seiner Jugend-Biografie reagiert. Der Steidl Verlag hat jetzt zur Frankfurter Buchmesse die zwölfbändige «Göttinger Ausgabe» herausgebracht und eine auf 16 Bände angelegte Kommentarreihe gestartet.
Ein «unbequemer Citoyen» zu bleiben, also der sich einmischende Mitbürger, gehört ohnhin zu Grass' Selbstverständnis. Und wie meinte schon ein «Großkritiker» (Fritz J. Raddatz): «Wir Deutschen feiern gerne die Leichen. Feiern wir doch Günter Grass, der am 16. Oktober 1927 in Danzig geboren wurde.»
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