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Den Georg-Büchner-Preis 2006 erhält der deutsch-rumänische Lyriker Oskar Pastior

Unsere Beiträge:

«Dada-Nachfahre» und Wortakrobat: Büchner-Preis für Oskar Pastior
Stichwort: Georg-Büchner-Preis
Oskar Pastior stammt aus der alten Vielvölker-Kultur in Siebenbürgen
Wichtige Werke des Büchner-Preisträgers Oskar Pastior
Büchner-Preisträger Pastior: «Ein paar Tränchen verdrückt»

 

«Dada-Nachfahre» und Wortakrobat: Büchner-Preis für Oskar Pastior

Berlin/Kopenhagen (dpa) - Der Büchner-Preisträger Oskar Pastior ist als «Poet der Moderne» einer der renommiertesten Lyriker der Gegenwart. Gleichzeitig gilt er als singuläre Erscheinung unter den deutschsprachigen Schriftstellern. Der eigenwillige Autor, der auch als Petrarca-Übersetzer Anerkennung fand, ist vor allem für seine vom Dadaismus geprägte experimentellen Lyrik und Prosa, seine «Lautmalereien», bekannt. Der «Großmeister des Wortgebrauchs» und «linguale Neutöner» mit Kultstatus in der Lyrikszene hat dem beinahe musikalischen Lautgedicht eine neue Beliebtheit im deutschen Sprachraum verschafft.

Mit seiner ungewöhnlichen Wortakrobatik sucht der 78-jährige Sprachklangvirtuose die Einengungen der deutschen Sprache immer neu zu überwinden. Manche sagen dem «Wortschatzmagier» sogar eine «erotische Zuneigung» zur Sprache nach. Auf jeden Fall ist er ein lustvoller Avantgardist auf dem Feld der Sprachexperimente mit einer großen Sensibilität für Laute und ihre geheimen Eigenschaften.

Er selbst fühlt sich dem «sprachmagischen Ansatz» Georg Büchners verpflichtet. «Was Poesie ist, weiß ich nicht», sagt er zu seinem Verhältnis zur Sprache, deren Zwischentöne und Vernetzung ihn zu immer neuen subversiven Sprachkompositionen reizen. Besonders gern spielt er mit Anagrammen (Wortumbildungen) und Palindromen, also Wortfolgen, die vor- wie rückwärts gelesen Sinn ergeben - wie zum Beispiel Sarg oder Reittier. Auch Redewendungen stülpt er fantasie- und lustvoll und mit Augenzwinkern um. Damit huldigt er der alten Weisheit, Dichtung müsse auch nützlich und unterhaltsam sein, aber auch einer spannenden «Unterhaltung des Wissens».

Die frühere Kulturstaatsministerin Christina Weiss lobte bei der Verleihung des Erich-Fried-Preises 2002 an Pastior gar, er habe «die deutsche Sprache neu entdeckt». Er sei auch einer der jüngsten Dichter in Deutschland, wenn man bedenke, «dass er quellengleich Sprache immer wieder neu erfindet». Er locke seine Leser mit seinem «Mützentausch der Buchstaben» in Sprachlandschaften, die mit zauberischen Kräften fantasievolle Welten im Kopf entstehen ließen.
«Ich bin, was ich schreibe» sagt Pastior über sich und seine oft verschlungenen Sprachwege.

Pastior wurde am 20. Oktober 1927 als Angehöriger der deutschen Minderheit im rumänischen Hermannstadt (Siebenbürgen) geboren, wo er inzwischen zum Ehrendoktor ernannt wurde. Seit 1969 lebt er in Berlin, wo er gegenwärtig gemeinsam mit der ebenfalls aus Rumänien stammenden Schriftstellerin Herta Müller an einem autobiografischen Roman schreibt, wie die «Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung» berichtete.

Sein erster in der Bundesrepublik erschienener Gedichtband war
1969 «Vom Sichersten ins Tausendste», in dem es heißt: «Ich sitze stumm und kraule/Das Kleinhirn zwecks Belebung/Die Sprache zwecks Bestrebung/Und die bewegt sich doch...» Zu seinen Werken gehören ferner die Bände «Ein Tangopoem und andere Texte», «Anagrammgedichte», «Kopfnuß Januskopf. Gedichte in Palindromen» und «Das Hören des Genitivs». In der Edition Akzente des Hanser Verlags
(München) ist eine Werkausgabe erschienen.

Als Gymnasiast wurde Pastior 1945 für fünf Jahre in sowjetische Arbeitslager deportiert. Nach seiner Entlassung und einem Germanistikstudium arbeitete er in den 60er Jahren beim deutschsprachigen Rundfunk in Bukarest und wurde mit den beiden Lyrikbänden in deutscher Sprache «Offene Worte» (1964) und «Gedichte»
(1966) bekannt. Er nutzte 1968 einen Studienaufenthalt in Wien zur Flucht und zog 1969 nach Berlin. Nach ersten Auszeichnungen in Rumänien erhielt er auch in Deutschland zahlreiche Preise, darunter den Andreas-Gryphius-Förderpreis, den Horst-Bienek-Preis für Lyrik, den Preis für Europäische Poesie, den Walter-Hasenclever- Literaturpreis und den Peter-Huchel-Preis für deutschsprachige Lyrik.
 

 

Stichwort: Georg-Büchner-Preis

Darmstadt (dpa) - Der Georg-Büchner-Preis gilt als die renommierteste Auszeichnung für deutschsprachige Literatur. Er wird jährlich von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt vergeben und ist mit 40 000 Euro dotiert. Zu der Summe werden je 11 000 Euro von der Stadt Darmstadt, dem Land Hessen und dem Bund beigetragen. Den Rest übernimmt die Akademie aus Zinserträgen einer Erbschaft. Namensgeber des Preises ist der deutsche Revolutionär und Dramatiker Georg Büchner, der 1813 im Großherzogtum Hessen geboren wurde und 1837 in Zürich starb.

Erstmals vergeben wurde der Büchnerpreis 1923 vom «Volksstaat Hessen». Für besondere kulturelle Leistungen erhielten ihn auch Maler, Bildhauer und Musiker. In den ersten elf Jahren teilten sich jeweils zwei Künstler die Auszeichnung. In der Zeit des Nationalsozialismus (1933-1945) wurde sie nicht vergeben.

Die Akademie für Sprache und Dichtung machte den Büchner-Preis nach dem Krieg zum deutschen Literaturpreis schlechthin. Sie ließ sich 1950 in Darmstadt nieder und legte fest, dass die Auszeichnung nur Schriftsteller und Dichter erhalten sollten, die «durch ihre Arbeiten und Werke in besonderem Maße hervortreten und an der Gestaltung des gegenwärtigen deutschen Kulturlebens wesentlichen Anteil haben». Zu den bisherigen Preisträgern gehören Gottfried Benn, Friedrich Dürrenmatt, Heinrich Böll, Erich Kästner, Günter Grass, Wolf Biermann, Friederike Mayröcker und Wilhelm Genazino.
 

 

Oskar Pastior stammt aus der alten Vielvölker-Kultur in Siebenbürgen

Bukarest (dpa) - Der Büchner-Preisträger Oskar Pastior stammt aus der west- und zentralrumänischen Region Siebenbürgen, in der seit Jahrhunderten Rumänen, Deutsche und Ungarn leben. In seiner Heimatstadt Hermannstadt (Sibiu) sprachen während Pastiors Kindheit viele Menschen alle drei Sprachen oder kannten sie zumindest in Ansätzen. Von den vor dem Zweiten Weltkrieg rund 800 000 deutschsprachigen Siebenbürger Sachsen sind nach massiven Auswanderungswellen nur noch einige zehntausend übrig geblieben.

Der Kontakt mit diesen Sprachen und die Vielvölker-Kultur haben nach Meinung von Pastiors Übersetzerin, der Dichterin Nora Iuga, dessen Schaffen beeinflusst. Leider betrachteten seine rumänischen Kollegen Pastiors Dichtung nur als Experiment, doch sei diese weit mehr als das: «Er hat eine neue Sprache geschaffen.» Der Büchner- Preis für Pastior sei «eine wunderbare Nachricht».

In Rumänien ist Pastiors in Deutschland erschienenes Werk bisher kaum bekannt. Nur die Petrarca-Nachdichtungen erschienen im Jahr 2000 im staatlich geförderten Verlag der Rumänischen Kulturstiftung, übersetzt von Nora Iuga. Der rumänische Dichter Mircea Dinescu erklärte den geringen Bekanntheitsgrad auch mit der Schwierigkeit, Pastior zu übersetzen: «Seine Verse haben eine Musikalität, die eine Nachdichtung erfordern», sagte er. Auch Dinescu freute sich sehr über die Preis-Zuerkennung an Pastior. «Er hätte diesen Preis schon längst verdient. Er ist eine große Figur. Nicht jeder Dichter schafft es, eine Persönlichkeit zu werden.»
 

 

Wichtige Werke des Büchner-Preisträgers Oskar Pastior

Hamburg (dpa) - Der diesjährige Büchner-Preisträger Oskar Pastior hat sich vor allem mit sprachspielerischer Lyrik und Übersetzungen einen Namen gemacht. Außerdem verfasste er Hörspiele. Nachfolgend eine Auswahl wichtiger Werke:

1964: «Offene Worte»
1966: «Gedichte»
1969: «Vom Sichersten ins Tausendste»
1971: «Reise um den Münd in achtzig Feldern» (Hörspiel)
1975: «Höricht. Sechzig Übertragungen aus einem Frequenzbereich»
1976: «Fleischeslust»
«An die neue Aubergine. Zeichen und Plunder.»
«Die Sauna von Samarkand» (Hörspiel)
1978: «Ein Tangopoem und andere Texte»
1978/1985: «Der krimgotische Fächer. Lieder und Balladen»
1983: «33 Gedichte» (Petrarca-Übersetzungen)
1985: «Anagrammgedichte»
1987: «Jalousien aufgemacht. Ein Lesebuch»
1990: «Kopfnuß Januskopf. Gedichte in Palindromen»
«Neununddreißig Gimpelstifte. Gedichte.»
1992: «Vokalisen & Gimpelstifte»
1994: «Eine kleine Kunstmaschine. 34 Sestinen»
«NOCHMAL DEN TEXT EIN ANDERER. Von Gertrude Stein.» (Hörspiel)
1997: «Das Hören des Genitivs. Gedichte»
«Gimpelschneise in die Winterreise-Texte von Wilhelm Müller»
2000: «Villanella & Pantum. Gedichte»
2002: «o du roher iasim. 43 intonationen zu "harmonie du soir" von
charles baudelaire»
 

 

Büchner-Preisträger Pastior: «Ein paar Tränchen verdrückt»

Kopenhagen (dpa) - Der in Berlin lebende deutsch-rumänische Lyriker Oskar Pastior (78) hat am Sonntag den diesjährigen Georg- Büchner-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung zuerkannt bekommen. dpa sprach mit ihm kurz nach der Bekanntgabe während der Frühjahrstagung der Akademie in Kopenhagen. Pastior hatte an der Tagung selbst teilgenommen.

Frage: Hatten Sie mit dem Büchner-Preis gerechnet oder kam er überraschend?

Pastior: «Das war total überraschend. Ich war ja selbst mal in der Jury und weiß, wie so was läuft. Nach der Tagung hier in Kopenhagen war ich gerade am Packen, da kam der Anruf. Ich hab' ein paar Tränchen verdrückt und dann ganz banal Freude empfunden. Und nun gibt es ein bisschen Champagner.»

Frage: Wie schätzen Sie die Bedeutung des Büchner-Preises ein?

Pastior: «Ich hatte meinen persönlichen Büchner-Preis eigentlich schon. Das war meine Aufnahme 1993 als erster deutschsprachiger Autor in die internationale Gruppe Oulipo (mit Sprachformen experimentierender Autoren vor allem in Frankreich). Jetzt der richtige Büchner-Preis, das ist sozusagen die erweiterte Familie für mich.»

Frage: Wer ist für Sie der wichtigste unter den bisherigen Büchner-Preisträgern?

Pastior: «Das ist Georg Büchner selbst. Der ist modern, seit er geschrieben hat. Moderner geht es nicht. Wie Büchner habe auch ich ein kreatürliches Selbstverständnis. Ich rede nicht über Gehirnphysiologie. In meinen Texten ist sie da. Den sprachmagischen Ansatz nenne ich das.»
 

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