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Surreal, aber nicht weltfremd - Vor 125 Jahren wurde Kafka geboren
Hamburg (dpa) - Dreimal Goethes Gartenhaus: Akkurat gestickt von Franz Kafkas zweimaliger Verlobter Felice Bauer. Sorgfältig skizziert von Max Brod, Kafkas Freund, späterem Testamentsverweigerer und Herausgeber. Und schließlich gezeichnet von Kafka selbst, weder akkurat noch sorgfältig, sondern verfremdet und irgendwie beunruhigend. Kafka verunsichert - mit seinen Zeichnungen, mit dem ernsten, intensiven Gesichtsausdruck auf den Fotos, vor allem mit seiner Literatur. Vor 125 Jahren, am 3. Juli 1883, wurde der Schriftsteller geboren; er starb im Alter von 40 Jahren 1924.
Beschaulichkeit lag Kafka nicht. «Die Leser von anheimelnder Literatur sind bei ihm schlecht aufgehoben», sagt der Kafka-Kenner, Publizist und Verleger Klaus Wagenbach, aber anheimelnd müsse Literatur ja auch nicht sein. Das fand auch Kafka. «Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch? (...) Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns», schrieb er in einem Brief.
Kafka hat uns so manche Axt geliefert. «Die Verwandlung» zum Beispiel, in der Gregor Samsa erwacht und sich in ein Ungeziefer verwandelt findet. «Das Urteil», in einer einzigen Nacht geschrieben, über einen Vater, der seinen Sohn zum Tod durch Ertrinken verurteilt. Kafka erfand den Affen, der über seine Menschwerdung berichtet. Und er schrieb winzige Geschichten, hochverdichtet und meist verstörend, wie der eine Satz: «Ein Käfig ging einen Vogel suchen.»
Franz Kafka, das älteste Kind einer deutschsprachigen jüdischen Kaufmannsfamilie, wurde in Prag geboren. Das Leben der Kafkas war geprägt vom «Geschäft», in dem Schirme, Spazierstöcke, Handschuhe, und andere «Galanteriewaren» verkauft wurden. Es bescherte den Lebensunterhalt und den allmählichen sozialen Aufstieg. Kafka wirkt wie eingeklemmt in dieses Leben. Schreibtisch und Bett standen im bescheidenen Durchgangszimmer zwischen dem Elternschlafzimmer und der guten Stube. Seine drei Schwestern teilten sich einen Raum.
Nach dem Abitur studierte Kafka Jura. Für einen Moment lag zwar die Idee der Befreiung in der Luft, ein Germanistikstudium in München nämlich. Aber er blieb doch in Prag und promovierte, knapp 23 Jahre alt, zum Doktor juris. Da hatte er längst zu schreiben begonnen, die «Beschreibung eines Kampfes» und die «Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande». 1908 veröffentlichte er die ersten Prosastücke in einer Zeitschrift, 1912 schrieb er «Das Urteil» und «Die Verwandlung», und 1913 kam das Bändchen «Betrachtung» heraus. Zugleich machte er Karriere als Jurist bei der «Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt».
Zwei Leben: Von 8.00 bis 14.00 Uhr befasst sich Kafka mit Arbeitsunfällen in Fabriken und wie sie zu verhindern wären. Er plädiert für die Einführung runder Wellen in Hobelmaschinen statt der gefährlichen Vierkantwellen und schlägt sich mit Fabrikanten herum, die sich gegen die Versicherungsbeiträge wehren. Und nachts, wenn die Wohnung endlich ruhig geworden ist, schreibt er seine Geschichten.
Welches Leben sein eigentliches ist, steht für ihn fest, aber seinen Eltern hätte er es nie begreiflich machen können: «Er hat das Bewusstsein gehabt, dass er in der Sprache lebt. Die Sprache war sozusagen sein Sauerstoff, sein Lebensstoff», sagt sein Biograf Reiner Stach. Schreiben war seine Berufung, fast eine Sucht.
Briefe schreibend liebte Kafka Felice und litt zugleich unter der Angst, als Ehemann und Vater, in einer bürgerlichen Existenz, nicht mehr schreiben zu können. Ein Schriftsteller «darf sich eigentlich, wenn er dem Irrsinn entgehen will, niemals vom Schreibtisch entfernen, mit den Zähnen muss er sich festhalten», schrieb Kafka.
Mit seiner Sprache schuf er Welten und Geschichten, die oft als surreal bezeichnet werden, als traumhaft, unwirklich. Aber Kafkas Geschichten müssen etwas sehr Reales haben, sonst gingen sie nicht so vielen Menschen unter die Haut, von Europa bis Japan, von 1908 bis heute. «Das kann nur bedeuten, dass die Schicht, die er da anspricht in uns, tiefer liegt als die kulturellen Prägungen», sagt Stach. Kafka deute auf den Schrecken, zeige ihn aber nicht - und biete damit eine leere Fläche, auf der wir unseren eigenen Schrecken sehen.
Kafka war nicht weltabgewandt. Er wusste, wie Arbeiter leben, und die Bedingungen in der Asbestfabrik seines Schwagers, an der er durch eine Investition seines Vaters beteiligt war, schildert er im Tagebuch. Seine Literatur speist sich aus der Wirklichkeit, aber er befreit sie vom Alltäglichen. Die Probleme, die er thematisiert, sind zeitlos: Selbstzweifel, Bindungsangst, Angst, das Leben zu verpassen.
Damit kannte er sich aus. Dreimal war er verlobt, schreckte aber vor der Heirat zurück. Vom «Verlangen nach Menschen, das ich habe und das sich in Angst verwandelt, wenn es erfüllt wird», schreibt er in einem Brief. Dieses Hin- und Hergerissensein ist ein Leitmotiv. Kafka wollte weg aus Prag, blieb aber bis kurz vor seinem Tod. Er hasste das «Erwerbsleben» - und war der Versicherung 14 Jahre lang treu.
Die Literatur, in die Kafka seine Konflikte verwandelte, fesselt nach Ansicht Wagenbachs aus drei Gründen: «Einmal die ganz klare Sprache. Zweitens diese fantastische Welt, die mit überraschenden Dingen angefüllt ist, aber in unserer Welt handelt. Und drittens die Bilder der Macht. Das sind natürlich Bilder, die man nie vergisst.»
Stach spricht von der «Angst vor anonymen Lebensmächten», die Kafka thematisiert, Angst vor dem Gericht, vor dem Gesetz, vor den Herren im Schloss. Manche sehen hier gar prophetische Gaben angesichts des Schreckens, der noch bevorstand - Kafkas Schwestern wurden zwei Jahrzehnte nach seinem Tod von den Nazis ermordet.
Aber Stach weist darauf hin, dass Kafka nicht in eine dunkle Zukunft schauen musste, um besorgt zu sein. Die Schrecken des Weltkriegs waren ihm bewusst, das Zusammenbrechen der alten staatlichen Strukturen, der Zusammenprall von Mensch und Maschine, die doppelte Bedrohung durch Deutschenhass und Judenhass in Prag.
1917 erkrankte Kafka an Tuberkulose, 1922 konnte er nicht mehr arbeiten und wurde pensioniert. Es war fast, als ob ihn die Krankheit von allen Ansprüchen an ein bürgerliches Leben befreie. Er zog nach Berlin, lebte mit seiner letzten Liebe Dora Diamant zusammen, bis er in die Klinik musste. Am 3. Juli 1924 starb er in Kierling bei Wien.
Souverän beherrschte Kafka präzise Erzählungen und Geschichten. Seine sieben veröffentlichten Bücher ließ er im Testament gelten. Dass er alles habe vernichten wollen, ist ein großes Missverständnis - noch auf dem Sterbebett arbeitete er an den «Hungerkünstler»-Druckfahnen. Was ihn schmerzte, war das Scheitern an der großen Form, das Abbrechen der Romane «Der Prozess», «Das Schloss» und Amerika». Die bat er Brod zu vernichten, auch Briefe und Tagebücher. Dass der Freund diese Bitte vielleicht nicht erfüllen würde, mag Kafka geahnt haben. Dass seine Werke zu Welterfolgen werden würden, sicher nicht.
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Kafkas Werke zeigen Menschen zwischen Isolation und Zwang
Hamburg (dpa) - Franz Kafka (1883-1924) veröffentlichte bedeutende Werke wie «Das Urteil», «Die Verwandlung» oder «Ein Bericht für eine Akademie» zwischen 1912 und 1924 in kleinen Auflagen. Andere wie die Romane «Der Prozess» und «Das Schloss» erschienen erst nach seinem Tod und gegen seinen Willen.
«Das Urteil» (1913): Ein junger Mann begeht Selbstmord, nachdem sein autoritärer Vater ihn zum Tod durch Ertrinken verurteilt hat. Die Erzählung entstand in einer einzigen Nacht im September 1912.
«Die Verwandlung» (1915): Ein Handlungsreisender ist in ein Insekt verwandelt. Seine entsetzte Familie isoliert das Ungeziefer, das schließlich nach einer Verletzung durch den Vater stirbt.
«Ein Bericht für eine Akademie» (1917): Ein Affe berichtet den Herren einer Akademie von seiner allmählichen Menschwerdung.
«In der Strafkolonie» (1919): Ein Mann beobachtet, wie bei einer Hinrichtung eine Foltermaschine dem Verurteilten seine Schuld in den Körper ritzt.
«Brief an den Vater» (1919): Eine autobiografische Analyse der Beziehung Kafkas zu seinem Vater.
«Forschungen eines Hundes» (1922): Ein Hund berichtet über seine Suche nach Wahrheit, wegen der er von den anderen Hunden verstoßen wurde.
«Der Prozess» (1925): Josef K. wird verhaftet und der absurden, lebensfeindlichen Bürokratie eines undurchschaubaren Rechtssystems unterstellt.
«Das Schloss» (1926): Herr K. kommt neu in ein Dorf und versucht vergeblich, Zutritt zur Behörde im Schloss zu bekommen. Er stirbt an Entkräftung, bevor ihm der Weg dorthin erlaubt wird.
«Amerika» (1927): Ein von seiner Familie verstoßener Mann wird in Amerika mit bürokratischen Zwängen konfrontiert. Der bereits 1912/13 unter dem Titel «Der Verschollene» geschriebene Roman erschien erst 1927.
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Prag besucht, Kafka gefunden - Die Stadt und ihr Autor
Prag (dpa) - Der Jahrhundert-Schriftsteller Franz Kafka und die Stadt Prag - sie gehören zusammen. «Dieses Mütterchen hat Krallen» schrieb Kafka über Prag, «Ich habe Bier mit Kafka getrunken» steht heute auf T-Shirts, die in der Touristenmetropole angeboten werden. Sein kurzes Leben verbrachte Kafka (1883-1924) fast vollständig an der Moldau. Stätten seines Lebens zu besuchen, zählt heute zum Pflichtprogramm für Prag-Reisende. Eine Stadtführung ohne Kafka ist praktisch unmöglich.
Laut geht es zu auf dem Areal der Prager Burg, Fremdenführer rufen ihre Gruppen zusammen, ein Akkordeonspieler musiziert, über den Köpfen knattert ein Hubschrauber. Ganz hinten, in der Goldenen Gasse, wird tschechisches Kunsthandwerk angeboten. Vor einem der kleinen Häuschen, der Nummer 22, hört man das Knipsen der Fotoapparate - hier lebte und schrieb Kafka 1916 und 1917. Schon zu dessen Lebzeiten war die Burg in Prag eine Stadt in der Stadt, mit eigener Feuerwehr und eigenem Sicherheitsdienst. Viele Interpreten meinen, dass Kafka das Burgviertel «Hradschin» als Vorlage für seinen Roman «Das Schloss»
(1926) nahm.
Ortswechsel: An diesem Morgen präsentiert sich das goldene Prag grau. Dunkle Wolken liegen im Himmel, Wind pfeift durchs Gebüsch des Neuen Jüdischen Friedhofs. Vor dem Familiengrab flüstern Besucher amerikanisch, deutsch, jiddisch. Auf der anderen Seite der Friedhofsmauer baut Radio Free Europe sein neues Hauptquartier. Jeden Tag kommen Menschen aus aller Welt, um dem großen Autor an seiner letzten Ruhestätte Respekt zu bezeugen.
Während des Kommunismus in der Tschechoslowakei wurde Kafka als «Schriftsteller der Bourgeoisie» abgelehnt. Erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs erschien in seinem Geburtsland eine Gesamtausgabe auf Tschechisch; sie wurde im Jahr 2007 fertiggestellt. Seit 2003 erinnert im Jüdischen Viertel, nahe der Spanischen Synagoge, ein Kafka-Denkmal an den berühmten Sohn der Stadt. Mehr als drei Meter hoch, überragt sie die Touristen.
Wer in Prag nach Kafkas Spuren sucht, wird an zahlreichen Ecken fündig. Seine Wohnadressen und die seiner verschiedenen Freundinnen sind bekannt, auch die seiner Schulen und Arbeitsstellen. Oft findet sich an der Fassade eine Gedenktafel. Manche der Kaffeehäuser, die Kafka besuchte, wie etwa das Imperial oder das berühmte Café Slavia, sind renoviert und in Betrieb. Theater und Konzertsäle, die er in seinen Tagebüchern erwähnt, locken noch heute Zuschauer.
Das privat betriebene Franz-Kafka-Museum beleuchtet mit der Dauerausstellung «Die Stadt von Franz K. und Prag» die seltsame Symbiose. Multimediale Installationen sollen einen Einblick in Kafkas Prager Mikrokosmos ermöglichen. Briefwechsel mit der Versicherung, für die Kafka gearbeitet hat, erinnern an Szenen aus seinem Roman «Der Prozess» (1925). Überrascht sind viele Besucher davon, auch Zeichnungen aus der Feder des Schriftstellers zu sehen zu bekommen, verloren wirkende tintenschwarze Strichmännchen.
«Kafkaesk» werden jene Momente genannt, die auf rätselhafte Weise und unheimlich daher kommen. In den engen Gassen und versteckten Hinterhöfen des historischen Stadtzentrums verstecken sich solche Augenblicke. Dem Kafka-Leser sind sie sympathischer als die Einfälle der modernen Prager Geschäftswelt: Das Kafka-Hotel scheint schon etwas heruntergekommen, Bars und Restaurants machen Werbung mit dem Namen des Autors. Unterdessen bereitet das örtliche Literaturhaus deutschsprachiger Autoren bereits für eine neue Ausstellung den Teil über Kafka vor. Der Autor und Prag bleiben miteinander verbunden.
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Deutschlehrer-Verband: Kafka ist für Schüler wie Rätselraten
Hamburg/Berlin (dpa) - Der Rätselcharakter und das Fantastische faszinieren Schüler an den Werken Franz Kafkas. In einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa zum 125. Geburtstag Kafkas (am 3.Juli) sagte die Vorsitzende des Fachverbandes Deutsch im Deutschen Germanistenverband, Gisela Beste: «Die Fabeln oder Kurzgeschichten, die oft in den Oberstufen gelesen werden, erfordern wie alle anderen Werke Kafkas auch eine sehr genaue und geduldige Lektüre.» Schüler fänden es oft sehr spannend, die Rätsel zu knacken - auch wenn das meist gar nicht möglich sei. «Aber auch das macht den Reiz Franz Kafkas aus.»
Sehr beliebt sei der «Brief an den Vater». «Diese Ohnmachts- /Machtbeziehung zwischen Franz Kafka und seinem Vater finden sehr viele Schüler interessant», erzählt Beste, die 15 Jahre als Deutschlehrerin arbeitete und nun als Referentin am Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg unter anderem für die Lehrpläne Deutsch zuständig ist. Das vermeintlich Autobiografische sei ein Aspekt, mit dem man die Schüler begeistern könne. «Die Zerrissenheit Kafkas - tagsüber braver Versicherungsangestellter und nachts Autor - ist außerdem für viele anziehend. Und die «radikale Subjektivität» Kafkas in seinen literarischen Werken bewunderten viele Jugendliche. Hinzu komme ganz einfach der Reiz der Spannung von Realem und Irrealem in seinen Geschichten.
«Mit Kafka sollen die Schüler sehr genaues Lesen lernen, denn nur so sind die Texte zu verstehen», erklärt Beste. Auf den ersten Blick wirkten die Geschichten oft einfach. «Doch nach und nach stellt man fest, dass man sie eigentlich nie komplett versteht und man viel spekulieren kann.» Dabei seien die Effekte weniger auf eine differenzierte Lexik (Wortschatz) zurückzuführen, als vielmehr auf die Syntax (Wortfügung), die unterschiedliche Wirklichkeitsebenen verschränke und so den Rätselcharakter hervorbringe.
Häufig behandelten Deutschlehrer in der elften Klasse, in Ausnahmefällen auch schon mal früher, Kafka. «Es sind dann meist die Fabeln oder Parabeln wie "Auf der Galerie", "Vor dem Gesetz" oder "Kleine Fabel"», erklärt Beste. Alles andere wie etwa der Roman "Das Schloss" sei zu komplex und umfangreich. Gerne werde von vielen Deutschlehrern aber auch der durchaus anspruchsvolle Roman "Der Prozess (1925)" mit den Schülern gelesen. «In Baden-Württemberg ist er sogar Pflichtlektüre für das Abitur in 2008 und 2009..»
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Kafka-Biograf Reiner Stach: «Er konnte nie lockerlassen»
Hamburg (dpa) - «Wie es gewesen ist, Franz Kafka zu sein» - das will Reiner Stach herausfinden und erzählen - und gesteht ein, dass dies eine letztlich unerfüllbare Utopie bleibe. Aber einen langen, wenn auch vergänglichen Blick auf Kafkas Leben hält er für möglich. Vor sechs Jahren erschien der erste Band seiner Kafka-Biografie («Die Jahre der Entscheidungen»), nun folgt der zweite («Die Jahre der Erkenntnis», beide im S.Fischer Verlag). Der Literaturwissenschaftler Stach versucht, sich in Kafka (1883-1924) und die Menschen um ihn herum einzufühlen, aber er berichtet nur, was sich belegen lässt.
Herr Stach, warum geht uns Kafka derart unter die Haut?
Stach: «Darüber brüten schon Generationen. Das gilt ja selbst für Leute, die nichts über Kafka wissen und keine Vorstellung von seiner Lebenswelt haben. Stellen Sie sich einen Studenten in Japan vor, für den Kafka Pflichtlektüre ist. Selbst von solchen Lesern hört man immer wieder, die Texte gingen ihnen unter die Haut. Das kann nur bedeuten, dass die Schicht, die er da anspricht in uns, tiefer liegt als die kulturellen Prägungen. Ich glaube, dass zum Beispiel die Angst vor anonymen Lebensmächten über alle Kulturgrenzen hinausreicht. So dass etwas wie "der Prozess" international verstanden werden kann. Ich glaube, die Wirkung von Kafka kommt daher, dass er diese sehr tiefe, im Unbewussten verborgene Schicht anspricht. Es sind ähnliche Mittel, mit denen der Film arbeitet, zum Beispiel, indem er auf den Schrecken nur deutet, ihn aber nicht zeigt. Die Folge ist, dass jeder auf der Welt dort, wo die leere Fläche ist, seinen eigenen Schrecken sieht. Das macht Kafka auch. Er zeigt die Richter im "Prozess" nicht, und er sagt auch nicht, wie es in den obersten Instanzen zugeht. Die Fantasie macht mehr Angst als die Realität.»
Das, was Kafka anspricht - Selbstzweifel, Bindungsangst, Panik davor, das Leben zu verpassen - scheint ja ziemlich aktuell zu sein, oder?
Stach: «Ja, selbstverständlich. Ich habe oft Passagen von Kafka auch Leuten vorgelesen, die von seiner Literatur wenig Ahnung hatten, und die haben immer wieder gesagt: Das kennen wir doch. Wenn Sie zum Beispiel Schülern "Eine kaiserliche Botschaft" vorlesen, dann weiß nicht jeder, was der Text genau bedeutet. Aber jeder ist berührt. Dass der Kaiser mir persönlich eine Botschaft sendet, und diese Botschaft kommt niemals an - da läuft es einem kalt den Rücken runter, denn diese Situation ist ja eigentlich schlimmer, als wenn es weder den Kaiser noch die Botschaft gäbe. Kafkas Kunst besteht darin, dass er die adäquaten, wirkungsvollsten Bilder und Metaphern findet.
Ich habe mich lange gefragt, wie es eigentlich kommt, dass Kafkas Texte gar nicht altern, dass sie gar keine Patina anzusetzen scheinen. Während andere Texte von gleichem sprachlichen Niveau, etwa von Thomas Mann, deutlich Patina ansetzen, weil man das Gefühl hat, die Probleme, um die es da geht, entfernen sich von uns immer weiter. Das kann nur bedeuten, dass diese Probleme konkreter sind, dass sie also einmal aktuell waren und nun allmählich historisch werden, etwa die Rolle der Kunst in der bürgerlichen Gesellschaft oder das zivilisatorische Versagen der Deutschen nach 1933. Während bei Kafka ein tieferes, sozusagen "zeitloses" Erleben angesprochen wird, zum Beispiel die unheimliche Tatsache, dass man sich selbst niemals völlig verstehen kann. Man kann schon sagen, Kafka spielt in einer eigenen Liga.»
Viele stellen sich Kafka als rauschhaften nächtlichen Schreiber vor, dem seine Texte gleichsam passieren. War das so, oder hat er seine Mittel bewusst eingesetzt, hatte er sein Handwerkszeug im Griff?
Stach: «Das hatte er auf jeden Fall. Das war eine kontrollierte Ekstase. Er nennt es zwar nicht so, aber es gibt Briefstellen, in denen er gesteht, dass er Szenen, in denen jemand zu Tode kommt, sehr bewusst auf die Wirkung auf den Leser hin konzipiert hat. Zum Beispiel das Sterben des Käfers in der "Verwandlung". Es ist schon so geschrieben, dass es einen mitnimmt, und das ist Absicht. Er hat es Freunden vorgelesen, er hat die Wirkung beobachtet, und er hat damit gespielt.»
Aber war er nicht auch schreibsüchtig? Hat es nicht schon etwas Krankhaftes, wie sehr er das Schreiben brauchte?
Stach: «Krankhaft würde ich nicht sagen. Er hat das Bewusstsein gehabt, dass er in der Sprache lebt. Die Sprache war sozusagen sein Sauerstoff, sein Lebensstoff. Das heißt auch, dass er das Schreiben oft als Selbsttherapie benutzt hat. Er konnte ja nie lockerlassen, stand immer unter psychischem Hochdruck. Wenn die Impulse, die von innen kamen, übermächtig wurden und ihn so bedroht haben, dass er das Gefühl bekam, die psychische Balance gehe verloren, dann hat er manchmal das Schreiben bewusst als Therapeutikum eingesetzt. Zum Beispiel der Winter, in dem er "Das Schloss" konzipierte. Da geht aus dem Tagebuch deutlich hervor, dass er sich in eine größere Arbeit zu retten versuchte.»
Hat ihn die Angst, man könnte ihm das Schreiben nehmen, aus seinen Verlobungen, aus seiner Familie hinausgetrieben?
Stach: «Der Preis, den er bezahlt hat, war sehr hoch, aber diese Bedeutung des Schreibens gilt ja nicht für das ganze Leben. Es gab auch lange Schreibflauten. Zum Beispiel nach der Schreibphase 1914/15 - als sie aufhörte, brach auch "Der Prozess" ab, und dann kam eine Flaute, die dauerte anderthalb Jahre. Und ich bin mir nicht sicher, ob sich Kafka in dieser Zeit überhaupt noch als Schriftsteller gesehen hat. Ich glaube nicht. Er hat nicht einmal mehr Tagebuch geschrieben. Als er dann den Versuch machte, aus diesen toten Gewässern wieder herauszukommen, hatte er auch keine Lust mehr zu erzählen, sondern er wollte etwas ganz anderes machen. Er hat dann Parabeln geschrieben, die im Band "Ein Landarzt" gesammelt wurden, und das sind völlig andere Texte als "Das Urteil" und "Die Verwandlung", nämlich Reflexionstexte.»
Wie kommt es, dass Kafka - wie kaum ein anderer Autor - Leute dazu bringt, über ihn zu schreiben?
Stach: «Das hat er provoziert. Wegen ihrer Mehrdeutigkeit, aber auch, weil sie im entscheidenden Moment nicht präzise sind, provozieren seine Texte die Frage nach ihrer Bedeutung. Wenn Sie sich zum Beispiel das Manuskript des "Schloss"-Romans anschauen, dann sehen Sie, dass Kafka an vielen Stellen den Text, der ihm zu eindeutig war, mit voller Absicht mehrdeutig gemacht hat. Außerdem handeln viele seiner Erzählungen ja gerade von der vergeblichen Anstrengung, etwas zu verstehen - da scheint es manchmal, als mache er sich einen Spaß mit der Neugier seiner Leser.»
Gilt das auch für Kafkas Leben? Bleibt das auch im Uneindeutigen, im Unentschiedenen? Wenn er heiraten will, es aber nicht tut, wenn er nach Berlin gehen will, aber in Prag bleibt?
Stach: «Das hat sicherlich neurotische Züge. Es ist das Verhalten von Menschen, die, wenn sie schwierige Entscheidungen treffen müssen, nicht zwischen zwei oder drei Gründen und Gegengründen abwägen, sondern zwischen hundert. Wenn man leben will, muss man Entscheidungen treffen, man kann sie nicht ewig hinauszögern, man muss den Reflexionsprozess irgendwann abbrechen und sagen: Wenn ich nicht auf rationalem Weg herausfinde, was besser für mich ist, dann muss ich eine Bauch-Entscheidung treffen. Aber jetzt stellen Sie sich jemanden vor, der psychisch nicht in der Lage ist zu sagen: Jetzt breche ich ab und fälle eine Entscheidung nach Gefühl. Dieser Sprung war Kafka zumeist verwehrt, und das ist ein eindeutig neurotisches Symptom, mit dem er auch anderen das Leben schwer gemacht hat. Er macht ja sogar einmal eine Tabelle mit Gründen für und gegen eine Heirat mit Felice Bauer. Aber so kann man zu keinen tragfähigen Entscheidungen kommen, jedenfalls nicht, wenn es um soziale Beziehungen geht.»
Warum lesen so viele Menschen Bücher über Kafka, dessen Leben doch äußerlich eher langweilig war?
Stach: «Ich empfinde es nicht als langweilig. Im heutigen Event-Sinn hat er wenig erlebt. Aber der Modernitätsschub, den er mitgemacht und genau beobachtet hat, war ungeheuerlich. Der Siegeszug von Auto, Flugzeug und Telefon. Der Weltkrieg, das Kollabieren der Gesellschaft, in der er aufgewachsen war. Die Juden, die ohnehin schon immer bedroht waren und die sich nun plötzlich ohne staatlichen Schutz sahen. Er wachte auf und es gab kein Österreich-Ungarn mehr, er war Bürger einer tschechischen Republik, in der viele Politiker antideutsch und antisemitisch waren. Das ist auch der Grund, warum er immer mehr mit dem Gedanken an Palästina gespielt hat. Das war nicht mehr seine Welt, was er da vorfand.»
In den letzten Monaten seines Lebens, als er mit Dora Diamant zusammenlebte, scheint er ein ganz anderer Mensch gewesen zu sein.
Hätte er derart lockerlassen können, wenn er nicht schon todkrank gewesen wäre?
Stach: «Nein, das hätte er nicht gekonnt. Er hat immer versucht, möglichst wenig von seiner Intimität preiszugeben, andere nicht zu nahe an sich herankommen zu lassen. Das musste er aber am Ende. Da blieb ihm gar nichts anderes übrig, weil er körperlich hilflos war. Er musste sich damit abfinden, dass andere Menschen sich in sein Leben einmischen, und er konnte nur noch darum kämpfen, dass das nicht die falschen Menschen waren. Seine asketische Lebensform brach zusammen unter seiner Krankheit.»
Reiner Stach: Kafka. Die Jahre der Erkenntnis
S.Fischer Verlag, Frankfurt am Main
729 S., Euro 29,90
ISBN 978-3-10-075119-5
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Wagenbach würdigt Kafka: «Wunderbares Deutsch»
Berlin (dpa/bb) - Zum 125. Geburtstag von Franz Kafka hat der Verleger Klaus Wagenbach ihn als Autor der «obersten Klasse» gewürdigt. Wagenbach hob besonders Kafkas Sprache als «wunderbares Deutsch» hervor. «Eine ganz klare Sprache, in der die seltsamsten Dinge passieren», sagte der Berliner Verleger und Kafka-Biograf am Mittwoch im Deutschlandradio Kultur. Kafka war vor 125 Jahren, am 3. Juli 1883, geboren worden. Er starb im Alter von 40 Jahren im Jahr 1924.
Kafkas Texte seien ungeheuer anregend, nach allen Seiten offen und ein freies Feld für Spekulationen, sagte Wagenbach dem Sender. Der Schriftsteller sei «ein genialer Schilderer der Macht» gewesen, erklärte der Autor mehrerer Kafka-Bücher. Das sei zu einem großen Teil auf seinen Beruf zurückzuführen. Als Beamter der Arbeiterunfallversicherungsanstalt sei Kafka auf eine Weise mit der Macht in Verbindung gekommen, die nicht deutlicher hätte sein können.
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