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10.10. Literaturnobelpreis für Herta Müller
Berlin/Stockholm (dpa) - Die deutsche Schriftstellerin Herta Müller erhält den Literaturnobelpreis. Damit geht die wichtigste Auszeichnung der Literaturwelt zehn Jahre nach der Ehrung für Günter Grass erneut nach Deutschland. Das Nobelpreiskomitee in Stockholm lobte Müllers Werke am Donnerstag als «Landschaften der Heimatlosigkeit». Die Autorin war 1987 aus Rumänien nach Deutschland übergesiedelt und schreibt seitdem gegen das Vergessen und politische Verfolgung an.
Schriftsteller und Politiker nahmen die Entscheidung mit riesiger Freude, aber auch Verblüffung und ungläubigem Erstaunen auf. Die Autorin selbst zeigte sich ebenso überrascht. «Es ist noch nicht in meinem Kopf angekommen», sagte sie am Abend auf einer überfüllten Pressekonferenz in ihrer Wahlheimat Berlin.
Bundespräsident Horst Köhler nannte es «eine glückliche Fügung», dass Müller die höchste Auszeichnung, die ein Schriftsteller erhalten könne, gerade in diesem Jahr erhält, «in dem wir an das Ende der Diktaturen in Osteuropa vor 20 Jahren erinnern». Bundeskanzlerin Angela Merkel freute sich «von ganzem Herzen» für Müller, die den Preis «mehr als verdient» habe. Grass würdigte die 56-Jährige als ausgezeichnete Schriftstellerin, hielt jedoch Amos Oz aus Israel für einen besseren Kandidaten.
Müller hat auch andere Favoriten wie die US-Autoren Philip Roth und Joyce Carol Oates sowie die in Frankreich lebende Algerierin Assia Djebar aus dem Feld geschlagen. Im vergangenen Jahr hatte sich die Schwedische Akademie für den Franzosen Jean-Marie Le Clézio entschieden. Zu den bekanntesten deutschen Preisträgern gehören neben Müller und Grass auch Thomas Mann (1929) und Heinrich Böll (1972).
Es ist das zwölfte Mal, dass eine Frau mit dem Literaturnobelpreis geehrt wird. Zu den Preisträgerinnen gehören unter anderem die Schwedin Selma Lagerlöf, die genau vor 100 Jahren als erste Frau den Preis erhielt, sowie Nadine Gordimer, Pearl S. Buck und Elfriede Jelinek. Die Auszeichnung ist mit rund einer Million Euro (zehn Millionen schwedische Kronen) dotiert und wird traditionell am 10. Dezember in Stockholm vergeben.
Müller hat zuletzt in diesem Herbst mit ihrem neuen Roman «Atemschaukel» (Hanser Verlag) großes Aufsehen erregt und viel Anerkennung gefunden. Für den Literaturkritiker Hellmuth Karasek ist es ein «sehr eindrucksvolles Buch über die Menschenzerstörung im Kommunismus». Müller erreiche damit die Kraft eines Autors wie Alexander Solschenizyn («Der Archipel Gulag»). «Atemschaukel» ist auch für den Deutschen Buchpreis nominiert.
Der Alltag in einem erstarrten, totalitären System ist auch das Thema von Herta Müllers Roman «Der Fuchs war damals schon der Jäger» (1992). «Herztier» (1994) beschreibt das Leben der Oppositionellen in Rumänien. Müller erhielt bereits zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Kleist-Preis, den Joseph-Breitbach-Preis und den Würth-Preis für Europäische Literatur. Seit 1995 ist sie Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.
(Internet: www.nobelprize.org)
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10.10. Herta Müller: «Ich brauche Zeit, es einzuordnen»
Berlin (dpa) - Sie liebt ihn nicht, den großen Auftritt. Fast erschrocken sieht Herta Müller aus, als sie sich am Donnerstagabend einen Weg durch das viel zu kleine, mit Menschen vollgestopfte Büro des Deutschen Börsenvereins in Berlin bahnt. Die 56-jährige Literaturnopelpreisträgerin ringt auch Stunden nach der Nachricht aus Stockholm um die richtigen Worte. «Es ist noch nicht in meinem Kopf angekommen», sagt Müller und ein scheues Lächeln huscht über ihr schmales Gesicht. «Ich kann gar nicht darüber reden. Ich brauche Zeit, es einzuordnen.»
Herta Müllers Platz ist der Schreibtisch, nicht die große Bühne mit Blitzlicht und Kameras. Etwas ratlos reagiert sie deshalb auf Fragen, was ihr die Ehrung und ihr neuer Platz neben den deutschen Nobelpreisträgern Thomas Mann, Heinrich Böll und Günter Grass bedeuten. «Es ist o.k., es ist schön, aber es wird sich an mir nichts verändern. Meine innere Sache ist das Schreiben. Daran kann ich mich festhalten.»
War die Entscheidung des Nobelpreis-Komitees für die Rumänien-Deutsche auch ein politisches Zeichen? In Herta Müllers Stimme schwingt leise Genugtuung mit, wenn sie 20 Jahre nach dem Mauerfall über das Ende des Kommunismus in Osteuropa spricht. «Als die Ceausescu-Diktatur 1989 zusammengebrochen ist, hatte ich endlich das Gefühl, jetzt werde ich nicht mehr bedroht.» Und dann erinnert sie an die Freunde, die in Rumänien zurückblieben.
In Deutschland, dem Land ihrer Muttersprache, habe sie eine sichere Heimat gefunden. «Ich bin eine deutsche Schriftstellerin, weil ich auf Deutsch schreibe», sagt sie. Auf die Frage, ob der mit einer Million Euro dotierte Preis ihr Leben verändern werde, sagte sie: «Ich bin die Person, die ich bin. Ich bin jetzt nichts Besseres, ich bin auch nichts Schlechteres», meint sie. «Ich werde nicht den ganzen Tag Nobelpreisträgerin sein - wenn ich am Tisch sitze, Spiegeleier mache oder Kartoffeln kaufe, das kann ich schon einordnen.»
Den ganzen Donnerstagnachmittag über hatten Journalisten vor Müllers Wohnhaus im beschaulichen Berlin-Friedenau ausgeharrt, wo früher auch Grass wohnte. Doch die Tür des gepflegten Altbaus mit Backsteinfassade blieb zu. Erst am späten Nachmittag verließ Müller das Haus.
Es war der Schriftstellerin im dunklen Hosenanzug und mit Sonnenbrille im Haar sichtlich unangenehm, als die Menschenmenge sie mit Fragen bestürmte. Bevor sie mit ihrem Mann in ein Taxi stieg, ließ sich Müller dann doch noch überreden, ein paar Fotos mit Glückwunsch-Blumenstrauß von sich machen zu lassen. «Ich war sicher, es passiert nicht», wird sie später sagen und wieder etwas verlegen lächeln.
(Internet: Hanser Verlag: www.hanser-literaturverlage.de;
Link zu Herta Müller: http://ow.ly/toSD)
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10.10. Schreiben gegen das Vergessen: Die Deutsch-Rumänin Herta Müller
Berlin (dpa) - Die diesjährige Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller wird als Meisterin der lyrischen Prosa angesehen. Ihre Kindheit in Rumänien erlebte sie als Schule der Angst und legt davon in ihren Werken beredt und bedrückend Zeugnis ab. Auch ihr gerade erschienener Roman «Atemschaukel» (Hanser Verlag) rückt ihr persönliches Schicksal in den Mittelpunkt. Thema ist die in ihrer Heimat lange Zeit tabuisierte Deportation deutschstämmiger Rumänen am Ende des Zweiten Weltkriegs und in den Jahren danach in die damalige Sowjetunion. Auch Müllers Mutter war fünf Jahre im Arbeitslager. Müller ist mit dem Roman auch für den diesjährigen Deutschen Buchpreis nominiert, der in der kommenden Woche verliehen wird.
Das Buch, das mit dem Satz «Alles, was ich habe, trage ich bei mir» beginnt, wurde von manchen Kritikern schon als «Meisterwerk» gepriesen. Der Erfolg stärkte diesmal die Favoritenrolle Müllers für den Nobelpreis, für den sie bisher eher nur als Außenseiterin gehandelt worden war.
Der Roman basiert auf den Gesprächen Müllers mit ehemals Deportierten. Zweite wichtige Quelle sind die autobiografischen Texten des 2006 gestorbenen Büchner-Preisträgers Oskar Pastior, an denen die beiden Autoren gemeinsam gearbeitet hatten. Mit dem jetzigen Erfolg ihres Buches hatte sie nicht gerechnet. «Alle Welt spricht von 20 Jahren Mauerfall und dann komme ich mit einer alten Deportationsgeschichte», sagte sie der dpa einen Tag vor der Nobelpreisentscheidung in Berlin dazu.
«Oskar Pastior hätte es natürlich sehr gefreut, vielleicht sogar mehr als mich. Ohne ihn und seine detaillierten Erzählungen aus dem Lageralltag hätte ich das Buch auch gar nicht schreiben können. Er wollte aber, dass es das Buch gibt. Es war meine Trauerarbeit, darüber darf man eigentlich auch kein schlechtes Buch schreiben.» Und, wie sie es in ihrem jüngsten Roman dem 17-jährigen Protagonisten in den Mund legt: «Ich habe mich so tief und so lang in Schweigen gepackt, ich kann mich in Worten nie auspacken. Ich packe mich nur anders ein, wenn ich rede.»
Sie bewunderte Pastiors Haltung in einer aussichtslosen Lage, die er als «Nullpunkt der Existenz» empfand. «Er zog nicht den Kopf ein. Er ließ nicht einfach alles mit sich geschehen.» Das galt auch für Schriftstellerkollegen wie den ungarischen Nobelpreisträger Imre Kertész und das gilt auch für Herta Müller. Es ist ihr Lebensthema.
Seit Anfang der 90er Jahre und der Übersetzung ihrer Werke in mehr als 20 Sprachen gehört die Frau, die nie Schriftstellerin werden wollte, mit Büchern wie «Der Fuchs war damals schon ein Jäger», «Herztier» und «Heute wäre ich mir lieber nicht begegnet» zu den wichtigen Autoren im internationalen Literaturbetrieb. Und das, obwohl sie nach eigenen Worten eine Biografie hat, mit der man «hierzulande nicht so richtig umgehen kann».
Dabei begegne einem mit Herta Müller «starke Literatur und ein starker Mensch», meinte einmal der frühere Chef der Stasi- Unterlagenbehörde Joachim Gauck bei der Auszeichnung Müllers mit dem Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung. Die Autorin habe dem Dunkel des Ostens viele Melodien abgelauscht, nicht zuletzt jene, «die uns schwer auf die Seele fallen, weil sie an das Geräusch der Ketten erinnern». Immer protestierte Herta Müller gegen verordnetes Denken und entmündigtes Sprechen.
Das Lebenswerk der heute 56-jährigen deutsch-rumänischen Autorin ist von den Erfahrungen mit der Diktatur und dem Gefühl der Fremdheit in der eigenen Heimat geprägt. Für die Banater Schwäbin wurde es nie zum Heimatland. Ihre Bücher zeugen vom Schreiben gegen das Vergessen, die dunklen und schmerzhaften Erinnerungen an eine düstere Vergangenheit im totalitären System des Ceausescu-Regimes, dem die im seinerzeit deutschsprachigen Banat geborene Autorin erst 1987 entkommen konnte. Zusammen mit ihrem damaligen Mann Richard Wagner beantragte sie die Ausreise und ging nach Deutschland.
Aber auch danach hat sie die Augen nicht verschlossen und Bedrohungen aufmerksam registriert. So gehörte sie in den 90er Jahren zu der Gruppe von Schriftstellern, die in Deutschland gegen Fremdenhass und Ausländerfeindlichkeit zu Lesungen in Asylbewerberheimen aufbrachen. «Ich kann mich nicht wegschleichen und will mich nicht täuschen, sondern das ertragen, was ich sehe», sagte sie einmal bei der Entgegennahme des Kleist-Preises. Das kennzeichnet auch das ganze Werk der Schriftstellerin mit dem messerscharfen Stil ihrer Texte.
Herta Müller wurde am 17. August 1953 in Nitzkydorf im Kreis Temeschwar im lange Zeit deutschsprachigen Banat in Rumänien geboren. Weil sie eine Zusammenarbeit mit der rumänischen Geheimpolizei ablehnte, war sie jahrelang arbeitslos. Nach den Eingriffen der Zensur in ihr erstes Buch sowie nach Verhören und Wohnungsdurchsuchungen verließ sie 1987 schließlich ihre Heimat und siedelte in das damalige West-Berlin über. Schon 1984 war im Westen ihr Erzählband «Niederungen» erschienen, dessen Autorin Kritiker als literarische Entdeckung feierten. Gerühmt wurde ihre Mischung aus lyrischen Bildern, surrealen Szenen und lakonischen Mitteilungen.
In «Niederungen» beschrieb Müller das Landleben der deutschsprachigen Banater Schwaben als «Anti-Idylle», aus der Perspektive des Kindes. Das für sie überraschend positive Echo auf das Buch in Deutschland irritierte sie: «Ich war überzeugt, verwechselt zu werden.»
Der später folgende Prosaband «Reisende auf einem Bein» entstand
1989 bereits in West-Berlin und spiegelt das Fremdsein in der neuen Heimat wider. Immer wieder muss sich Müller in ihren Werken den Schatten der Vergangenheit stellen. Der Alltag in einem totalitären System ist auch Thema ihres Romans «Der Fuchs war damals schon der Jäger» (1992). «Herztier» (1994) beschreibt das Leben der Oppositionellen in Rumänien.
Als Fortsetzung ihrer «Chronik der Gewalt» bezeichneten Kritiker die 1997 erschienene Geschichte eines Verhörs «Heute wäre ich mir lieber nicht begegnet», ein Roman auch über Einsamkeit, Trunksucht, Angst und Verrat - nie verschwundene Alpträume der traumatisierten Schriftstellerin Herta Müller. Im Jahr 2000 erschienen die literarischen Collagen «Im Haarknoten wohnt eine Dame». 2003 veröffentlichte sie einen Essay-Band mit dem Titel «Der König verneigt sich und tötet» und 2005 die Text-Bild-Collagen «Die blassen Herren mit den Mokkatassen».
Müller erhielt bereits zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Kleist-Preis, den Ricarda-Huch-Preis der Stadt Darmstadt, den Marie- Luise-Fleißer-Preis der Stadt Ingolstadt, den Europäischen Literaturpreis Aristeon, den Franz-Kafka-Preis sowie den Joseph- Breitbach-Preis, den mit insgesamt 120 000 Euro höchst dotierten Literaturpreis für deutschsprachige Autoren. Seit 1995 ist Herta Müller Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.
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10.10. Wichtige Werke von Herta Müller
Stockholm/Hamburg (dpa) - Die Werke der deutsch-rumänischen Autorin Herta Müller sind geprägt von ihren Erfahrungen im totalitären System des kommunistischen Ceausescu-Regimes. Eine Auswahl ihrer Werke:
- «Atemschaukel», Carl Hanser Verlag, München, 2009: Der Roman erzählt von der Deportation deutschstämmiger Rumänen nach dem Zweiten Weltkrieg in die damalige Sowjetunion.
- «Die blassen Herren mit den Mokkatassen», Carl Hanser Verlag, München, 2005: Die Texte sind aus Zeitungsausschnitten und Bildern zusammengesetzt. So entstehen Gedichte, die gleichzeitig Collagen sind.
- «Der König verneigt sich und tötet», Carl Hanser Verlag, München, 2003: In den Essays erzählt Müller von ihrem Leben unter absoluter Herrschaft. Neben Erinnerungen an die Kindheit steht ihr Sprachbewusstsein im Vordergrund. Unter der Diktatur Ceausescus erlebte sie Sprache als Instrument der Unterdrückung, aber auch als Möglichkeit des Widerstands.
- «Heute wäre ich mir lieber nicht begegnet», Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, 1997: In dem Roman schildert Müller die Erfahrungen mit dem Terror der Staatsmacht. Sie thematisiert Einsamkeit, Trunksucht, Angst und Verrat - nie verschwundene Alpträume der traumatisierten Schriftstellerin.
- «Herztier», Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, 1994: Der Roman erzählt die Geschichte junger Menschen, die sich gegen das totalitäre System auflehnen. Die ständigen Schikanen, Verrat und Angst führen schließlich in die soziale Isolation.
- «Der Fuchs war damals schon der Jäger», Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, 1992: In dem Roman beschreibt Müller das Rumänien in den letzten Tagen des Ceausescu-Regimes und eine Gesellschaft ohne Perspektive.
- «Reisende auf einem Bein», Rotbuch-Verlag, Berlin, 1989: Der Prosaband entstand in West-Berlin und spiegelt das Fremdsein in der neuen Heimat wider.
- «Niederungen», Rotbuch-Verlag, Berlin, 1984: Der Erzählband ist eine Mischung aus lyrischen Bildern, surrealen Szenen und lakonischen Mitteilungen. Aus der Perspektive eines Kindes beschreibt Müller das Landleben der deutschsprachigen Banater Schwaben als «Anti-Idylle».
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10.10. Herta Müllers Roman über Lagerhölle: Sprache gegen Auslöschung
München (dpa) - Zwei Hauptfiguren hat «Atemschaukel», der in diesem Sommer erschienene neue Roman der Nobelpreisträgerin Herta Müller: Den am Anfang 17-jährigen Ich-Erzähler Leo, der von fünf Höllenjahren in einem sowjetischen Arbeitslager berichtet. Und den «Hungerengel», Leos allgegenwärtigen Begleiter, der ihn und seine Leidensgefährten im Würgegriff hält: «Ich wollte langsam essen, weil ich länger was von der Suppe haben wollte. Aber mein Hunger saß wie ein Hund vor dem Teller und fraß.» Auch lange nach der Rückkehr in die rumänische Heimat und ohne Hunger herrscht der «Hungerengel» unangefochten weiter: «Ich esse seit meiner Heimkehr aus dem Lager, seit sechzig Jahren, gegen das Verhungern.»
So gesagt haben könnte das Herta Müllers Mutter, die 1945 wie Zehntausende andere als Siebenbürger Sachsen - «Volksdeutsche» - zu fünf Jahren Zwangsarbeit in die Ukraine in der damaligen Sowjetunion verschleppt worden war. Aber die Mutter der 1987 aus ihrer rumänischen Heimat nach West-Berlin übergesiedelten Schriftstellerin hat über diesen tabuisierten Teil ihres Lebens nur wenig berichtet.
Intensiv über die Lagerzeit sprechen konnte Müller hingegen mit dem Schriftsteller Oskar Pastior. Eigentlich hatten beide ein Gemeinschaftswerk geplant, aber dann starb Pastior 2006 unerwartet, kurz bevor ihm der schon zuerkannte Büchner-Preis überreicht werden konnte. In ihrem Nachwort schreibt Müller, sie habe sich erst nach langem Zögern durchringen können, «das Wir zu verlassen und allein einen Roman zu schreiben». Ohne Oskar Pastiors Details aus dem Lageralltag hätte sie es nicht gekonnt. Im Wesentlichen dürfte seine Stimme im Roman die Leos sein.
Müller hat sich die schwere Aufgabe aufgeladen, Extremerfahrungen anderer literarisch zu verarbeiten: Permanenter Hunger bei schwerster Zwangsarbeit und lebensbedrohlicher Gefangenschaft nur wegen der Zugehörigkeit zu einer ethnischen Minderheit. Bewältigen konnte sie das vor allem dank ihrer sprachlichen Meisterschaft. Die Autorin wurde 1953 geboren, drei Jahre nach der Heimkehr ihrer Mutter aus dem Lager. Für den Bericht des jungen Mannes aus Siebenbürgen über die Leiden des Lagerdaseins hat sie einen atemberaubend klaren, immer nach größter Einfachheit und Dichte strebenden Ausdruck gefunden.
Die Sprache entfaltet fast lyrische Kraft, wenn etwa sachlich und detailliert - und damit umso erschütternder - die Schrecken des Schleppens von Zementsäcken geschildert werden. Oder wenn Leo in einem der 64 kleinen, selbstständigen Kapitel berichtet, wie der Anwalt Paul Gast seiner Frau so anhaltend ihre Essensration stiehlt, dass sie am Ende verhungert.
«Es gibt Wörter, die mit mir machen, was sie wollen», schreibt Leo und berichtet, wie er nach und nach auch das Heimweh und den Sinn für diesen Begriff verliert. Der Verlust von Individualität und aller Menschlichkeit wird hier nicht lapidar, aber immer nüchtern, mit höchster sprachlicher Klarheit und gerade dadurch tief bewegend dargestellt. Auch wenn es um die Auslöschung aller Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Verschleppten geht, weil es für alle nur noch ein Thema gibt: «Meine Beziehung zur Welt ist das Essen.»
Müllers Leistung in ihrem neuen Roman besteht auch darin, durch sprachlich kunstvoll aufgearbeitete Erinnerung einen Teil der ausgelöschten Individualität wenigstens auf dem Papier für die Opfer zurückzuerobern. Deshalb ist die «Atemschaukel» mehr als «noch einer» von zahllosen nachgetragenen Erlebnisberichten aus den Lagern Stalins oder Hitlers.
Der Ungar Imre Kertész Imre (79) bekam 2002 den Literaturnobelpreis für seine Aufarbeitung der eigenen Auschwitz- Erfahrung. Literatur, die auf hohem literarischen Niveau «Zeugnis ablegt», werde wohl künftig stärker bei der Auswahl von Preisträgern ins Blickfeld kommen, meinte der Sprecher der Schwedischen Akademie damals. Nach der Lektüre der «Atemschaukel» wird klarer, warum die Stockholmer Juroren Herta Müller sieben Jahre nach dem Nobelpreis für Kertesz jetzt ebenfalls ausgezeichnet haben.
Herta Müller Atemschaukel
Hanser Verlag, München
300 S., Euro 19,90
ISBN 978-3-4-23391-1
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10.10. Hintergrund: Das Banat und die Banater Schwaben
Hamburg (dpa) - Die Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller hat in ihren Werken immer wieder ihre Heimat, das heute vor allem zu Rumänien gehörende Banat, beschrieben. Diese Region liegt im Dreiländereck zwischen Rumänien, Serbien und Ungarn. Wichtigste Industriestadt der lange Zeit deutschsprachigen Region ist das westrumänische Temeschwar. Auch Müllers Geburtsort Nitzkydorf liegt in diesem Kreis. Neben Müller stammt auch der ehemalige Tarzan-Darsteller Johnny Weißmüller aus dem Banat.
Die Banater Schwaben waren nach den Türkenkriegen im 18. Jahrhundert von Ulm aus in dieses Gebiet gezogen. Nach dem Zweiten Weltkrieg vertrieben die neuen kommunistischen Herrscher Osteuropas die Banater Schwaben aus ihrer Heimat. Heutzutage leben rund 200 000 von ihnen in Baden-Württemberg und Bayern. «Banater Schwaben» sind nicht mit den «Donauschwaben», einer Sammelbezeichnung für deutsche Siedler im Donauraum des ehemaligen Königreichs Österreich-Ungarn, gleichzusetzen.
(Internet: www.nitzkydorf.de, www.nauy.de/banat)
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10.10. Müller vor der Bekanntgabe: «Ich glaube nicht daran»
Berlin (dpa/bb) - Die diesjährige Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller hatte sich noch einen Tag vor der Bekanntgabe des Preises skeptisch über ihre Chancen geäußert. «Ich glaube nicht daran, ins Gespräch kommt man ja immer, aber das machen die dieses Jahr nicht», hatte sie der Deutschen Presse-Agentur dpa in Berlin gesagt. «Was sollte ich schon sagen zum Nobelpreis? Dass ich mich freue ist doch klar. Natürlich wäre ich auch glücklich. Aber ich bin kein Star und mag auch nicht in die Öffentlichkeit gezerrt werden.
Ich mache meine Arbeit wie gewohnt im Stillen weiter.»
Die Autorin glaubte auch aus einem ganz bestimmten Grund nicht an den Nobelpreis: «20 Jahre Mauerfall, und dann komme ich mit so einer alten Deportationsgeschichte», sagte die 56-jährige Autorin. Ihr gerade erschienener Roman «Atemschaukel» (Hanser) über die in ihrer rumänischen Heimat lange tabuisierte Deportation deutschstämmiger Rumänen Ende des Zweiten Weltkrieges und nach 1945 in die damalige Sowjetunion hat große Aufmerksamkeit und zum Teil auch enthusiastische Kritiken («Meisterwerk») gefunden.
«Ich habe mich nie mit Hitlisten oder Favoriten befasst, wie oft ist Philip Roth genannt worden. Ich mache meine Arbeit. Natürlich habe ich nichts gegen eine Auszeichnung, aber ich fieber nicht. Ich habe so viele Nerven schon seinerzeit verloren, ich bin abgebrüht.»
Aber sie freue sich natürlich über den Erfolg ihres jüngsten Buches «Atemschaukel». «Schon damit habe ich ehrlich gesagt nicht gerechnet, so eine alte Geschichte und doch so wichtig, erzählt zu werden. Oskar Pastior hätte es natürlich sehr gefreut, vielleicht sogar mehr als mich. Er wollte aber, dass es das Buch gibt. Es war meine Trauerarbeit, darüber darf man eigentlich auch kein schlechtes Buch schreiben.» Der Büchner-Preisträger Pastior, mit dem sie noch zusammen an ihrem Buch gearbeitet hatte, war 2006 gestorben.
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10.10. Nobel-Juror Englund: «Herta Müller ist einfach gut»
Stockholm (dpa) - Die Berliner Schriftstellerin Herta Müller ist nach Überzeugung der schwedischen Nobelpreis-Juroren eine Autorin mit «herausragender schöpferischer und moralischer Intelligenz». Der Jury-Chef der Schwedischen Akademie, Peter Englund, sagte der Deutschen Presse-Agentur dpa dazu nach der Vergabe des Literaturnobelpreises an Müller im Interview «Drei Fragen, drei Antworten»:
Wie hat Herta Müller auf Ihren Anruf aus Stockholm mit der Zuerkennung des Nobelpreises reagiert?
Englund: «Wir hatten nur eine einzige Telefonnummer von ihr, da war ich selbst ganz schön nervös (lacht). Als wir dann Punkt 12.30 Uhr bei ihr zu Hause anriefen, hat ihr Mann abgenommen, er gab dann weiter. Herta Müller war sehr, sehr glücklich, völlig überwältigt und lachte so ein herrliches Lachen. Ihr fehlten erst mal ganz einfach die Worte. Aber sie versprach, dass sie bei der Verleihung in Stockholm am 10. Dezember die Sprache wiedergefunden hat. Sie meinte auch, das Ganze sei für sie nicht real.
Welche Verhältnis haben Sie persönlich zu Herta Müllers Büchern?
Englund: «Ich habe alles von ihr gelesen. Sie ist auf der einen Seite eine sehr eigenwillige Prosaistin mit einer ganz eigenen Stimme. Was mich persönlich so beeindruckt, ist ihre Fähigkeit, derart viele verschiedene Dinge zugleich zu behandeln. Ein zentrales Thema ihrer Autorenschaft ist ja die Entfremdung. Nicht nur gegenüber einem unterdrückenden, korrupten, stagnierenden politischen System wie in Rumänien. Sondern auch als sprachliche Minorität, und auch in der eigenen Stadt, gegenüber den Individuen dort, den Eltern, dem eigenen Hintergrund. Sie verfügt über eine schöpferische und moralische Intelligenz, die mich tief beeindruckt. Ihr aktueller Roman "Atemschaukel" hat mich stark berührt. Sie hat eine fantastische Art, wirklich auch ihre ganz eigene Art, sich dem Thema Lager zu nähern. Dass sie politisch und historisch engagiert ist, hat für unsere Entscheidung eigentlich keine Rolle gespielt. Auch nicht, dass die Mauer vor 20 Jahren gefallen ist. Aber ihr Engagement gibt ihr natürlich eine zusätzliche moralische Kraft.»
In die USA ging der Nobelpreis zuletzt 1993, dagegen seit 1999 allein dreimal in deutschsprachige Länder und fast immer nach Europa. Was drückt sich darin als Trend oder Tendenz für die Literatur aus?
Englund: «Ich könnte mich dahinter verstecken, dass ich letzten Endes vor allem Historiker bin. Aber vielleicht spiegelt sich darin teilweise die Rückkehr von Zentral- und Osteuropa wieder. Und im Übrigen ist es natürlich sehr erfreulich, den Nobelpreis an eine Frau zu vergeben. Wobei das für die Entscheidung nicht die geringste Rolle gespielt hat. Herta Müller ist einfach gut und alles andere als eine Quotenfrau.»
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10.10. Reaktionen auf die Bekanntgabe
«Ich bin überrascht und kann es noch immer nicht glauben, mehr kann ich im Moment nicht dazu sagen.» (Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller in einer ersten Reaktion.)
«Ich bin stolz auf sie und ich freue mich natürlich sehr, dass sie es geschafft hat, sie wollte doch immer etwas erreichen.» (Die in Berlin lebende, 84-jährige Mutter von Herta Müller, Catarina Müller.)
«Herta Müller war völlig überwältigt und lachte ein herrliches Lachen. Ihr fehlten ganz einfach die Worte. Aber sie versprach, dass sie bei der Verleihung in Stockholm am 10. Dezember die Sprache wiedergefunden hat.» (Der Stockholmer Jury-Chef Peter Englund über die Reaktion Müllers, als sie per Telefon von der Verleihung des Preises an sie erfuhr.)
«Sie ist eine der größten Stimmen, die wir haben. Kräftig und fein.» (Der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Gottfried
Honnefelder.)
«Die Rumänen sind seit Jahren traurig, dass es keinen rumänischen Nobelpreis-Träger gibt. Jetzt können sie sich beruhigen. Herta Müller ist zwar eine deutsche Schriftstellerin, aber sie stammt aus Rumänien und ihre Werke enthalten ein Stück rumänische und osteuropäische Geschichte». (Der rumänische Philosoph und Kunsthistoriker Andrei Plesu.)
«Immer wieder haben Sie gegen das Vergessen angeschrieben und so an den hohen Wert der Freiheit erinnert, die niemals selbstverständlich ist. Deswegen ist es für mich eine besonders glückliche Fügung, dass Sie die höchste Auszeichnung, die ein Schriftsteller bekommen kann, gerade in diesem Jahr erhalten, in dem wir an das Ende der Diktaturen in Osteuropa vor zwanzig Jahren erinnern.» (Bundespräsident Horst Köhler in seinem Glückwunschschreiben an Herta Müller.)
«Ich gratuliere Deutschland!» (Die schwedische Botschafterin Ruth Jacoby, die mit einem Blumenstrauß zur Wohnung Müllers in Berlin gefahren war.)
«Ich will nicht über die Herta Müller reden. Adieu.» (Ein sehr kurz angebundener Marcel Reich-Ranicki.)
«Herta Müller ist eine Schriftstellerin von großer poetischer Kraft, die uns die Sprache immer wieder aufs Neue entdecken lässt. Ich habe sie bei einer Lesung mit Autoren und Autorinnen im Kanzleramt erlebt und war von ihrer Persönlichkeit und ihrer Literatur tief beeindruckt.» (Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU).)
«Mein Mantra ist ja immer, dass Philip Roth den Preis bekommen sollte. Aber der ist es ja nun wieder nicht geworden.» (Literaturkritiker und Autor Hellmuth Karasek.)
«Es hat auf jeden Fall die Richtige getroffen.» (Schriftsteller Thomas Brussig bei MDR Info.)
«Als Rumäniendeutsche gehört Müller jener Zwischengeneration an, die im Rumänien Ceausescus verfolgt und für ihren Einsatz für Menschenrechte in der Bürgerbewegung drangsaliert wurde und daher genau weiß, was ein Leben unter Verfolgung in einem Überwachungsstaat bedeutet» (Grünen-Chefin Claudia Roth)
«Ihre hochliterarische Trauerarbeit ist ein eindrückliches Beispiel einer engagierten europäischen Literatur, die mit analytischer Schärfe und poetischer Genauigkeit unsere Geschichte zur Gegenwart macht.» (Verleger Michael Krüger vom Carl Hanser Verlag München, in dem Müllers jüngstes Werk erschien.)
«Wir freuen uns, dass zehn Jahre nach der Auszeichnung für Günter Grass jetzt eine weitere Anerkennung souveräner Meisterschaft deutschsprachiger Literatur durch das Nobelpreiskomitee erfolgte.» (Der Vorsitzende des Verbandes deutscher Schriftsteller, Imre Török.)
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10.10. Stichwort: Literaturnobelpreis
Hamburg (dpa) - Der Nobelpreis für Literatur wird seit 1901 vergeben. Nach dem testamentarischen Willen des schwedischen Preisstifters Alfred Nobel (1833-1896) erhält derjenige den Preis, «der in der Literatur das Ausgezeichnetste in idealistischer Richtung hervorgebracht hat». Es soll von sehr hohem literarischen Rang sein und dem Wohle der Menschheit dienen.
Der von der Schwedischen Akademie vergebene Literaturnobelpreis ist inzwischen mit zehn Millionen Schwedischen Kronen (eine Million Euro) dotiert. Er wird jeweils am 10. Dezember, dem Todestag des Preisstifters, in Stockholm überreicht.
In den Jahren 1914, 1918, 1935 sowie von 1940 bis 1943 wurde kein Literaturnobelpreis vergeben. Vier Mal - 1904, 1917, 1966 und 1974 - mussten sich zwei Schriftsteller die Auszeichnung teilen. Zwei Autoren lehnten den Nobelpreis ab: 1958 musste der sowjetische Autor Boris Pasternak den Preis auf Druck seiner Regierung hin zurückweisen. Der Franzose Jean-Paul Sartre weigerte sich 1964 die Auszeichnung anzunehmen und erklärte: «Jeder Preis macht abhängig.»
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11.10. Literatur-Nobelpreis: 13 deutschsprachige Träger
Hamburg (dpa) - Mit dem Literatur-Nobelpreis für Herta Müller geht die Auszeichnung zum dreizehnten Mal in den deutschsprachigen Raum.
Die bisherigen Preisträger:
2004 - Elfriede Jelinek (geb. 1946), «für den musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen in Romanen und Dramen» und ihre «sprachliche Leidenschaft». Bekannteste Werke: «Die Klavierspielerin» (Roman), «Lust (Roman) sowie das Theaterstück «Raststätte oder Sie machen's alle».
1999 - Günter Grass (geb. 1927), «weil er in munter schwarzen Fabeln das vergessene Gesicht der Geschichte gezeichnet hat». Bekannteste Romane: «Die Blechtrommel», «Hundejahre», «Die Rättin» und «Der Butt».
1981 - Elias Canetti (1905 - 1994), geboren in Bulgarien, deutschsprachiger Schriftsteller, lebte in Großbritannien und in der Schweiz. Die Schwedische Akademie würdigte sein «schriftstellerisches Werk, geprägt von Weitblick, Ideenreichtum und künstlerischer Kraft».
1972 - Heinrich Böll (1917 - 1985), («Ansichten eines Clowns», «Die verlorene Ehre der Katharina Blum»), für eine Dichtung, «die durch ihre Verbindung von zeitgeschichtlichem Weitblick und liebevoller Gestaltungskraft erneuernd in der deutschen Literatur gewirkt hat».
1966 - Nelly Sachs (1891 - 1970), für ihre «hervorragenden lyrischen und dramatischen Werke, die das Schicksal Israels mit ergreifender Stärke interpretieren».
1946 - Hermann Hesse (1877 -1962), mit Werken wie «Demian», «Steppenwolf» und «Das Glasperlenspiel» hervorgetretener Lyriker und Erzähler für eine «inspirierte Verfasserschaft, die ... neben Kühnheit und Tiefe zugleich klassische Humanitätsideale und hohe Stilwerte vertritt».
1929 - Thomas Mann (1875 - 1955), für seinen zu einem klassischen Werk zeitgenössischer Literatur gewordenen großen Roman «Die Buddenbrooks».
1919 - Carl Friedrich Georg Spitteler (1845 - 1924), Schweizer Dichter, «in Würdigung besonders seines machtvollen Epos «Olympischer Frühling»», verliehen 1920.
1912 - Gerhart Hauptmann (1862 - 1946), als einer der bedeutendsten Vertreter des deutschen Naturalismus («Die Weber») für seine «reiche, vielseitige, hervorragende Wirksamkeit auf dem Gebiet der dramatischen Dichtung».
1910 - Paul Heyse (1830 - 1914), für «seine von Idealismus durchdrungene, vollendete Kunst», die er «als Lyriker, Dramatiker, Romanschriftsteller und Dichter von weltberühmten Novellen an den Tag gelegt hat».
1908 - Rudolf Eucken (1846 - 1926), Philosoph, für eine in zahlreichen seiner Werke vertretene ideale Weltanschauung. In seinem in viele Sprachen übersetzten literarischen Werk entwickelte Eucken eine «schöpferischer Aktivismus» genannte Lebensphilosophie.
1902 - Theodor Mommsen (1817 - 1903), Historiker, für das 1854 begonnene Monumentalwerk «Römische Geschichte», das als Meisterwerk der Historiographie gilt.
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11.10. Literatur-Nobelpreis ging zwölf Mal an eine Frau
Hamburg (dpa) - Herta Müller ist die zwölfte Frau, die mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet wird. Die erste Preisträgerin war vor 100 Jahren die Schwedin Selma Lagerlöf. Die bisherigen Preisträgerinnen:
2007: Doris Lessing (Großbritannien, geb. 1919) - für die «Epikerin weiblicher Erfahrung, die sich mit Skepsis, Leidenschaft und visionärer Kraft eine zersplitterte Zivilisation zur Prüfung vorgenommen hat». Als ihr Hauptwerk gilt der feministische Roman «Das goldene Notizbuch».
2004: Elfriede Jelinek (Österreich, geb. 1946) - «für den musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen in Romanen und Dramen» und ihre «sprachliche Leidenschaft» als «erbarmungslose Moralistin». Ihr als pornografisch kritisierter Roman «Lust» wurde zu einem umstrittenen Bestseller.
1996: Wislawa Szymborska (Polen, geb. 1923) - für eine Poesie, «die mit ironischer Präzision den historischen und biologischen Zusammenhang in Fragmenten menschlicher Wirklichkeit hervortreten lässt». Die Lyrikerin veröffentlichte seit ihrer 1945 begonnenen literarischen Laufbahn insgesamt 16 Gedichtbände.
1993: Toni Morrison (USA, geb. 1931) - für ihre durch «visionäre Kraft und poetische Prägnanz» geprägte Romankunst, in der eine «wesentliche Seite der amerikanischen Wirklichkeit verlebendigt» worden sei. Die aus einer schwarzen Arbeiterfamilie stammende Autorin und Hochschullehrerin hat sich mit der Rassenproblematik und den gestörten menschlichen Beziehungen in schwarzen Familien befasst.
1991: Nadine Gordimer (Südafrika, geb. 1923) für «ihre großartige epische Dichtung», in der sie «mit einem intensiven Gefühl der Gegenwärtigkeit die äußerst komplizierten persönlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse ihrer Umwelt» behandelt und die Apartheid angreift. Das Werk der Tochter jüdischer Einwanderer aus England und Litauen ist geprägt von der Vision eines gleichberechtigten Zusammenlebens von Schwarz und Weiß.
1966: Nelly Sachs (Deutschland/Schweden, 1891-1970) - «für ihre hervorragenden lyrischen und dramatischen Werke, die das Schicksal Israels mit ergreifender Stärke interpretieren». Die deutschstämmige Jüdin hat in ihren Gedichtbänden «In den Wohnungen des Todes» und «Sternenverdunkelung» das Grauen des Holocaust in Worte gegossen.
1945: Gabriela Mistral (Chile, 1889-1957) - «für die von mächtigen Gefühlen inspirierte Lyrik, die ihren Dichternamen zu einem Symbol für die ideellen Bestrebungen der ganzen lateinamerikanischen Welt gemacht hat». Vor allem mit ihren Liebesgedichten («Wenn Du mich anblickst, werd' ich schöner») wurde Mistral bekannt.
1938: Pearl S. Buck (USA, 1892-1973) - «für ihre reichen und echten epischen Schilderungen aus dem chinesischen Bauernleben und für ihre biografischen Meisterwerke». Als das Hauptwerk der in China geborenen Missionarstochter gilt der Roman «Die gute Erde» (1931).
1928: Sigrid Undset (Norwegen, 1882-1949) - «vornehmlich für ihre kraftvollen Schilderungen aus dem mittelalterlichen Leben des (skandinavischen) Nordens». Ihre Romantrilogie «Kristin Lavranstochter» ist ein Hauptwerk der norwegischen Literatur.
1926: Grazia Deledda (Italien, 1871-1936) - «für ihre von hohem Idealismus getragene Autorenschaft, die mit Anschaulichkeit und Klarheit das Leben ihrer väterlichen Herkunft schildert und allgemein menschliche Probleme mit Tiefe und Wärme behandelt». Im Mittelpunkt ihrer Romane stehen die Menschen ihrer Heimat Sardinien.
1909: Selma Lagerlöf (Schweden, 1858-1940) - «auf Grund des edlen Idealismus, des Fantasiereichtums und der seelenvollen Darstellung, die ihre Dichtung prägen». In ihrer Werken wie «Gösta Berling» oder «Die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen» zeigte sich Lagerlöf stets hoch sensibel und heimatverbunden.
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11.10. Die Nobelpreisträger für Literatur seit 1901
Stockholm/Hamburg (dpa) - Der Nobelpreis für Literatur wird seit
1901 fast jährlich vergeben. Zwei Autoren lehnten ihn ab. 1958 musste der sowjetische Autor Boris Pasternak den Preis auf Druck seiner Regierung zurückweisen. Der Franzose Jean-Paul Sartre weigerte sich 1964, die Auszeichnung anzunehmen. Die Preisträger mit einem ihrer
Werke:
2009: Herta Müller (Deutschland), «Atemschaukel»
2008: Jean-Marie Gustave Le Clézio (Frankreich), «Der Afrikaner»
2007: Doris Lessing (Großbritannien), «Das goldene Notizbuch»
2006: Orhan Pamuk (Türkei), «Schnee»
2005: Harold Pinter (Großbritannien), «Der Hausmeister»
2004: Elfriede Jelinek (Österreich), «Die Klavierspielerin»
2003: John M. Coetzee (Südafrika), «Schande»
2002: Imre Kertész (Ungarn), «Roman eines Schicksallosen»
2001: V.S. Naipaul (Trinidad/England), «Ein Haus für Mr. Biswas»
2000: Gao Xingjian (China/Frankreich), «Der Berg der Seele»
1999: Günter Grass (Deutschland), «Die Blechtrommel»
1998: José Saramago (Portugal), «Die Stadt der Blinden»
1997: Dario Fo (Italien), «Offene Zweierbeziehung»
1996: Wislawa Szymborska (Polen), «Salz»
1995: Seamus Heaney (Irland), «Wintering Out»
1994: Kenzaburo Oe (Japan), «Der stumme Schrei»
1993: Toni Morrison (USA), «Teerbaby»
1992: Derek Walcott (Trinidad und Tobago), «Omeros»
1991: Nadine Gordimer (Südafrika), «Burgers Tochter»
1990: Octavio Paz (Mexiko), «Der Sonnenstein»
1989: Camilo José Cela (Spanien), «San Camilo»
1988: Nagib Mahfus (Ägypten), «Die Midaq-Gasse»
1987: Josiff Brodski (UdSSR), «Römische Elegien»
1986: Wole Soyinka (Nigeria), «Der Mann ist tot»
1985: Claude Simon (Frankreich), «Der Wind»
1984: Jaroslav Seifert (Tschechoslowakei), «Die Pestsäule»
1983: William G. Golding (Großbritannien), «Herr der Fliegen»
1982: Gabriel García Márquez (Kolumbien), «Hundert Jahre Einsamkeit»
1981: Elias Canetti (Großbritannien), «Die Blendung»
1980: Czeslaw Milosz (Polen), «Lied vom Weltende»
1979: Odysseas Elytis (Griechenland), «To Axiom Esti. Gepriesen sei»
1978: Isaac B. Singer (USA), «Feinde, die Geschichte einer Liebe»
1977: Vicente Aleixandre (Spanien), «Die Zerstörung oder die Liebe»
1976: Saul Bellow (USA), «Herzog»
1975: Eugenio Montale (Italien), «Glorie des Mittags»
1974: Eyvind Johnson (Schweden), «Krilon-Trilogie»
Harry Martinson (Schweden), «Aniara»
1973: Patrick White (Australien), «Voss»
1972: Heinrich Böll (Deutschland), «Ansichten eines Clowns»
1971: Pablo Neruda (Chile), «Der große Gesang»
1970: Alexander Solschenizyn (UdSSR), «Der Archipel Gulag»
1969: Samuel Beckett (Irland), «Warten auf Godot»
1968: Jasunari Kawabata (Japan), «Schneeland»
1967: Miguel Angel Asturias (Guatemala), «Legenden aus Guatemala»
1966: Samuel Josef Agnon (Israel), «Gestern, Vorgestern»
Nelly Sachs (Schweden, geb. in D), «In den Wohnungen des Todes»
1965: Michail Scholochow (UdSSR), «Der stille Don»
1964: Jean-Paul Sartre (Frankreich), «Der Ekel»
1963: Giorgos Seferis (Griechenland), «Mythische Geschichte»
1962: John Steinbeck (USA), «Früchte des Zorns»
1961: Ivo Andric (Jugoslawien), «Die Brücke über die Drina»
1960: Saint-John Perse (Frankreich), «Anabasis»
1959: Salvatore Quasimodo (Italien), «Das Leben ist kein Traum»
1958: Boris Pasternak (UdSSR), «Doktor Schiwago»
1957: Albert Camus (Frankreich), «Der Fremde»
1956: Juan Ramón Jiménez (Spanien), «Platero und ich»
1955: Halldór Kiljan Laxness (Island), «Islandglocke»
1954: Ernest Hemingway (USA), «Der alte Mann und das Meer»
1953: Winston Churchill (Großbritannien), «Die Weltkrise 1911-1918»
1952: François Mauriac (Frankreich), «Die Tat der Therese Desqueyroux»
1951: Pär Lagerkvist (Schweden), «Der Henker»
1950: Bertrand Russell (Großbritannien), «Ehe und Moral»
1949: William Faulkner (USA), «Schall und Wahn»
1948: Thomas Stearns Eliot (Großbritannien), «Vier Quartette»
1947: André Gide (Frankreich), «Stirb und werde»
1946: Hermann Hesse (Schweiz, geb. in Deutschland), «Das Glasperlenspiel»
1945: Gabriela Mistral (Chile), «Spürst du meine Zärtlichkeit?»
1944: Johannes Vilhelm Jensen (Dänemark), «Die lange Reise»
1939: Frans Eemil Sillanpää (Finnland), «Das fromme Elend»
1938: Pearl S. Buck (USA), «Die gute Erde»
1937: Roger Martin du Gard (Frankreich), «Die Thibaults»
1936: Eugene O'Neill (USA), «Trauer muss Elektra tragen»
1934: Luigi Pirandello (Italien), «Sechs Personen suchen einen Autor»
1933: Iwan Bunin (Russland), «Das Dorf»
1932: John Galsworthy (Großbritannien), «Die Forsyte Saga»
1931: Erik Axel Karlfeldt (Schweden), «Fridolins Lieder»
1930: Sinclair Lewis (USA), «Babbitt»
1929: Thomas Mann (Deutschland), «Die Buddenbrooks»
1928: Sigrid Undset (Norwegen), «Kristin Lavranstochter»
1927: Henri Bergson (Frankreich), «Das Lachen»
1926: Grazia Deledda (Italien), «Asche»
1925: George Bernard Shaw (Großbritannien), «Pygmalion»
1924: Wladyslaw Stanislaw Reymont (Polen), «Die Bauern»
1923: William Butler Yeats (Irland), «Gräfin Cathleen»
1922: Jacinto Benavente (Spanien), «Die frohe Stadt des Leichtsinns»
1921: Anatole France (Frankreich), «Das Leben der heiligen Johanna»
1920: Knut Hamsun (Norwegen), «Segen der Erde»
1919: Carl Spitteler (Schweiz), «Olympischer Frühling»
1917: Karl Adolph Gjellerup (Dänemark), «Minna»
Henrik Pontoppidan (Dänemark), «Hans im Glück»
1916: Verner von Heidenstam (Schweden), «Karolinerna»
1915: Romain Rolland (Frankreich), «Johann Christof»
1913: Rabindranath Tagore (Indien), «Das Postamt»
1912: Gerhart Hauptmann (Deutschland), «Die Weber»
1911: Maurice Maeterlinck (Belgien), «Prinzessin Maleine»
1910: Paul Heyse (Deutschland), «Novellen»
1909: Selma Lagerlöf (1858-1940, Schweden), «Gösta Berling»
1908: Rudolf Eucken (1846-1926, Deutschland), «Mensch und Welt»
1907: Rudyard Kipling (1865-1936, Großbritannien), «Das Dschungelbuch»
1906: Giosuè Carducci (1835-1907, Italien), «Odi Barbare»
1905: Henryk Sienkiewicz (1846-1916, Polen), «Quo vadis?»
1904: Frédéric Mistral (1830-1914, Frankreich), «Mireio»
José Echegaray (1832-1916, Spanien), «Wahnsinn oder Heiligkeit»
1903: Bjørnstjerne Bjørnson (1832-1910, Norwegen), «Über die Kraft»
1902: Theodor Mommsen (1817-1903, Deutschland), «Römische Geschichte»
1901: Sully Prudhomme (1839-1907, Frankreich), «Gedichte»
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