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News-Sonderthema: 

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2010

Berichte, Stimmen und Hintergrundinformationen zur Preisvergabe
 

 
Beiträge:

Wortlautauszüge aus der Rede von David Grossman
Wortlautauszüge aus Gaucks Laudatio auf Grossman

Friedenspreis für David Grossman - «Hervorragende Wahl»

Grossman: Anerkennung für nicht populäre Meinungen
Israel begrüßt Preisverleihung an Grossman

David Grossman: Stimme der Versöhnung in Nahost
Grossman beschreibt Urängste israelischer Mütter


 
 

11.10. Wortlautauszüge aus der Rede von David Grossman

Frankfurt/Main (dpa) - Der israelische Schriftsteller David Grossman ist am Sonntag in Frankfurt mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden. Die Nachrichtenagentur dpa dokumentiert Auszüge aus seiner Dankesrede:

(...) «"Friede" ist für mich nicht nur die Definition eines Zustands, in dem der Krieg mit all seinen Schrecken zu Ende sein und Israel umfassende und gute Beziehungen mit seinen Nachbarn haben wird. Wirklicher Friede für Israel bedeutet die Aussicht, in der Welt auf eine neue Art leben zu können. Die Aussicht, dass Israel nach und nach von den Verheerungen durch 2000 Jahre Exil, Verfolgung und Dämonisierung genesen wird. Vorausgesetzt, dieser zerbrechliche Friede wird tatsächlich andauern, Israel wird seine Existenz festigen und sein großes menschliches, geistiges und kulturelles Potenzial verwirklichen, dann würde jenes Gefühl existenzieller Fremdheit, existenzieller Einsamkeit, vergehen, das den jüdischen Menschen und das jüdische Volk unter den anderen Völkern immer begleitet hat.

Wenn es Frieden gäbe, hätte Israel endlich Grenzen. Das ist nicht trivial, schon gar nicht für ein Volk, das die meiste Zeit seines Bestehens verstreut unter anderen Völkern gelebt hat, und die meisten Katastrophen in seiner Geschichte eben aufgrund dieses Umstands erleben musste. Stellen Sie sich vor: Auch nach 62 Jahren hat Israel noch immer keine festen Grenzen. Seine Grenzen verschieben sich etwa alle zehn Jahre, weiten sich aus oder werden zurückgedrängt, mal unseretwegen, mal wegen unserer Nachbarn. Wer keine klaren Grenzen hat, gleicht einem, in dessen Haus die Wände sich fortwährend bewegen; einem, der keinen festen Boden unter den Füßen spürt. Einem, der kein wirkliches Zuhause hat.

Trotz seiner großen militärischen Stärke ist es Israel noch immer nicht gelungen, seinen Bürgern jenes natürliche, entspannte Gefühl zu geben, das ein Mensch hat, der sicher in seinem Land wohnt. Es ist ­ und das ist tragisch ­ Israel nicht gelungen, den jüdischen Menschen von seiner bitteren Grunderfahrung zu heilen: dem Gefühl, auf der Welt heimatlos zu sein. Israel wurde errichtet, damit der jüdische Mensch und das jüdische Volk eine Heimstätte bekommen sollten. Dies war die große Vision, die zur Schaffung des Staates Israel führte. Doch so lange es keinen Frieden und keine anerkannten festen Grenzen und kein wirkliches Gefühl der Sicherheit gibt, werden wir Israelis hier nicht das Zuhause haben, das uns gebührt und das wir brauchen, so lange werden wir uns in der Welt nicht beheimatet fühlen. (...)

Ich sprach zu Anfang meiner Rede von meinem Ausgangspunkt beim Schreiben des Buches "Eine Frau flieht vor einer Nachricht". Vielleicht wissen Sie, es erzählt von einem israelischen Soldaten, der in den Krieg zieht, und dessen Mutter, gepackt von der Angst um sein Schicksal, von Zuhause flieht, damit die schreckliche Nachricht, falls sie denn kommt, sie nicht erreichen kann.

Drei Jahre und drei Monate nachdem ich mit dem Schreiben begonnen hatte, brach der zweite Libanonkrieg aus. Er begann mit einem überraschenden Angriff der Hisbollah auf eine israelische Militärpatrouille auf israelischem Gebiet. Am Abend des 12. August 2006, wenige Stunden vor dem Ende des Krieges, starb mein Sohn Uri zusammen mit den drei Männern seiner Panzerbesatzung durch eine Rakete der Hisbollah. (...)

Einen Tag nach dem Ende der Trauerwoche kehrte ich an den Schreibtisch zurück und schrieb mein Buch weiter. Wenn einem Menschen ein Unglück widerfährt, hat er das Gefühl, im Exil zu sein. Er wurde vertrieben von allem, worauf er früher vertraute und baute, von allem, was er glaubte, von der gesamten Geschichte seines Lebens. Plötzlich ist für ihn nichts mehr selbstverständlich. Für mich war die Rückkehr zum Schreiben nach dem Unglück eine instinktive Reaktion. Ich hatte das Gefühl, das Schreiben könnte der Weg sein, auf dem ich ­ in gewissem Sinne ­ aus dem Exil zurückkehren würde.
(...)

Wieder entdeckte ich, dass das Schreiben für mich der beste Weg ist, gegen Willkür zu kämpfen ­ gegen jedwede Willkür ­ und gegen das Gefühl, ihr hilflos, als Opfer ausgeliefert zu sein. Ich habe gelernt: Es gibt Situationen, in denen die einzige Freiheit, die einem bleibt, die des Beschreibens ist: Die Freiheit, mit eigenen Worten das Schicksal zu beschreiben, das über einen verhängt ist. Manchmal kann dies auch der Weg sein, aus seinem Opferdasein herauszukommen.

Das trifft auf den einzelnen Menschen zu, aber auch auf Gesellschaften und Völker. Ich wünsche mir, dass mein Land - Israel - die Kraft finden wird, seine Geschichte noch einmal neu zu schreiben. Dass es lernen wird, seiner Geschichte und seiner Tragödie auf eine neue Art und Weise zu begegnen und sich aus ihr heraus noch einmal neu zu erschaffen. Dass wir die erforderlichen Seelenkräfte finden, um die wirklichen Gefahren, die auf uns lauern, von dem gewaltigen Nachhall der Unglücke und Tragödien, die uns in der Vergangenheit heimsuchten, zu unterscheiden. Auf dass wir nicht mehr Opfer werden, nicht unserer Feinde und nicht unserer eigenen Ängste.

Auf dass wir endlich nach Hause kommen.»
 


11.10. Wortlautauszüge aus Gaucks Laudatio auf Grossman

Frankfurt/Main (dpa) - Der Bürgerrechtler Joachim Gauck hat die Laudatio gehalten auf den israelischen Schriftsteller David Grossman, der am Sonntag in Frankfurt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegennahm. Die Nachrichtenagentur dpa dokumentiert Auszüge aus der schriftlichen Fassung seiner Rede:

«(...) Sie wollen auf Fanatismus und Gewalt nicht mit Fanatismus und Gewalt reagieren und weigern sich beständig, die schäbige Uniform des Hass zu tragen. Sie wollen sich aber auch nicht ohnmächtig einem "Schicksal" unterwerfen und setzen alles daran, immer wieder die innere Freiheit für einen eigenen und alternativen Weg zu gewinnen. Und so steht nun, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, ein Mann vor uns, dessen pure Existenz unserer ewigen Sorge, ob Leben gelingen kann, eine Antwort gibt. Darum macht uns die Begegnung auch glücklich. Denn indem wir diesem so besonderen Menschen begegnen, vermögen wir zu glauben, wozu auch wir fähig sind: Menschen sind nicht dazu verurteilt, Opfer ihrer Umstände zu sein. Menschen haben eine Wahl. Menschen können sich selbst noch angesichts von Willkür und Diktatur eine Bewegungsfreiheit schaffen. (...)

Grossmans Loyalität ist keine kritiklose Unterordnung, Er und andere Intellektuelle in Israel zeigen, dass neben Solidarität Meinungsfreiheit, Disput, Demokratie und Recht erst den Staat ausmachen, der als verteidigenswert gilt. Grossmans Loyalität ist keine kritiklose Unterordnung. Er und andere Intellektuelle in Israel zeigen, dass neben Solidarität Meinungsfreiheit, Disput, Demokratie und Recht erst den Staat ausmachen, der als verteidigenswert gilt. (...) Loyalität und Kritik sind keine Gegensätze, recht verstandene Loyalität und Kritik bedingen einander. Doch wäre es nur so einfach, wie es sich spricht! (...)

Die größte Gefahr, sagt Grossman, zerstörerischer als die Bedrohung durch die Hamas, sei das "Dahinschwinden des israelischen Selbsterhaltungstriebs". Wie lange kann man noch wollen, wenn man die Hoffnung verliert? Wie lange kann man durchhalten, wenn man sich allein gelassen fühlt und die Zahl der Freunde abnimmt? Die Vereinigten Staaten gehörten zu den Freunden, erklärt Ora im Roman [«Eine Frau flieht vor einer Nachricht»] ihrem noch kleinen Sohn.
Auch England zähle zu den Freunden. Über die übrigen Staaten Europas wischte ihr Finger auf der Landkarte aber nur noch grob hinweg. Und es versetzte mir einen Stich, dass WIR, dass Deutschland, in Grossmans Empfinden nicht zu den Freunden seines Landes gehören.

Es war doch nicht allein der Philosemitismus meiner Generation, den Grossman bemerkt haben muss, es waren doch auch die vielfachen Bemühungen des westlichen Deutschland, deutsches Unrecht wieder gutzumachen. Und waren mit Generationsverzögerung Scham und Trauer nicht doch eingekehrt in unserem Land? Es waren Überlebende der Schoah zurückgekommen und Juden aus der Sowjetunion zugezogen.
Deutschland ­ so dachte ich lange ­ würde das letzte Land sein, das Israel Beistand und Solidarität aufkündigen würde. Heute kann ich Grossmans Skepsis gegenüber Deutschland und anderen europäischen Ländern besser verstehen. (...)»
 

 

10.06. Friedenspreis für David Grossman - «Hervorragende Wahl»

«Brückenbauer des Friedens» im Nahost-Konflikt: Der israelische Autor David Grossman erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.
Hierfür gibt es viel Beifall.

Berlin/Frankfurt/Main (dpa) - Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geht in diesem Jahr an den israelischen Schriftsteller und Journalisten David Grossman. Der 56-Jährige wird für seinen aktiven Einsatz zur Aussöhnung zwischen Israelis und Palästinensern geehrt, wie der Börsenverein des Deutschen Buchhandels am Donnerstag zu Beginn der Buchtage Berlin mitteilte. «Seine Bücher zeigen, dass die Spirale von Gewalt, Hass und Vertreibung im Nahen Osten nur durch Zuhören, Zurückhaltung und die Kraft des Wortes beendet werden kann», heißt es in der Begründung des Stiftungsrats des mit 25 000 Euro dotierten Friedenspreises.

«In seinen Romanen, Essays und Erzählungen versucht er, nicht nur die eigene, sondern immer auch die Haltung der jeweils Andersdenkenden zu verstehen und zu beschreiben», heißt es weiter. «David Grossman gibt dem schwierigen Zusammenleben eine literarische Stimme, die in der Welt gehört wird.» In seinem Hauptwerk «Eine Frau flieht vor einer Nachricht» zeige Grossman die Bedeutung der Sprache für die Suche nach Identität und warne vor ihrer zunehmenden Militarisierung. «So bietet er inmitten einer Realität von Willkür, Zwang und Entfremdung Auswege aus dem jetzigen Zustand der Gesellschaft, die sich zwischen Krieg und Frieden befindet.»

Der verheiratete Familienvater Grossman setzt sich vor allem mit der Identität Israels und dem israelisch-palästinensischen Konflikt auseinander, wie der Börsenverein hervorhebt. Seine Werke, darunter auch Kinderbücher, sind in mehr als 30 Sprachen übersetzt, so auch ins Deutsche. Mehrfach wurde Grossman ausgezeichnet, den Münchner Geschwister-Scholl-Preis erhielt er 2008. Grossman lebt in einem Vorort von Jerusalem. Neben seinem literarischen Schaffen beteiligt er sich an der politischen Debatte um eine friedliche Lösung im Nahen Osten.

Der Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion und Ex-Außenminister Frank-Walter Steinmeier sprach von einer «hervorragenden Wahl, die genau zur richtigen Zeit kommt». «Nach den jüngsten Zuspitzungen im Nahen Osten brauchen wir dringend Stimmen wie seine», heißt es in Steinmeiers Mitteilung. «Seit Jahrzehnten deckt David Grossman in seinem Werk die tieferen menschlichen Erschütterungen des Nahost- Konflikts auf. Er lehrt uns Aufmerksamkeit, Genauigkeit und Vorsicht im Urteil.» Indem er den Blick auf beide Seiten lenke, baue er «eine Brücke des Verstehens, die jedem wirklichen Frieden vorangehen muss».

Grünen-Chefin Claudia Roth würdigte Grossman ebenfalls als «Brückenbauer des Friedens». Dabei spare er aber nicht mit Kritik an den Scharfmachern. Zudem kenne er den Scherz und die Trauer der Menschen, deren Hoffnungen in der Spirale der Gewalt unterzugehen drohten, weil sein eigener Sohn als Soldat im Nahost-Konflikt ums Leben kam.

Der Chef des Münchner Hanser Verlags, Michael Krüger, hob hervor, dass ein israelischer Autor geehrt werde, «der sowohl in seinem grandiosen literarischen Werk wie in seinen politischen Stellungnahmen eine Welt beschreibt, die sich nach Frieden sehnt. Wir hoffen natürlich, dass diese Auszeichnung dazu führt, dass die Probleme im Nahen Osten auf friedliche Weise gelöst werden können.» Hanser hat mehrere Werke Grossmans auf Deutsch herausgebracht.

Beim Ausbruch des zweiten Libanon-Kriegs 2006 hatte der Israeli mit anderen Schriftstellern eine Waffenruhe gefordert, einige Tage später wurde sein Sohn Uri von einer Rakete der Hisbollah getötet. Danach setzte sich Grossman weiter für eine friedliche Lösung im Nahost-Konflikt ein. 1988 war er als Journalist fristlos entlassen worden. Er hatte sich geweigert, seine Berichte über die Unabhängigkeitserklärung der Palästinenser zensieren zu lassen, bei der Jassir Arafat erstmals indirekt von einem Existenzrecht Israels sprach.

Der Friedenspreis wird traditionell am Ende der Frankfurter Buchmesse in der Paulskirche verliehen, dieses Jahr am 10. Oktober. Die bedeutende Ehrung wird seit 1950 an Persönlichkeiten vergeben, «die in hervorragendem Maße vornehmlich durch ihre Tätigkeit auf den Gebieten der Literatur, Wissenschaft und Kunst zur Verwirklichung des Friedensgedankens beigetragen» haben, wie es im Statut heißt. Im vergangenen Jahr wurde der italienische Schriftsteller Claudio Magris geehrt. Zu den bisherigen Preisträgern gehören auch Max Frisch, Siegfried Lenz, György Konrad, Amos Oz, Mario Vargas Llosa, Yasar Kemal, Vaclav Havel und Fritz Stern.

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10.06. Grossman: Anerkennung für nicht populäre Meinungen

Salzburg (dpa) - Sichtlich gut gelaunt präsentierte sich der israelische Schriftsteller David Grossman am Donnerstagabend bei einer Lesung in Salzburg. Es war sein erster öffentlicher Auftritt, nachdem ihm am Vormittag der Friedenspreis des deutschen Buchhandels zuerkannt worden war. «Meine erste Reaktion war natürlich Freude, es ist ein sehr wichtiger Preis», sagte der 56-Jährige. Er sehe ihn als Anerkennung und Unterstützung, nicht nur für sich selbst «und meine oft nicht sehr populären Meinungen», sondern auch für alle Gleichgesinnten, die immer noch an Frieden im Nahen Osten glaubten.

Zur aktuellen Situation sagte er, der Angriff der israelischen Marine auf den Hilfskonvoi Ende Mai mit neun Toten sei ein schwerer Fehler gewesen. Zudem rechtfertige nichts die Blockade des Gazastreifens und damit die kollektive Bestrafung von 1,5 Millionen Palästinensern.  

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10.06. Israel begrüßt Preisverleihung an Grossman

Jerusalem (dpa) - Israel hat am Donnerstag die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an den israelischen Schriftsteller David Grossman begrüßt. «Israel ist sehr stolz, dass dieser Preis an David Grossman vergeben wurde», sagte Jigal Palmor, Sprecher des israelischen Außenministeriums in Jerusalem. Es sei nicht nur eine Würdigung des 56-jährigen Autoren selbst, sondern der israelischen Literatur im Allgemeinen.

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10.06 David Grossman: Stimme der Versöhnung in Nahost

David Grossmans Engagement für eine Aussöhnung zwischen Israelis und Palästinensern wird mit dem deutschen Friedenspreis gewürdigt. Der Israeli hat die Tragik des Nahostkonflikts persönlich erfahren. Sein Sohn fiel im Libanon-Krieg.

Tel Aviv (dpa) - Der israelische Schriftsteller David Grossman beschreibt in seinen Büchern das Leiden des Einzelnen am nicht enden wollenden Konflikt in Nahost auf eindringliche Weise. Der mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnete 56-Jährige ist von dem blutigen Zwist zwischen Israel und den Arabern selbst persönlich zutiefst getroffen: Sein Sohn Uri wurde im Sommer 2006 im Libanonkrieg getötet, nur zwei Tage vor dem Ende der Kämpfe. Auch nach diesem tragischen Verlust blieb der Autor seiner Rolle als Sprachrohr der israelischen Friedensbewegung treu.

Zuletzt bekamen seine Äußerungen zur Lage der Nation allerdings einen immer düsteren und verzagten Unterton. «Das Land ist gepalten zwischen Verzweiflung und Verleugnung», sagte er vor einem Monat während des internationalen Schriftsteller-Festivals in Jerusalem bei einer Gesprächsrunde mit seinem Freund, dem US-Autor Paul Auster. «Wir sind gefangen in einer Kultur des Hasses und der Ängste. Die Gewalt ist in unsere inneren Organe eingedrungen.» Der 1954 als Sohn eines Busfahrers in Jerusalem geborene Friedensaktivist beschrieb Israel als einen «selbstmörderischen Staat».

Seinen im vergangenen Jahr auf Deutsch erschienenen Roman «Eine Frau flieht vor einer Nachricht» beendete er nach dem Libanonkrieg. Der Autor beschreibt darin die quälende Angst einer israelischen Mutter um ihren Sohn, der sich zum Ende seines Militärdienstes im Westjordanland freiwillig zu einer großen Offensive meldet. Sie bricht zu einer Reise auf in dem irrationalen Glauben, sie könnte durch die Flucht vor der schlimmen Nachricht den Tod selbst verhindern. Damit wird sie zum weiblichen Alter Ego Grossmans, der das Buch zu Beginn des Militärdienstes seines Sohns angefangen hatte und ihn damit symbolisch «beschützen» wollte - vergeblich.

Grossman hat an der Hebräischen Universität Philosophie und Theater studiert, später arbeitete er beim israelischen Hörfunk. Berühmt wurde er mit seinem Roman «Stichwort: Liebe» (1986). In Israel sind auch seine Kinderbücher sehr beliebt. In all seinen Werken versteht Grossman es meisterlich, in die Haut der verschiedensten - besonders auch weiblichen - Charaktere zu schlüpfen und ihnen eine ganz indivuelle, lebhafte Stimme zu verleihen. Im persönlichen Auftreten wirkt der zart gebaute Brillenträger mit den rötlichen Haaren dagegen eher etwas blass und zurückhaltend.

Als einen der prägenden Einflüsse seiner Jugend in Jerusalem beschrieb er die Nachwirkungen des Holocaust. «Ich wuchs in einer Nachbarschaft und Familie auf, in der man nicht einmal das Wort "Deutschland" in den Mund nahm», schrieb er einmal. Auch das Wort «Holocaust» sei kaum gefallen - man habe nur davon gesprochen «was dort passierte». Besonders eindrücklich erinnert er sich daran, wie manche Holocaust-Überlebende in der Nachbarschaft nachts im Schlaf schrien, weil ihre Erlebnisse sie in Albträumem quälten.

Bei aller Liebe für Israel und seiner tiefen Verbundenheit mit dem Land ist Grossman einer der schärfsten Kritiker der Regierungspolitik. So verurteilte er etwa das israelische Vorgehen im Gaza-Krieg vor eineinhalb Jahren scharf und rief zu einem Dialog mit der radikal-islamischen Palästinenserorganisation Hamas auf. Er sieht eine enge Verbindung zwischen dem Holocaust-Trauma und dem blutigen Konflikt in Nahost, der bis heute ungelöst ist. «Wir haben Dutzende von Atombomben, Panzer und Flugzeuge und kämpfen gegen Menschen, die keine dieser Waffen besitzen.» Dennoch würden Israelis sich immer noch vorwiegend als Opfer sehen. «Diese Unfähigkeit, uns in Verbindung zu anderen richtig wahrzunehmen, ist unsere größte Schwäche.»

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10.06. Grossman beschreibt Urängste israelischer Mütter

Tel Aviv (dpa) - In seinem jüngsten Roman beschreibt der mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnete israelische Autor David Grossman die quälende Angst israelischer Mütter um ihre Söhne beim Militär. Der 56-Jährige hatte das Buch «Eine Frau flieht vor einer Nachricht» im Jahre 2003 begonnen und nach dem tragischen Tod seines Sohns im Libanonkrieg drei Jahre später abgeschlossen.

Der 2009 auf Deutsch erschienene Roman ist aus der Perspektive von Ora geschrieben, deren Sohn Ofer sich zum Ende seines Militärdienstes freiwillig zu einer großen Offensive der israelischen Armee im Westjordanland meldet. Aus Furcht, er könnte dabei sterben und um der schrecklichen Botschaft zu entfliehen, verlässt Ora ihr Haus und bricht zu einer Reise auf. Auf irrationale Weise glaubt sie, durch die Flucht die schlimme Nachricht und sogar den Tod selbst verhindern zu können.

Ora ist auch hin- und hergerissen in ihren politischen Ansichten, zwischen der Solidarität mit den Soldaten und dem Mitgefühl für die palästinensische Bevölkerung. Im Hintergrund spielt das Liebesdreieck von Ora und zwei Männern, ihrem Jugendfreund Avram, der im Jom- Kippur-Krieg selbst Soldat war, und ihrem Ex-Mann Ilan. Der von Anne Birkenhauer aus dem Hebräischen übersetzte Roman beschreibt, wie der blutige Nahost-Konflikt mit seinen immer wiederkehrenden Kriegen unausweichlich das Schicksal einzelner Menschen bestimmt.

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