|  |
News-Sonderthema:
Orhan Pamuk erhält den Literaturnobelpreis 2006
Das Porträt, Experteneinschätzungen und Reaktionen
|
Unsere Beiträge:
15.10.
Pamuk: Nobelpreisrede wird Denkstück in europäischer Tradition
14.10.
Begründung für den Nobelpreis in Literatur
an Orhan Pamuk
Die Literatur-Nobelpreisträger seit 1996
Stichwort: Literaturnobelpreis
Nobelpreis für Pamuk sorgt in Türkei für Wechselbad der Gefühle
13.10.
Gesammelte Reaktionen auf die Preisverleihung
Die wichtigsten Werke von Orhan Pamuk
12.10.
Pamuk spaltet die Türkei - Autor zwischen
Orient und Okzident
Experte: Pamuk bedeutendster Autor in türkischer
Gegenwartsliteratur
Literaturnobelpreis bleibt politisch: Pamuk auch als
Kritiker geehrt
Literaturnobelpreis für Orhan Pamuk - «Verflechtung der Kulturen» |
15.10. Pamuk: Nobelpreisrede wird ein Denkstück in europäischer
Tradition
Hamburg (dpa) - Der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk will als Dankesrede
für den ihm verliehenen Literaturnobelpreis «ein Denkstück in
guter europäischer Tradition» vorbereiten. «Von der Form her
denke ich im Moment an einen Essay», sagte Pamuk in einem «Spiegel»-Interview.
Zu den Inhalten könne er jetzt noch nichts sagen, «aber ich werde
die Gelegenheit nutzen, meine Sichtweise der Dinge darzustellen». Pamuk
bekräftigte, dass seine Bücher ein Bekenntnis zu der «Tatsache» seien,
dass Ost und West zusammen kommen. Der Literaturnobelpreis wird am 10. Dezember,
dem Todestag des Preisstifters Alfred Nobel, in Stockholm überreicht.
nach oben |
14.10. Begründung für den Nobelpreis in Literatur an Orhan
Pamuk
Stockholm (dpa) - Die Schwedische Akademie hat die Vergabe des Literatur-Nobelpreises
2006 am Donnerstag in Stockholm wie folgt
begründet:
«Der Nobelpreis in Literatur des Jahres 2006 wird dem türkischen
Schriftsteller Orhan Pamuk verliehen, der auf der Suche nach der melancholischen
Seele seiner Heimatstadt neue Sinnbilder für Streit und Verflechtung
der Kulturen gefunden hat.»
nach oben |
14.10. Die Literatur-Nobelpreisträger seit 1996
Hamburg (dpa) - In den vergangenen zehn Jahren wurden mit dem Nobelpreis
für Literatur ausgezeichnet:
2006: Orhan Pamuk (Türkei)
2005: Harold Pinter (Großbritannien)
2004: Elfriede Jelinek (Österreich)
2003: John Marie Coetzee (Südafrika)
2002: Imre Kertész (Ungarn)
2001: Vidiadhar Surajprasad Naipaul (Trinidad/Großbritannien)
2000: Gao Xingjian (China/Frankreich)
1999: Günter Grass (Deutschland)
1998: José Saramago (Portugal)
1997: Dario Fo (Italien)
1996: Wislawa Szymborska (Polen)
nach oben |
14.10. Stichwort: Literaturnobelpreis
Hamburg (dpa) - Der Nobelpreis für Literatur wird seit 1901 -
mit Unterbrechungen vor allem in den Weltkriegen - jedes Jahr vergeben.
Nach dem testamentarischen Willen des schwedischen Preisstifters Alfred
Nobel (1833-1896) erhält derjenige den Preis, «der in der
Literatur das Ausgezeichnetste in idealistischer Richtung hervorgebracht
hat». Es soll von sehr hohem literarischen Rang sein und dem
Wohle der Menschheit dienen.
Der von der Schwedischen Akademie vergebene Literaturnobelpreis ist
inzwischen mit zehn Millionen Schwedischen Kronen (1,1 Millionen
Euro) dotiert. Er wird jeweils am 10. Dezember, dem Todestag des Preisstifters,
in Stockholm überreicht.
In den Jahren 1914, 1918, 1935 sowie von 1940 bis 1943 wurde kein
Literaturnobelpreis vergeben. Vier Mal - 1904, 1917, 1966 und 1974
- mussten sich zwei Schriftsteller die Auszeichnung teilen. Zwei Autoren
lehnten den Nobelpreis ab: 1958 musste der sowjetische Autor Boris
Pasternak den Preis auf Druck seiner Regierung hin zurückweisen.
Der Franzose Jean-Paul Sartre weigerte sich 1964, die Auszeichnung
anzunehmen.
nach oben |
14.10. Nobelpreis für Pamuk sorgt
in Türkei für Wechselbad der Gefühle
Istanbul (dpa) - Jubelstürme mit türkischen Landesfahnen,
Autokorsos und Hupkonzerte in den Straßen - all das gab es nicht,
als Orhan Pamuk am Donnerstag als erster türkischer Schriftsteller
den Nobelpreis für Literatur zuerkannt bekam. Es wäre gewiss
auch das letzte gewesen, was sich der Preisträger gewünscht
hätte. Dennoch wartete Pamuk mit einem kleinen Zugeständnis
an die nationalstolze türkische Seele auf: Erstmals habe die Türkei
einen Nobelpreis erhalten und «aus diesem Grund, nur aus diesem
Grund bin ich sehr, sehr glücklich», sagte der 54-Jährige
bei seinem Presseauftritt in der New Yorker Columbia-Universität.
Dennoch gab es in der Türkei nicht wenige,
die vor Freude in die Luft sprangen, als das Nobelkomitee in Oslo seine
Entscheidung verkündete. Andere standen - bildhaft gesprochen
- reflexartig auf, ließen die zum Applaus bereiten Hände
aber wieder sinken, wieder andere blieben gleich verstockt sitzen.
«So wie wir unserer Fußballnationalelf, dem WM-Dritten,
applaudiert haben, und der Eurovisions-Siegerin Sertab Erener, so sollten
wir auch Orhan Pamuk applaudieren», schlug am Freitag ein Kommentator
im Massenblatt «Sabah» vor. «Ein Autor, der türkisch
schreibt und aus unseren Reihen hervorgegangen ist, hat den Literaturnobelpreis
erhalten. Punkt! Ende!» Wenn das so einfach wäre.
Viele türkische Kommentatoren wanden sich am
Freitag voller Seelenqualen hin und her. «Wenn er doch nur nicht
diese Worte gesagt hätte, die uns im tiefsten Herzen verletzt
haben», seufzte Chefredakteur Ertugrul Özkök in seiner
Kolumne für die Zeitung «Hürriyet». Gemeint waren
Pamuks Äußerungen, im Ersten Weltkrieg seien im Osmanischen
Reich «eine Million Armenier umgebracht» worden.
«Einerseits sind wir, weil die türkische Seele schwer in
uns wiegt, wütend auf ihn, andererseits freuen wir uns aus dem
selben Grund, dass Orhan Pamuk die höchste literarische Auszeichnung
erhalten hat, und sind stolz auf ihn.»
Wie der «Hürriyet»-Chefredakteur
fragten sich am Freitag viele, warum sie sich «nicht so richtig
freuen» können. «Sollte der Westen Pamuk für
würdig befunden haben, nicht weil er Türke ist, sondern weil
er die Thesen des Westens fast noch besser verteidigt als dieser selbst?»,
fragte sich ein Kommentator einer anderen Zeitung, um zu dem fast versöhnlich
klingenden Schluss zu kommen: «Wenigstens hat er seine Romane
in Türkisch geschrieben, wenn schon seine Gedanken nicht türkisch
sein mögen ...»
Demokratische Streitkultur sei wichtig, nichts habe
die Türkei mehr nötig, fanden andere. Doch: «Kritik
im Namen von Recht und Demokratie ist eine Sache, sein eigenes Volk
und Land zu verkaufen, um Bücher zu verkaufen und in der Welt
berühmt zu werden, eine andere», schrieb ein Kommentator
der linksliberalen Zeitung «Milliyet».
Doch gab es in der Türkei auch uneingeschränkte
Zustimmung: «Die Türkei wird künftig auch als das Land
Orhan Pamuks angesehen werden», freute sich die liberale Zeitung «Radikal». «Alle
Welt wird noch einmal einen aufmerksameren Blick auf die Türkei,
die türkische Literatur und Orhan Pamuks Stadt Istanbul werfen.
Pamuk ist eine Ehre für unsere Sprache, unsere Literatur und unser
Land.»
Grund zur Freude sah auch Außenminister Abdullah Gül.
Alltäglicher Kram, wie der politische Streit um Pamuk, werde früher
oder später vergessen. Wichtiger sei das «sehr große
Echo», das die Vergabe des Nobelpreises an einen türkischen
Schriftsteller in aller Welt gefunden habe.
nach oben |
13.10. Gesammelte Reaktionen auf die Preisverleihung
Schriftsteller-Verband: Ausgezeichnete Wahl zum richtigen Zeitpunkt
Berlin (dpa) - Als «ausgezeichnete Wahl zum richtigen Zeitpunkt» hat
der Verband deutscher Schriftsteller (VS) die Vergabe des Literatur-Nobelpreises
an den Türken Orhan Pamuk bezeichnet. Mit seinen in viele Sprachen übersetzten
Romanen vermittele Pamuk den Lesern einen Zugang zum Verständnis
der Türkei, der das Verstehen dieser «zwischen Orient und
Okzident zerrissenen Kultur» möglich mache. «Wer
wie Orhan Pamuk damit auch unbequeme Wahrheiten zur Sprache bringt
und sich für Meinungsfreiheit unter Gefährdung der eigenen
Person einsetzt, verdient höchste Anerkennung für sein literarisches
Werk, sagte der VS-Vorsitzende Imre Török in Berlin.
Literaturchef der «FAZ»: Pamuk «beste Entscheidung» seit
Jahren
Frankfurt/Main (dpa) - Der Literaturchef des «FAZ»-Feuilletons,
Hubert Spiegel, bezeichnete die Vergabe des Literaturnobelpreises an
den türkischen Autor Orhan Pamuk als «beste Entscheidung,
die die Stockholmer Akademie seit Jahren getroffen hat». «Das
versöhnt ein klein wenig mit den Missgriffen der letzten Jahre.
Ich nenne da nur Dario Fo und Harold Pinter», sagte Spiegel der
dpa am Donnerstag.
Das ist «eine Entscheidung, die ausnahmsweise Mal sowohl literarisch-ästhetisch-künstlerisch,
als auch politisch zu begrüßen ist». «Ausgezeichnet
wird ein bedeutender Autor, aber ausgezeichnet wird auch eine literarische
und intellektuelle Stimme, die im Gespräch zwischen dem Westen
und der islamischen Welt eine wichtige Rolle einnehmen kann - und durch
diesen Preis natürlich in dieser Funktion außerordentlich
gestützt wird. Das ist zumindest die Hoffnung, die man mit diesem
Preis verbinden kann.»
Harold Pinter: Pamuk hätte Preis letztes Jahr bekommen sollen
London (dpa) - Der letztjährige Träger des Literaturnobelpreises
Harold Pinter ist mit der Wahl seines Nachfolgers Orhan Pamuk äußerst
zufrieden: «Es hätte niemand Besseren treffen können,
er ist ein wunderbarer Schriftsteller», sagte Pinter der dpa
in London. «Ich hatte im letzten Jahr darauf getippt, dass er
den Preis bekommt, aber da kam jemand dazwischen...», fügte
der 76-Jährige mit trockenem britischen Humor hinzu.
Der britische Dramatiker leidet seit längerem unter Kehlkopfkrebs
und übermittelte seine Dankesrede im vergangenen Jahr vom Rollstuhl
in seinem Londoner Haus aus nach Stockholm. Trotz seiner Erkrankung
wird Pinter von Donnerstag an bis zum 24. Oktober auf der Bühne
stehen: Am Londoner Royal Court Theatre spielt er den alten Krapp in
dem monologischen Einakter «Das letzte Band» von Samuel
Beckett.
Hanser-Verleger: Schwierige Geschichte der Türkei dargestellt
München (dpa) - Mit Orhan Pamuk wird nach den Worten von Hanser-
Verleger Michael Krüger ein Autor mit dem Literaturnobelpreis
geehrt, der in allen seinen Werken die schwierige Geschichte der Türkei
zwischen Tradition und Moderne dargestellt hat. Vielleicht habe die
Verleihung des Nobelpreises zur Folge, dass der Westen nun durch den
Erzähler Orhan Pamuk seine Scheu verliere, sich etwas näher
mit diesem östlichen Partner zu beschäftigen.
«Wenn alle deutschen Touristen an den türkischen Stränden
in Zukunft die Romane Orhan Pamuks lesen, dann wird ihm gelungen sein,
was die Politik nicht leisten kann, nämlich durch die Kraft und
Originalität der Erzählung ein Land aufzuschließen»,
sagte Krüger.
Das neue Buch von Orhan Pamuk «Istanbul» (432 Seiten
mit 200
Abbildungen) wird bereits am 18. November 2006 im Hanser Verlag erscheinen,
teilte der Münchner Verlag mit.
Necla Kelek: «Orhan Pamuk ist ein großer Autor der Freiheit»
Berlin (dpa/bb) - Die deutsch-türkische Schriftstellerin Necla
Kelek («Die fremde Braut») hat mit großer Freude
und Bewegung auf die Vergabe des Literatur-Nobelpreises an Orhan Pamuk
reagiert. «Orhan Pamuk ist ein großer Autor der Freiheit»,
sagte Kelek der dpa in Berlin. «Ich hoffe, dass auch die Gesellschaft
in der Türkei erkennt, dass Großes nur in der Freiheit entsteht
und dass endlich aufgehört wird, Schriftsteller bei kritischen
Tönen wegen "Verunglimpfung des Türkentums" zu
verfolgen.»
Pamuk lote in seinen Büchern «die Bruchstelle zwischen
dem individuellem Ich und dem kollektiven Wir der türkisch-muslimischen
Gesellschaft aus», sagte Kelek. «Immer sind seine Bücher
von der großen Liebe zu seinen Protagonisten geprägt, gleichzeitig
verleugnen sie nicht den Preis, den die individuelle Freiheit hat,
und warum man trotzdem dafür kämpfen muss», so Kelek.
«Ich habe alles von ihm gelesen», erklärte die Schriftstellerin.
«Er fragt in "Rot ist mein Name" nach dem islamischen
Bilderverbot, in "Schnee" nach den Gründen für
den Islamismus und Nationalismus, er schreibt so wunderbar über
unsere gemeinsame Geburtsstadt Istanbul und in seinem ersten Roman "Das
schwarze Buch" über die schwierige Freiheit in der Zweierbeziehung»,
sagte Kelek. «In dem großen Familienroman "Cevdet
Bey und seine Söhne", den es leider noch nicht auf Deutsch
gibt, erzählt er die Geschichte einer Familie am Übergang
vom osmanischem Reich zur türkischen Republik.»
Türkeizentrum zu Nobelpreis: «Dialog der Kulturen lebendig»
Essen (dpa/lnw) - Hocherfreut zeigte sich der Leiter des Essener Zentrums
für Türkeistudien (ZfT), Faruk Sen, über die Auszeichnung
des Schriftstellers Orhan Pamuk mit dem Nobelpreis. «Pamuks Werk
beweist, dass der Dialog der Kulturen nicht nur lebendig ist, sondern
Literatur und Kunst ersten Ranges hervorbringt», sagte Sen am
Donnerstag. Er wies darauf hin, dass der Preis das Interesse an türkischer
Literatur auch in Deutschland erhöhen werde: «Damit nutzt
die Preisvergabe der Annäherung zwischen Deutschen und türkischen
Migranten ganz unmittelbar.» Die Entscheidung sei ein wichtiges
Signal, das die weitere Öffnung der Türkei nach Europa unterstützen
und das Ansehen der türkischen Kultur im Westen stärken werde.
nach oben |
13.10. Die wichtigsten Werke von Orhan Pamuk
Hamburg (dpa) - Überragendes Thema des türkischen Schriftstellers
Orhan Pamuk, dem diesjährigen Träger des Literaturnobelpreises,
ist der Spannungsbogen zwischen Westen und islamischer Welt:
- Der historische Roman «Die weiße Festung» (dt.
1990), der im Istanbul des 17. Jahrhunderts spielt, ist eine Erzählung über
das Ich, wie es sich aus Erzählungen und Fiktionen aufbaut. Identität
zeigt sich als variable Konstruktion. Mit diesem Werk, dem ersten Buch
in deutscher Übersetzung, setzt sich Pamuk international durch.
- In dem Roman «Das schwarze Buch» (dt. 1995) sucht der
Protagonist im Gewimmel Istanbuls nach seiner verschwundenen Frau und
ihrem Halbbruder, mit dem er allmählich die Identität tauscht.
Das Spiel mit den Identitäten und das Doppelgängermotiv zieht
sich als roter Faden durch die Romankunst des Türken.
- «Das neue Leben» (dt. 1998) ist ein Roman über
ein geheimnisvolles Buch, das die Eigenschaft besitzt, das Leben seines
Lesers unwiderruflich zu verändern.
- Im Gewand des historischen Romans geht es in «Rot
ist mein Name» (dt. 2001) - einem «Kriminalroman» unter Miniaturmalern
am Palast des Sultans - wie in vielen Werken Pamuks um den Identitätsverlust
in einer zwischen Orient und Okzident zerrissenen Kultur.
- Wie in einem Brennglas fängt der Autor die Spannungen der türkischen
Gesellschaft in seinem Roman «Schnee» (dt. 2005) ein. Mit
seinen Figuren - überzeugte Islamisten, enttäusche Linke,
putschende Soldaten - wird das Provinznest Kars zu einem türkischen
Mikrokosmos.
Nach Erscheinen dieses ersten ausgesprochen politischen Romans wird
der Autor in der Heimat angefeindet und in Europa hoch gelobt.
- In dem Sammelband «Der Blick aus meinem Fenster» (dt.
2006) zeigt sich Pamuk von einer sehr persönlichen Seite. Die
Essays und Betrachtungen sind Erinnerungen an seine Kindheit im Istanbul.
Der Junge wird groß in einer bürgerlichen Welt, die «sich
verwestlichen, sich europäisieren» will. Am Rande Europas
lebt er «in ständigem Ringen mit europäischen Gedankengut»,
im «Spannungsbogen zwischen Abscheu und Zuneigung, Sehnsucht
und Verachtung».
nach oben |
12.10. Orhan Pamuk spaltet die Türkei
- Autor zwischen Orient und Okzident
Istanbul (dpa) - Viel gelesen und viel gehasst: So vielschichtig und
verwoben wie seine Romane, in denen Orient und Okzident aufeinander
treffen, ist das Verhältnis von Orhan Pamuk und seiner Heimat
Türkei. Der 54 Jahre alte Literaturnobelpreisträger tritt
als leidenschaftlicher Verfechter des EU-Beitritts der Türkei
auf und thematisiert in seinen Werken die konfliktreiche Suche nach
Identität zwischen westlich geprägter Moderne und islamischer
Tradition.
«So wie ich mir keine Türkei vorstellen kann, die nicht
von Europa träumt, so glaube ich auch nicht an ein Europa, das
sich ohne die Türkei definiert», erklärte Pamuk, als
er 2005 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegennahm. Und
dennoch hat er in seiner Heimat viele politische Gegner, die jedem
anderen türkischen Autor die höchste Auszeichnung der Literaturwelt
gegönnt hätten, nur ihm nicht.
Der am 7. Juni 1952 in Istanbul geborene Schriftsteller
wuchs in einer gutbürgerlichen Familie auf und wollte ursprünglich
Maler werden. Er studierte Architektur und Journalismus, bevor er mit
24 Jahren unter dem Einfluss des modernen europäischen Romans
mit dem Schreiben begann. Bewunderung hegt Pamuk für den Russen
Fjodor Dostojewski, «der wie ich am Rande Europas in ständigem
Ringen mit europäischem Gedankengut lebt». Ihn befriedige, «dass
weite Teile der modernen Literatur gerade aus dieser quälenden
Spannung erwachsen
sind: Ein Europäer zu sein und gleichzeitig einen großen
Abscheu davor zu empfinden».
Seinen eigenen Stil, wie er vor allem in seinen
historischen Romanen zum Ausdruck kommt, fand Pamuk mit dem Rückgriff
auf die an Bildern reiche islamisch-orientalische Erzähltradition.
Seine Werke, von denen «Die weiße Festung» (1985), «Rot
ist mein Name» (1998) und «Schnee» (2002) die bekanntesten
sind, wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt und mit internationalen
Preisen ausgezeichnet. Die Faszination, die die europäische wie
die türkisch-osmanische Geschichte auf Pamuk ausübt, wirkt
in seinen Schreibstil hinein.
Übersetzer verzweifeln gelegentlich an seinen komplizierten Satzgefügen. «Für
mich sind lange Sätze kein Problem», meint er dazu.
«Besonders im Türkischen fließen sie einfach so dahin.»
Zum Schreiben sucht der als menschenscheu geltende
Autor, der im westlich geprägten Istanbuler Stadtteil Nisantasi
aufwuchs, die Stille. Vorzugsweise auf Heybeli-Ada, einer der Prinzeninseln
im Marmara-Meer. «Seit meiner Kindheit komme ich in dieses Sommerhaus.
Es gibt keinen Lärm, nur die Geräusche der Pferdewagen»,
erzählt Pamuk. Dennoch zieht es ihn immer wieder in die Stadt
am Bosporus, die wie keine andere eine Brücke zwischen Orient
und Okzident spannt.
«Im Herbst wird es hier traurig, unerträglich. Nicht die
Kälte treibt mich fort, sondern die Traurigkeit.» Drei Jahre
lebte Pamuk mit seiner Frau in die USA, kehrte dann wieder in seine
Geburtsstadt zurück, «weil ich mir ein Leben woanders als
in Istanbul nicht vorstellen kann». Das Paar hat eine Tochter
namens Rüya («Traum»).
Für einen Einschnitt in sein Leben sorgte der
vielbeachtete Roman «Schnee» - sein «erster und letzter
politischer Roman», wie der Autor betonte. Wie in einem Brennglas
fängt Pamuk darin die Spannungen der türkischen Gesellschaft
ein - mit überzeugten Islamisten, kurdischen Nationalisten, enttäuschten
Linken und putschenden Soldaten als Akteuren. Weil Pamuk in einem Interview
davon sprach, dass in der Türkei «eine Million Armenier
und 30 000 Kurden umgebracht wurden», wurde er von türkischen
Nationalisten angegriffen und wegen «Herabwürdigung des
Türkentums» vor Gericht gestellt. Das von internationalen
Protesten begleitete Verfahren wurde Anfang des Jahres eingestellt.
Dabei bezieht Pamuk auch gegenüber dem Westen
einer Position kritischer Distanz: «Der Westen hat leider kaum
eine Vorstellung von diesem Gefühl der Erniedrigung, das eine
große Mehrheit der Weltbevölkerung erlebt und überwinden
muss, ohne den Verstand zu verlieren oder sich auf Terroristen, radikale
Nationalisten oder religiöse Fundamentalisten einzulassen.» Zurzeit
schreibt Pamuk, dem Neider und Kritiker in der Türkei Geltungs-
und Ruhmessucht vorhalten, an einem Liebesroman. «Politik kommt
darin nicht vor.»
nach oben |
12.10. Experte: Pamuk bedeutendster Autor
in türkischer Gegenwartsliteratur
Berlin (dpa) - Orhan Pamuk ist nach Ansicht des Turkologen Michael
Hess der bedeutendste Autor der türkischen Gegenwartsliteratur. «1990
hat sein Roman "Das Schwarzes Buch" eingeschlagen wie eine
Bombe. Das war eine literarische Sensation. Spätestens seitdem
hat er Autoren wie Yasar Kemal oder Nazim Hikmet den Rang abgelaufen»,
sagte Hess, Dozent am Institut für Literatur und Kulturforschung
der Freien Universität Berlin in einem dpa-Gespräch am Donnerstag.
Seine langen komplizierten Satzkonstruktionen und seine bewusste Rezeption
des kulturellen osmanischen Erbes seien bislang einzigartig. «Er
gräbt in den Werken westlicher Autoren, wie Dante, Goethe oder
Kafka, und verbindet diese mit Zitaten aus dem Orient», betonte
Hess.
Auch in der Türkei sei Pamuk eine «ungeheure Prestige-Figur».
Allerdings habe er auch viele Neider. Als er kürzlich in einem
Interview davon sprach, dass in der Türkei «eine Million
Armenier und 30 000 Kurden umgebracht wurden», seien die
heftigen Reaktionen mit den hiesigen zu vergleichen zum Eingeständnis
von Günter Grass, bei der Waffen-SS gewesen zu sein. «Er
nimmt politisch Stellung und er kann sich das auch erlauben»,
sagte Hess. Er sei aber kein Autor, der in seinen Werken aktuellen
Themen «hinterherhechelt». Auch von politischer Einflussnahme
habe er sich immer sehr distanziert, «obwohl in der Türkei
oft erwartet wird, dass Autoren auch politisch Stellung beziehen».
Pamuk habe, im Gegenteil, «seine Elfenbeinrolle» betont.
«Pamuk hat wirklich die viel beschworene Brücke zwischen
zwei Welten geschaffen», erklärte der Turkologe weiter.
Seine Werke, die thematisch immer eng mit seiner Heimatstadt Istanbul
verbunden seien, verbinden seiner Ansicht nach westliche und orientalische
Literatur.
«Er ist ein Vorbild, viele neue Autoren profitieren jetzt von
ihm», resümierte Hess.
nach oben |
12.10. Literaturnobelpreis bleibt politisch:
Pamuk auch als Kritiker geehrt
GStockholm (dpa) - Auf die politische Dimension ihrer Entscheidung
zum Literaturnobelpreis hat die Schwedische Akademie am Donnerstag
selbst hingewiesen: Der 54-Jährige Orhan Pamuk sei in seiner Heimat
Türkei auch als «Gesellschaftskritiker» aktiv, hieß es
in der Preisbegründung. Es folgte der Hinweis auf Pamuks öffentliche
Stellungnahme gegen die Fatwa gegen seinen Kollegen Salman Rushdie.
Und Pamuk habe ja auch die Ermordung von 30 000 Kurden und einer
Million Armenier in der Türkei öffentlich erwähnt, was
ihm die Androhung eines Strafverfahrens einbrachte.
Der Jubel in der Alten Stockholmer Börse fiel ungewöhnlich
laut und einhellig aus, als Akademiesekretär Horace Engdahl den
Namen ausrief. Der in Istanbul lebende Pamuk, im letzten Jahr auch
mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt, sehe sich selbst «in
erster Linie als belletristischer Schriftsteller», hieß es
dann in der Begründung.
Endlich mal wieder ein Nobelpreisträger, der den «großen
Roman» schreiben kann - auch das schien der Jubel der Zuhörer
auszudrücken.
Die Vergaben der letzten beiden Jahre an den englischen Dramatiker
Harold Pinter (76) und die Österreicherin Elfriede Jelinek (59),
die sich selbst als «gute Regionalschriftstellerin» überbewertet
fand, hatten literarisch doch eher ein verhaltenes Echo ausgelöst.
Beide Male hatte die Akademie ebenso wie jetzt bei Pamuk auf das
gesellschaftspolitische Engagement der Preisträger abgehoben.
Jelinek sei eine «unerschrockene Gesellschaftskritikerin»,
hieß es vor zwei Jahren. Und der schwer kranke Pinter lieferte
im letzten Dezember als Nobel-Vortrag aus einem Londoner BBC-Studio
flammende Anklagen gegen die Politik des Westens für die Stockholmer
Feiern ab.
Wenn Pamuk im Dezember den ersten Preis für einen türkischen
Autor in Empfang nimmt, dürfte das Interesse an seiner Stellung
zum politischen Verhältnis der Türkei zwischen westlicher
und islamischer Kultur mindestens ebenso stark sein wie das an seinen
literarischen Ansichten.
Der für seine Geheimdienstmethoden bei der Abschottung der Akademie
bekannte Engdahl wird sich wohl ein bisschen mit den Wettbüros
befassen müssen. Denn die immer aktiveren Nobelpreis-Zocker hatten
diesmal sehr sicher und viel besser getippt als die meisten Literaturexperten.
Wochenlang schon stand der türkische Romancier auf allen Wettlisten
für den diesjährigen Literaturnobelpreis souverän auf
dem ersten Platz. Die professionellen «Rater» meinten dagegen überwiegend,
der 54-Jährige sei aus Sicht der Juroren noch zu jung.
Tatsächlich lagen etwa beim letzten deutschen Preisträger
Günter Grass zwischen dessen Hauptwerk und der Nobelvergabe mehr
als 30 Jahre.
Aber beim wichtigsten Preis der Bücherwelt scheinen keine vorhersehbaren
Regeln mehr zu gelten. Zwei Minuten vor der Bekanntgabe rechnete der
Schwedische Rundfunk noch seinen Hörern vor:
In den letzten zehn Jahren habe es unter zehn Preisträgern acht
Männer aus Europa und nur einen Lyriker gegeben. Also werde es
diesmal totsicher eine Gedichtautorin aus Übersee. Wenige Augenblicke
später präsentierte Engdahl dann mit Pamuk einen männlichen
europäischen Romancier.
nach oben |
12.10. Literaturnobelpreis für Orhan Pamuk - «Verflechtung
der Kulturen»
Stockholm (dpa) - Als erster Schriftsteller aus der Türkei wird
Orhan Pamuk mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Die
Schwedische Akademie begründete ihre Entscheidung am Donnerstag
damit, dass Pamuk «auf der Suche nach der melancholischen Seele
seiner Heimatstadt Istanbul neue Sinnbilder für Streit und Verflechtung
der Kulturen gefunden hat.» Der 54 Jahre alte Pamuk gilt als
leidenschaftlicher Verfechter der EU-Integration der Türkei, hat
aber gleichwohl stets kritische Distanz zum Westen bewahrt. Im vergangenen
Jahr wurde Pamuk schon mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels
ausgezeichnet.
Der berühmteste Literaturpreis der Welt ist mit zehn Millionen
Kronen (1,1 Millionen Euro) dotiert und wird am 10. Dezember in Stockholm
von Schwedens König Carl XVI. Gustaf überreicht. Im vergangenen
Jahr war der englische Dramatiker Harold Pinter ausgezeichnet worden.
Der Sekretär der Nobel-Akademie, Horace Engdahl, sagte nach
der Bekanntgabe: «Es gibt wohl kaum einen Autor in der Weltliteratur,
der so faszinierende Stadtschilderungen schreiben kann wie Pamuk.» Der
Preisträger dieses Jahres sei «international wohl bekannt
und ja auch als Anwärter getippt worden».
Der Präsident der Berliner Akademie der Künste, Klaus Staeck,
sagte zur Entscheidung: «Mit Pamuk erhält ein Autor den
Nobelpreis, dem der Gedanke einer europäischen Friedenspolitik,
die auch die Türkei einschließt, wichtiges Anliegen seiner
schriftstellerischen Arbeit ist. Mit ihm wird ein Garant des Anti-Nationalismus
geehrt.»
Pamuk wurde in Istanbul geboren und lebt auch heute in der Stadt
am Bosporus zwischen Europa und Asien. Im Spannungsfeld zwischen Orient
und Okzident spielen auch die meisten seiner historischen Romane. Zu
den bekanntesten Werken zählen «Die Weiße Festung», «Rot
ist mein Name» und «Schnee».
In seiner Heimat sieht sich Pamuk politischen Anfeindungen nationalistischer
Kreise ausgesetzt. Wegen «Herabwürdigung des Türkentums» wurde
der Autor vor Gericht gestellt, weil er in einem Interview gesagt hatte,
in der Türkei seien «eine Million Armenier und 30 000
Kurden umgebracht» worden. Der von der Europäischen Union
heftig kritisierte Prozess war Anfang des Jahres eingestellt worden.
Mit Genugtuung reagierte der Vorsitzende des armenischen Schriftstellerverbandes,
David Muradjan, auf Pamuks Auszeichnung.
«Das ist eine Verbindung des Literaturpreises mit der Moral»,
sagte er der dpa in Eriwan.
Engdahl hob Pamuks «fließende Fantasie» hervor,
die er in seinen Romanen zu «faszinierenden Mustern zusammenflechte».
Pamuks Werke wurden bislang in mehr als 30 Sprachen übersetzt
und in über 100 Ländern veröffentlicht. In deutscher Übersetzung
sind seit 1990 insgesamt sechs Werke erschienen. Ende November bringt
der Hanser Verlag (München) die Essaysammlung «Istanbul:
Erinnerungen an eine Stadt» heraus. In dem bereits 1999 geschriebenen
Rückblick auf seine Jugend schildert Pamuk vor allem die Melancholie,
die seiner Ansicht nach die Einwohner Istanbuls kennzeichnet.
Die Schwedische Akademie hob in ihrer Begründung auch Pamuks
Rolle als «Gesellschaftskritiker» in seinem Heimatland
heraus. So habe er als erster Autor der muslimischen Welt die Fatwa
gegen seinen Kollegen Salman Rushdie öffentlich verurteilt. Pamuk
habe auch für seinen Landsmann Yasar Kemal Stellung genommen,
als dieser 1995 vor Gericht gestellt worden war.
Pamuk wurde am 7. Juni 1952 in Istanbul geboren. Sein Großvater
war einer der ersten Fabrikanten in der Türkei. Er studierte Architektur
und Journalismus und lebte mehrere Jahre in New York. Mit Mitte zwanzig
begann er Romane zu schreiben. Ob sie nun im 17. Jahrhundert oder in
der Gegenwart spielen: All seine Werke kreisen um das zentrale Thema
der Identität zwischen westlicher und östlicher Kultur, spüren
den mystischen Traditionen der türkischen Geschichte nach und
orientieren sich an der bilderreichen islamischen Erzähltradition.
Der in seiner Heimat umstrittene Autor hatte in den Favoritenlisten
der Nobelpreis-Wettbüros stets oben gestanden. Wegen seines relativ
jungen Alters galt die Entscheidung für ihn aber für Kreise
um die Schwedische Akademie als überraschend.
nach oben |
|
|
 |
| Das Forum |
Hier können Sie Ihre
Erfahrungen als Autor publizieren.
Das Forum soll Autoren zum Erfahrungs- austausch dienen. |
| Zum Forum |
|