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News-Sonderthema:

Der Literatur-Nobelpreis 2005

Hintergrundberichte, Reaktionen, der Preisträger

 

20.10. Nach Nobelpreis für Pinter: «Überwältigende Nachfrage» bei Rowohlt

Frankfurt/Main (dpa) - Der Literatur-Nobelpreis für den englischen Dramatiker Harold Pinter hat bei dessen deutschem Verlag Rowohlt eine «überwältigende Nachfrage» ausgelöst. Der Verlag drucke auf die Schnelle rund 120 000 Exemplare von den vier Büchern des Autors nach, sagte Rowohlt-Sprecherin Ursula Steffens am Mittwoch auf der Buchmesse. Rowohlt verlegt einen Roman und drei Dramensammlungen des 75-Jährigen.

Als vergangenen Donnerstag bekannt wurde, dass Pinter die begehrte Auszeichnung erhält, hatten viele von einem fast vergessenen Autor gesprochen. «Natürlich ist die Nachfrage anders als bei der Belletristik», räumte Steffens ein. Dennoch gebe es immer Interesse des Publikums an Nobelpreisträgern. «Wir hoffen natürlich, dass sich das auch auf die Spielpläne der Theater in Deutschland niederschlägt.»
 

 

Literatur-Nobelpreis überraschend an Harold Pinter - Geteiltes Echo

Stockholm/London (dpa) - Der Nobelpreis für Literatur geht in diesem Jahr völlig überraschend an den britischen Dramatiker Harold Pinter. Die Schwedische Akademie in Stockholm würdigte am Donnerstag den Theaterautor, der vor wenigen Tagen seinen 75. Geburtstag feierte, als «hervorragendsten Vertreter des englischen Dramas in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts». «Pinter hat in seinen Dramen den Abgrund unter dem alltäglichen Geschwätz freigelegt und ist in den geschlossenen Raum der Unterdrückung eingebrochen», hieß es in der Begründung. Die Vergabe löste in England große Freude aus.
In Deutschland gab es auch Kritik. Der bedeutendste Literaturpreis der Welt ist mit 10 Millionen Kronen (1,1 Millionen) Euro dotiert.

Pinter stieß mit seiner Frau auf den Preis mit Champagner an. Am Nachmittag zeigte er sich kurz vor seinem Haus in London. Der Autor, der an Kehlkopfkrebs leidet, erschien mit einem Wundverband über einem Auge. Er sei gefallen, sagte Pinter. Boten brachten Blumen.

Der Chef der Schwedischen Akademie, Horace Engdahl (56), begründete die Vergabe an Pinter auch mit dessen literarischer Verarbeitung politischer Probleme. Engdahl sagte im Rundfunk: «Von einem existenzialistisch begründeten Ausgangspunkt in den fünfziger und sechziger Jahren ist der späte Pinter politischer geworden. Er hat sich immer mehr politisch begründetem Leiden zugewandt.»

Die Akademie ordnete Pinter als modernen Klassiker ein. Im typischen Pinter-Stück begegne man Menschen, die sich gegen Manipulationen oder ihre Triebe dadurch verteidigen, dass sie sich hinter einem reduzierten und kontrollierten Dasein verschanzen. Ein anderes Hauptthema sei Flüchtigkeit und Unfassbarkeit der Vergangenheit. Zu seinen stärksten Texten gehören laut Akademie «No Man's Land» («Niemandsland») von 1974 und «Ashes to Ashes» (1996).
 

 

Pinter und seine Frau feierten mit Champagner

London (dpa) - Der britische Dramatiker Harold Pinter hat den Literatur-Nobelpreis am Donnerstag zusammen mit seiner Frau mit Champagner begossen. Das sagte er Reportern am Nachmittag, als er sich kurz vor seinem Haus in London sehen ließ. Der 75 Jahre alte Autor, der an Krebs leidet, erschien mit einem Wundverband über einem Auge vor der Tür. Er sei gefallen, sagte Pinter zur Begründung. Boten brachten ihm Blumensträuße.
 

 

Internationale Presse: Lob bis Unverständnis zu Literatur-Nobelpreis

Hamburg (dpa) - Die internationale Presse hat mit Lob aber auch mit Unverständnis auf die Vergabe des Literatur-Nobelpreises an den britischen Dramatiker Harold Pinter (75) reagiert. Das geteilte Echo am Freitag - einen Tag nach der Bekanntgabe - reichte von Kommentaren wie eine «merkwürdige Wahl» bis zur Feststellung, Pinter sei einer der «interessantesten und besten lebenden Dramatiker der Welt».
Ebenso wurde Kritik an der Schwedischen Akademie laut.

Viele Zeitungen reagierten überwiegend skeptisch bis ablehnend.
« Die Akademie ehrt mit Pinter eine vergangene Zeit. Sie vergibt den Preis für etwas, was schon Theatergeschichte geworden ist», kommentierte die schwedische Zeitung «Svenska Dagbladet». «Dagens Nyheter» aus Schweden nannte die Entscheidung «ebenso kontrovers wie letztes Jahr für Elfriede Jelinek».

Der «Tages-Anzeiger» aus Zürich kommentierte die Wahl und kritisierte gleichzeitig die Schwedische Akademie: «Es ist eine merkwürdige Wahl. Der britische Dramatiker hat seine große Zeit lange hinter sich, und richtig groß war sie auch nicht. Längst hat er seinen Platz in der Theatergeschichte eingenommen: als kleiner, harmloser Bruder von Beckett, seinem Vorbild - und Vorgänger als Nobelpreisträger. ... Die seltsamen, anfechtbaren, ja grotesken Entscheide häufen sich, die Liste der großen Übergangenen wird immer länger.»

Auch die niederländische Zeitung «de Volkskrant» kritisierte die
Akademie: «Das Nobelpreis-Komitee hat in der Vergangenheit gezeigt, dass es auch die gesellschaftliche Rolle der Literatur, das geschriebene Gewissen der Autoren, würdigen will. Dafür ließen sich zahlreiche gegenwärtige Autoren nennen. Aber das sind Prosa-Schreiber oder Dichter, sogar Essayisten, aber keine Bühnenautoren. In dieser Woche wurde publik, dass die schwedische Akademie über die Wahl des vergangenen Jahres uneins war. Es scheint daher, dass die Wahl Harold Pinters ein Kompromiss gewesen ist: An sich kaum angreifbar, aber einer wirklichen Entscheidung wird aus dem Weg gegangen.»

Kritisch äußerte sich auch der italienische «Corriere della Sera»:
« Ein politischer Nobelpreis an einen Guru der Vergangenheit. Pinter hat den Ängsten der Nachkriegszeit eine Stimme verliehen, aber jetzt ist er zum Gefangenen seiner eigenen Figuren geworden».

Positiver bewertete die konservative «Presse» aus Wien die Preisvergabe an Pinter, kritisiert jedoch die Begründung der
Akademie: «Harold Pinter wird sehr spät geehrt.» Zudem sei die Begründung «gelehrtes Geschwätz». Diplomatischer als viele harte Kritiker zeigte sich die größte schwedische Zeitung «Aftonbladet»:
« Pinter ist ein ausgezeichneter Dramatiker. Aber es gibt mehr, die wirklich Neues geschaffen haben.»

Für die Londoner «Times» gab es indes zwei Möglichkeiten, wieso die schwedische Akademie sich für Pinter entschieden haben könnte.
Zum einen könne sie einfach festgelegt haben, dass «2005 der ideale Zeitpunkt war, einen Mann zu ehren, dessen charakteristische Werke Ende der 50er Jahre geschrieben» wurden. Die andere Möglichkeit sei, dass Pinter gerade der «größte und schärfste Speer war, mit dem das Nobel-Komitee Amerika ins Auge stechen konnte». Pinters jüngste Werke seien bekanntlich fast alle gegen die USA und gegen den Irak-Krieg gerichtet gewesen.

Andere Zeitungen bejubelten die Wahl Pinters. Die tschechische Tageszeitung «Lidove noviny» schrieb: «Harold Pinter ist ein genialer Dramatiker und ein Meister der Schreckensvisionen. Sicher steht Pinter in einer Reihe mit Kafka, Joyce und Beckett, aber trotzdem sind seine Texte unverwechselbar.» Die «Salzburger Nachrichten» sahen in dem Dramatiker Pinter wegen seiner sozialpolitischen Haltung einen «idealen Kandidaten» für die Auszeichnung. «Respekt, Stockholm!» «France Soir»: «Pinter ist der König des Worts, das ins Schwarze trifft, und ein Mann der Repliken im Sinne eines Absurden, das dem seines großen Freundes Samuel Becket sehr nahe kommt.»

Auch die «New York Times» begrüßte die Entscheidung der schwedischen Akademie: «Großes Theater, das unsere Sicht auf die Welt verändert, wirkt wie ein Virus. Harold Pinter ist der größte lebende Vertreter dieser Art von Theater. Zurecht wird er als Erbe jenes Mannes betrachtet, der sein Freund und Mentor war: der irische Dramatiker Samuel Beckett.»
 

 

Pinter so überraschend wie Jelinek - Neues Prinzip der Nobel-Jury?

Stockholm (dpa) - «Endlich!» schreit jedes Jahr ein Witzbold, wenn in der alten Stockholmer Börse der Name eines Nobelpreisträgers für Literatur verkündet worden ist. Egal, wer den Preis bekommt. Am Donnerstag blieb dem Witzbold der Gag vor Verblüffung fast im Hals stecken, weil er es wie alle anderen kaum glauben konnte, als Horace Engdahl, Sekretär der Schwedischen Akademie, den Namen des englischen Dramatikers Harold Pinter (75) nannte.

«Es scheint, als wollten die Nobeljuroren die Überraschung zum Prinzip und zu einer Tugend an sich machen», meinte ein ebenfalls total verblüffter Experte aus der schwedischen Buchbranche. Auch im vergangenen Jahr hatte die Akademie mit der Österreicherin Elfriede Jelinek (58) einer Autorin den berühmtesten, begehrtesten und prestigeträchtigsten Literaturpreis der Welt zuerkannt, mit der absolut niemand rechnen konnte.

Während bei Jelinek dicke Fragezeichen wegen ihres relativ geringen Bekanntheitsgrads außerhalb des deutschsprachigen Raums und wegen ihrer umstrittenen literarischen Qualitäten gesetzt worden waren, lautete die spontane Reaktion bei Pinter: Warum der Nobelpreis jetzt, obwohl die große Zeit des Londoner Dramatikers über ein Vierteljahrhundert zurückliegt, sein Theaterkonzept doch als eher überholt gilt und er nur noch sehr sporadisch gespielt wird?

Dass nobelpreiswürdige Literatur ein ausgesprochen langes Haltbarkeitsdatum haben muss, gilt auch bei den nominell 18 Mitgliedern der Schwedischen Akademie als unverzichtbares Entscheidungskriterium. So teilen die Juroren die Meinung mancher Kritiker ausdrücklich nicht, dass der Engländer seit den 80er Jahren keine herausragenden Dramen mehr geschrieben habe. Ausdrücklich lobte die Akademie «den späten Pinter»: «Die Kontinuität seines Werks ist bemerkenswert, und seine politischen Themen können als Weiterentwicklung der Analyse des frühen Pinters von Drohung und Willkür aufgefasst werden.»

Auch das Lob der Jury für das zunehmende politische Engagement des älteren Pinter, der zuletzt öffentlich scharf gegen den Irak-Krieg protestiert hatte, erinnerte an die Begründung bei der Vergabe im vergangenen Jahr. «Jelinek hat mit leidenschaftlicher Wut Österreich gegeißelt», hieß es damals, während Pinter jetzt als «Vorkämpfer für die Menschenrechte» gerühmt wurde.

Bei durchaus verbreiteter Sympathie dafür und Respekt für Pinters frühere Fähigkeit zum Füllen von Theatersälen mit anspruchsvollen und gleichzeitig populären Stücken überwog in Stockholm Skepsis bis zu Unverständnis angesichts der neuerlichen Überraschung aus der alten Börse. Einhelligen Respekt ohne jede Einschränkung erntete dagegen die Akademie mit ihrem «Ständigen Sekretär» Engdahl (56) dafür, dass sie «Lecks» früherer Jahre bis zur Bekanntgabe ihrer Entscheidung absolut wasserdicht geschlossen hatte: Keine Zeitung, kein Wettbüro und keine professionellen «Schnüffler» zur vorzeitigen Ermittlung von Nobelpreisträgern hatten den Dramatiker aus London auch nur im erweiterten Kandidatenfeld.
 

 

Wenig Zustimmung zu Nobelpreis für Pinter in Schweden

Stockholm (dpa) - Überwiegend skeptisch bis ablehnend haben die führenden schwedischen Zeitungen am Freitag die Vergabe des Literatur-Nobelpreises im eigenen Land an den britischen Dramatiker Harold Pinter (75) kommentiert. «Die Akademie ehrt mit Pinter eine vergangene Zeit. Sie vergibt den Preis für etwas, was schon Theatergeschichte geworden ist», kommentierte «Svenska Dagbladet».
Das Blatt verweist auf vier Vergaben in den letzten zehn Jahr an Preisträger mit dem Schwerpunkt Theaterstücke und meint: «Es ist unbegreiflich, warum man wieder mal an der Poesie vorbeigegangen ist.»

«Dagens Nyheter» nennt die Entscheidung für Pinter «ebenso kontrovers wie letztes Jahr für Elfriede Jelinek». Es hieß weiter:
« In Pinters großen Stücken geht es hart und roh und machomäßig zu. In denen von Jelinek geht es hart und roh und feministisch zu.» Mit Blick auf Pinters politisches Engagement etwa gegen den US-Krieg im Irak oder zur Verteidigung des früheren jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic hieß es weiter: «Es besteht das Risiko einer politischen Überinterpretation. Die wäre falsch. Trotz allem geht es beim Nobelpreis um Literatur.»

Die größte schwedische Zeitung «Aftonbladet» meinte: «Pinter ist ein ausgezeichneter Dramatiker. Aber es gibt mehr, die wirklich Neues geschaffen haben. Nichts gegen Pinter. Aber man hätte ganz bestimmt eine spannendere Wahl treffen können.»

In der Zeitung «Expressen» lobte der schwedische Romancier und Dramatiker Per Olov Enquist (71) Pinter als den «interessantesten und besten lebenden Dramatiker der Welt». Enquist meinte zu der «stark überraschenden» Vergabe des Nobelpreises an den Briten: «Das scheint mir eine wichtigsten und richtigsten Entscheidungen der letzten zehn Jahre gewesen zu sein.» Pinter sei ein «großartiger Sprachkünstler», er habe die Sprachkonventionen des Theaters verändert. Zu Pinters politischem Engagement schrieb Enquist: «Dass Pinter ein mutiger und sich offen ausdrückender homo politicus ist, macht die Sache nicht schlechter.»
 

 

Reaktionen auf die Preisverleihung

Reich-Ranicki: «Eine gute, eine richtige Entscheidung»

Frankfurt/Main (dpa) - Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki hat die Vergabe des Literatur-Nobelpreises an den britischen Dramatiker Harold Pinter als «eine gute, eine richtige Entscheidung» bezeichnet.
Die Auszeichnung komme für den 75-Jährigen allerdings «etwas spät».

Pinter sei ein «typischer Bühnenautor», der nicht nur bei den Kritikern Erfolg gehabt habe. «Sein Werk ist nicht mit dem Rücken zum Publikum geschrieben», sagte Reich-Ranicki am Donnerstag in Frankfurt. Pinters Arbeiten charakterisierten vor allem «die Darstellung des Alltags einsamer Individuen und das Bild der Bedrohung dieser Individuen durch irgendwelche nicht ganz klaren mysteriösen Elemente und Mächte».

Sigrid Löffler: Harold Pinter ist eine «bizarre Wahl»

Berlin (dpa) - Die österreichische Literaturkritikerin Sigrid Löffler nannte die Auszeichnung Harold Pinters mit dem diesjährigen Literatur-Nobelpreis eine «bizarre Wahl». Sie wollte sich aber nicht näher dazu äußern und meinte lediglich: «Er wäre nicht im Entferntesten meine Wahl gewesen, abgesehen davon, dass er démodé (nicht mehr aktuell/aus der Mode) ist.»
 

Übersetzer Pavans nennt Pinter «kompromisslosen Mann» und «Meister»

Paris (dpa) - Für den französischen Übersetzer Harold Pinters, Jean Pavans, ist der 75-jährige Dramatiker ein «kompromissloser Mann» und «großer Meister». Pinter könne «mit seiner Autorität Angst machen. Er beeindruckt sehr», sagte Pavans am Donnerstag der französischen Presse. Er hat unter anderem Pinters jüngste Arbeit «Der Krieg» auf Französisch übersetzt. Darin spricht sich der Dramatiker gegen Krieg und Unterdrückung, Folter und Todesstrafe aus.
 

PEN-Präsident Strasser: Hervorragender Autor, aber zu späte Ehrung

armstadt (dpa) - Das PEN-Zentrum Deutschland hat die Vergabe des Literatur-Nobelpreises an den britischen Dramatiker Harold Pinter begrüßt. «Ich halte ihn für einen guten Preisträger», sagte der Präsident der Autorenvereinigung, Johano Strasser, am Donnerstag. Er kritisierte jedoch: «Das ist wieder einmal eine Preisverleihung, die eigentlich zu spät kommt - zu einem Zeitpunkt, an dem das Werk des Autors zum Teil in Vergessenheit geraten ist und zum Teil etwas quer in der Zeit liegt.»

Pinter sei dennoch ein «hervorragender Autor», sagte Strasser. Das gelte für seine Dramen ebenso wie für seine wenig bekannte Lyrik.
Auch wenn das Theater inzwischen eine andere Entwicklung genommen habe, sei der Brite «einer der großen Dramatiker der 60er bis 80er Jahre» gewesen. Das PEN-Zentrum Deutschland hatte Pinter für sein Engagement für politisch verfolgte Autoren und die Verteidigung der Menschenrechte im Jahr 2001 mit der Hermann-Kesten-Medaille ausgezeichnet.

Kritiker Scheck: Wahl Pinters «Beleidigung der Weltliteratur»

Köln (dpa/lnw) - Der renommierte Literaturkritiker Denis Scheck hat die Vergabe des Literaturnobelpreises an den britischen Dramatiker Harold Pinter als «Beleidigung der Weltliteratur» bezeichnet. «Man sollte sich überlegen, ob man den Preis nicht umbenennen soll in "Auszeichnung für fahrendes Volk und Theater"», sagte Scheck am Donnerstag in Köln. Die Jury habe sich «blamiert».
« Es gibt viele große lebende Autoren, die in diesem Jahr wieder leer ausgegangen sind, zu Gunsten politischer Possenreißer wie Dario Fo.»
 

Vaclav Havel und Prager Franz-Kafka-Gesellschaft gratulieren Pinter

Prag (dpa) - Der tschechische Dramatiker und Ex-Präsident Vaclav Havel hat die Vergabe des Nobelpreises an Harold Pinter als «absolut verdient» bezeichnet. «Du weißt gar nicht, wie ich mich freue», schrieb der 69-Jährige, der mit Pinter eng befreundet ist, am Donnerstag in einem Glückwunschtelegramm. Große Freude herrscht auch bei der tschechischen «Franz-Kafka-Gesellschaft»: Die Organisation wird Havel am 26. Oktober in Prag stellvertretend für den erkrankten Pinter den Kafka-Literaturpreis überreichen.

Dabei bewies die Kafka-Gesellschaft erneut gutes Gespür: Im vergangenen Jahr entschied sich die Jury im Frühjahr für die österreichische Autorin Elfriede Jelinek, die kurz darauf ebenfalls den Literatur-Nobelpreis erhielt.
 

Regisseur Kusej: Nobelpreis an Pinter zum Gähnen

Wien/Hamburg (dpa) - Mit einem Gähnen hat nach eigenen Angaben der Regisseur Martin Kusej auf die Vergabe des Literatur-Nobelpreises an Harold Pinter reagiert. «Pinter war sicher ein wichtiger Dramatiker und hat in den sechziger Jahren für das Theater, das sich im totalen Aufbruch befand, Akzente gesetzt», schrieb der 44-jährige Kärntner am Freitag in einer Stellungnahme an die dpa in Wien.

«Aber gegenüber den viel radikaleren Stücken von Beckett oder Jarry wird sein Werk eher marginal bleiben. Da ist kein Funke an Überraschung mehr drin», meint der Regisseur und Schauspielchef der Salzburger Festspiele, der zur Zeit in Hamburg inszeniert. Generell urteilt Kusej: «Atombehörde und Pinter - der Nobelpreis wird langsam zur schlechten Geisterbahn».


 

 

Porträt: Vom Schauspieler zum Dramatiker - Literaturnobelpreis 2005 für Harold Pinter - Ab Mitte der 80er ein politischer Autor

Am Donnerstag sprach ihm das schwedische Nobelpreiskomitee den Literaturnobelpreis 2005 zu. Pinter erhalte die Auszeichnung, weil er in seinen Werken «den Abgrund unter dem alltäglichen Geschwätz freilegt und in den geschlossenen Raum der Unterdrückung einbricht», heißt es zur Begründung des Komitees. Der Autor hat für Theater, Radio, Fernsehen und Kinofilme geschrieben. Viele seiner frühen Werke werden dem Absurden Theater zugerechnet.

Pinter wurde am 10. Oktober 1930 in London als Sohn eines jüdischen Schneiders geboren. Seine Familie war von Portugal über Osteuropa nach England gekommen. Ab 1948 studierte er mit einem Stipendium an der damals bekanntesten Schauspielschule des Landes.
Das Studium brach er allerdings nach einigen Semestern ab und verweigerte auch den Wehrdienst. Nach anfänglichen Erfolgen als Schauspieler debütierte Pinter 1957 als Dramatiker mit «The Room».

Das frühe Drama «The Birthday Party» wurde später eines seiner meistgespielten Stücke. Seinen endgültigen Durchbruch erzielte er
1959 mit «The Caracter». Pinter wurde zu einem der führenden Dramatiker im englischsprachigen Raum. In seinem 29 Dramen umfassenden Werk machte er die Existenzangst des Individuums zu einem Hauptthema.

Die ausgefeilten Einakter von Pinter gerieten im Laufe der Zeit immer kürzer und nur noch als Sammelaufführungen abendfüllend. Nur 20 Minuten benötigte das 1988 in London uraufgeführte politische Stück «Mountain Language». 1993 wurde mit «Moonlight» nach langer Pause wieder ein abendfüllendes Pinter-Stück uraufgeführt. Peter Zadek inszenierte 1995 die deutsche Erstaufführung dieser verästelten Groteske. In Deutschland ist Pinter vor allem mit seinen Dramen bekannt geworden. Zuletzt erschienen von ihm «Krieg», «Mondlicht und andere Stücke» sowie der Roman «Die Zwerge».

Ab Mitte der 80er Jahre entwickelte sich Pinter auch zu einem politischen Autor. Er wandte sich in Gedichten und Essays unter anderem gegen die Sozialpolitik der englischen Premierministerin Margret Thatcher. Auch den Golf-Krieg und den Einsatz der Nato in Serbien prangerte er an. Für seine Protestverse gegen den Irak-Krieg und die Weltmachtpolitik der USA, die 2003 in dem Buch «War» erschienen waren, wurde er mehrfach ausgezeichnet. Im März dieses Jahres kündigte Pinter in einem Rundfunkinterview an, dass er in Zukunft keine Bühnenstücke mehr schreiben und sich stattdessen mehr der Lyrik und der Politik zuwenden wolle.

Pinter werde als hervorragendster Vertreter des englischen Dramas in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eingestuft, schreibt das Nobelkomitee. Seine Stellung als moderner Klassiker werde dadurch veranschaulicht, dass er eine gewisse Stimmung und ein gewisses Milieu in Theaterstücken beschreibe, nämlich «pinteresk».

Als einige der stärksten Dramen des Briten gelten Stücke wie «One for the Road" von 1984, »Mountain Language« von 1988 und »The New World Order« von 1991. Pinter schrieb auch Drehbücher für Filme, so zum Beispiel »The Servant«, »The Accident«, »The Go-Between« und »The French's Lieutenant's Woman». Daneben machte er sich als Bühnen- und Filmregisseur einen Namen.

Pinter ist in zweiter Ehe mit der Schriftstellerin Lady Antonia Fraser verheiratet. Aus seiner ersten Ehe hat er einen Sohn. Pinters Hobby ist nach eigenen Angaben das Cricket.
 

 

Dokumentation: Begründung der Nobelpreisvergabe an Harold Pinter

Stockholm (dpa) - Die Schwedische Akademie hat am Donnerstag die Vergabe des Literatur-Nobelpreises 2005 an den britischen Dramatiker Harold Pinter (75) damit begründet, dass Pinter «in seinen Dramen den Abgrund unter dem alltäglichen Geschwätz freilegt und in den geschlossenen Raum der Unterdrückung einbricht». Weiter hieß es in der Begründung («Biobibliographische Notiz») der Akademie:

«Harold Pinter wird ganz allgemein als hervorragendster Vertreter des englischen Dramas in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts eingestuft. Seine Stellung als moderner Klassiker wird dadurch veranschaulicht, dass man aus seinem Namen ein Adjektiv gebildet hat, das eine gewisse Stimmung und ein gewisses Milieu in Theaterstücken beschreibt, nämlich "pinteresk".

Pinter führte das Theater auf seinen elementaren Ursprung zurück, den geschlossenen Raum und den nicht vorhersagbaren Dialog, wo die Menschen einander ausgeliefert sind und die Verstellung zerfällt.
Bei einem Minimum von Intrigen entspringt das Drama dem Machtkampf und Versteckspiel des Wortwechsels. Pinters Dramatik fasste man zunächst als Spielart des absurden Theaters auf, aber man hat sie später zutreffender als "comedy of menace" ("Komödie der Drohung") charakterisiert, ein Genre, in dem uns der Schriftsteller ein Spiel von Dominanz und Unterwerfung abhören lässt, das sich im alltäglichsten Gespräch verbirgt.

Im typischen Pinter-Stück begegnet man Menschen, die sich gegen fremde Manipulationen oder ihre eigenen Triebe dadurch verteidigen, dass sie sich hinter einem reduzierten und kontrollierten Dasein verschanzen. Ein anderes Hauptthema ist Flüchtigkeit und Unfassbarkeit der Vergangenheit.

Man hat behauptet, dass Harold Pinter nach einer ersten Periode des psychologischen Realismus mit Stücken wie Landscape (1967) und Silence (1968) zu einer zweiten, lyrischeren Phase überging sowie danach zu einer dritten, politischen mit One for the Road (1984), Mountain Language (1988), The New World Order (1991) und weiteren Stücken. Aber diese periodische Einteilung scheint vereinfacht und übersieht einige seiner stärksten Texte wie No Man's Land (1974) und Ashes to Ashes (1996).

Ganz im Gegenteil ist die Kontinuität seines Werks bemerkenswert, und seine politischen Themen können als Weiterentwicklung der Analyse des frühen Pinters von Drohung und Willkür aufgefasst werden. Seit 1973 hat sich Pinter neben seiner Schriftstellerei als Vorkämpfer für die Menschenrechte ausgezeichnet. Seine Stellungnahmen wurden oft als kontrovers empfunden. Pinter hat auch Hörspiele und Drehbücher für Film und Fernsehen geschrieben. Zu seinen bekanntesten Filmdrehbüchern gehören The Servant (1963), The Accident (1967), The Go-Between (1971), The French Lieutenant's Woman (1981; nach dem Roman von John Fowles). Er hat auch als Regisseur bahnbrechend gewirkt.»
 

 

Ex-Juror Ahnlund: Nobelpreis durch Pinter erneut entwertet

Stockholm (dpa) - Der schwedische Publizist und Ex-Nobeljuror Knut Ahnlund (82) hat die Vergabe des diesjährigen Literatur-Nobelpreises durch die Schwedische Akademie an den britische Dramatiker Harold Pinter (75) als Fehlentscheidung kritisiert, mit der die Auszeichnung erneut abgewertet werde. Ahnlund, der seinen Sitz in der Schwedischen Akademie aus Protest gegen die Entscheidung für die Österreicherin Elfriede Jelinek (58) im Vorjahr zurückgegeben hatte, sagte der dpa in Stockholm: «Die Akademiemitglieder haben sich nicht ausreichend informiert und deshalb nicht über Pinters politische Aggressivität Bescheid gewusst.»

Ahnlund nannte als Beispiele die äußerst scharfe Kritik Pinters am Irak-Krieg und der US-Politik generell sowie seine Äußerungen zur Verteidigung des in Den Haag vor Gericht stehende jugoslawischen Ex- Diktators Slobodan Milosevic. «Man muss damit rechnen, dass er seinen Nobelvortrag bei der Verleihung in Stockholm für politische Zwecke benutzt. Das wäre ein beispielloser Vorgang», meinte Ahnlund weiter.
Die diesjährige Entscheidung sei ähnlich fragwürdig wie die 1971 mit dem Nobelpreis für den chilenischen Lyriker Pablo Neruda (1904-1973), der Stalin verehrt, dies aber wenigstens am Ende korrigiert habe.
« Das ist bei Pinter ja nicht der Fall», sagte Ahnlund.

Der 1983 in die Akademie gewählte Schriftsteller hatte zwei Tage vor der Vergabe an Pinter in einem Zeitungsartikel geschrieben, die letztjährige Entscheidung für Jelinek habe den Wert des Literatur- Nobelpreises «auf absehbare Zeit zerstört». Jelinek nannte er eine «monomane und eingleisige» Autorin mit einem «dürftigem und armseligen literarischen Werk».

Zu dem ohne ihn zu Stande gekommenen Votum für Pinter sagte er:
« Das hat die Lage für den Preis eher noch verschlimmert.» Neben dem politischen Aspekt müsse man auch literarisch Fragezeichen setzen:
« Pinter steht als Dramatiker in der Nachfolge von Kafka und Beckett.
Man kann seine Originalität wohl in Frage stellen.»
 

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Günter Grass: Das Waffen-SS Eingeständnis
Reaktionen und das Eingeständnis
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Zum 50. Todestag von Gottfried Benn am 07.07.
Lebenswerk, Hintergründe und Zitate
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Zum Tod von Robert Gernhardt am 30.06.
Reaktionen, Stimmen und ein Kurzporträt
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150. Geburtstag von Sigmund Freud (06.05.)
Lebenswerk und Hintergründe
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100. Geburtstag von Samuel Beckett am 13.04.
Lebenswerk und Hintergründe
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