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News-Sonderthema: 

Günter Grass: Das Waffen-SS Eingeständnis

Chronologie der Ereignisse und Reaktionen, Hintergründe
 

 
Unsere Beiträge:

13.09.
Peter Handke: Grass ist «eine Schande für das Schriftstellertum»

12.09.
Günter Grass darf tschechischen Karel-Capek-Preis behalten

07.09.
Danziger Ratschef an Grass: «Echte Freunde halten zueinander»

06.09.
Grass bleibt trotz Absage Preisträger des Görlitzer Brückepreises
Grass gibt Medien Mitschuld an Waffen-SS-Debatte

29.08.
Historiker Fest kritisiert «schrille Lebenslüge» bei Grass

28.08.
Grass gibt Akten frei
Knobloch: Fall Grass erinnert an Ex-Republikaner-Chef Schönhuber

25.08.
Nach Grass-Bekenntnis - «Jetzt sollen die Nachgeborenen auspacken»
Grass-Titel auch auf Platz 1 der «Spiegel»-Bestsellerliste

24.08.
Tschechiens Staatspräsident Klaus kommentiert «Fall Grass»

23.08.
Gemischtes Echo auf Grass-Brief in Danzig - Kontroverse dauert an
John Le Carré kritisiert Autorenkollegen Grass für «Heuchelei»
Der Grass-Brief in Auszügen

22.08.
Wiesenthal-Center in Jerusalem stellt Fragen an Günter Grass
Grass schrieb an Danziger Bürgermeister - «Reihe von Antworten»
Kultusministerium: Grass-Werke für Schüler weiter empfohlen

21.08.
Grass-Diskussion geht weiter - Ehefrau und Kollegen wussten Bescheid
Kanzlerin Merkel kritisiert Günter Grass' spätes Eingeständnis

20.08.
Mehrheit der Danziger will Grass als Ehrenbürger behalten
Er oder ich - Danzig, Grass und der Streit um die Ehrenbürgerschaft

19.08.
Bundestagspräsident: Grass hat keinen Anspruch auf Nachsicht
Grass im TV-Interview: Unbeugsam, selbstbewusst und kontrolliert

18.08.
Steinbach: Grass sollte Bucheinnahmen für NS-Opfer in Polen spenden
Günter Grass zum Weltkriegsende: «Es war eine unüberschaubare Zeit»
Vatikan äußert sich nicht zu Grass-Vermutungen

17.08.
Phoenix setzt Themenschwerpunkt zu Grass und Waffen-SS
Martin Walser und Hellmuth Karasek im ZDF zum Grass-Bekenntnis
Görlitzer CDU gegen Brückepreis-Verleihung an Günter Grass
Grass im ARD-Interview mit Wickert: «War mir keiner Schuld bewusst»

16.08.
Sondersendung zur Diskussion um Grass im MDR-Kulturradio
Der Fall Grass und seine Vorläufer
Bundestagspräsident warnt bei Grass-Kritik vor Selbstgerechtigkeit
SPD-Politiker Egon Bahr verteidigt Günter Grass

15.08.
«Spiegel»: Grass gestand schon als Gefangener SS-Mitgliedschaft
Grass bei Wickert am Donnerstag in der ARD
Jüdischer Landesverband kritisiert spätes Bekenntnis von Grass

14.08.
Günter Grass: Man will mich zur Unperson machen
Reaktionen vom Montag
Menasse nimmt Grass in Schutz - Nennt Kritiker «selbstgerecht»

13.08.
Grass und die Waffen-SS: «Ich habe das immer als Makel empfunden»
Walesa fordert Grass zur Rückgabe von Ehrenbürgerschaft auf
Günter Grass droht Entzug des tschechischen Karel-Capek-Preises
Grass: Beim Häuten der Zwiebel wird Verschollenes wieder lebendig

12.08.
Walter Jens: Grass verdient meinen Respekt
Literaturkritiker Karasek: «Grass hätte Nobelpreis riskiert»
Ralph Giordano: «Bild von Günter Grass hat sich nicht geändert»
 

 

13.09. Peter Handke: Grass ist «eine Schande für das Schriftstellertum»

Wien/Paris (dpa) - Der österreichische Schriftsteller Peter Handke nennt seinen Kollegen Günter Grass nach dessen spätem Eingeständnis, der Waffen-SS angehört zu haben, «eine Schande für das Schriftstellertum». Der österreichischen Info-Illustrierten «News» (Donnerstag) sagte Handke: «Ich finde vor allem die Sprache, mit der er das betreibt, völlig verfehlt. Bei ihm kommt nichts von innen.»

Handke, der selbst wegen seines Engagements für Serbien und seine Rede zum Begräbnis des ehemaligen Diktators Slobodan Milosevic heftig von Kollegen und den Medien angegriffen worden war, kritisiert weiter: «Sogar sein Outing, wie man das heute nennt, ist so selbstgerecht wie er seit 50 Jahren: böser, selbstgerechter Formalismus.»

Der 63-jährige in Paris lebende Autor zweifelt zudem Grass' angebliche Unkenntnis an: «Die Ausrede, dass man mit 17 nichts weiß, ist eine der schlimmsten. (...) Das Nazitum, ob es in Danzig war oder nicht, hat ein Volk zum Feind des Erdenlebens erklärt, und das waren die Juden. Sogar ein Zwölfjähriger muss spüren: Wenn ein anderes Volk als schlecht hingestellt wird, ist diese Ideologie grundböse.» Grass habe das «gewusst und nicht demgemäß gehandelt. Das ist ein ewiger Makel eines empörenden Menschen.»  

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12.09. Günter Grass darf tschechischen Karel-Capek-Preis behalten

Warschau/Danzig (dpa) - Der Vorsitzende des Stadtrates von Danzig (Gdansk), Bogdan Oleszek, hat Literaturnobelpreisträger Günter Grass Unterstützung in «schwierigen Zeiten» zugesichert. «Echte Freunde sind im Guten wie im Bösen zusammen», schrieb der liberale Ratschef in einem Brief an den in Danzig geborenen Schriftsteller. In dem Schreiben, das die polnische Nachrichtenagentur PAP am Mittwochabend auszugsweise veröffentlichte, nannte Oleszek Grass einen «Freund» und «ausgezeichneten Danziger». Nachdem bekannt geworden war, dass Grass als 17-jähriger Mitglied der Waffen-SS war, hatten nationalkonservative Politiker in Danzig zunächst die Aberkennung der Ehrenbürgerschaft des Schriftstellers gefordert.

«Mit großem Interesse, aber auch mit Beunruhigung verfolgen wir die öffentliche Diskussion im Zusammenhang mit Ihrem Buch "Beim Häuten der Zwiebel"», schrieb Oleszek, dessen Brief den Angaben zufolge mit den anderen Ratsfraktionen abgesprochen war. Der Ratschef bedauerte, dass das Bekenntnis von Grass eine Kontroverse ausgelöst hatte. Zugleich schloss er sich der Einladung des Danziger Bürgermeisters Pawel Adamowicz an, Grass möge im kommenden Jahr seine Heimatstadt besuchen: «Als gebürtiger Danziger und Ehrenbürger sind Sie in Danzig immer zu Hause.»

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07.09. Danziger Ratschef an Grass: «Echte Freunde halten zueinander»

Warschau/Danzig (dpa) - Der Vorsitzende des Stadtrates von Danzig (Gdansk), Bogdan Oleszek, hat Literaturnobelpreisträger Günter Grass Unterstützung in «schwierigen Zeiten» zugesichert. «Echte Freunde sind im Guten wie im Bösen zusammen», schrieb der liberale Ratschef in einem Brief an den in Danzig geborenen Schriftsteller. In dem Schreiben, das die polnische Nachrichtenagentur PAP am Mittwochabend auszugsweise veröffentlichte, nannte Oleszek Grass einen «Freund» und «ausgezeichneten Danziger». Nachdem bekannt geworden war, dass Grass als 17-jähriger Mitglied der Waffen-SS war, hatten nationalkonservative Politiker in Danzig zunächst die Aberkennung der Ehrenbürgerschaft des Schriftstellers gefordert.

«Mit großem Interesse, aber auch mit Beunruhigung verfolgen wir die öffentliche Diskussion im Zusammenhang mit Ihrem Buch "Beim Häuten der Zwiebel"», schrieb Oleszek, dessen Brief den Angaben zufolge mit den anderen Ratsfraktionen abgesprochen war. Der Ratschef bedauerte, dass das Bekenntnis von Grass eine Kontroverse ausgelöst hatte. Zugleich schloss er sich der Einladung des Danziger Bürgermeisters Pawel Adamowicz an, Grass möge im kommenden Jahr seine Heimatstadt besuchen: «Als gebürtiger Danziger und Ehrenbürger sind Sie in Danzig immer zu Hause.»

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06.09. Grass bleibt trotz Absage Preisträger des Görlitzer Brückepreises

Görlitz (dpa) - Der Dichter Günter Grass bleibt trotz seiner Absage Preisträger des Internationalen Brückepreises von Görlitz/ Zgorzelec. Dafür habe sich das Preisgericht einstimmig entschieden, bestätigte der Sekretär der Gesellschaft zur Verleihung des Preises, Michael Wieler, am Mittwoch einen Bericht des 3sat-Magazins «Kulturzeit»: «Wir sind uns einig: Grass ist der Preisträger des Jahres 2006. In den Annalen der Gesellschaft wird das so stehen, zusammen mit dem Vermerk, dass Grass den Preis nicht annimmt.»

Grass hatte Ende August mitgeteilt, den ihn im März zugesprochenen Brückepreis nicht anzunehmen. Nach seinem Eingeständnis, als Jugendlicher kurz vor Kriegsende zur Waffen-SS einberufen worden zu sein, hatten sich CDU-Politiker gegen die Ehrung ausgesprochen. Der Jury begründete Grass seine Absage unter anderm mit dem derzeit angespannten Verhältnis zwischen Polen und Deutschland. Zudem habe er den Preis nicht diskreditieren wollen und Proteste bei der Verleihung befürchtet, sagte Jury-Präsident Willi Xylander.

Das Preisgericht tagte am Dienstag noch einmal, um über die Lage zu beraten. Laut Wieler waren von den 14 Jurymitgliedern elf anwesend. Die drei entschuldigten Mitglieder hätten aber bereits zuvor der Verleihung an Grass zugestimmt. Unklar ist bislang, was mit dem Preisgeld in Höhe von 2500 Euro geschieht. Darüber wolle sich die Jury mit der Stadt Görlitz noch verständigen. Im Dezember soll der Preisträger des Jahres 2007 ermittelt werden.

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06.09. Grass gibt Medien Mitschuld an Waffen-SS-Debatte

Frankfurt/Main (dpa) - Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass hat den Medien eine Mitschuld an der Debatte über seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS am Ende des Zweiten Weltkriegs gegeben. «Das Leseexemplar dieses Buches lag den Redaktionsstuben der deutschen Zeitungen seit Wochen vor», sagte Grass am Dienstag in Frankfurt bei der zweiten öffentlichen Lesung aus seiner soeben erschienenen Autobiografie «Beim Häuten der Zwiebel». Erst die Vorabveröffentlichung in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» (FAZ) hatte des Thema ins Rollen gebracht.

Grass betonte: «Ich habe nichts der "FAZ" gegenüber gestanden, ich habe etwas in meinem Buch gestanden - die "FAZ" ist nicht die Institution, die von einem Menschen Geständnisse verlangen kann.» Grass erzählt in seiner Biografie erstmals davon, dass er in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs als Jugendlicher kurzzeitig der Waffe-SS angehört hatte. Dies hatte in den vergangenen Wochen zu teils heftiger Kritik an dem Nobelpreisträger geführt. Grass wurde vorgeworfen, im Nachkriegsdeutschland als «Moralapostel» aufgetreten zu sein, ohne seine eigene Vergangenheit völlig aufzudecken.

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29.08. Historiker Fest kritisiert «schrille Lebenslüge» bei Grass

Berlin (dpa) - Der Hitler-Biograf und NS-Experte Joachim Fest hat seine Kritik an Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass verschärft.
Dessen spätes Bekenntnis, in jungen Jahren kurzzeitig der Waffen-SS angehört zu haben, nannte er eine «schrille Lebenslüge». «Er war immer unbarmherzig, wenn es um Jugendsünden ging», sagt Fest in der neuen Ausgabe der Zeitschrift «Cicero», die am Donnerstag erscheint.

«Er hat sich jahrzehntelang moralisch aufgespielt und Mitmenschen gnadenlos kritisiert.» Grass' Eingeständnis komme nicht nur viel zu spät, «es entlarvt eine hochfahrende Selbstgerechtigkeit und Doppelmoral». Kein anderer habe so gern ethische Noten verteilt wie Grass, «kein anderer saß auf einem so hohen Ross, kein anderer fällt nun so tief».

Der Historiker und frühere Herausgeber der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» (FAZ), der am 8. Dezember 80 Jahre alt wird, hat jetzt seine Kindheits- und Jugenderinnerungen mit dem Titel «Ich nicht» geschrieben, die im September im Rowohlt Verlag erscheinen.

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28.08. Grass gibt Akten frei - Frühere Herausgabe war rechtswidrig

Berlin (dpa) - Die in der Berliner Wehrmachtsauskunftsstelle
(WASt) lagernden Belege über die Mitgliedschaft von Günter Grass in der Waffen-SS hätten eigentlich unter Verschluss bleiben müssen. Das sagte am Freitag der Datenschutzbeauftragte des Landes Berlin, Alexander Dix, und bestätigte damit einen Bericht der «Netzeitung».
«Eine Einwilligung von Grass lag zum Zeitpunkt der Veröffentlichung vor eineinhalb Wochen nicht vor. Deswegen war das Verhalten der WASt eindeutig rechtswidrig und unzulässig», sagte Dix. Mehrere Zeitungen hatten Akten aus der Wehrmachtsauskunftsstelle dokumentiert und daraus zitiert.

Nach gleich lautenden Berichten von «Netzeitung» und «Spiegel Online» hat Grass sich am Freitag nachträglich mit der Weitergabe seiner Dokumente einverstanden erklärt. «Spiegel Online» berichtet zudem, dass damit jetzt auch die Wehrmachts-Krankenakte des Literatur-Nobelpreisträgers einzusehen sei. In der WASt war dazu am Freitagnachmittag keine Stellungnahme zu erhalten.

Die jüngst freigegebene Wehrmachts-Krankenakte von Grass nährt nach Angaben von «Spiegel Online» Zweifel an der Zuverlässigkeit der biografischen Angaben, die Grass in seinen Erinnerungen «Beim Häuten der Zwiebel» gemacht hat. So widerlege sie die Aussage von Grass, er sei bereits im September 1944 Soldat der Waffen-SS geworden und habe während der Ausbildung - am 16. Oktober 1944 - seinen 17. Geburtstag gefeiert. Dem Eintrag zufolge sei Grass erst am 10. November 1944 eingerückt.

Weiter berichtet «Spiegel Online», als Einheit sei im Krankenbuch die Panzerjäger-Ausbildungs- und Ersatzabteilung 3 vermerkt. Eine solche habe es in der Tat bei der Waffen-SS gegeben. Sie sei nur nach bisheriger Kenntnis nicht der 10. SS-Panzerdivision «Frundsberg» unterstellt, zu der Grass nach eigener Aussage gehörte.

Die unzulässige Veröffentlichung der Dokumente über Grass wird für für die Wehrmachtsauskunftsstelle vorläufig ohne Folgen bleiben. Nach einem Gespräch mit den Verantwortlichen habe man auf eine mögliche offizielle Beanstandung verzichtet, sagte Dix.

Nach Angaben des Datenschutzbeauftragten handelt es sich bei der WASt um eine Informationssammlung, die dazu dient, Einzelfall- Schicksale und versorgungsrechtliche Fragen zu klären. Eine Auskunft an Dritte - vor allem an Medien - sei nicht vorgesehen. Auch die Tatsache, dass Grass eine Person der Zeitgeschichte sei, ändere nichts daran.

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28.08. Knobloch: Fall Grass erinnert an Ex-Republikaner-Chef Schönhuber

München (dpa) - In der Diskussion um Günter Grass' spätes Eingeständnis seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS hat die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, einen Vergleich mit dem ehemaligen Republikaner-Chef Franz Schönhuber gezogen. Der Fall des Literatur-Nobelpreisträgers erinnere sie an Schönhuber, sagte Knobloch der «Abendzeitung» (Montagausgabe).
«Dessen SS-Bekenntnis stand auch im Zusammenhang mit der Veröffentlichung seiner Autobiografie.» Dies finde sie ein sehr billiges Niveau. «All seine bisherige Kritik, die Grass ja immer sehr selbstgefällig formuliert hat, ist damit komplett obsolet geworden.»

Ihre Bilanz nach fast 100 Tagen als Präsidentin des Zentralrats der Juden fällt gemischt aus. «Mein Optimismus ist in keinster Weise geschmälert», sagte sie. Allerdings habe es im Zusammenhang mit dem Nahost-Krieg viele antisemitische Beschimpfungen gegeben, teilweise seien jüdische Menschen sogar mit Hitler verglichen worden. Chancen auf Frieden im Nahen Osten sehe sie kaum, hoffe aber trotzdem, dass es der Diplomatie gelingt, die libanesische Regierung zu stärken.

Als vordringlichste Aufgabe sieht sie den Kampf gegen den Rechtsextremismus an. «Unterstützt durch Anwälte und Gesetze bekommen Neonazis immer mehr Möglichkeiten, sich einen Platz zu verschaffen. Das dürfen wir nicht zulassen.»

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25.08. Nach Grass-Bekenntnis - «Jetzt sollen die Nachgeborenen auspacken»

Hamburg/Tel Aviv (dpa) - Für die eher gelangweilten Jungen ist er «Opa Grass», für die wütende Generation der 68er ein demontiertes Vorbild, für viele seiner Alters- und Kriegsgenossen einer, dem man verständnisvoll zur Seite springt. Die Debatte um den Literatur- Nobelpreisträger Günter Grass und sein nach 61 Jahren gebrochenes Schweigen über seine kurze Mitgliedschaft in der Waffen-SS geht durch die Generationen. Manche sehen in der Diskussion nicht mehr als die x-te Auflage deutscher Vergangenheitsbewältigung, namhafte Psychologen wie der Israeli Dan Bar-On erhoffen sich davon neue Impulse für eine intensive familiengeschichtliche Aufarbeitung der Nazi-Zeit.

«Immer mehr Kinder und Enkel der deutschen Kriegsgeneration arbeiten das Thema jetzt auf, indem sie Therapien beginnen und in der eigenen Familie hartnäckig nach Spuren der Vergangenheit forschen.
Ich sehe das als Teil eines Erholungs- und Gesundungsprozesses der deutschen Gesellschaft», sagt Bar-On in einem dpa-Gespräch. Der Professor an der Ben Gurion Universität (Beer Sheva) und Co-Direktor des Instituts für Friedensforschung im Mittleren Osten erforscht seit Mitte der 80er die Nachwirkungen des Holocaust auf die nachfolgenden Generationen von Tätern und Opfern. Dabei wurde das Story-Telling, das Erzählen persönlicher Geschichten, zur friedenstiftenden Therapie.

«Grass hat lange geschwiegen, vielleicht aus Angst, dass sonst alles für ihn zerbrochen wäre. Erst jetzt fühlte er sich sicher genug, damit herauszurücken. Das sagt mehr über die deutsche Gesellschaft als über ihn», meint Bar-On («Die Last des Schweigens»).
Noch vor 20 Jahren sei es tabu gewesen, über die Nazivergangenheit der eigenen Familie zu sprechen. «Das war eine enorme Belastung für Nachgeborene von NS-Tätern. Erst nach der deutschen Einheit und mit der großen Wehrmacht-Ausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung Mitte der 90er sowie der Welle, auch eigene, deutsche Verluste zu betrauern, entstand eine Öffnung und die Bereitschaft, die politische Debatte in die eigene Familie hineinzutragen.»

Davor habe es in den Familien das Phänomen der «doppelten Mauer»
gegeben: «Die Eltern bauten eine Mauer um ihre Gefühle zu den Gräueltaten, die sie miterlebt oder begangen hatten, die Kinder errichteten als Reaktion darauf ihre eigene schützende Mauer, weil sie fühlten, dass etwas verschwiegen wird.» Diese Atmosphäre des Wissens und doch nicht Wissens habe Fantasien befördert, die oft «schlimmer sind als die Realität». Die Folgen: Depressionen, ein Gefühl der Hilflosigkeit, Selbstzerstörungstriebe und das starke Verdrängen von Gefühlen durch ständiges Tätigsein.

«Das alles wurde durch das Grass-Bekenntnis wieder aufgewühlt», meint Autorin Sabine Bode («Die deutsche Krankheit - German Angst»).
«Die Kinder der Kriegsgeneration sind auf dünnem Eis gelaufen. Das ist kein Boden, auf dem man sich stabil entwickeln kann. Das Grass- Geständnis erinnert daran, wie wenig verlässlich die Aussagen der Eltern waren», sagt die Autorin. Darüber hinaus habe es einen Bruch in der Erzähltradition in den Familien gegeben: «Gewisse Zeiten waren nur ein weißer Fleck. Es gab keine stärkenden Botschaften darüber, wie man alles überlebt hat, sondern nur Andeutungen über Schrecken und Grauen.» Diese unbewussten, unverarbeiteten Ängste aus der Kriegszeit pflanzten sich über Generationen fort und hätten in Deutschland einen kollektiven Zustand von Mutlosigkeit und Schwarzmalerei geschaffen, eben «German Angst» (deutsche Angst).

Bode findet: «Jetzt sollen die Nachgeborenen auspacken. Wie war es, mit solchen Schatten fertig werden zu müssen? Es wird Zeit, noch viel mehr über eigene Erfahrungen als Kinder der Kriegsgeneration zu schreiben, nicht nur über die verstrickten Väter oder Onkel.»

Die Abwehr vieler heute junger Menschen erklärt die Autorin mit einem gewissen Übersättigungseffekt. «Die Enkel wurden mit Holocaust- Aufklärung überschüttet. Sie erkennen jetzt mit Recht die Hysterie, die auch hinter der Debatte um Grass steckt. Aber auch sie können ihrer Familiengeschichte nicht davonlaufen.» Und Bar-On betont: «Die Jungen haben zwar viel Information bekommen, sind zu Hause aber weiterhin auf die Schweigemauer gestoßen. Da hat sich nicht viel verändert.»

Die Psychoanalytikerin Christiane Walesh-Schneller sieht es so:
«Wir müssen jetzt Geschichtsbuch und Familienalbum zusammenbringen, um auf einer festen Grundlage stehen zu können.» Für Menschen, die sich der Vergangenheit stellten und bei der Familienrecherche erschütternde Entdeckungen machten, gebe es noch immer zu wenig Hilfe. «Ideal wäre eine Organisation, die Hilfesuchenden psychologisch und historisch Unterstützung bietet», sagt Walesh- Schneller, die sich in einem Aufarbeitungsprojekt engagiert. Ein Wahlspruch auf dessen Website ist ein Zitat des US-Philosophen George Santayana: «Wer nicht fähig ist, seiner Vergangenheit in die Augen zu sehen, ist dazu verurteilt, sie ewig zu wiederholen.»

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25.08. Grass-Titel auch auf Platz 1 der «Spiegel»-Bestsellerliste

München (dpa) - Die Autobiografie von Günter Grass hat auf Anhieb Platz 1 der Bestsellerliste des Nachrichtenmagazins «Der Spiegel» belegt. In dem Buch mit dem Titel «Beim Häuten der Zwiebel» berichtet der Literatur-Nobelpreisträger auch über seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS. Das späte Bekenntnis des Autors hatte eine internationale Debatte ausgelöst. Auch auf der Liste des «Focus» gelangte der Titel in der vergangenen Woche auf den ersten Platz. Auf beiden Rangfolgen verdrängte Grass damit Ildiko von Kürthys «Höhenrausch» auf Platz 2.

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24.08. Tschechiens Staatspräsident Klaus kommentiert «Fall Grass»

Prag (dpa) - Der tschechische Staatspräsident Vaclav Klaus (65) hat die Kritik an Schriftsteller Günter Grass (78) verurteilt, aber auch Zweifel an dessen Darstellung seiner Zeit bei der Waffen-SS geäußert. «Das Moralisieren über die Jahre 1940 bis 1945 in der Idylle des August 2006 ist ohne die Fähigkeit, die damalige Realität zu verstehen, gefährlich und anstößig», schrieb Klaus in einem Beitrag für die Prager Tageszeitung «Lidove noviny» (Mittwoch). Der Nazi-Ideologie seien weitaus reifere Menschen unterlegen als der damalige Schüler Grass.

Er glaube dem Autor aber nicht, dass dieser als Jugendlicher den Unterschied zwischen Wehrmacht und SS nicht gekannt habe. Auch der Hinweis auf die familiäre Enge, der Grass habe entkommen wollen, überzeuge ihn nicht, kritisierte das konservative Staatsoberhaupt:
«Warum sagt er nicht, dass er schlicht seinem gefährdeten Vaterland helfen wollte? (...) Auch der Zeitpunkt der jetzigen Aussage war wahrscheinlich kein Zufall.» Er schließe zwar nicht aus, dass Grass einfach «reinen Tisch» machen wollte. Vielleicht stecke aber auch «ein Gefühl der Überordnung dahinter, mit dem ein großer Intellektueller probieren will, was alles er sich erlauben darf».

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23.08. Gemischtes Echo auf Grass-Brief in Danzig - Kontroverse dauert an

Warschau/Danzig (dpa) - Der Brief von Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass an seine Geburtsstadt Danzig (Gdansk) mit Erklärungen zu seiner Zeit in der Waffen-SS hat in der nordpolnischen Hafenstadt gemischte Reaktionen ausgelöst. «Für mich ist die Angelegenheit damit abgeschlossen», sagte der liberale Stadtratsvorsitzende Bogdan Oleszek der Zeitung «Gazeta Wyborcza». Er vermutet hinter den Erklärungen nationalkonservativer und nationalistischer Politiker vor allem Wahlkampf-Taktik. «Es geht ihnen offensichtlich nicht um Ergebnisse, sondern darum, sich vor den (Kommunal-) Wahlen aufzuspielen.»

«Der Brief enthält nichts Neues», meinte dagegen Kazimierz Koralewski von der nationalkonservativen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS). Seine Partei bleibe bei ihrer Forderung, Grass solle die Danziger Ehrenbürgerwürde aberkannt werden. Auf einer Sitzung des Ältestenrates von Danzig am Dienstag hatte allerdings auch der Vertreter der PiS keinen Antrag auf Aufhebung der Ehrenbürgerschaft gestellt.

«Wenn es keinen Antrag gibt, kann auch nicht darüber abgestimmt werden», sagte ein Sprecher der Stadt, der damit die «Sache Grass» für abgeschlossen hält. Der Stadtrat will am 31. August über Grass und eine mögliche Aberkennung seiner Ehrenbürgerwürde diskutieren.

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23.08. John Le Carré kritisiert Autorenkollegen Grass für «Heuchelei»

Kopenhagen (dpa) - Der britische Schriftsteller John le Carré (74) hat seinen deutschen Kollegen Günter Grass (78) der «Heuchelei» beim Umgang mit der deutschen und seiner persönlichen Vergangenheit bezichtigt. Der dänischen Zeitung «Jyllands-Posten» sagte der weltweit erfolgreiche Thriller-Autor über das erst jetzt gebrochene Schweigen von Grass zu seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS: «Ich weiß nicht, ob es Berechnung, Scham oder Verdrängung war. Aber in jedem Fall geht es nicht.»

Le Carré meinte weiter: «Man stelle sich vor, jemand hat sein Leben lang gegen die Homosexualität gepredigt, und dann zeigt sich, dass er einen Jungen als Geliebten gehabt hat. Das ist dann nicht Scham oder Verdrängung, sondern Heuchelei.» Für Grass habe «die Bombe getickt», seit er 1958 «Die Blechtrommel» geschrieben habe. Er verstehe seinen Kollegen auch deshalb nicht, weil es immer Leute gegeben habe, die von seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS gewusst hätten. «Als er 1999 den Nobelpreis entgegennahm, muss er auch gewusst haben, dass er ihn nie bekommen hätte und auch nie Ehrenbürger von Danzig geworden wäre, wenn das bekannt gewesen wäre.»

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23.08. Der Brief in Auszügen - Grass: Kontroverse hat «für mich existentiell bedrohliche Ausmaße»

Hamburg (dpa) - In einem Brief an den Danziger Bürgermeister Pawel Adamowicz hat der Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass zu seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS Stellung genommen. Gleichzeitig beschreibt er seine Haltung zu seiner Heimatstadt Danzig (Gdansk), deren Stadtrat am 31. August über die Aberkennung der Ehrenbürgerschaft von Grass beraten will. dpa dokumentiert das Schreiben vom 20. August in Auszügen (in der von Grass gewählten Rechtschreibung):

«Sehr geehrter Herr Adamowicz,

ich danke Ihnen für Ihren Brief und für das Vertrauen, das Sie mir gegenüber auch in der gegenwärtigen Situation beweisen. Bevor mein jüngstes Buch, «Beim Häuten der Zwiebel», öffentlich zur Kenntnis genommen werden konnte, hat die Meldung über eine zwar gewichtige, aber nicht den Inhalt des Buches dominierende Episode im Verlauf meiner jungen Jahre eine Kontroverse ausgelöst, die unter anderem die Bürger der Stadt Gdansk verunsichert und die zugleich für mich existentiell bedrohliche Ausmaße angenommen hat.

(...)

In den Jahren und Jahrzehnten nach dem Krieg habe ich, als mir die Kriegsverbrechen der Waffen-SS in ihrem schrecklichen Ausmaß bekannt wurden, aus Scham diese kurze, aber lastende Episode meiner jungen Jahre für mich behalten, doch nicht verdrängt. Erst jetzt, im Alter, fand ich die Form, davon in größerem Zusammenhang zu berichten. Dieses Schweigen kann als Fehler gewertet und - wie es gegenwärtig geschieht - verurteilt werden. Auch muß ich akzeptieren, daß durch mein Verhalten meine Ehrenbürgerschaft von vielen Bürgern der Stadt Gdansk in Frage gestellt wird. Es steht mir nicht zu, in dieser Situation auf all das hinzuweisen, was während fünf Jahrzehnten mein Lebenswerk als Schriftsteller und gesellschaftlich engagierter Bürger der Bundesrepublik Deutschland ausmacht, doch möchte ich für mich beanspruchen, die harten Lektionen, die mir in meinen jungen Jahren erteilt worden sind, begriffen zu haben: meine Bücher zeugen davon und mein politisches Handeln.

Ich bedaure es, Ihnen und den Bürgern der Stadt Gdansk, mit der ich als gebürtiger Danziger zutiefst verbunden bin, eine Entscheidung aufgebürdet zu haben, die gewiß leichter und auch gerechter zu fällen wäre, wenn mein Buch bereits in polnischer Übersetzung vorläge.

(...)

Ich sah viele Gründe, auf meine ehemalige Heimatstadt stolz zu sein, ging doch von ihr eine geistige Haltung aus, die europaweit wirksam wurde, als es darum ging, diktatorische Herrschaft gewaltfrei zu beenden, so auch zum Fall der Berliner Mauer beizutragen und die Möglichkeiten für wahre Demokratie zu öffnen. Das alles machte mir Mut, das immer wieder stockende Gespräch zwischen Polen und Deutschen, Deutschen und Polen fortzusetzen, auf daß wir alle aus der Geschichte, so schmerzhaft sie war, eine Lehre ziehen, die wechselseitiges Verständnis erlaubt.»

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22.08.Wiesenthal-Center in Jerusalem stellt Fragen an Günter Grass

Jerusalem (dpa) - Der Leiter des Simon-Wiesenthal-Centers in Jerusalem, Efraim Zuroff, verlangt von Günter Grass mehr Details bei der Aufklärung seiner SS-Vergangenheit. In einem Offenen Brief stellte Zuroff dem Schriftsteller am Dienstag eine Reihe von Fragen etwa zu seiner Rolle in der Waffen-SS. Grass hatte kürzlich zugegeben, als 17-Jähriger Mitglied der ehemaligen Elitetruppe gewesen zu sein. Das Wiesenthal-Center gestehe Grass zu, dass er sich seiner Vergangenheit stelle, hieß es in dem Schreiben. Da aber sein Bekenntnis «so spät» erfolgt sei, «haben die Medien die Nachricht begierig aufgegriffen, Recherchen angestellt und Berichte veröffentlicht, die neue Fragen aufwerfen».

Grass habe zwar angegeben, er könne den Angaben in seinem jüngsten autobiografischen Buch «Beim Häuten der Zwiebel» nichts hinzufügen.
Das Wiesenthal Center bitte ihn aber darum, sich zu erinnern, schrieb Zuroff. Insbesondere wolle man wissen, in welchem Truppenteil der Waffen-SS-Division «Frundsberg» der spätere Literatur- Nobelpreisträger diente und an welche Offiziere und Unteroffiziere er sich erinnern könne. Das Center fragt weiter nach Einsatzorten, Einsatzzeiten und nach Dokumenten darüber.

Nach Meinung Zuroffs sind Grass' Ausführungen in dem Buch zu den Ereignissen im Jahr 1945 «eher dünn». Als renommierter Schriftsteller sei gerade Grass dazu berufen, mehr über seine Zeit bei der Waffen-SS zu berichten. Das Center bittet Grass außerdem um eine Einverständniserklärung zur Auswertung von Archivdokumenten, um dieses Kapitel der deutschen Geschichte besser aufarbeiten zu können.

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22.08. Grass schrieb an Danziger Bürgermeister - «Reihe von Antworten»

Warschau/Danzig (dpa) - Literaturnobelpreisträger Günter Grass hat einen Brief an den Bürgermeister seiner Heimatstadt Danzig (Gdansk) geschrieben, in dem er wohl auch Stellung zu seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS nimmt. Das Schreiben enthalte «Antworten auf eine Reihe von Fragen», sagte Bürgermeister Pawel Adamowicz dem Nachrichtensender TVN 24. «Der Brief ist sehr interessant, teilweise sehr rührend.» Zu Einzelheiten wollte er nichts sagen, da die offizielle Übersetzung des Schreibens noch in Arbeit sei. Ob der Brief des Autors der «Blechtrommel» veröffentlicht wird, hänge von der Spitze der Bürgerschaft ab.

Am Dienstagnachmittag sollte in Danzig der Ältestenrat zusammentreten, um über eine mögliche Aberkennung der Ehrenbürgerschaft von Grass zu diskutieren. Sollten sich die Vorsitzenden der Ratsparteien entschließen, das Thema auf die Tagesordnung zu setzen, könnte eine Entscheidung in der kommenden Woche auf der Sitzung des Stadtrates fallen. Adamowicz hatte bereits öffentlich betont, er hoffe, das Thema sei nach der Sitzung am Dienstag erledigt. In einer am Sonntag veröffentlichten Umfrage hatten sich 72 Prozent der Danziger gegen eine Aberkennung der Ehrenbürgerschaft ausgesprochen.

Friedensnobelpreisträger Lech Walesa dagegen hatte Grass aufgefordert, seine Ehrenbürgerschaft aufzugeben. Andernfalls wolle Walesa seine Danziger Ehrenbürgerschaft niederlegen.
 

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22.08. Kultusministerium: Grass-Werke für Schüler weiter empfohlen

Stuttgart (dpa/lsw) - Trotz der Debatte um die frühere Zugehörigkeit des Literatur-Nobelpreisträgers Günter Grass zur Waffen-SS werden seine Werke im Südwesten weiterhin für Schüler im Deutschunterricht empfohlen. Nach Angaben des Kultusministeriums bleibt etwa «Die Blechtrommel» Orientierungshilfe zur Auseinandersetzung mit der NS-Zeit. Minister Helmut Rau (CDU) sagte am Montag in Stuttgart: «Der Stellenwert des literarischen Werkes von Günter Grass wird von der gegenwärtigen Debatte nicht geschmälert.»

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21.08. Grass-Diskussion geht weiter - Ehefrau und Kollegen wussten Bescheid

Hamburg (dpa) - Die Diskussion um Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass dauert auch mehr als eine Woche nach dessen Eingeständnis, Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, an. Während Altbundespräsident Richard von Weizsäcker Grass' Verdienste um die deutsch-polnischen Beziehungen würdigte, attackierte Literaturkritiker Hellmuth Karasek ihn erneut. Grass' vom Verlag vorgezogene Autobiografie «Beim Häuten der Zwiebel» sprang unterdessen auf Anhieb auf Platz eins der Bestsellerliste des Nachrichtenmagazins «Focus». Die Bestsellerliste wird wöchentlich von media control GfK international auf der Basis von Verkaufszahlen in repräsentativ ausgewählten Buchhandlungen ermittelt.

Grass selbst sagte der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung», die in einer Beilage am Samstag Auszüge aus seinem Buch veröffentlichte, vor dem Schreiben habe er seiner Frau und zudem einigen Kollegen seine Waffen-SS-Mitgliedschaft gestanden. Ihm sei jedoch nicht mehr bewusst gewesen, dass er 1990 schon einmal im kleinen Kollegenkreis über seine Zeit bei der Waffen-SS gesprochen habe. «Das hatte ich tatsächlich völlig vergessen», sagte Grass (78) der Zeitung.

Der 31-jährige Schriftsteller Daniel Kehlmann («Die Vermessung der
Welt») sagte der «Frankfurter Rundschau» (Samstag) mit Bezug auf Grass' Waffen-SS-Zeit: «Mich würde allerdings interessieren, wie es möglich war, dass das all die Jahre kein Biograf und kein Journalist herausgefunden hat. Das ist eigentlich das Unheimliche, das Rätsel in dieser Geschichte.»

Literaturkritiker Hellmuth Karasek (72) attackierte den 78- Jährigen erneut. Hier habe sich «ein Moralist selber zu Grunde gerichtet», sagte er in der ARD-Sendung «Beckmann», die am Montag ausgestrahlt wird. «Er war ja das Staatstragendste, was wir in Deutschland haben. Der ist ja gar nicht mehr aus den Wolken 'runtergekommen.» Er könne Grass nur raten: «Runter vom Sockel. Jede Woche eine Resolution - das war schon ein bisschen anstrengend.» Karasek hatte Grass kürzlich bereits vorgeworfen, sich den Nobelpreis erschlichen zu haben, indem er bewusst seine SS-Vergangenheit verschwiegen habe.

Altbundespräsident von Weizsäcker (86), selbst im Zweiten Weltkrieg Infanterie-Hauptmann, sagte der «Bild am Sonntag», dafür, dass derzeit «alle Steinewerfer» über ihn herfielen, sei Grass selbst verantwortlich. An der Kraft seiner Literatur und seinen prägenden Leistungen für das deutsch-polnische Verhältnis nach dem barbarischen Krieg ändert das nichts!» Zur Diskussion in Grass' polnischer Geburtsstadt Danzig, die kommende Woche über die mögliche Aberkennung seiner Ehrenbürgerschaft entscheiden will, sagte von Weizsäcker: «Das bleibt ein vorübergehender Ausdruck einer gegenwärtigen polnischen Suche nach Distanz zum deutschen Nachbarn.» Er wisse aus langer Erfahrung, wie viel Grass persönlich zur Verbesserung des deutsch- polnischen Verhältnisses beigetragen habe.

Die britische Tageszeitung «The Times» ging am Samstag noch einmal mit Grass wegen seines späten Bekenntnisses hart ins Gericht. Grass habe in der Vergangenheit «seine Themen von Schuld und moralischer Abrechnung für parteiliche politische Zwecke ausgenutzt». Daher solle «man ihm seine Auseinandersetzung mit der Nazi-Vergangenheit (...) zurück ins Gesicht schleudern», schrieb das Blatt. Als Autor und politischer Mahner sei er diskreditiert.

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21.08. Kanzlerin Merkel kritisiert Günter Grass' spätes Eingeständnis

Berlin (dpa) - Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat den späten Zeitpunkt des Eingeständnisses von Günter Grass kritisiert, als 17- Jähriger bei der Waffen-SS gewesen zu sein. «Ich hätte mir gewünscht, wir wären über seine Biografie von Anfang an in vollem Umfang informiert gewesen», sagte Merkel am Montag in Berlin. Der Literatur- Nobelpreisträger habe bei seinen «Stellungnahmen zu anderen Vorkommnissen» auch nie mit seiner Meinung hinter dem Berg gehalten. Daher wundere es sie nicht, «dass durch diese späte Offenlegung dieser biografischen Gegebenheit jetzt eine Vielzahl von Kritik laut wird». Was Grass' Einschätzungen zur Deutschen Einheit angehe, habe sie schon seit 1990 eine «sehr unterschiedliche Meinung».

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20.08. Mehrheit der Danziger will Grass als Ehrenbürger behalten

Warschau/Danzig (dpa) - Die Mehrheit der Danziger will, dass Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass Ehrenbürger seiner polnischen Geburtsstadt bleibt. Mehr als 52 Prozent von 1000 Teilnehmern einer Repräsentativumfrage sagten, Grass solle nicht auf die Ehrenbürgerschaft verzichten, nachdem bekannt wurde, dass er als 17- Jähriger Mitglied der Waffen-SS war. Das berichtete der polnische Rundfunk am Sonntag. Noch größer ist der Anteil derjenigen, die dagegen sind, dass der Stadtrat Grass die Ehrenbürgerschaft aberkennt: Dies lehnten 72 Prozent der Befragten ab, sagte Bürgermeister Pawel Adamowicz über die Ergebnisse der im Auftrag der Stadt durchgeführten Umfrage.

Der Danziger Stadtrat berät am Dienstag, ob Grass wegen seiner SS- Vergangenheit die Ehrenbürgerschaft aberkannt werden soll. Adamowicz sagte weiter, er wolle den Autor der «Blechtrommel» bitten, den Danzigern selbst zu erklären, warum er so lange über seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS geschwiegen habe. Grass ist seit 1993 Ehrenbürger der nordpolnischen Hafenstadt.

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20.08. Er oder ich - Danzig, Grass und der Streit um die Ehrenbürgerschaft

Warschau/Danzig (dpa) - Die Sitzung des Stadtrates von Danzig
(Gdansk) am kommenden Dienstag dürfte den Mitgliedern des Stadtparlaments schon jetzt Kopfschmerzen bereiten. Denn auf der Tagesordnung steht die Ehrenbürgerschaft von Günter Grass. Mit seinem späten Bekenntnis, er sei als 17-Jähriger Mitglied der Waffen-SS gewesen, hat Grass in seiner heute polnischen Geburtsstadt und in ganz Polen für erhebliche Aufregung gesorgt.

Nun droht der «Fall Grass» die Kommunalwahlen in diesem Herbst zu beeinflussen. Als sei all das nicht genug, mischt sich mit Lech Walesa ein weiterer Nobelpreisträger und Danziger Ehrenbürger lautstark in die Debatte ein. «Er oder ich!», wiederholte er am Samstag in der Zeitung «Dziennik» seine Drohung. Er werde die Ehrenbürgerschaft zurückgeben, wenn sie Grass nicht aberkannt werde.

Der liberale Danziger Bürgermeister Pawel Adamowicz betonte, er respektiere Grass und seine Entscheidung, die Ehrenbürgerschaft Danzigs nicht aufzugeben. Eine Entscheidung müsse der Stadtrat treffen, sagte Adamowicz. «Der Rat sollte nicht die Rolle eines Geschichtstribunals annehmen und menschliche Lebensläufe bewerten», meinte er.

Auch die Stadtverwaltung von Thorn (Torun) sieht keinen Anlass, Grass den Bogumil-Linde-Preis abzuerkennen. Grass erhielt die Auszeichnung 1996 zusammen mit Wislawa Szymborska für seine Verdienste für den deutsch-polnischen Dialog. «Der Dienst des Schriftstellers in der SS war ein Jugendfehler», kommentierte ein Ratssprecher vor wenigen Tagen.

Für die Verehrer der Literatur von Grass war die Enthüllung des Schriftstellers ein Schock. Die Vergabe des Literatur-Nobelpreises an Grass, der in seinen Werken immer wieder auch seine Geburtsstadt Danzig beschrieben hat, erfüllte viele Polen mit Stolz. Jüngere Danziger Schriftsteller berufen sich auf sein literarisches Vorbild, etwa Stefan Chwin und Pawel Huelle. Zudem gehörte Grass zu den Intellektuellen und Künstlern, die sich mit Beginn der sozialliberalen Ostpolitik für einen deutsch-polnischen Dialog eingesetzt haben. In Danzig errichtete die Stadt ein Denkmal - in einem Park jenes Stadtteils, in dem Grass aufwuchs.

Der in Polen regierenden nationalkonservativen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS), die im Herbst auch das Danziger Rathaus erobern will, kommt das Grass-Bekenntnis geradezu gelegen. Denn die PiS konnte im Wahlkampf im vergangenen Jahr mit antideutschen Tönen Punkte bei den Wählern sammeln, forderte in der Kontroverse um Entschädigungsklagen deutscher Vertriebener Reparationen von Deutschland. Die Berliner Vertriebenen-Ausstellung «Erzwungene Wege» ist für viele PiS-Politiker ein Beweis, dass die Deutschen nicht zu ihrer historischen Schuld am Zweiten Weltkrieg stehen, sondern sich einseitig als Opfer darstellen wollen.

Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet der Danziger PiS-Politiker Jacek Kurski Grass zum Verzicht auf die Danziger Ehrenbürgerschaft aufgefordert hatte und nun ankündigte, seine Partei werde einen Antrag auf Aberkennung der Ehrung einbringen. Im Präsidentschaftswahlkampf im vergangenen Jahr war es Kurski gewesen, der den liberalen Kandidaten Donald Tusk mit Familiengeschichte konfrontierte. Er lancierte, der Großvater Tusks habe als Freiwilliger in der Deutschen Wehrmacht gedient. In Polen, wo die Wunden des Zweiten Weltkriegs auch nach mehr als 60 Jahren lebendig sind, erwies sich diese Art des Wahlkampfs als erfolgreich: Staatspräsident wurde nicht der damals in Umfragen führende Tusk, sondern der PiS-Kandidat Lech Kaczynski.

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19.08. Grass im TV-Interview: Unbeugsam, selbstbewusst und kontrolliert

Hamburg/Kopenhagen (dpa) - Günter Grass ist den Kritikern seines späten Bekenntnisses zur Mitgliedschaft in der Waffen-SS im TV- Interview für «Wickerts Bücher» nicht entgegengekommen. Immerhin 1,48 Millionen Zuschauer (8,7 Prozent) verfolgten am Donnerstagabend zu später Stunde in der ARD, wie der 78-jährige Schriftsteller und Literatur-Nobelpreisträger mehrfach den selbstkritisch fragenden Ansatz seiner neuen Jugenderinnerungen «Die Häutung der Zwiebel» herausstellte. Ansonsten gab er sich unbeugsam und reagierte mit manchmal mühsam unterdrückter Verärgerung auf die Vorwürfe wegen seines langen Schweigens über die Zeit in der Waffen-SS.

Beim 30-Minuten-Interview auf der dänischen Ostsee-Insel Møn, wo der Dichter stets den Sommer verbringt, stellte Ulrich Wickert immer wieder die Frage, warum denn Grass nicht früher als mit 61 Jahren Verzögerung diesen Teil seiner Jugend öffentlich gemacht hätte.
Einmal, eher beiläufig, meinte der gebürtige Danziger, der als 17- Jähriger in der Waffen-SS war: «Dazu will ich nichts Verteidigendes sagen. Das würde auch schwer fallen.»

Bei Wickerts Fragen nach möglicherweise berechtigter Enttäuschung in Polen, wo die Waffen-SS mit Massenexekutionen und zahllosen anderen Gräueltaten zu einem Symbol für mehr als fünf Jahre Grauen unter der deutschen Besatzung geworden ist, gab sich Grass durchaus selbstbewusst. Er sehe keinen Grund, die 1993 verliehene Danziger Ehrenbürgerschaft zurückzugeben, meinte der Dichter: «Ich glaube, dass ich diese Würde damals angetragen bekommen habe, weil ich in meinen Büchern und in meinen politischen Bestrebungen als Bürger meines Landes zu einem sehr frühen Zeitpunkt für einen Brückenschlag zwischen beiden Ländern unter damals sehr schwierigen Umständen eingetreten bin.»

Während der Versuch einer Reflexion zu seinem langen Schweigen aus polnischer Sicht ausblieb, verwies Grass mehrfach auf das Bekenntnis im neuen Buch als souveräne eigene, literarische Leistung. Er habe ja nicht, wie «in der Presse dargestellt» der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» in einem Vorab-Interview die SS-Mitgliedschaft gestanden: «In diesem Buch ist es Thema. Ich habe drei Jahre daran gearbeitet.
Da steht alles, was ich zu der Sache sagen habe.»

Wickert stellte nicht die Frage, die bei der Debatte seit dem Bekenntnis vor anderthalb Wochen für viele im Mittelpunkt stand: Wie Grass einerseits seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS über mehr als ein halbes Jahrhundert verschweigen und verdrängen konnte und andererseits die Kritik am Verschweigen und Verdrängen der Nazi- Vergangenheit durch Andere literarisch und politisch ins Zentrum seiner Aktivitäten stellen konnte.

«Das werde ich mir sicher noch lange anhören müssen» sagte Grass mit genervtem Unterton, aber auch spürbar um Mäßigung bemüht, über die Kritik am eigenen Schweigen. Das gute Recht dazu habe jeder.
Wenngleich: «Was ich jetzt zur Zeit erlebe, von einigen Leuten jedenfalls, das hat mit sehr viel Selbstsicherheit zu tun und führt zu einem Aburteilen, als sollte ich zu einer Unperson gemacht werden. Als wollte man im Nachhinein alles in Frage stellen, was mein späteres Leben ausgemacht hat.»

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19.08. Bundestagspräsident: Grass hat keinen Anspruch auf Nachsicht

Berlin (dpa) - Günter Grass verdient nach Meinung von Bundestagspräsident Norbert Lammert keine Nachsicht. Nach dem Eingestehen seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS reklamiere Grass für sich ein Verständnis, das er anderen immer wieder verweigert habe, sagte Lammert im Deutschlandfunk am Freitag. In vergleichbaren Situationen sei Grass «mit einem scharfen, unnachsichtigen, geradezu unbarmherzigen moralischen Urteil» aufgetreten. «Ich finde, dass das hoffentlich die Lektion ist, die er selber und auch andere aus dieser Situation für die Zukunft ziehen.»

Gerade in Fragen politischer Moral reagiere Grass mit einer «in der Regel alttestamentarischen Strenge». Immer wieder habe der Literatur-Nobelpreisträger aus einer scheinbar abgehobenen Position Zensuren und moralische Urteile erteilt, die individuellen Lebenssituationen und historischen Verhältnissen nicht gerecht wurden.

Ihn störe nicht, dass Grass wie viele andere junge Leute «früh begeistert war von einer Ideologie, die ihn offenkundig überrumpelt hat», sagte Lammert. Was er nicht begreife, ist, «dass er anderen gegenüber, die jedenfalls nach den objektiven Daten sich in einer ähnlichen Situation befunden haben, mit einem so unnachsichtigen moralischen Urteil aufgetreten ist und für sich selber nun offenkundig andere Konditionen reklamiert».

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18.08. Steinbach: Grass sollte Bucheinnahmen für NS-Opfer in Polen spenden

Hamburg (dpa) - Der Bund der Vertriebenen hat den Schriftsteller Günter Grass aufgefordert, die Einnahmen aus seinem neuen Buch «Beim Häuten der Zwiebel» vollständig an Opfer des NS-Regimes in Polen zu spenden. Die Vorsitzende des Vertriebenenbundes, Erika Steinbach (CDU), sagte der «Bild»-Zeitung (Freitag), Grass' überraschendes Geständnis seiner Zugehörigkeit zur Waffen-SS komme zwar «dem Verkauf seines neuen Buches zugute», beschädige aber das Verhältnis zwischen Deutschland und Polen. «Als Geste der Versöhnung sollte er die Einnahmen aus dem Verkauf seines Buches komplett für die Opfer des Nationalsozialismus in Polen spenden», meinte Steinbach.

Der CDU-Europaabgeordnete Elmar Brok forderte Grass auf, auf die geplante Verleihung des «Internationalen Brückepreises der Europastadt Görlitz» zu verzichten. Brok sagte der «Bild»-Zeitung:
«Ich finde, Grass muss auf diesen Preis verzichten. Auch die Jury sollte über die Verleihung noch einmal nachdenken.»

Der CDU-Politiker begründete seine Aufforderung mit Äußerungen von Grass in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» in Bezug auf die «Spießigkeit» und den «katholischen Mief» der Adenauer-Ära.
«Dabei hat gerade Adenauer die Freiheit und die Einigung Europas wie kaum ein anderer vorangetrieben. Das sollte Grass bedenken, ehe er eine solche europäische Ehrung annimmt», sagte Brok.

Nach Informationen der «Bild»-Zeitung will das aus Deutschen und Polen zusammengesetzte Komitee des «Brückepreises» jetzt auf einer Sondersitzung am 5. September erneut über die für November geplante Verleihung beraten.

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18.08. Günter Grass zum Weltkriegsende: «Es war eine unüberschaubare Zeit»

Mön (dpa) - Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass hat in einem Exklusiv-Interview mit dpa über sein neues Buch, die Jugend- Autobiografie «Beim Häuten der Zwiebel» und über sein Verhältnis zur Nazi-Diktatur gesprochen.

Frage: Handelt es sich um eine klassische Autobiografie?

Grass: «Es ist nicht in dem Sinne eine Autobiografie, die Fakten an Fakten und Datum an Datum reiht. Es ist der Versuch, einen jungen Menschen, der mir fremd ist, wieder zu entdecken und ihn zu befragen, wie er sich in bestimmten Situationen verhalten hat. Warum, obgleich von Natur her aufsässig und neugierig, er sich als Schüler zum Beispiel nicht zu fragen entschlossen hat, was das nationalsozialistische Regime und die dahinter verborgenen, für mich verborgenen Verbrechen betraf? Das Buch beginnt am 1. September 1939.
Ich bin annähernd 12 Jahre alt, der Krieg bricht aus, und mein Onkel, der zu den Verteidigern der Polnischen Post in Danzig gehörte, wird standrechtlich erschossen. (...) Der war auf einmal weg. Die Familie kam nicht mehr - und ich habe keine Fragen gestellt!»

Frage: Schlagzeilen und heftige Kontroversen hat es gegeben, weil Sie jetzt erst Ihre Mitgliedschaft in der Waffen-SS öffentlich gemacht haben. Warum erst so spät?

Grass: «Ich habe das, im Rückblick, immer als einen Makel empfunden, der mich bedrückt hat und über den ich nicht sprechen konnte. Das musste mal geschrieben werden. Und das ist jetzt keine Entschuldigung und keine Erklärung: Ich habe mich nicht zur Waffen-SS gemeldet. Ich habe mich mit 15 zur U-Boot-Waffe oder als Alternative zu den Panzern gemeldet, was genauso verrückt war.»

Frage: Was empfanden Sie, als Sie zur Waffen-SS einberufen wurden?

Grass: «Das ist für mich nachträglich der Schock: Für mich als Jugendlicher war die Waffen-SS eine Elite-Einheit. In meiner damaligen beschränkten Sicht unterschied sie sich von der Wehrmacht darin, dass der Adel nicht das Sagen hatte. Es waren Einheiten, die an brenzligen Stellen eingesetzt wurden und die die größten Verluste hatten. Und die Waffen-SS hatte - auch dies wiederum aus meiner damaligen Sicht - einen europäischen Zuschnitt: So gab es Verbände der Waffen-SS mit Schweden, Dänen, Flamen, Wallonen...»

Frage: Sie wurden nach der schikanösen Ausbildung in einem Lager in den böhmischen Wäldern Ende Februar 1945 vereidigt. Wie ging es weiter?

Grass: «Es war eine unüberschaubare Zeit. Erst kam ich in eine Marschkompanie, dann folgte ein dauerndes Verlegen. Die Division Frundsberg, der ich zugeordnet war, habe ich nie gesehen. Immer wieder wurden Verbände zusammengewürfelt, die schon wenige Tage nach dem Einsatz auseinandergesprengt waren. Zwei Mal gehörte ich in den wenigen Wochen als Soldat Spähtrupp-Unternehmen an, auch Himmelfahrtskommandos genannt. Meine Existenz wurde bestimmt von der ständigen Furcht, von der deutschen Feldgendarmerie ohne gültigen Marschbefehl erwischt zu werden, was einem Todesurteil gleichkam. Die ersten Toten, die ich gesehen habe, waren keine Russen, sondern Deutsche, darunter viele meines Alters. Wenn man durch eine Ortschaft kam beim Rückzug - es war immer Rückzug - hingen an den Dorflinden oder an Kastanienbäumen Männer mit Schild vor der Brust "Feigling"
oder "Vaterlandsverräter", darunter auch ältere, Offiziere, denen man die Klappen abgerissen hatte, und eben Jungs in meinem Alter.»

Frage: Im Buch erwähnen Sie ausführlich Ihren «Kumpel Joseph».
Hand aufs Herz, war es tatsächlich der heutige Papst Benedikt XVI., den Sie im Gefangenlager trafen?

Grass: «Ich kann es nur vermuten. Diese Erkenntnis kam übrigens erst während des Schreibens. Sicher ist, dass ich in Bad Aibling, diesem Massenlager mit etwa 100 000 deutschen Kriegsgefangenen unter freiem Himmel, mit einem jungen Burschen meines Alters - wir waren beide 17 - in einem Erdloch hockte. Es regnete viel, wir saßen dann immer unter seiner Zeltplane. Er war bayerischer Herkunft, war intensiv bis fanatisch katholisch und war auch in der Lage, mit seinen 17 Jahren gelegentlich lateinische Zitate einzustreuen.(...) Er wollte in der kirchlichen Hierarchie aufsteigen, ich wollte Künstler und berühmt werden. (...)

...Und während ich das Manuskript für mein Erinnerungsbuch schreibe, wird ein Deutscher Papst. Und dann lese ich - ich wusste, wer Kardinal Ratzinger war, kannte seine konservative Einstellung, sein leises beharrliches Auftreten aus dem Hintergrund heraus -, dass der in Bad Aibling gewesen ist. Dieser Joseph, der kam mir bekannt vor, auch die Art und Weise, dieses Schüchterne, Beharrliche, Leise an ihm - ich kann nur vermuten, dass er es gewesen ist.»

Frage: Ihr Buch ist weit mehr als eine literarische Jugend- Autobiografie. Was erwartet den Leser?

Grass: «Ich habe im Laufe der Jahrzehnte gelernt, dass Bücher, so wie sie den Autor verlassen, erstmal den Autor enteignen. Sie machen sich selbstständig, wechseln den Besitzer. Jeder Leser macht sich ein Buch zu eigen und liest es auf seine Art. (...) So würde ich auch diesmal erwarten, dass Leute meiner Generation, dann die mittlere Generation und auch die meiner Kinder und Enkelkinder ihr jeweils eigenes Leseerlebnis "Beim Häuten der Zwiebel" haben. Die Enkelkinder werden etwas erfahren, was die Großvatergeneration sprachlos gemacht hat, was sie dazu gebracht hat, bestimmte Dinge solange für sich zu behalten und diese erst jetzt auszusprechen, auch das gehört mit dazu.»

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18.08. Vatikan äußert sich nicht zu Grass-Vermutungen

Rom (dpa) - Der Vatikan wollte sich am Donnerstag nicht zu einem dpa-Interview mit Günter Grass äußern, in dem der Schriftsteller Vermutungen äußert, in einem Kriegsgefangenenlager viel Zeit mit dem damals 17-jährigen Joseph Ratzinger verbracht zu haben. «Er war bayerischer Herkunft, war intensiv bis fanatisch katholisch und war auch in der Lage, mit seinen 17 Jahren gelegentlich lateinische Zitate einzustreuen», hatte Grass in dem Interview unter anderem gesagt.

«Hier geht es rein um das Privatleben des Heiligen Vaters», sagte eine Sprecherin der Vatikan-Pressestelle der dpa. Der Heilige Stuhl wisse nichts von einer derartigen Bekanntschaft. Eine enge Mitarbeiterin des Papstes habe zuletzt aber einigen Zeitungen erklärt, Benedikt XVI. habe eine solche Bekanntschaft mit Grass nie erwähnt, erklärte die Sprecherin weiter.

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17.08. Phoenix setzt Themenschwerpunkt zu Grass und Waffen-SS

Hamburg (dpa) - Zur aktuellen Diskussion um die Mitgliedschaft des Schriftstellers Günter Grass in der Waffen-SS setzt der Fernsehsender Phoenix an diesem Freitag einen Themenschwerpunkt. Ab 17.30 Uhr strahlt der öffentlich-rechtliche Dokumentationskanal zunächst den Film «Der Trommler aus Danzig» aus, der anlässlich des drei Jahre zurückliegenden 75. Geburtstages des Literaturnobelpreisträgers entstand. Außerdem wird die Dokumentation «Die Waffen-SS - Hitlers schwarzer Orden» gezeigt. Daneben sendet Phoenix das ARD-Interview, das Ulrich Wickert mit Grass führte, und die am Mittwoch vom ZDF gezeigte Sendung «Aspekte extra: Der Fall Grass». Abgerundet wird der Themenschwerpunkt durch eine Diskussion mit dem Schriftsteller Ralph Giordano.

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17.08. Martin Walser und Hellmuth Karasek im ZDF zum Grass-Bekenntnis

Hamburg/Mainz (dpa) - In einer «aspekte extra»-Sendung des ZDF hat der Schriftsteller Martin Walser am Mittwochabend Verständnis für das lange Schweigen seines Kollegen Günter Grass über dessen Mitgliedschaft bei der Waffen-SS geäußert. «Es herrscht hier kein Klima, das einlädt, mit sich selbst freimütig abzurechnen und entspannt darüber zu sprechen, was einem passiert ist. Es ist ein Klima der Vergiftungen, der schnellen Verdächtigungen und des Rufmordes», sagte Walser. Das sei auch Grass bekannt gewesen. «Ich verstehe, dass Günter Grass das nicht öffentlich gemacht hat. Ich verstehe das sehr gut.»

Literaturkritiker Hellmuth Karasek forderte in der Sendung von Grass persönliche Konsequenzen. «Ich fände es eigentlich angemessen, dass er das Geld, das er für den Nobelpreis bekommen hat, einer Wiedergutmachungs-Stiftung, die Opfer des Waffen-SS-Staates betreut, anvertrauen sollte. Ich glaube sogar, er könnte sich das leisten.»

Mit seinem Bekenntnis, als Siebzehnjähriger Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, sorgte Grass weltweit für Schlagzeilen. Seine jetzt erschienene Autobiografie «Beim Häuten der Zwiebel» geht auf dieses Kapitel seiner Jugend näher ein.

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17.08. Görlitzer CDU gegen Brückepreis-Verleihung an Günter Grass

Dresden (dpa) - Die Görlitzer CDU hat sich nach einem Bericht der in Dresden erscheinenden «Sächsischen Zeitung» (Donnerstag) gegen die Verleihung des Brückepreises der Stadt an Schriftsteller Günter Grass ausgesprochen. Um Schaden für den internationalen Preis abzuwenden, solle in diesem Jahr auf eine Verleihung verzichtet werden, schrieb der Fraktionsvorsitzende Michael Hannich in einem Brief an Willi Xylander, den Präsidenten der Gesellschaft zur Vergabe des Preises.
Hintergrund ist das Eingeständnis des Literatur-Nobelpreisträgers, Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein. Der Preis war Grass im März zugesprochen worden.

Der Görlitzer Oberbürgermeister Joachim Paulick (CDU) will die Entscheidung der Gesellschaft überlassen, berichtet die «Sächsische Zeitung» weiter. Die Mitglieder des Gremiums werden voraussichtlich Anfang September darüber beraten. Der Preis, der als Beitrag zur Völkerverständigung vergeben wird, sollte am 15. Dezember in Görlitz überreicht werden.

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17.08. Grass im ARD-Interview mit Wickert: «War mir keiner Schuld bewusst»

Hamburg (dpa) - Der wegen des späten Eingeständnisses seiner Waffen-SS-Zugehörigkeit umstrittene Schriftsteller Günter Grass hat sich in einem ARD-Interview ausführlicher zu seinem langen Schweigen geäußert. Im Gespräch mit Moderator Ulrich Wickert für die neue Sendung «Wickerts Bücher», die am Donnerstagabend (22.45 Uhr) ausgestrahlt werden soll, sagte Grass, die Gründe für sein Verhalten könne er auch nicht genau nennen. Er sei sich auch keiner Schuld bewusst gewesen: «Ich bin zur Waffen-SS gezogen worden, war an keinem Verbrechen beteiligt, hatte aber immer das Bedürfnis, eines Tages darüber in einem größeren Zusammenhang zu berichten.» Dieser habe sich erst jetzt beim Schreiben seiner Jugend-Autobiografie ergeben.

Zudem sei er der Meinung gewesen, «dass das, was ich tat, als Schriftsteller, als Bürger dieses Landes, was all das Gegenteil dessen bedeutet, was mich in meinen jungen Jahren während der Nazi- Zeit geprägt hat, dass das ausreicht». Das Thema Waffen-SS spiele in seinem Buch zwar eine Rolle, «die weit kritischeren Fragen» stelle er sich jedoch «in einem ganz anderen Zusammenhang. Dass ich zum Beispiel in meiner Verblendung als Jungvolk-Hitlerjunge zu bestimmten Situationen im engeren Kreis, auch zum Beispiel im Familienkreis, (...) nicht die richtigen Fragen gestellt habe.»

Zur Frage einer möglichen Aberkennung der Danziger Ehrenbürgerwürde, wie sie Polens früherer Präsident und Friedens- Nobelpreisträger Lech Walesa verlangt hatte, sagte Grass, er sehe von sich aus «keinen Grund, diese Ehre zurückzuweisen». Sollte die Stadt Danzig sich jedoch dazu entschließen, würde er die Entscheidung akzeptieren.

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16.08. Sondersendung zur Diskussion um Grass im MDR-Kulturradio

Leipzig (dpa) - Mit Blick auf die aktuelle Diskussion um Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass hat das Kulturradio MDR FIGARO sein Programm geändert. An diesem Donnerstag (18.00 Uhr) wird ein Forum mit dem Titel «Günter Grass und das Ende der moralischen Instanzen?» ausgestrahlt, teilte der Sender am Mittwoch mit. Auslöser ist das Eingeständnis von Grass, der Waffen-SS angehört zu haben.
Teilnehmer der Live-Diskussion sind unter anderen die Chefredakteurin der Zeitschrift «Literaturen», Sigrid Löffler, und der Wittenberger Theologe und Publizist Friedrich Schorlemmer.

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16.08. Nicht vergehende Vergangenheit: Der Fall Grass und seine Vorläufer

Hamburg (dpa) - «Wie sollen wir der gefolterten und ermordeten Widerstandkämpfer, wie sollen wir der Toten von Auschwitz und Treblinka gedenken, wenn Sie, der Mitläufer von damals, es wagten, heute hier die Richtlinien der Politik zu bestimmen?» Diese rigorose Mahnung, am 1. Dezember 1966 in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» veröffentlicht, stammt von Schriftsteller Günter Grass. Gerichtet hat der sie vor 40 Jahren an Kurt Georg Kiesinger (CDU) kurz vor dessen Wahl zum Bundeskanzler. Grass' Vorwurf war der Höhepunkt einer Diskussion, die die Amtszeit des Ex-NSDAP-Mitglieds Kiesinger überschattete.

Vier Jahrzehnte später geht die Öffentlichkeit mit den schwärzesten Jahren der deutsche Geschichte allgemein sachlicher um, versucht zu differenzieren. Auch im Fall Grass: Der Fakt allein, dass er einige Monate lang Mitglied der Waffen-SS war, steht nicht im Zentrum der Kritik - wohl aber der Umstand, dass Grass mehr als 60 Jahre lang zu diesem Aspekt seiner Vergangenheit schwieg. Noch in jüngerer Vergangenheit war der Umgang mit Nazi-Enthüllungen anders. Seit 1945 werden immer wieder Politiker, Industrielle, Künstler und selbst Sportler mit ihrer mehr oder weniger starken Verstrickung in die Diktatur konfrontiert, meist unfreiwillig.

Der von Historikern wohl am meisten zitierte frühe Fall war der von Kanzleramts-Staatssekretär Hans Globke. 1935 hatte er einen Kommentar zu den NS-Rassengesetzen geschrieben, auch vom Holocaust wusste er nach eigenen Worten. Andererseits wurde er nie Mitglied der NSDAP und suchte Kontakt zum Widerstand. Als Staatssekretär unter Konrad Adenauer (CDU) und bis zu seinem Tod 1973 war Globke Zielscheibe scharfer Kritik. Politische Gegner und auch die DDR brandmarkten den Fall Globke als Synonym für eine angeblich scheinheilige Vergangenheitsaufarbeitung in der Adenauer-Zeit. Im Gegensatz zu Fällen wie Theodor Oberländer - Teilnehmer am Münchner Hitlerputsch 1923, NSDAP-Mitglied seit 1933, Bundesvertriebenenminister von 1953 bis 1960 - haftete der Fall Globke auch heute noch vielen im Gedächtnis.

Eine «meisterhaft konzentrierte Hetze» nannte der Historiker Golo Mann später den Fall Hans Filbinger (CDU). 1978 wies der Schriftsteller Rolf Hochhuth nach, dass der baden-württembergische Ministerpräsident Ankläger und später Richter eines Kriegsgerichts war, von dessen Todesurteilen mindestens eines vollstreckt worden war
- sieben Wochen vor Kriegsende. Von einem «furchtbaren Juristen» sprach Hochhuth, und die Wellen der Empörung schlugen hoch. So hoch, dass selbst die CDU ihrem Vizevorsitzenden die Unterstützung
versagte: Filbinger trat von allen Ämtern zurück.

Beendet war die Affäre damit noch lange nicht: Auch als Filbinger vor zwei Jahren von allen Parteien zum Abgeordneten der Bundesversammlung gewählt wurde, war die Entrüstung groß. Hochhuth sprach von einer «entsetzlichen Entscheidung», SPD und Grüne, Zentralrat der Juden und auch ausländische Kommentatoren sahen es ähnlich. Einer der Filbinger-Kritiker: Günter Grass.

Verständnis äußerte Grass hingegen, als im Dezember 2003 drei Literaturwissenschaftlern vorgeworfen worden war, NSDAP-Mitglied gewesen zu sein. Walter Höllerer, Mitbegründer der «Gruppe 47», gestand seine Mitgliedschaft ein, der Germanist Peter Wapnewski hielt sie für möglich, obwohl er nie ein Parteibuch gesehen habe. Walter Jens hatte «keine Erinnerungsbilder» an eine Mitgliedschaft. Grass wandte sich gegen den «Hämeton» der Kritiker: Mit Enthüllungen dieser Art könne man «nicht ein Leben zudecken», sagte der Nobelpreisträger damals der «FAZ».

Im Gegensatz zu seiner Kritik an Unionspolitikern erklärte Grass im Fall dieser drei Intellektuellen seine Nachsicht - auch mit der eigenen, in Jugendzeiten braun gefärbten Lebensgeschichte. Und er bot damals auch eine Erklärung an, warum Jens und Wapnewski fast 60 Jahre lang geschwiegen hatten - wie er nun selbst: «Scham! Ich kann es nur von meiner eigenen Biografie her erklären. Diese Befangenheit in der Ideologie des Nationalsozialismus ist eine Periode, in der ich mich im Rückblick als eine völlig fremde Person begreife und mir mein Verhalten nicht erklären kann.»

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16.08. Bundestagspräsident warnt bei Grass-Kritik vor Selbstgerechtigkeit

Berlin (dpa) - Bundestagspräsident Norbert Lammert hat in der Debatte um das Bekenntnis von Günter Grass «vor Übertreibungen und maßlosen Schlussfolgerungen» gewarnt. «Die späte Auskunft über seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS, die ihm nicht leicht gefallen sein dürfte, ist kein Anlass zu Häme oder Selbstgerechtigkeit - schon gar nicht bei denjenigen, die wie ich auf Grund ihrer Biografie nicht erst in eine solche Versuchung haben geraten können», sagte der 57- jährige CDU-Politiker der dpa.

Zugleich seien der Vorgang selbst wie der Verlauf der Debatte «aber gewiss ein Anlass, darüber nachzudenken, ob die gelegentliche Neigung zum scharfen, erbarmungslosen moralischen Urteil über das Verhalten anderer der historischen Erfahrung und der jeweils individuellen Lebenssituation gerecht wird», sagte Lammert, der sich in der Union auch als Kulturpolitiker einen Namen gemacht hat.

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16.08. SPD-Politiker Egon Bahr verteidigt Günter Grass

Frankfurt/Main (dpa) - Der SPD-Politiker Egon Bahr (84) hat Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass gegen Vorwürfe wegen dessen Mitgliedschaft in der Waffen-SS verteidigt. Grass' Lebenswerk werde durch die Waffen-SS-Mitgliedschaft und sein langes Schweigen darüber «nicht berührt», schrieb Bahr in einem Gastbeitrag für die «Frankfurter Rundschau» (Mittwoch). Auch an Grass' «politischen Einmischungen» wird sich nach Meinung Bahrs «nichts ändern» - mit der Ausnahme, dass er die «Rigorosität» seiner Äußerungen «künftig etwas zurücknimmt». Grass hat in der Vergangenheit in Wahlkämpfen häufig die SPD unterstützt. Zuletzt, zur Bundestagswahl 2005, machte er sich für Rotgrün unter Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) stark.

Der 1922 geborene SPD-Politiker Bahr, der von 1942 bis 1944 in der Wehrmacht diente, erklärte Grass' Schweigen damit, dass der Autor «diesen Teil seiner Vergangenheit als Makel empfunden hat». Viele Menschen, die während der Nazi-Zeit oder in der DDR gelebt hätten, «mögen Gründe genug finden zu verdrängen, welche neuen Orientierungen sie nach geschichtlichen Umbrüchen langsam finden», schrieb Bahr weiter. «Wer nie im Glashaus saß, hat kein Recht, Steine zu schmeißen.»

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15.08. «Spiegel»: Grass gestand schon als Gefangener SS-Mitgliedschaft

Hamburg (dpa) - Günter Grass hat nach Recherchen des Nachrichtenmagazins «Der Spiegel» seine Mitgliedschaft in der Waffen- SS früher als amerikanischer Kriegsgefangener schon einmal eingeräumt. Wie die Online-Ausgabe des Blattes am Dienstag berichtete, sollen mehrere bislang unbekannte Dokumente der US- Militärbehörden belegen, dass der spätere Literatur-Nobelpreisträger sich unmittelbar nach Kriegsende bei den Amerikanern zu seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS bekannt hat.

Unter den Papieren finde sich ein Formular der Entlassungsstelle der III. US Army, in deren Kriegsgefangenschaft Grass am 8. Mai 1945 im heute tschechischen Marienbad geraten war, schreibt das Blatt.
«Er hat das Papier unterschrieben.» Er werde darin als Lade-Schütze der 10. SS-Panzer-Division "Frundsberg" geführt, die Angabe zum Zivilberuf laute "Schüler-pupil". «Den Papieren zufolge wurde Grass - Gefangenennummer 31G6078785 - am 24. April 1946 mit einem Arbeitslohn von 107 Dollar und 20 Cents entlassen», heißt es in dem Online-Text.
«Es gibt die Unterschrift, es gibt aber kein protokolliertes Geständnis», erläuterte der «Spiegel»-Autor Klaus Wiegrefe der dpa.

Auf dem Dokument zu Grass sei das Datum 10. November 1944 vermerkt, mit dem Zusatz «Waffen-SS», berichtet das Magazin. Die Dokumente lägen in der Wehrmachtauskunftsstelle in Berlin.

Grass war in die Kritik geraten, nachdem er am vergangenen Freitag in einem Interview mit der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» öffentlich eingeräumt hatte, mit 17 Jahren Mitglied in der berüchtigten Elitetruppe gewesen zu sein. Zu Grass' Rolle in der Waffen-SS seien vermutlich keine Dokumente mehr vorhanden, schreibt das Blatt. Die Waffen-SS habe einen Großteil ihrer Akten zu den Personalbeständen bei Kriegsende vernichtet.

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15.08. Grass bei Wickert am Donnerstag in der ARD - Sendung vorgezogen

Hamburg (dpa) - Nach seinem überraschenden Geständnis, als 17- Jähriger Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, äußert sich Nobelpreisträger Günter Grass an diesem Donnerstag im ARD-Fernsehen. Er beantwortet Fragen von «Tagesthemen»-Moderator Ulrich Wickert, dessen neue TV-Reihe «Wickerts Bücher» aus diesem Anlass vorgezogen wird. Ursprünglich war die erste Ausgabe der Reihe, die sich ohnehin monothematisch der Autobiografie Grass' widmen sollte, für den 7. September vorgesehen. Wie die ARD am Montag mitteilte, wird das Interview an diesem Dienstag aufgezeichnet und am Donnerstag um 22.45 Uhr ausgestrahlt.

«Wickerts Bücher» ist eine Koproduktion des Norddeutschen, Westdeutschen und Bayerischen Rundfunks. In diesem Jahr sind drei weitere Sendungen vorgesehen. Die nächste Ausgabe wird am 4. Oktober (22.45 Uhr) zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse ausgestrahlt. Wickert morderiert die «Tagesthemen» Ende August zum letzten Mal.

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15.08. Jüdischer Landesverband kritisiert spätes Bekenntnis von Grass

Hamburg (dpa) - Das Bekenntnis seiner einstigen Mitgliedschaft in der Waffen-SS hat dem Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass auch in der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland scharfe Kritik eingebracht.
«Es ist ein merkwürdig spätes Bekenntnis, dass mir keinerlei Hochachtung abnötigt», sagte der Vorsitzende der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen, Michael Fürst, der «Netzeitung» (Dienstagausgabe).
«Es zeigt mir die Verstrickung einer Vielzahl von Menschen in das nationalsozialistische Verbrechenssystem, die das über Jahrzehnte hinweg entweder verdrängt oder verheimlicht haben.» Gleichwohl nimmt Fürst Grass ab, dass er sich nach dem Krieg «sehr schnell in einer andere Richtung orientiert» habe. «Das zeigt wiederum, dass eine Verstrickung in jungen Jahren nicht unbedingt eine tiefe Verwurzelung in das Nazi-System bedeutete», sagte der Verbands-Vorsitzende. «Junge Menschen haben auch das Recht, sich ideologisch zu irren.»

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14.08. Günter Grass: Man will mich zur Unperson machen

Hamburg (dpa) - Der Schriftsteller Günter Grass hat das Medienecho auf seine jetzt bekannt gewordene Mitgliedschaft in der Waffen-SS als persönlich verletzend kritisiert. «Sicher ist es auch der Versuch von einigen, mich zur Unperson zu machen», sagte der Literatur- Nobelpreisträger (78) am Montag in einem dpa-Gespräch. «Deshalb bin ich dankbar, dass es differenzierende Gegenstimmen gibt. Ich kann nur hoffen, dass einige Kommentatoren jetzt mein Buch genau lesen.» In seiner am 1. September erscheinenden Kindheits- und Jugend- Autobiografie «Beim Häuten der Zwiebel» berichtet Grass unter anderem erstmals über seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS.

«Deutlicher, genauer aus meiner Erinnerung habe ich nicht ausdrücken können, wie ich mich im Alter von 16/17 Jahren verhalten habe. Und dass ich diesen Makel, und ich habe das als Makel empfunden, über 60 Jahre lang zu spüren hatte und versucht habe, daraus meine Konsequenzen zu ziehen. Dem entsprach mein späteres Verhalten als Schriftsteller und als Bürger», sagte Grass.

Zu einzelnen Stimmen, er habe jede Glaubwürdigkeit als moralische Instanz verloren und solle die Ehrenbürgerschaft seiner Heimatstadt Danzig und den Nobelpreis zurückgeben, wollte Grass sich nicht äußern. «Ich komme dann nicht mehr aus dem Kommentieren heraus.»

Der Schriftsteller betonte erneut, in der Zeit nach seiner Vereidigung Ende Februar 1945 bis zu seiner Verwundung am 20. April 1945 keinen Schuss abgegeben zu haben. Er sei auch an keinem Verbrechen beteiligt gewesen.

Auf die Frage, warum er dennoch so lange geschwiegen habe, sagte
Grass: «Erst als ich mich entschlossen habe, über meine jungen Jahre zu schreiben, was mir als jungem Mann widerfahren ist, fand ich diese literarische Form. Sie ermöglichte es mir, endlich auch über die Mitgliedschaft in der Waffen-SS zu schreiben und zu sprechen.» In der Summe sei für das Buch aber nicht das Thema Waffen-SS entscheidend, sondern das quälende Hinterfragen seiner Naivität als Jugendlicher in der NS-Zeit: «Wie konnte ich so blauäugig dieser Ideologie hinterherlaufen? Warum habe ich keine Fragen gestellt, als mein polnischer Onkel nach der Erstürmung der polnischen Post 1939 in Danzig standrechtlich erschossen wurde. Warum habe ich nicht nachgefragt, als mein Lateinlehrer, der Zweifel am Endsieg äußerte, auf einmal verschwunden war?»

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14.08. Gesammelte Reaktionen vom Montag

PEN-Präsident Johano Strasser: Kritik an Grass «überzogen»

München (dpa) - Der Präsident der Schriftstellervereinigung PEN- Zentrum Deutschland, Johano Strasser, hat Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass in der Diskussion um dessen Mitgliedschaft bei der Waffen-SS in Schutz genommen. Im Bayerischen Rundfunk sagte Strasser am Montag, er halte die teilweise heftige Kritik an Grass für «fürchterlich überzogen». Viele seiner jetzigen Kritiker wollten Grass offenbar «etwas heimzahlen», sagte Strasser. Grass sei keineswegs «nur mit dem großen Zeigefinger durch die Welt gegangen». Seine Vergangenheit habe Grass nie verheimlicht.

«Er hat immer deutlich gemacht, dass er ein überzeugter Nazi war als junger Mann», sagte Strasser. Unbekannt gewesen sei bislang «nur dieser eine Punkt» von Grass' Mitgliedschaft bei der Waffen-SS als 17-Jähriger. Verwundert zeigte sich der PEN-Präsident, dass Grass das Bekenntnis nun in hohem Alter nachgeholt habe. Als moralische Autorität sei Grass dadurch aber nicht beschädigt. Der jetzt bekannt gewordene Punkt der Grass-Biografie sei «ein kleiner Kratzer, der ihn möglicherweise sogar menschlicher macht».

Autor Gustafsson: Grass-Eingeständnis «schreckliche Geschichte»

Stockholm (dpa) - Der schwedische Schriftsteller Lars Gustafsson
(70) hat das späte Bekenntnis seines deutschen Kollegen Günter Grass zur Mitgliedschaft in der Waffen-SS am Montag in Stockholm als «schreckliche Geschichte» eingestuft. Er sagte: «Man glaubt, man kennt die Menschen, aber von dieser Neuigkeit bin ich völlig überrascht. Man stelle sich vor: 60 Jahre Schweigen.» Immerhin sei die Waffen-SS eine Freiwilligen-Organisation gewesen und beim Nürnberger Kriegsverbrecherprozess als verbrecherisch eingestuft worden.

Der auch in Deutschland viel gelesene Gustafsson («Palast der
Erinnerungen») hatte persönlichen Kontakt zu Grass seit Mitte der 60er Jahre und gehörte als im damaligen West-Berlin lebender Autor zu einem Freundeskreis um Grass wie auch Uwe Johnson, Max Frisch und Hans-Magnus Enzensberger. Gustafsson sagte weiter, ihm falle zu dem späten Grass-Bekenntnis vor allem der Satz des Dramatikers August Strindberg ein: «Man darf nicht mit Geheimnissen leben.»

Andererseits sei jedoch auch der Mut des Nobelpreisträgers zu seinem Eingeständnis hervorzuheben. Die Verleihung des Literaturnobelpreises an Grass 1999 habe damit nichts zu tun, weil diese Auszeichnung «literarisch und nicht nach politisch- idealistischen Gesichtspunkten» vergeben werde.

Müntefering: Grass-Aussage hätte früher kommen müssen

Berlin (dpa) - Vizekanzler Franz Müntefering (SPD) hätte es begrüßt, wenn Günter Grass seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS früher offenbart hätte. Dies sei aber kein Grund, mit «Hochmut über ihn herzufallen», sagte Müntefering am Montag dem Sender n-tv. Er sei froh, dass er als Jugendlicher nicht selbst vor einer solchen Entscheidung gestanden hätte. Er habe Respekt vor Grass. Dieser habe zum Gelingen der Demokratie in Deutschland beigetragen und werde dies auch weiter tun, sagte Müntefering.

Steidl Verlag «überrascht» von Grass-Debatte

Göttingen (dpa) - Der Steidl Verlag hat erstaunt auf die öffentliche Debatte um die Mitgliedschaft von Günter Grass in der Waffen-SS reagiert. Dass Grass dieses Thema im Interview mit der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» ansprechen würde, sei zwar klar gewesen, sagte eine Verlagssprecherin am Montag in Göttingen. «Aber dass es diese Wendung kriegt, hat uns überrascht. Das war in keiner Weise von uns lanciert.» Der Steidl Verlag bringt am 1. September Grass' Autobiografie «Beim Häuten der Zwiebel» heraus, in der Grass über seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS berichtet. «An unserem Verhältnis zu Günter Grass ändert sich überhaupt nichts», betonte die Sprecherin.

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14.08. Menasse nimmt Grass in Schutz - Nennt Kritiker «selbstgerecht»

Wien (dpa) - Der österreichische Schriftsteller Robert Menasse hat Verständnis für das späte Bekenntnis von Günter Grass geäußert, er habe als 17-Jähriger kurz der Waffen-SS angehört. «Wer als 17- Jähriger talentiert und sensibel ist, obendrein von zu Hause weg will, der ist sehr leicht für alles Mögliche verführbar», sagte Menasse der Wiener Zeitung «Der Standard» vom Montag. «Grass' Begründung, die Scham hätte ihn von einem früheren Bekenntnis abgehalten, erscheint mir glaubwürdig und nachvollziehbar. Das kann man doch bewundern: Dass ein alter Mann sagt: Ich habe einen Fehler gemacht.»

«Grass' Mitgliedschaft bei der Waffen-SS wäre doch nur dann unentschuldbar, wenn er später starrsinnig darauf bestanden hätte, das Richtige getan zu haben. Wenn er, mit einem Wort, in dem Geist von damals weitergelebt hätte», meinte der jüdische Autor.

Kritik äußerte Menasse dagegen an den Kritikern des Nobelpreisträgers: «Das größere Problem bei der Geschichte habe ich eigentlich mit den Selbstgerechten wie Walter Kempowski.» Der hatte zu Grass' Eingeständnis gemeint: Es sei «ein bisschen spät gekommen».

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13.08. Grass und die Waffen-SS: «Ich habe das immer als Makel empfunden»

Hamburg (dpa) - Die Nachricht, dass Günter Grass in den letzten Kriegsmonaten zur Waffen-SS einberufen wurde, hat am Wochenende erheblichen Wirbel ausgelöst. Ausgerechnet der «linke» Grass, der als moralisches Gewissen gern Zunge zeigt, der politisch für die Aussöhnung mit den einstigen Kriegsgegnern Polen und Russland wie kaum ein anderer steht, sich für verfolgte Autoren in aller Welt einsetzt und immer wieder eine tabufreie Aufarbeitung der NS- Vergangenheit eingefordert und selber zum Thema gemacht hat.

In der Kürze mancher Schlagzeilen wurde eine «Enthüllung nach 60 Jahren» gemeldet, oder es hieß, Grass habe die Mitgliedschaft in der verbrecherischen Organisation «zugegeben», als wäre der Schriftsteller überführt worden. Tatsache ist, dass Grass in seiner Anfang September erscheinenden Autobiografie «Beim Häuten der Zwiebel» seine bisher nicht bekannte Mitgliedschaft bei der Waffen-SS thematisiert. Er outet sich selbst und geht dabei mit dem damaligen Jugendlichen namens Günter Grass scharf ins Gericht.

Das 500 Seiten dicke Buch behandelt die Zeit vom Kriegsausbruch am 1. September 1939 bis zum Erscheinen von Grass' Welt-Bestseller «Die Blechtrommel (1959), für den Grass 1999 den Nobelpreis erhielt. Elf Kapitel hat das Buch, die ersten vier erzählen die Zeit vom Kriegsausbruch bis zum Kriegsende. Im vierten Kapitel - es umfasst etwa 60 Seiten - schildert Grass seine Einberufung, die von Schikanen begleitete Ausbildung bei der Waffen-SS, seine Kriegserlebnisse und seine Todesangst, die ihn im Schlaf noch Jahre später verfolgen wird.

Warum hat Grass erst jetzt seine kurze Zeit bei der Waffen-SS öffentlich gemacht? «Ich habe das, im Rückblick, immer als einen Makel empfunden, der mich bedrückt hat und über den ich nicht sprechen konnte. Das musste mal geschrieben werden», sagte Grass der dpa. Und so schreibt er offen, dass er sich, als Kind und Jugendlicher in der NS-Zeit aufgewachsen, damals hat ideologisch verführen lassen.

Rezensionen dürfen vor dem Erscheinen des Buches nicht publiziert werden, doch Fakten: Als 15-Jähriger meldet sich Grass freiwillig zur U-Boot-Waffe oder als Alternative zu den Panzern, er wird aber nicht genommen, er ist zu jung. Im September 1944 - er ist da noch 16 - erhält er die Einberufung, «der Jahrgang 1927 war dran», wie Grass sagt. Statt zur Wehrmacht wird er zur Waffen-SS einberufen, die im letzten Kriegsjahr nicht mehr nur Freiwillige nahm, sondern sich allgemein an einem Jahrgang bediente. Grass kommt in die böhmischen Wälder in ein Ausbildungslager, wird wie die anderen Rekruten schikaniert und täuscht eine Gelbsucht vor, um ins Krankenlager zu kommen. Ende Februar 1945, «bei Vollmond und in klirrender Kälte», die Vereidigung.

In den etwa sieben Wochen von Anfang März bis zu seiner Verwundung am 20. April 1945 wird der 17-Jährige offiziell der sich offenbar in Auflösung befindlichen Division Frundsberg zugeordnet. Seine größte Angst: Als Versprengter ohne Marschbefehl von deutschen Feldgendarmen aufgegriffen und gehängt zu werden wie jene Rekruten oder Offiziere, die an Chausseebäumen hingen mit Schildern vor dem Bauch wie «Ich bin eine Feigling» oder «Vaterlandsverräter». Zwei Mal gerät er hinter die russische Front und überlebt nur mit Glück. Er selbst habe keinen Schuss mit seiner Waffe abgegeben und sei auch an keinen Verbrechen beteiligt gewesen, sagte Grass der dpa.

Die Schlagzeilen zur Waffen-SS-Mitgliedschaft können auch als Beispiel für ein in diesem Fall wenig geglücktes Buch-Marketing herhalten, meinen Branchenkenner. Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» (FAZ) machte den Fakt zum Aufmacher noch vor dem Libanon- Krieg und den gescheiterten Terroranschlägen. Grass hatte der renommierten Zeitung ein langes Interview gegeben, am nächsten Samstag druckt die FAZ eine achtseitige Sonderausgabe mit Textpassagen und Lithographien von Grass dazu. Interessierte Leser müssen sich noch bis Anfang September gedulden, ehe sie das Buch kaufen können - es sei denn, der Steidl Verlag zieht den Verkaufsbeginn jetzt vor.

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13.08. Walesa fordert Grass zur Rückgabe von Ehrenbürgerschaft auf

Der polnische Ex-Präsident und Friedensnobelpreisträger Lech Walesa forderte Grass zur Rückgabe seiner Ehrenbürgerschaft der Stadt Danzig auf. «Wenn bekannt gewesen wäre, dass er in der SS war, hätte er die Auszeichnung nicht bekommen. Das Beste wäre, wenn er von selbst darauf verzichten würde», sagte Walensa, der selbst Ehrenbürger Danzigs ist, der «Bild»-Zeitung (Montag).

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13.08. Günter Grass droht Entzug des tschechischen Karel-Capek-Preises

Prag (dpa) - Schriftsteller Günter Grass droht wegen seiner einstigen Mitgliedschaft in der Waffen-SS der Entzug des Karel-Capek- Preises des tschechischen PEN-Clubs. «Wir werden das besprechen», sagte der PEN-Vorsitzende Jiri Stransky am Sonntag im tschechischen Fernsehen. «Ich würde das nicht ohne Beachtung lassen.» Grass ist Ehrenmitglied des tschechischen PEN-Clubs und hatte die Auszeichnung 1994 erhalten. Der Preis ist nach dem Schriftsteller Karel Capek (1890-1938) benannt, zu dessen Werken «Der Krieg mit den Molchen» (1937) gehört. Sein ebenfalls bekannter Bruder Josef Capek, Maler und Autor, wurde im Konzentrationslager Bergen-Belsen ermordet.

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13.08. Grass: Beim Häuten der Zwiebel wird Verschollenes wieder lebendig (Dokumentation)

Hamburg (dpa) - Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass (78) berichtet in seinem Erinnerungsbuch «Beim Häuten der Zwiebel», das im September erscheint, erstmals über seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS. In einem Interview mit der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» vom Samstag schildert er unter anderem seine Beweggründe, nach mehr als 60 Jahren nun darüber zu schreiben. dpa dokumentiert einige Passagen in der im Original verwendeten Rechtschreibung.

Auf die Frage, warum er erst jetzt die Mitgliedschaft bekennt, antwortete Grass:

«Das hat mich bedrückt. Mein Schweigen über all die Jahre zählt zu den Gründen, warum ich dieses Buch geschrieben habe. Das mußte raus, endlich. Die Sache verlief damals so: Ich hatte mich freiwillig gemeldet, aber nicht zur Waffen-SS, sondern zu den U-Booten, was genauso verrückt war. Aber die nahmen niemanden mehr. Die Waffen-SS hingegen hat in den letzten Kriegsmonaten 1944/45 genommen, was sie kriegen konnte. (...) Und für mich, da bin ich meiner Erinnerung sicher, war die Waffen-SS zuerst einmal nichts Abschreckendes, sondern eine Eliteeinheit, die immer dort eingesetzt wurde, wo es brenzlig war, und die, wie sich herumsprach, auch die meisten Verluste hatte.

Frage: Was mit Ihnen geschah, haben Sie ja sicher erst festgestellt, als Sie bei Ihrer Einheit waren. Oder konnten Sie das schon am Einberufungsbefehl erkennen?

Antwort: An der Stelle wird's undeutlich, weil ich nicht sicher bin, wie es war: War es schon am Einberufungsbefehl zu erkennen, am Briefkopf, am Dienstgrad des Unterzeichners? Oder habe ich es erst gemerkt, als ich in Dresden ankam? Das weiß ich nicht mehr.

(...)

Frage: Warum haben Sie sich freiwillig zur Wehrmacht gemeldet?

Antwort: Mir ging es zunächst vor allem darum rauszukommen. Aus der Enge, aus der Familie. (...) Auch das ist ja eine merkwürdige
Sache: Ich habe mich gemeldet, mit fünfzehn wohl, und danach den Vorgang als Tatsache vergessen. So ging es vielen meines Jahrgangs:
Wir waren im Arbeitsdienst, und auf einmal, ein Jahr später, lag der Einberufungsbefehl auf dem Tisch. Und dann stellte ich vielleicht erst in Dresden fest, es ist die Waffen-SS.

Frage: Hatten Sie ein Schuldgefühl deswegen?

Antwort: Währenddessen? Nein. Später hat mich dieses Schuldgefühl als Schande belastet. Es war für mich immer mit der Frage verbunden:
Hättest du zu dem Zeitpunkt erkennen können, was da mit dir vor sich geht? (...) Man vergißt ja leicht, wie geschickt und modern die Hitlerjugend und das Jungvolk als Vorstufe aufgezogen waren. Hitlers Satz "Jugend muß von Jugend geführt werden" war ungeheuer wirkungsvoll. Mein Fähnleinführer war ein prima Kerl, und wir kamen uns viel besser vor als diese Parteiburschen. So fühlten und dachten damals viele.

Frage: Sie haben sich als einer der ersten Ihrer Generation über die eigene Verführbarkeit geäußert und waren immer sehr offen im Umgang mit der deutschen Geschichte. Dafür sind Sie oft gescholten worden.

Antwort: Ja, wir haben bis heute so viele Widerstandskämpfer, daß man sich wundert, wie Hitler an die Macht hat kommen können. (...) Es wurde so getan, als wäre das arme deutsche Volk von einer Horde schwarzer Gesellen verführt worden. Und das stimmte nicht. Ich habe als Kind miterlebt, wie alles am hellen Tag passierte. Und zwar mit Begeisterung und Zuspruch. Natürlich auch durch Verführung, auch das, ganz gewiß. (...) Und dieser Begeisterung und ihren Ursachen wollte ich nachgehen, schon beim Schreiben der "Blechtrommel" und auch jetzt wieder, ein halbes Jahrhundert später, bei meinem neuen Buch.

(...)

Frage: Kann es sein, daß Sie in der Nachkriegszeit einfach den richtigen Zeitpunkt verpaßt haben, um Ihre SS-Zugehörigkeit zu thematisieren?

Antwort: Das weiß ich nicht. Es ist sicher so, daß ich glaubte, mit dem, was ich schreibend tat, genug getan zu haben. Ich habe ja meinen Lernprozeß durchgemacht und daraus meine Konsequenzen gezogen.
Aber es blieb dieser restliche Makel. Es war deshalb immer klar für mich, daß dieser Rest seinen Platz finden müßte, wenn ich mich jemals dazu entschließen sollte, etwas Autobiographisches zu schreiben. Aber das ist nicht das dominierende Thema meines Buches.

(...)»

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12.08. Walter Jens: Grass verdient meinen Respekt

Tübingen (dpa) - Der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Walter Jens hat das Bekenntnis von Günter Grass, am Ende des Zweiten Weltkriegs Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, als «abgewogen, präzise und vernünftig» bezeichnet. «Ein Meister der Feder hält Einkehr und überlegt sich: Was hast du im langen Leben zu berichten vergessen? Das hat er getan und er verdient meinen Respekt», sagte der 83-Jährige am Samstag in Tübingen. Die Stellungnahme möge spät erfolgt sein, aber gewiss nicht zu spät. Es sei absurd, den Mann, damals nicht einmal 20 Jahre alt, zur Rechenschaft zu ziehen. «Es ist für mich bezeichnend, dass Grass gerade den richtigen Zeitpunkt gewählt hat. Vorher wäre manches Besserwisserisch erschienen», sagte Jens.

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12.08. Literaturkritiker Karasek: «Grass hätte Nobelpreis riskiert»

Hamburg - Der Literaturkritiker Hellmuth Karasek ist der Ansicht, dass Grass den Nobelpreis der Schwedischen Akademie riskiert hätte, «wenn er es früher gesagt hätte». Karasek sagte dem Radiosender NDR Info, «die Akademie, die ein sehr feines Sensorium hat, ... , hätte den Nobelpreis nicht an jemanden verliehen, von dem bekannt war, dass er in seiner Jugend in der Waffen-SS war, und das lange verschwiegen hat». Für den Kritiker hat Grass die Auszeichnung wie kein anderer deutscher Autor verdient. «Aber auf einmal kommt alles in ein neues Licht.»

Die Tatsache, das Grass Mitglied der Waffen-SS war, wertete Karasek als «Lappalie». «Ein Siebzehnjähriger: Gott das ist alles verständlich.» Wenn nicht Grass später immer wieder derjenige gewesen wäre, der die Moralkeule am häufigsten geschwungen hätte, ergänzte der Publizist.

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12.08. Ralph Giordano: «Bild von Günter Grass hat sich nicht geändert»

Köln (dpa/lnw) - Für den Schriftsteller Ralph Giordano hat sich sein Bild von Günter Grass durch dessen Bekenntnis zur Mitgliedschaft in der Waffen-SS nicht geändert. «Für mich verliert er durch diese Öffnung nicht an moralischer Glaubwürdigkeit - in keiner Weise - das möchte ich hier ganz klar und unmissverständlich sagen», sagte Giordano der dpa am Samstag. Giordano betonte, dass er nicht den Richter mimen wolle.

Es gebe so manches, was Grass betreffe, mit dem er nicht einverstanden sei, sagte Giordano. Doch das ändere nichts daran, dass Grass für ihn eine Person sei, die nach 1945 zu einem ganz anderen Menschen geworden sei. Als Grass der Waffen-SS beitrat, habe dieser ein anderes Bild davon gehabt als später. «Millionen von Deutschen haben ihr Bild über die Nazi-Zeit korrigiert und Grass auch.»

Das Einzige, was Menschen, die Günther Grass nicht wohlwollten, ihm vorwerfen könnten, sei, dass er so lange damit gewartet habe. Nach Grass Bekundungen habe ihn das schwer belastet und das glaube Giordano ihm auch. «Er hat sich selbst erlöst jetzt, indem er die Wahrheit gesagt hat und man könnte sagen, endlich gesagt hat, aber er hat sie gesagt», so Giordano. Zu spät sei dieser Schritt von Grass auf keinen Fall gewesen. Schlimmer als einen Irrtum zu begehen sei, keine Konsequenz daraus zu ziehen: «Und das hat Grass ja schon lange vorher gemacht.»

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