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News-Sonderthema:
Der Streit um die Verleihung des Heinrich-Heine-Preises
an Peter Handke
Stimmen zur Preisverleihung, Hintergründe und die
Chronologie
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Unsere Beiträge:
Düsseldorfer Stadtrat wehrt sich gegen Vorwürfe
Handke lehnt auch Alternativpreis ab - Sammlung für
Serben
Initiative «Berliner Heinrich-Heine-Preis für
Peter Handke»
Düsseldorfs Liberale: Heine-Preisgeld für
die Künstlerhilfe
Chronologie des Streits
Handkes Brief im Wortlaut
Wie bei Handke: Bremer Senat verhinderte Auszeichnung
von Grass
Schaden für Heinrich-Heine-Preis
befürchtet
Juroren sehen «Hetzkampagne» gegen
Handke
«Süddeutsche»: Im Streit um Handke
treten Juroren zurück
PEN-Zentrum Deutschland bestürzt über Debatte
Die Antwort Peter Handkes
Peter Handke hat von jeher polarisiert
Stimmen zur Preisverleihung
Zwischen Literatur und Politik: Der Streit um Handke
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23.06. Düsseldorfer Stadtrat wehrt sich gegen Vorwürfe im
Fall Handke
Düsseldorf (dpa) - Die großen Fraktionen im Düsseldorfer
Stadtrat haben sich am Donnerstag gegen Vorwürfe von Unterstützern
des Schriftstellers Peter Handke im Streit um den Heinrich-Heine-Preis
gewehrt. Es handele sich nach den Bestimmungen auch um einen politischen
Preis, heißt es in einer gemeinsamen Resolution der Fraktionen
von CDU, SPD, FDP und Grünen. Die Auszeichnung werde für
den Einsatz für die Grundrechte und die Völkerverständigung
verliehen. Die Auszeichnung sei damit kein reiner Literaturpreis.
Die Mehrheit des Rates sei der Meinung, dass Handke unter diesen
Kriterien kein würdiger Preisträger sei, heißt es in
der Resolution, die am Donnerstagabend verabschiedet werden sollte,
aus Zeitgründen aber nicht mehr behandelt wurde. Sie soll voraussichtlich
nach der Sommerpause wieder auf die Tagesordnung kommen.
Die Satzung des Preises gebe dem Rat das Recht, eine andere Auffassung
zu vertreten als die Preis-Jury, hieß es. Von einem «Angriff
auf die Freiheit der Kunst» könne somit keine Rede sein.
Der Preis werde in diesem Jahr nicht vergeben, sondern wieder turnusgemäß im
Jahr 2008. Bis dahin behalte der Rat sich Satzungsänderungen vor.
Nobelpreisträger Günter Grass hat angeregt, den Vergabe-Modus
für den Düsseldorfer Heine-Preis zu überdenken.
Der Österreicher Handke (63) ist wegen seines Einsatzes für
das frühere serbische Regime des im März gestorbenen Ex-Diktators
Slobodan Milosevic umstritten. Der Schriftsteller war auch zur Beerdigung
Milosevics am 18. März nach Belgrad gekommen. Handke hatte auf
den mit 50 000 Euro dotierten Preis verzichtet, den ihm die Jury
zugesprochen hatte, nachdem sich im Stadtrat eine Mehrheit gegen die
Vergabe an ihn abzeichnete. Begründet hatte er dies damit, sich
nicht weiter «Pöbeleien» von Lokalpolitikern aussetzen
zu wollen.
Unterdessen wurde bekannt, dass Handke auch den «Berliner Heinrich
Heine Preis» nicht annehmen will, der ihm alternativ zum Düsseldorfer
Preis angeboten wurde. Er plädiert aber dafür, ein eventuelles
Preisgeld in Höhe von 50 000 Euro «serbischen Enklaven» im
Kosovo zur Verfügung zu stellen. Das teilten die Initiatoren des
Berliner Preises, darunter die Schauspieler Käthe Reichel und
Rolf Becker, am Donnerstag im Berliner Ensemble (BE) mit.
Handke zeigte sich in einem Schreiben an die Berliner Initiatoren «berührt
von Ihrer Geste», möchte aber doch «beiseitestehen» und
betonte: «Bitte, kein Preis oder Alternativpreis für mich».
Das eventuelle Preisgeld solle aber den serbischen Enklaven gegeben
werden, die, wie die Berliner Initiatoren betonten, «von Stacheldraht
umgeben sind und von Panzern geschützt werden müssen».
Sie wollen versuchen, den Vorschlag umzusetzen, wie sie am Donnerstag
betonten.
Bisher seien schon über 18 700 Euro an Spenden für das
Preisgeld eingangen.
Die Berliner Initiatoren des Alternativpreises erneuerten den Vorwurf,
dass es sich bei der gescheiterten Vergabe des Heine-Preises an Handke
und der Haltung des Düsseldorfer Stadtrates um einen «Angriff
auf die Freiheit der Kunst» handele.
BE-Intendant Claus Peymann unterstützt das Berliner Projekt
ebenso wie unter anderem auch die Schauspieler Ben und Meret Becker,
die Schriftsteller Gerhard Zwerenz und Daniela Dahn, der Kabarettist
Dietrich Kittner sowie der Brecht-Schüler und frühere BE-Intendant
Manfred Wekwerth. Peymann hat neun Handke-Stücke seit der «Publikumsbeschimpfung» vor
40 Jahren uraufgeführt.
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22.06. Handke lehnt auch Alternativpreis ab - Sammlung für Serben
Berlin/Düsseldorf (dpa) - Der Schriftsteller Peter Handke will
auch den «Berliner Heinrich Heine Preis» nicht annehmen,
der ihm alternativ zum Düsseldorfer Preis angeboten wurde. Er
plädiert aber dafür, ein eventuelles Preisgeld in Höhe
von 50 000 Euro «serbischen Enklaven» im Kosovo zur
Verfügung zu stellen. Das teilten die Initiatoren des Berliner
Preises, darunter die Schauspieler Käthe Reichel und Rolf Becker,
am Donnerstag im Berliner Ensemble (BE) mit.
Sie bezeichneten die Vorgänge um die gescheiterte Vergabe des
Düsseldorfer Heinrich-Heine-Preises an Handke und die Haltung
des Düsseldorfer Stadtrates dazu als einen «Angriff auf
die Freiheit der Kunst». Handke selbst hatte den Düsseldorfer
Heine-Preis nach den politischen Auseinandersetzungen um seine Person
abgelehnt. Er wolle weder seine Person noch sein Werk weiterhin den «Pöbeleien» von
Lokalpolitikern ausgesetzt sehen. Kritiker hatten Handkes Parteinahme
für Serbien im Balkan-Krieg und insbesondere seine Haltung zum
serbischen Ex-Diktator Slobodan Milosevic angeprangert. Der Schriftsteller
war auch zur Beerdigung Milosevics am 18. März nach Belgrad gekommen.
Der Düsseldorfer Stadtrat wollte auf seiner Sitzung am Donnerstagnachmittag über
den Fall und die Zukunft des Heine-Preises noch einmal debattieren.
Nobelpreisträger Günter Grass hat angeregt, den Vergabe-Modus
zu überdenken. Bislang behält sich der Stadtrat vor, die
Entscheidung der Preisjury noch zu bestätigen.
Reichel nannte Handke einen «großen Schriftsteller und
Sprachschöpfer», der von Düsseldorf jetzt für
unwürdig gehalten werde, den Heine-Preis zu empfangen. «Das
ist ein heuchlerisches Fußballspiel, ein Foulen.»
BE-Intendant Claus Peymann unterstützt das Berliner Projekt
ebenso wie unter anderem auch die Schauspieler Ben und Meret Becker,
die Schriftsteller Gerhard Zwerenz und Daniela Dahn, der Kabarettist
Dietrich Kittner sowie der Brecht-Schüler und frühere BE-Intendant
Manfred Wekwerth. Peymann hat neun Handke-Stücke seit der «Publikumsbeschimpfung» vor
40 Jahren uraufgeführt.
Handke zeigte sich in einem Schreiben an die Berliner Initiatoren «berührt
von Ihrer Geste», möchte aber doch «beiseitestehen» und
betonte: «Bitte, kein Preis oder Alternativpreis für mich».
Das eventuelle Preisgeld solle aber den serbischen Enklaven gegeben
werden, die, wie die Berliner Initiatoren betonten, «von Stacheldraht
umgeben sind und von Panzern geschützt werden müssen».
Sie wollen versuchen, den Vorschlag umzusetzen, wie sie am Donnerstag
betonten.
Bisher seien schon über 18 700 Euro an Spenden für das
Preisgeld eingangen.
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17.06. Initiative «Berliner Heinrich-Heine-Preis für Peter
Handke»
Berlin (dpa/bb) - Eine Gruppe von Schauspielern und Publizisten hat
eine Initiative zur Verleihung eines «Berliner Heinrich-Heine-
Preises für Peter Handke» gestartet. Das teilte das von
Claus Peymann geleitete Berliner Ensemble am Samstag mit, wo auf einer
Pressekonferenz am kommenden Donnerstag auch Einzelheiten dazu mitgeteilt
werden sollen. Zu den Initiatoren gehören die Schauspieler Käthe
Reichel und Rolf Becker sowie der Journalist und Publizist Eckart Spoo.
Sie bezeichnen die Vorgänge um die gescheiterte Vergabe des
Düsseldorfer Heinrich-Heine-Preises an den Schriftsteller Peter
Handke und die Haltung des Düsseldorfer Stadtrates dazu als einen «Angriff
auf die Freiheit der Kunst». Die Jury, die Handke den Preis zuerkannt
habe, «besitzt selbst genügend künstlerische, ästhetische
und politisch-moralische Kompetenz und bedarf nicht der Korrektur durch
politische Instanzen; ihr Urteil allein muss ausschlaggebend bleiben,
sonst fallen wir zurück in die Zustände, die Deutschland
seit Heines Zeiten des öfteren zu beklagen hatte». Es sei «nicht
die Sache der Kunst, die Primitivität der Argumentationskette:
Hitler- Milosevic-Handke zu diskutieren», heißt es in dem
Aufruf.
Der Preis gehöre Peter Handke, «nicht der Preis der Stadt
Düsseldorf, der entwertet ist, sondern der Berliner Heinrich-Heine-
Preis». Daher werde auch der geplante «Berliner Heinrich-Heine-
Preis», verbunden mit einem Preisgeld von 50 000 Euro, «verliehen
von allen, die Peter Handke einer Auszeichnung im Namen Heinrich Heines
für würdig halten». Der Aufruf ist verbunden mit der
Bitte um Unterstützung durch Solidaritätsunterschriften und
Beteiligung an der Finanzierung des Preisgeldes.
Der Präsident der Berliner Akademie der Künste, Klaus Staeck,
hatte kürzlich eine Veranstaltung zu dem «Fall Handke» in
der Akademie angekündigt, da er grundsätzliche Fragen des
Verhältnisses von Künstlern zur Politik und Gesellschaft
berühre. Handke selbst hat inzwischen den Düsseldorfer Heine-Preis
nach den politischen Auseinandersetzungen um seine Person abgelehnt.
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15.06. Düsseldorfs Liberale: Heine-Preisgeld für die Künstlerhilfe
Düsseldorf (dpa/lnw) - Die FDP im Düsseldorfer Stadtrat
möchte die 50 000 Euro, die ursprünglich der Autor Peter
Handke als Heine-Preis bekommen sollte, für die Deutsche Künstlerhilfe
spenden. Ein entsprechender Antrag der Liberalen solle auf der kommenden
Ratssitzung am 22. Juni diskutiert werden, sagte ein FDP-Sprecher am
Mittwoch in Düsseldorf. Außerdem sei eine Resolution der
Ratsfraktionen zu dem Thema Heine-Preis in Vorbereitung.
Der als Preisträger von der Jury des Heine-Preises vorgeschlagene
Handke hatte nach zweiwöchigem erbitterten Streit, der bundesweit
für große Aufmerksamkeit gesorgt hatte, auf die Auszeichnung
verzichtet.
Dem prominenten Schriftsteller aus Österreich war von Kritikern
vorgeworfen worden, wegen seiner Sympathien für den serbischen
Ex- Diktator Slobodan Milosevic nicht des literrisch-politischen Preises
würdig zu sein, der ausdrücklich für Verdienste um die
Völkerverständigung vergeben wird.
Dem Vernehmen nach sehe die Resolution der Fraktionen von SPD, CDU,
FDP und Grünen im Düsseldorfer Stadtparlament vor, sich nicht
weiter mit der Person Handkes und den Modalitäten der gescheiterten
Preis-Übergabe zu beschäftigen. Zum Inhalt dieses Schreibens,
das kommenden Woche veröffentlicht werde, wolle er nichts sagen,
erklärte der FDP-Sprecher: «Das kann ich weder bestätigen
noch dementieren.»
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09.06. Chronologie des Streits um den Heinrich-Heine-Preis für Peter
Handke
23. Mai 2006: Die Jury des Heinrich-Heine-Preises kündigt an,
dass sie auf Vorschlag von Sigrid Löffler die mit 50 000
Euro dotierte Auszeichnung an den österreichischen Schriftsteller
Peter Handke verleihen will.
27. Mai 2006: Die Jury-Entscheidung stößt auf geteilte
Reaktionen.
Handkes literarisches Schaffen wird einmütig gewürdigt, seine
politische Haltung während des Balkankrieges und sein Einsatz
für das serbische Regime sind jedoch umstritten. Der Grünen-
Bundestagsfraktionschef Fritz Kuhn bezeichnet die Preisvergabe als
Verhöhnung der Opfer des Milosevic-Regimes und eine Verhöhnung
Heinrich Heines. Juror Christoph Stölzl (CDU) distanziert sich
von dem Votum für Handke.
28. Mai 2006: Auch NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers
(CDU) distanziert sich von der Vergabe des Preises an Handke. Drei
Tage später sagt er im Landtag, dass «für den Heine-Preis
nicht preiswürdig ist, wer den Holocaust relativiert».
30. Mai 2006: Handke schreibt in einem Artikel der «Frankfurter
Allgemeinen Zeitung»: «Ich habe nie eins der Massaker in
den Jugoslawienkriegen 1991-95 geleugnet, oder abgeschwächt, oder
verharmlost, oder gar gebilligt. Nirgendwo bei mir kann man lesen,
ich hätte Slobodan Milosevic als "ein" oder "das
Opfer" bezeichnet.»
- Die Fraktionen von SPD, FDP und Grünen im Düsseldorfer
Stadtrat teilen mit, dass sie die Vergabe des Preises an Handke verhindern
wollen. Auch in der CDU-Fraktion ist eine Mehrheit für Handke
fraglich.
-
Handkes Schriftstellerkollegen, die Österreicher Robert
Menasse und Marlene Streeruwitz, verwahren sich dagegen, dass Stadtpolitiker
die von der unabhängigen Jury getroffene Entscheidung aufheben.
Einige Tage später stellen sich auch Literatur-Nobelpreisträgerin
Elfriede Jelinek, Theaterintendant Claus Peymann und Regisseur Wim
Wenders auf Handkes Seite.
-
Mehrere Publizisten plädieren gegen
den Heine-Preis für
Handke, darunter Tilman Spengler, Ralph Giordano, Literaturkritiker
Hellmuth Karasek und der deutsche PEN-Präsident Johano Strasser.
31. Mai 2006: Suhrkamp-Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz nennt
die Diskussion um ihren Autor Handke einen «beispiellosen Akt».
Wenn es keinen öffentlichen Aufschrei gebe, «dass einer
der größten Dichter derart geächtet wird, ist das ein
Zeichen für den drohenden Bankrott unserer Kultur.» - Handke
wehrt sich erneut gegen die Kritik, diesmal in einem Artikel in der «Süddeutschen
Zeitung». Darin zeigt er sich unter anderem über den Vorwurf
der Holocaust-Relativierung verwundert. Seinen kritisierten Satz, «die
Serben sind noch größere Opfer als die Juden», habe
er 1999 sofort korrigiert.
1. Juni 2006: Nordrhein-Westfalens Kulturstaatssekretär Hans-
Heinrich Grosse-Brockhoff (CDU) kündigt an, dass es in diesem
Jahr voraussichtlich keinen Heine-Preisträger geben wird.
2. Juni 2006: Die Jury-Mitglieder Sigrid Löffler und Jean-Pierre
Lefèbvre erklären ihren Austritt aus der Heine-Preis-Jury: «Einer
Jury, die nicht zu dem steht, was sie selbst beschlossen hat, wollen
wir nicht mehr angehören. Einer Stadt, die unabhängige Fach-Juroren
beruft und sie dann politisch desavouiert, können wir nicht mehr
zur Verfügung stehen.»
6. Juni 2006: Ein Düsseldorfer Stadt-Sprecher kündigt an,
es werde in der Frage Handke keine eindeutigen Rats-Mehrheiten und
keinen Fraktionszwang geben. Damit ist der Ausgang der für den
22. Juni geplanten Abstimmung offen.
8. Juni 2006: Handke teilt dem Düsseldorfer Oberbürgermeister
Erwin mit, auf den Preis zu verzichten. Der OB verkündet daraufhin,
dass der Heine-Preis 2006 nicht vergeben wird.
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08.06. Handkes Brief: «Nicht wieder und wieder Pöbeleien» ausgesetzt
sein
Düsseldorf (dpa) - Der österreichische Schriftsteller Peter
Handke verzichtet auf den Heine-Preis der Stadt Düsseldorf. Der
bei Paris lebende Autor teilte dem Düsseldorfer Oberbürgermeister
Joachim Erwin
(CDU) seine Entscheidung in einem Brief mit. Die dpa dokumentiert das
Schreiben im Wortlaut:
«Lieber Joachim Erwin, lieber Oberbürgermeister -
ihre freundliche Stimme noch im Ohr, möchte ich ihnen sagen,
welch gute Überraschung dieser Heinrich-Heine-Preis war, erst
einmal für mich, der sich überhaupt keinen Preis mehr erwartet
hatte, und wie er solch eine Überraschung weiterhin ist, gut vielleicht
weniger für mich persönlich als für ein endliches allgemeines
Auftauen, so scheint es inzwischen zumindest, der gefrorenen Blicke
und Sprache in Hinsicht auf das jugoslawische Problem, einschließlich
des Prozesses gegen Slobodan Milosevic, wie das ja wohl auch Sie sich
gewünscht haben.
Doch ich schreibe Ihnen heute zusätzlich, um Ihnen (und der
Welt) die Sitzung des Düsseldorfer Stadtrats (heißt das
so?) zu ersparen, womit der Preis an mich für nichtig erklärt
werden soll, zu ersparen auch meiner Person, nein, eher dem durch die Öffentlichkeit
(?) geisternden Phantom meiner Person, und insbesondere zu ersparen
meinem Werk, oder meinetwegen Zeug, welches ich nicht wieder und wieder
Pöbeleien solcher wie solcher Parteipolitiker ausgesetzt sehen
möchte.
Ich bitte Sie - so das in Ihrer Macht steht -, die Sitzung oder Veranstaltung
auf den Nimmerleinstag zu verschieben und stattdessen die Stadträte
an die frische Luft zu entlassen, z.B. zu einem Picknick an den Rhein.
Schade ist vielleicht nur, dass ich im Dezember einiges hätte
darlegen können zum Unterschied zwischen journalistischer und
literarischer Sprache und dass ich nun in Düsseldorf-Rath sowie
in der Gartenstraße beim Hofgarten meine Streunereien vor 35,
40 Jahren nicht wiederholen kann. Aber dafür werde ich bald wieder
einmal vor dem Grab Heinrich Heines auf dem Friedhof von Montmartre
stehen - der Friedhof ist nicht weit von meinem Kaff hier. Und seien
Sie nochmals bedankt, lieber Joachim Erwin, für Ihre Aufgeschlossenheit
- die Sie sich für Ihr Tun und Lassen bewahren mögen.
Herzlich,
Ihr Peter Handke»
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06.06. Wie bei Handke: Bremer Senat verhinderte Auszeichnung von Grass
Für die Weigerung des Düsseldorfer Stadtrats, Peter Handke
den Heinrich-Heine-Literaturpreis der Stadt zuzuerkennen, gibt es eine
frühe Parallele im Nachkriegsdeutschland. Im Dezember 1959 lehnte
es der Bremer Senat ab, Günter Grass für sein Werk «Die
Blechtrommel» mit dem Literaturpreis der Freien Hansestadt auszuzeichnen.
Eine Jury hatte zuvor die Preisvergabe an Grass empfohlen. In der offiziellen
Begründung des Senats hieß es, eine Auszeichnung würde
eine Diskussion hervorrufen, die «nicht den unbestrittenen literarischen
Rang des Buches» im Auge habe. Sie würde eher «weite
Bereiche des Inhalts nach außerkünstlerischen Gesichtspunkten
kritisieren».
«Man war sich im Senat nicht sicher, ob man mit der "Blechtrommel"
nicht ein pornografisches Werk auszeichnen würde», erklärte am
Dienstag die Geschäftsführerin der 2001 in Bremen gegründeten
Günter- Grass-Stiftung, Donate Fink. Aus der später nachhaltig kritisierten
Entscheidung der Landesregierung zog man nach den Worten Finks bereits zwei Jahre
später die Konsequenz: Die Vergabe des Literaturpreises wurde der eigens
zu diesem Zweck gegründeten Rudolf- Alexander-Schröder-Stiftung übertragen. «Damit
wurde eine bedeutende kulturelle Entscheidung unabhängig von politischen
Konstellationen gemacht», sagte Fink.
Benannt ist die Stiftung nach dem Bremer Dichter Rudolf Alexander
Schröder (1878-1962), zu dessen Geburtstag am 26. Januar der Bremer
Literaturpreis jeweils vergeben wird. Lediglich das Preisgeld wird
weiter von der Regierung zur Verfügung gestellt.
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03.06. Nach Streit um Handke: Schaden für Heinrich-Heine-Preis befürchtet
Düsseldorf (dpa) - Nach dem Rücktritt der Kritikerin Sigrid
Löffler und des Professors Jean-Pierre Lefèbvre aus der
Jury des Heinrich-Heine-Preises droht nun die renommierte Auszeichnung
selbst beschädigt zu werden. Mit Blick auf den Eklat um die geplante
Preisvergabe an den Autor Peter Handke (63) sprachen sie von einer «Hetzjagd
gegen den Gekürten» und teils schlecht vorbereiteten Preisrichtern.
Die negativen Folgen für die Stadt Düsseldorf und den Heine-Preis
seien allerdings durch den Streit um die Vergabe an den Österreicher
ohnehin schon «so groß, dass dieser Rücktritt auch
nichts mehr ausmacht», sagte Marit von Ahlefeld, Vertreterin
der Düsseldorfer Bündnisgrünen in der Jury, am Freitag
der dpa.
Nach Ansicht von Jury-Mitglied Julius H. Schoeps werden Literaturpreise
es nach dieser Auseinandersetzung «künftig generell sehr
schwer haben». Löfflers und Lefèbvres Schritt sei «konsequent»,
sagte der Potsdamer Historiker der dpa am Freitag. Er selber habe nicht
für Handke als Preisträger gestimmt. Es könne aber in «keinem
Fall akzeptiert werden, dass die Entscheidung einer Jury, die berufen
worden ist, von politischen Instanzen gekippt wird». Handke war
die Auszeichnung der Stadt Düsseldorf am 20. Mai von der Jury
zugesprochen worden.
Die Österreicherin Löffler und der Franzose Lefèbvre
hatten in einem Schreiben, das die «Süddeutsche Zeitung» am
Freitag veröffentlichte, ihren Austritt mit dem «vorgefallenen
Vertrauensbruch» begründet. «Einer Jury, die nicht
zu dem steht, was sie selbst beschlossen hat, wollen wir nicht mehr
angehören.» Ohne Namen zu nennen, kritisierten sie Jury-Mitglieder,
die sich öffentlich von der Entscheidung für Handke distanziert
hatten. Die Düsseldorfer Ratsfraktionen hatten nach dem Eklat
um die Zuerkennung des Preises an Handke angekündigt, ihre notwendige
Zustimmung mehrheitlich zu verweigern. Nach Ansicht von Nordrhein-Westfalens
Kultur-Staatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff (CDU) wird
es in diesem Jahr nun keinen Preisträger geben.
Zwar würde «niemand Handkes bizarre Aktionen in Sachen
Milosevic nachvollziehen oder gar billigen wollen», schrieben
Löffler und der Literaturprofessor Lefèbvre. Die «blindwütige
Aggressivität, mit der hier ein Autor menschlich und politisch
isoliert, mundtot gemacht und in seinem Werk beschädigt werden
soll», dürfe aber nicht unwidersprochen bleiben. «Die
Hetzjagd gegen den Gekürten beweist ungewollt, wie sehr Peter
Handke den Heine-Preis verdient hätte».
Auch Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek forderte in
der «Frankfurter Rundschau»: «Lesen und dann reden,
aber nicht hetzen.»
Einem Teil der Preisrichter werfen Löffler und Lefèbvre
in ihrer Austrittserklärung mangelnde Vorbereitung und unzureichende
Kenntnis vor. Ein Vorwurf, den auch der Filmemacher Wim Wenders erhebt. «Wer
sich nur aufs Hörensagen verlässt, auf anonyme Quellen oder
Gerüchte, der mag Peter Handke schnell verteufeln», schrieb
Wenders in der «Süddeutschen». Leser seiner Werke
aber könnten nicht anders, «als dem Autor den Rücken
zu stärken und sich zu solidarisieren».
In einer Solidaritäts-Aktion für Handke, dem pro-serbische
Positionen vorgeworfen werden, plant das Theater Oberhausen
(Nordrhein-Westfalen) am 22. Juni, dem Tag der Entscheidung des Düsseldorfer
Stadtparlaments, eine Handke-Lesung. Die Veranstaltung solle der «Diffamierung» des
Autors durch die Politik entgegenwirken.
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02.06. Debatte um Heinepreis: Juroren
sehen «Hetzkampagne» gegen Handke
Düsseldorf (dpa) - Der Austritt der Kritikerin Sigrid Löffler
und des Literaturprofessors Jean-Pierre Lefèbvre aus der Jury
des Heinrich-Heine-Preises ist nach Ansicht ihres Mitjurors Julius
H.
Schoeps eine «konsequente Entscheidung». Es könne
in «keinem Fall akzeptiert werden, dass die Entscheidung einer
Jury, die berufen worden ist, von politischen Instanzen gekippt wird»,
sagte der Potsdamer Historiker am Freitag der dpa. Schoeps, der nicht
für Peter Handke als Preisträger gestimmt hatte, ließ offen,
ob er der Jury weiter angehören will.
Löffler und Lefèbvre hatten in einem Schreiben, das die «Süddeutsche
Zeitung» am Freitag veröffentlichte, ihren Austritt mit
dem «vorgefallenen Vertrauensbruch» begründet. «Einer
Jury, die nicht zu dem steht, was sie selbst beschlossen hat, wollen
wir nicht mehr angehören.» Ohne Namen zu nennen, kritisierten
sie Jury-Mitglieder, die sich öffentlich von der Entscheidung
für Handke distanziert hatten. Die Düsseldorfer Ratsfraktionen
hatten nach dem Eklat um die Zuerkennung des Preises an Handke angekündigt,
ihre notwendige Zustimmung mehrheitlich zu verweigern. Nach Ansicht
von Nordrhein- Westfalens Kultur-Staatssekretär Hans-Heinrich
Grosse-Brockhoff (CDU) werde es in diesem Jahr keinen Träger des
Heinrich-Heine-Preises geben.
Löffler und Lefèbvre kritisierten eine «Hetzkampagne» gegen
Handke. Die «blindwütige Aggressivität, mit der hier
ein Autor menschlich und politisch isoliert, mundtot gemacht und in
seinem Werk beschädigt werden soll», dürfe nicht unwidersprochen
bleiben.
Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek forderte in der «Frankfurter
Rundschau» (Freitag): «Lesen und dann reden, aber nicht
hetzen.»
Einem Teil der Preisrichter werfen Löffler und Lefèbvre
in ihrer Austrittserklärung auch mangelnde Vorbereitung und unzureichende
Kenntnis vor. Ein Vorwurf, den auch der Filmemacher Wim Wenders erhebt. «Wer
sich nur aufs Hörensagen verlässt, auf anonyme Quellen oder
Gerüchte, der mag Peter Handke schnell verteufeln», schreibt
Wenders in der SZ (Freitag). Leser seiner Werke aber könnten nicht
anders, «als dem Autor den Rücken zu stärken und sich
zu solidarisieren»
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02.06. «Süddeutsche»: Im Streit um Handke treten Juroren
zurück
Hamburg (dpa) - Die Literaturkritikerin Sigrid Löffler und der
Pariser Literaturprofessor Jean-Pierre Lefèbvre haben einem
Bericht der «Süddeutschen Zeitung» (Freitag-Ausgabe)
zufolge ihren Austritt aus der Jury des Heinrich-Heine-Preises erklärt.
Sie wollten damit gegen die Beschlüsse der Fraktionen im Düsseldorfer
Stadtrat protestieren, der Jury-Entscheidung für den Schriftsteller
Peter Handke die Zustimmung zu verweigern. In dem in der Zeitung abgedruckten
Schreiben Löfflers und Lefèbvres betonen beide, dass Jury-Arbeit
ohne Vertraulichkeit nicht möglich sei.
«In krasser Verletzung dieses Prinzips haben sich die meisten
Juroren, kaum dass in der Öffentlichkeit erste Kritik an ihrem
Votum laut wurde, sofort von einer Entscheidung distanziert, die sie
selbst eben erst durch ihre Stimmen demokratisch mit herbeigeführt
hatten», schreiben Löffler und Lefèbvre. «Einer
Jury, die nicht zu dem steht, was sie selbst beschlossen hat, wollen
wir nicht mehr angehören.
Einer Stadt, die unabhängige Fach-Juroren beruft und sie dann
politisch desavouiert, können wir nicht mehr zur Verfügung
stehen.
Wir treten hiermit aus der Jury des Heine-Preises aus», heißt
es in der in der «Süddeutschen» abgedruckten Erklärung.
Bei der Arbeit der Jury habe sich rasch herausgestellt, «dass
die meisten Juroren unvorbereitet waren und sich offenkundig nicht
einmal mit den Dossiers vertraut gemacht hatten, die ihnen seit Tagen
vorlagen, geschweige denn, dass sie Bücher» der vorgeschlagenen
Autoren gelesen hätten. Alle bisherigen Preisträger seien
ausdrücklich für ihr literarisches Werk «im Sinne Heinrich
Heines» geehrt worden. «Aus dem Verhalten der Preis-Auslober
im Fall Handke wird man folgern dürfen: Für die Kür
von genehmen Kandidaten ist der Wortlaut der Statuten des Heine-Preises
völlig ohne Belang; diese werden nur dann hervorgeholt, wenn es
gilt, einen missliebigen Preisträger im Nachhinein zu sabotieren»,
schreiben Löffler und Lefèbvre.
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01.06. PEN-Zentrum Deutschland bestürzt über
Handke-Debatte
Darmstadt (dpa) - Das PEN-Zentrum Deutschland hat die Debatte um die
Vergabe des Heine-Preises an den Schriftsteller Peter Handke als «unwürdiges
Schauspiel» bezeichnet. Ungeachtet der Tatsache, dass die Parteinahme
des Autors Handke für einen Kriegshetzer den in der Charta des
PEN niedergelegten Prinzipien widerspreche, registriere der Schriftstellerverband
das Niveau und den Verlauf der öffentlichen Diskussion mit Bestürzung. «Politiker
gebärden sich als Literaturkritiker, ohne die strittigen Texte überhaupt
zu kennen. Auf einem Minimum an Sachkenntnis sollte jedermann bestehen»,
forderte am Donnerstag in Darmstadt der Generalsekretär des PEN-Zentrums
Deutschland, Wilfried F. Schoeller.
Der Autorenverband warf dem Stadtrat von Düsseldorf vor, sich
in die Entscheidung einer unabhängigen Jury einzumischen, die
von der Stadt selbst berufen worden ist. «Wer eine Jury bestellt,
sollte ihre Entscheidungen auch dann hinnehmen, wenn sie ihm nicht
passen», hieß es. Zudem schüre eine auf Skandale versessene
Boulevardpresse die Erregung über einen Schriftsteller, nur weil
er auf dem demokratischen Recht einer abweichenden Meinung bestehe.
Nach Ansicht Schoellers ist eine genaue Diskussion aber gerade über
die gesammelten Serbien-Texte Handkes sowie über deren Befremdlichkeiten
erforderlich.
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01.06. Handke wehrt sich: Loyalität zu Milosevic war nicht das
Motiv
Hamburg/München (dpa) - Im Streit um die geplante Vergabe des Heinrich-Heine-Preises
an Peter Handke hat sich der österreichische Schriftsteller erneut
persönlich zur Wehr gesetzt. Handke, dem in der Debatte um die Kriegsschuld
auf dem Balkan eine pro-serbische Parteinahme vorgehalten wird, räumte
in einem Beitrag für die «Süddeutsche Zeitung» (Donnerstag)
ein, dass alle Beteiligten der Jugoslawien-Kriege Verbrechen begangen
hätten. Das serbische Massaker an Muslimen im Juli 1995 in Srebrenica
bezeichnete er als «das schlimmste Verbrechen gegen die Menschlichkeit,
das in Europa nach dem Krieg begangen wurde». Srebrenica sei eine «abscheuliche
Rache der serbischen Streitkräfte» gewesen.
Zu seiner scharf kritisierten Teilnahme an der Beisetzung des ehemaligen
jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic im März sagte
Handke, er habe gegen eine Vorverurteilung und die Sprache der Medien
angehen wollen. Loyalität zu Milosevic sei nicht das Motiv gewesen.
Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» hatte bereits am Dienstag
eine Entgegnung Handkes veröffentlicht.
Die Literaturkritikerin Sigrid Löffler, die in der zwölfköpfigen
Jury zu den Befürwortern der Heine-Preisverleihung an Handke zählte,
kritisierte in der «Süddeutschen Zeitung» derweil die öffentlichen Äußerungen
einiger Jury-Mitglieder. «Jury-Sitzungen müssen vertraulich
bleiben. Es ist eine unglaubliche Verwahrlosung von guten Jury-Sitten,
wenn Juroren diese Verschwiegenheit brechen», sagte sie.
Die «SZ» druckt in ihrer Donnerstag-Ausgabe eine ausführliche
Stellungnahme Peter Handkes ab. Der Text sei eine bearbeitete, veränderte
und ergänzte Fassung zweier Artikel, die in der französischen
Tageszeitung «Libération» schienen sind und aus dem
Französischen übersetzt wurden, hieß es.
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01.06. Peter Handke hat von jeher polarisiert - Wurzeln in Slowenien
Hamburg (dpa) - Der österreichische Schriftsteller und Dramatiker
Peter Handke hat von jeher polarisiert. Seine Werke wurden gleichsam
gelobt und verrissen. Er hat nicht nur literarische, sondern auch biografische
Wurzeln im früheren Jugoslawien. Am 6. Dezember 1942 wurde er in
dem Kärntner Dorf Griffen geboren, das damals noch österreichisch-slowenisch
war. Der Büchner-Preisträger wurde vor allem wegen seiner pro-serbischen
Haltung in der Debatte um die Kriegsschuld auf dem Balkan Zielscheibe
massiver Kritik. dpa skizziert den Verlauf dieses Streits:
Juli 1991: Nach dem Abzug der jugoslawischen Bundesarmee aus Slowenien
schreibt Handke in der «Süddeutschen Zeitung» unter
dem Titel «Abschied des Träumers vom Neunten Land» über
seine Erinnerungen und Reflexionen und erteilt der Loslösung der
Republik Slowenien aus dem Vielvölkerstaat Jugoslawien eine Absage.
Januar 1996: In einer Feuilleton-Sonderbeilage der «Süddeutschen
Zeitung» veröffentlicht Handke seine Streitschrift «Gerechtigkeit
für Serbien». Seine Erfahrungen einer Reportage-Reise durch
Serbien im November 1995, kurz vor dem Friedensschluss auf dem Balkan,
nimmt der Autor zum Anlass, die seiner Meinung nach einseitige und Hass
schürende Berichterstattung westlicher Medien über den Konflikt
im früheren Jugoslawien anzuprangern. Journalisten und Publizisten
hätten sich von ihrem «Auslandshochsitz» genauso zu «argen
Kriegshunden gemacht wie jene im Kampfgebiet».
Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki bezeichnet Handkes Werk als «literarisch
ohne Bedeutung und politisch töricht».
April/Mai 1996: Auch auf seiner Lesereise durch Europa gehen die Kritiker
auf Handke los. Nach einem erregten Wortwechsel im Wiener Burgtheater
empfiehlt er einem Journalisten: «Sie können sich ihre Leichen
in den Arsch schieben!» Nach einer Lesung im Drama-Theater in Belgrad
sagt Handke: «Ich bin ein Liebhaber Jugoslawiens, und wenn ein
Volk an Jugoslawien gehangen hat, dann waren es die Serben.»
März 1999: In einem Brief an die Weltöffentlichkeit, der
in der Belgrader Zeitung «Politika» veröffentlicht wird,
setzt sich Handke gegen die NATO-Luftangriffe auf Serbien ein. Ebenfalls
im März revidiert er seine im Februar im serbischen Staatsfernsehen
gemachte Aussage, das Leid der Serben könne über das der europäischen
Juden während des Nationalsozialismus gestellt werden. Er habe sich
bei dem Interview auf Französisch «verhaspelt».
April 1999: Handke reist inmitten der NATO-Luftangriffe auf Jugoslawien
demonstrativ nach Serbien. Zugleich kündigt er an, das Preisgeld
für den 1973 erhaltenen Büchner-Preis an die Deutsche Akademie
für Sprache und Dichtung zurückzugeben.
Mai 1999: Handke greift mit seinem Buch «Die Fahrt im Einbaum
oder Das Stück zum Film vom Krieg» (Suhrkamp) erneut das Thema
Balkankrieg auf und erntet wiederum heftige Verrisse für seine literarische
Diagnose «Kriegsursache: Schlechte Nachbarschaft».
Juni 1999: Claus Peymann inszeniert das viel kritisierte Stück
am Wiener Burgtheater. Der Regisseur sagt später über den Autor: «Das
Spätwerk Handkes gleicht einem moralisierenden Entwurf, obwohl er
das nicht hören mag.»
November 2002: In Paris wird das Filmporträt «Peter Handke.
Der schwermütige Spieler» von Peter Hamm zum bevorstehenden
60.
Geburtstag des Autors uraufgeführt. Hamm sagt über die schwierige
Zusammenarbeit mit Handke: «Habe ich ihn Biografisches gefragt,
hat er die Antwort verweigert. Habe ich literarisch gefragt, kam Biografisches.»
März 2006: Handke hält beim Begräbnis des ehemaligen
jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic eine Rede. Er wird
mit den Worten zitiert: «Die angebliche Welt weiß alles über
Milosevic.
Die angebliche Welt kennt die Wahrheit. Deswegen ist die angebliche Welt
heute hier abwesend.»
Mai 2006: Weil Handke beim Milosevic-Begräbnis sprach, nimmt die
Comédie Francaise das Stück «Spiel vom Fragen oder
Die Reise ins sonore Land» vom Spielplan für 2007. Handke
reagiert «angewidert».
Der französischen Zeitung «Le Monde» sagt er: «Ich
kenne die Wahrheit nicht, aber ich beobachte. Ich höre. Ich fühle.
Ich erinnere mich.
Ich hinterfrage. Warum schlägt man nicht meine Bücher auf,
statt mich anzuklagen?»
Mai 2006: Zur Debatte um die geplante Vergabe des Heine-Preises entgegnet
der Schriftsteller seinen Kritikern am 30. Mai in der «Frankfurter
Allgemeinen Zeitung»: «Ich habe nie eins der Massaker in
den Jugoslawienkriegen 1991-95 geleugnet, oder abgeschwächt, oder
verharmlost, oder gar gebilligt. Nirgendwo bei mir kann man lesen, ich
hätte Slobodan Milosevic als "ein" oder "das Opfer" bezeichnet.» Er
wünsche, dass alle seine «Aufzeichnungen, Erzählungen,
Berichte, Stücke der letzten fünfzehn Jahre zu Jugoslawien
Wort für Wort gelesen würden».
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31.05. Stimmen zur Preisverleihung
Der Vorsitzende des Verbandes Deutscher Schriftsteller, Imre Török,
nahm Handke am Dienstag in Schutz. Im Deutschlandradio Kultur sagte er,
die Empfehlung der Jury müsse respektiert werden: «So problematisch
diese Entscheidung jetzt vor uns steht, sie ist gefallen, und ich würde
sie jetzt nicht mehr rückgängig machen.»
Auch Handkes Schriftstellerkollegen und Landsleute Robert Menasse und
Marlene Streeruwitz kritisierten die Ankündigung des Stadtrats. Menasse
sagte der Nachrichtenagentur APA in Wien, der Streit sei ein «unglaublicher
Skandal». Nach Meinung Streeruwitz' wäre eine Aberkennung der
Auszeichnung «das Ende der Aufklärung» und «das
Ende der Kunst, wie wir sie kennen».
Während Jury-Mitglieder wie die Literaturkritikerin Sigrid Löffler
und der Rektor der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf,
Alfons Labisch, mit dem Hinweis auf die Unabhängigkeit der Jury und
die Vertraulichkeit des Votums eine Stellungnahme kategorisch ablehnten,
hatte sich Jury-Mitglied Christoph Stölzl (CDU) von der Entscheidung
distanziert.
Auch der Dekan der Philosophischen Fakultät der Heinrich-Heine-
Universität in Düsseldorf, Bernd Witte, und der ehemalige Hochschulrektor
Gert Kaiser kritisierten die Entscheidung in einem Brief an die früheren
Heine-Preisträger Wolf Biermann, Elfriede Jelinek, Richard von Weizsäcker
und Wladyslaw Bartoszewski. Die politischen Äußerungen des Schriftstellers
ließen sich mit den Positionen Heines nicht vereinbaren.
Suhrkamp-Verlag kritisiert Handke-Diskussion - «Beispielloser
Akt»
Die Verlegerin des politisch umstrittenen österreichischen
Schriftstellers Peter Handke, Suhrkamp-Chefin Ulla Unseld-Berkéwicz,
hat die Diskussion um die Vergabe des Heinrich- Heine-Preises an Handke
kritisiert. Der Beschluss des Düsseldorfer Stadtrats, Handke den
mit 50 000 Euro dotierten Preis entgegen dem Jury-Votum nicht zu geben,
sei «ein beispielloser Akt», sagte Unseld- Berkéwicz
am Mittwoch. «Eine politische Institution beugt sich dem Druck
einer Kampagne, die Peter Handke diffamiert. Wenn es nicht zu einem öffentlichen
Aufschrei führt, dass einer der größten Dichter derart
geächtet wird, ist das ein Zeichen für den drohenden Bankrott
unserer Kultur.»
Auch der deutsche PEN-Präsident Johano
Strasser, obwohl gegen eine Preisvergabe an Handke, lehnte das Vorhaben
des Stadtrats als politische Einmischung ab.
Gesellschaft für bedrohte Völker begrüßt Entscheidung
gegen Handke
Die Gesellschaft für bedrohte
Völker begrüßt die Entscheidung des Düsseldorfer
Stadtrats, die Vergabe des Heinrich-Heine-Preises an den umstrittenen
Autor Peter Handke zu verhindern. Die Entscheidung habe man «mit
Erleichterung» aufgenommen, teilte die Gesellschaft am Mittwoch
in Göttingen mit.
«Es ist unfassbar, dass die intellektuelle Unterstützung
von Völkermord belohnt werden sollte», sagte Generalsekretär
Tilman Zülch am Mittwoch. «Der Skandal ist umso größer,
weil dafür der Name eines der bedeutendsten deutschen Dichter,
des Juden Heinrich Heine, missbraucht werden sollte.»
Gerade in Deutschland hätte man «eine feinere Antenne
dafür haben müssen, dass Handkes "Poesie" Opfer
zu Tätern und Täter zu Opfern werden lässt», warf
Zülch der Jury vor, die Handke für den mit 50 000 Euro dotierten
Preis vorgeschlagen hatte. Handke habe sich «zum literarischen
Sekundanten von extremem Chauvinismus, so genannter ethnischer Säuberung
und Völkermord» gemacht, unter anderem weil er dem Kriegsverbrechertribunal
in Den Haag das Recht abgesprochen habe, über den serbischen Diktator
Slobodan Milosevic und andere zu urteilen.
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31.05. Zwischen Literatur und Politik: Der Streit um Handke
Düsseldorf (dpa) - Er wolle «grundsätzlich» keine
Preise mehr:
Seinen Überdruss an literarischem Lorbeer hatte der österreichische
Schriftsteller Peter Handke (63) im März 2005 verkünden lassen.
Treu geblieben ist Handke, der auch schon mal den renommierten Büchner-
Preis zurückgegeben hat, seinem Abstinenz-Vorsatz nicht. In der
vergangenen Woche akzeptierte er das Votum der Jury, die ihn in Düsseldorf
zum Heinrich-Heine-Preisträger 2006 kürte.
Eine Auszeichnung, die der Schriftsteller nun wohl nicht erhalten
wird, denn die Entscheidung hat für eine kontroverse Debatte um
das Für und Wider der Preiswürdigkeit des wegen seiner pro-serbischen Äußerungen
umstrittenen Handke gesorgt. Mit dem Ergebnis, dass der Düsseldorfer
Stadtrat mehrheitlich seine notwendige Zustimmung zur Vergabe des mit
50 000 Euro dotierten Preises verweigern und so das unabhängige
Jury-Urteil am 22. Juni kippen will.
Vorgeschlagen von Sigrid Löffler, einst Literaturkritikerin
beim «Literarischen Quartett», heute Herausgeberin des
Magazins «Literaturen», überstand Handke mehrere Wahldurchgänge
gegen gut ein Dutzend Konkurrenten, unter ihnen Marcel Reich-Ranicki,
Dieter Forte, Irene Dische, Wolfgang Büscher und Amos Oz.
Sieben von 11 Jury-Mitgliedern sollen am Schluss knapp für Handke
gewesen sein, der im ersten Durchgang die erforderliche Zweidrittelmehrheit
der Stimmen nicht erreichte. Pikant und ein Fall für den Landtag:
Der nordrhein-westfälische Kulturstaatsminister Hans-Heinrich
Grosse-Brockhoff (CDU) war als 12. Juror der entscheidenden Sitzung
fern geblieben.
«Demokratisch völlig legitim» sei es, dass der Stadtrat über
die Preisvergabe entscheidet, sagt Jurymitglied Christoph Stölzl
(CDU), ehemaliger Kultursenator in Berlin und heutiger Vizepräsident
im Abgeordnetenhaus der Hauptstadt, der dpa. Zwar bedauere er die Absicht
der Fraktionen, die Ehrung Handkes scheitern zu lassen. Das «Problem» liege
aber in der starken Orientierung der politischen Vertreter am «Wortlaut» der «hochmoralischen,
politisches Handeln prämierenden» Preisbestimmungen. Auszeichnungswürdig
sind demnach Persönlichkeiten, die sich den Grundrechten des Menschen,
dem sozialen und politischen Fortschritt, der Völkerverständigung
und der Zusammengehörigkeit aller Menschen verpflichtet fühlen.
Die Jury aber vergebe den Preis in der Praxis mehr und mehr als Literaturauszeichnung,
sagt Stölzl. Eine Diskrepanz, die die Frage aufwerfe, ob es «klug
ist, mit Literatur und Politik "zwei in eins"
zu vermischen». Er hätte sich gewünscht, so Stölzl,
dass der Preis für den «kontroversen Fall Handke» dem
Autor hätte Anlass geben können, seine Position zu klären.
«Mitgehangen, mitgefangen» kommentiert Preisrichter Julius
Schoeps das Votum. Er habe für Oz gestimmt, berichtet der Historiker
am Potsdamer Mendelssohn-Zentrum. Ein unabhängiger Jury-Entscheid
müsse aber anerkannt werden. «Was jetzt in Düsseldorf
passiert, ist nicht akzeptabel.» Schoeps, der gesteht, zunehmend
den Eindruck zu gewinnen, in der Stadt würden «Rechnungen
ausgetragen», hält die entbrannte Debatte um Handke für
klassisch - zwischen den beiden Polen «Dichter und homo politicus».
Dass die Kür des Autors Diskussionen auslösen könne,
habe die Jury erwartet, meint Marit von Ahlefeld, die als Vertreterin
der Düsseldorfer Ratsfraktion der Bündnisgrünen in der
Jury saß. Mit einem «Sturm» aber habe sie nicht gerechnet.
Eine Falscheinschätzung, sagt Ahlefeld jetzt.
Schließlich hat Handke den wegen Kriegsverbrechen in Den Haag
angeklagten serbischen Diktator Slobodan Milosevic nicht nur besucht,
sondern auch bestimmte Äußerungen gemacht. So sind vom Autor
Holocaust-Relativierungen überliefert wie «Damals waren
es Gashähne und Genickschusskammern; heute sind es Computer-Killer
aus 5000 Meter Höhe». Im März hatte Handke beim Milosevic-Begräbnis
auch eine Rede gehalten.
Eine «Sympathiebekundung, die nicht geht», erläutert
Ahlefeld ihre Handke-kritische Haltung. Mit der gleichen Begründung
hatte erst im Mai die Comédie Francaise in Paris das Handke-Stück «Spiel
vom Fragen» vom Spielplan genommen. Folge: Eine Debatte um Zensur.
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