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News-Sonderthema: 

Zum 90. Geburtstag von Marcel Reich-Ranicki

Berichte, Stimmen und Hintergrundinformationen zum Geburtstag des Kritikers am 2. Juni
 

 
Unsere Beiträge:

Noch immer streitlustig: Marcel Reich-Ranicki wird 90
Ausstellungseröffnung zum 90. Geburtstag mit Reich-Ranicki
Reich-Ranicki wünscht sich von Walser Entschuldigung
«Aufrichtigkeit ist die erste Pflicht des Kritikers»
Prominente: «Für mich ist Reich-Ranicki...»


Reich-Ranickis Hörkanon - 46 Stunden Literatur

Marcel Reich-Ranicki wird Ehren-Offizier
Koch gratuliert Reich-Ranicki - großartige Persönlichkeit
Lobeshymnen auf Reich-Ranicki - auch von Siegfried Lenz
Loest: Bin von Reich-Ranicki freundlich behandelt worden
 

 
 

01.06. Noch immer streitlustig: Marcel Reich-Ranicki wird 90

Frankfurt/Main (dpa) - Er hat einen Bekanntheitsgrad, der fast jeden Politiker vor Neid erblassen lässt: 98 Prozent der Deutschen haben schon einmal den Namen von Marcel Reich-Ranicki gehört. Um den berühmtesten Literaturkritiker des Landes, der an diesem Mittwoch 90 Jahre alt wird, ist es zwar etwas ruhiger geworden. Doch «MRR» schreibt weiterhin seine Zeitungskolumnen. Und es kann immer vorkommen, dass er mit intellektueller Brillanz und voller polternder Streitlust eine Diskussionslawine lostritt.

Zuletzt geschah dies vor eineinhalb Jahren, als er im ZDF vor laufenden Kameras den Deutschen Fernsehpreis ablehnte, weil er ein Zeichen gegen den täglichen «Blödsinn» auf der Mattscheibe setzen wollte. Dabei war es das Fernsehen, dass mit dem «Literarischen Quartett» Reich-Ranicki zum großen Entertainer gemacht hat. Nur wenige können mit den Möglichkeiten des Massenmediums so gekonnt umgehen wie «MRR». Nicht zufällig gehört Thomas Gottschalk zu seinen größten Verehrern.

Seine durchdringende, leicht krächzende Stimme und sein fuchtelnder Zeigefinger sind zu Markenzeichen Reich-Ranickis geworden. Keiner kann Bücher - nicht nur im Fernsehen - so verreißen oder in den Himmel loben. Nie zimperlich, immer streitbar, manchmal aggressiv und schulmeisterlich, oft witzig und pointiert. «MRR» ist nicht nur einer der besten Kenner der deutschen Literatur, er ist selbst auch ein großer Erzähler. Bei einem so bewegten Leben auch kein Wunder: Seine 1999 veröffentlichte Autobiografie hat sich millionenfach verkauft.

Reich-Ranicki wurde am 2. Juni 1920 in Wloclawek an der Weichsel geboren. Vater David war Kaufmann, ein polnischer Jude. Die Mutter Helene war deutsche Jüdin. Nach dem Konkurs des väterlichen Betriebs siedelte die Familie 1929 nach Berlin um. In Deutschland durfte der junge Marcel aber nicht studieren - die Nazis wiesen ihn 1938 nach dem Abitur nach Polen aus. Im Warschauer Ghetto gelang ihm 1943 mit seiner Frau Tosia die Flucht. Beide überleben im Untergrund. Eltern und Schwiegereltern kamen in den Vernichtungslagern um.

Über die Tätigkeit in Polens kommunistischem Geheimdienst und im diplomatischen Dienst kehrte Reich-Ranicki 1949 zurück nach Warschau. 1950 wurde er aus seinen Ämtern entlassen, und aus der KP wegen «ideologischer Fremdheit» ausgeschlossen. Schon lange ein Liebhaber deutscher Literatur, begann er als Lektor und freier Schriftsteller zu arbeiten. 1958 kam er für immer nach Deutschland und machte sich als scharfzüngiger Kritiker bei der «Zeit» in Hamburg einen Namen. Von 1973 bis 1988 leitete er die Literaturredaktion der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung».

Das große Publikum fand der Literaturpapst aber erst 1988, als das «Literarische Quartett» im ZDF startete. Von 1988 an bis 2001 wurden unter der Moderation von Reich-Ranicki rund 400 Bücher besprochen und oft zu Bestsellern gemacht.

Nach einer Sondersendung des «Quartetts» Anfang 2006 zum 150. Todestag von Heinrich Heine, dem Lieblingsautor von «MRR», ist dieser mit Herzbeschwerden ins Krankenhaus gekommen. Seitdem ist Reich-Ranicki gesundheitlich angeschlagen, er darf auch nicht mehr fliegen. Das tut ihm weh - nicht nur weil er nicht Tel Aviv besuchen kann, wo ein nach ihm benannter Stiftungs-Lehrstuhl für deutsche Literatur eingerichtet wurde. «Ich würde auch gerne mal wieder nach Amerika reisen», sagt «MRR» der dpa.

Der Kritiker gilt als Arbeitstier - auch heute noch. Es scheint fast so, als müsse er damit die schmerzlichen Gedanken an die eigene Vergänglichkeit vertreiben. Gelassenheit im Alter ist nicht unbedingt seine Sache, wie er in Interviews eingeräumt hat. Die Angst vor dem Tod bleibt. «Ich denke täglich daran», sagte Reich-Ranicki, der nicht an Gott glaubt, dem «Focus». Schon bei der Feier zu seinem 85. Geburtstag wurde «MRR», der mit seiner Frau Tosia seit vielen Jahren in Frankfurt lebt, von tiefer Melancholie überfallen. Er sei kein glücklicher Mensch, meinte er damals.

Der Einzelkämpfer «MRR» hat sich immer auch als Außenseiter verstanden. Bei Schriftstellern hat er sich mit seinen harschen Urteilen wenig Freunde gemacht - mit Günter Grass kam es erst im Oktober 2007 wieder zu einer Annäherung, als Reich-Ranicki ihn als «nach wie vor bedeutendsten deutschen Schriftsteller» bezeichnete. Eine Aussöhnung mit Martin Walser, der nach einem herben Verriss eines Romans im Jahr 1976 mit Reich-Ranicki brach, steht immer noch aus. Das Zerwürfnis gipfelte 2002 in Walsers Skandalbuch «Tod eines Kritikers», das wegen Antisemitismusvorwürfen beinahe nicht gedruckt worden wäre. Darin kommt ein jüdischer Literaturkritiker zu Tode, unschwer als «MRR» zu erkennen. Reich-Ranicki und seine Frau fühlten sich «tief getroffen».

Reich-Ranicki möchte von Walser eine Entschuldigung, wie er der dpa sagt. Er könnte sich ein Treffen mit dem Schriftsteller vorstellen, «wenn er bedauern würde, was er getan hat». Das letzte Kapitel in der Geschichte der beiden großen alten Männer der deutschen Nachkriegsliteratur scheint also nicht geschrieben.

Um die jüngere deutsche Literatur-Szene kümmert sich «MRR» nicht mehr besonders, wie der Kritiker sagt. Aber er führt sein Projekt der «Frankfurter Anthologie» fort. Jedes Jahr erscheint ein Band mit 50 kommentierten Gedichten - der 34. ist in Arbeit.

Zum 90. Geburtstag hat Reich-Ranicki dem Jüdischen Museum in Frankfurt für eine Ausstellung einen Teil seiner Privatbibliothek zur Verfügung gestellt. Es handelt sich um Bücher mit persönlicher Widmung - von Ingeborg Bachmann und Heinrich Böll über Nelly Sachs bis zu John Updike. Bei der Eröffnung der Schau («Für Marcel») wurde «MRR» am Sonntag von mehreren hundert Gästen begeistert gefeiert.

Am kommenden Sonntag beehrt dann die TV-Prominenz den Jubilar: Nicht nur Thomas Gottschalk reist zur Verleihung der Ludwig- Börne-Medaille an Reich-Ranicki in der Frankfurter Paulskirche an. Auch Harald Schmidt kommt - und wird am Klavier Brecht-Lieder zum Besten geben. Das ZDF überträgt live. Und man darf davon ausgehen, dass Reich-Ranicki dieses Mal die Huldigungen des Fernsehens gerne entgegennimmt.

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01.06 Ausstellungseröffnung zum 90. Geburtstag mit Reich-Ranicki

Frankfurt/Main (dpa/lhe) - Marcel Reich-Ranicki hat Kostbarkeiten aus seiner Privatbibliothek zur Verfügung gestellt: Zum 90. Geburtstag des Literaturkritikers am 2. Juni gratuliert das Jüdische Museum in Frankfurt mit einer sehr persönlich gehaltenen Ausstellung.«Für Marcel Reich-Ranicki» heißt die Schau, die bis zum 5. September zu sehen ist. Zur Eröffnung am Sonntagabend kamen der Literaturkritiker und seine Frau Teofila in das Museum Judengasse, die Rede hielt Hellmuth Karasek. Reich-Ranicki bedankte sich anschließend bei ihm.

Gezeigt werden Bücher von Autoren, die diese persönlich «MRR» gewidmet haben. Die Liste großer Namen reicht von Ingeborg Bachmann über Heinrich Böll bis zu John Updike. Zusätzlich sind Schriftstellerporträts aus der Sammlung Reich-Ranickis zu sehen, darunter Arbeiten von Günter Grass und Horst Janssen - auch sie Geschenke in freundschaftlicher Verbundenheit an den Kritiker.

In der Ausstellung geht es auch um die Biografie Reich-Ranickis sowie den Stellenwert des Judentums in seinem Leben. Marcel Reich- Ranicki hat immer wieder betont, dass er sich weder als Pole noch als Deutscher fühle, dafür aber als Jude - schon aus Trotz gegen den Antisemitismus. Allerdings ist Reich-Ranicki ein bekennender säkularer Jude, der nach eigener Aussage nicht an Gott glaubt und auch keine Synagoge besucht.

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01.06. Reich-Ranicki wünscht sich von Walser Entschuldigung

Frankfurt/Main (dpa) - Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki hat eine Entschuldigung des Schriftstellers Martin Walser zur Bedingung für eine Aussöhnung gemacht. Er könne sich ein Treffen mit Walser vorstellen, «wenn er bedauern würde, was er getan hat», sagte Reich- Ranicki der Nachrichtenagentur dpa. Reich-Ranicki feiert am 2. Juni seinen 90. Geburtstag. Sein Verhältnis zu Walser gilt seit Jahrzehnten als zerrüttet. Reich-Ranicki hatte 1976 Walsers Roman «Jenseits der Liebe» verrissen. Der Schriftsteller veröffentlichte dann 2002 den Roman «Tod eines Kritikers». In dem Schlüsselroman kommt ein jüdischer Literaturkritiker zu Tode. Reich-Ranicki und seine Frau fühlten sich durch das Buch «tief getroffen».

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01.06. «Aufrichtigkeit ist die erste Pflicht des Kritikers»

Hamburg (dpa) - Marcel Reich-Ranicki gilt als scharfzüngiger Literaturkritiker, musste selbst aber auch verbale Hiebe einstecken. Der polarisierende Geist, der am 2. Juni seinen 90. Geburtstag feiert, hat zusammen mit seiner Frau Tosia das Warschauer Ghetto überlebt. Zitate von ihm und über ihn:

ÜBER LITERATUR

«Viele Autoren und Kritiker hegen ein Misstrauen gegen unterhaltsame Literatur. Ich sage stattdessen: Literatur darf nicht nur unterhaltsam sein, sie muss es sogar!» (im «Focus», 2010)

«Ohne Eitelkeit gibt es kein Schreiben. Egal, ob Autor oder Kritiker - Eitelkeit muss dabei sein. Sonst entsteht nichts. Thomas Mann war wahnsinnig eitel, Richard Wagner auch, und Goethe und natürlich Schiller. (in «Die Weltwoche», 2009)

ÜBER SCHRIFTSTELLER

«Manchmal ist eine Schreibblockade für die Leser ein Segen, das wollen wir nicht vergessen.» (im «Literarischen Quartett» am 15.
Dezember 1994)

«Seine letzten Bücher sind so misslungen, dass er jetzt kaum noch Chancen auf den Nobelpreis hat.» (vor der Vergabe des Nobelpreises an Günter Grass, 1997)

«Wenn ein deutscher Schriftsteller ihn erhalten sollte, und dies habe ich schon vor Jahren immer wieder gesagt, dann ist Grass der Richtige gewesen.» (zur Vergabe des Nobelpreises an Günter Grass,
1999)

«Er verübelt Juden, dass sie überlebt haben. Das ist durchaus kein Antisemitismus, das ist schon Bestialität.» (in «Die Welt» über das Buch «Tod eines Kritikers» von Martin Walser. Nach einer Klage des Schriftstellers musste Reich-Ranicki diese Äußerung von 2005 formal zurücknehmen)

ÜBER SICH SELBST UND SEINE ARBEIT

«Ich habe die Entscheidung nie bedauert, mich in diesem Land niederzulassen.» (bei der Verleihung des Großen Verdienstkreuzes mit Stern, 2002)

«Die Angst vor der deutschen Barbarei, das habe ich auch in meiner Autobiografie geschrieben, hat mich ein Leben lang begleitet.» (in «Frankfurter Allgemeine», 2009)

«Aufrichtigkeit ist die erste Pflicht des Kritikers.» (in der Talkshow «Menschen bei Maischberger», 2004)

»Jede Kritik, die es verdient, eine Kritik genannt zu werden, ist auch eine Polemik.»

«Der Kritiker ist kein Richter, er ist der Staatsanwalt oder der Verteidiger.» (Reich-Ranicki im «Literarischen Quartett» am 15. Dezember 1994)

ANDERE ÜBER MARCEL-REICH-RANICKI

«Wir haben ja zwei polnische Päpste. Der eine, in Rom, meint unfehlbar in Fragen sexueller Praxis zu sein. Ich habe da meine Zweifel. Der andere, in Frankfurt, meint unfehlbar im Urteil über Literatur zu sein. Auch da habe ich meine Zweifel.» (Günter Grass, 1995)

«Liest der Mann nicht, oder ist er dumm?» (Erich Loest nach der Behauptung Reich-Ranickis, in Deutschland gebe es seit 30 Jahren keine politische Literatur, 1997)

«Reich-Ranicki ist ein begnadeter bis peinigender Polterer, der eine ungeheure verbale Gewalt ausüben kann.» (Hellmuth Karasek im «Stern», 2000)

«Wir Autoren nehmen Reich-Ranicki als Kritiker nicht mehr ernst, aber wir fürchten seine Macht.» (Ulla Hahn zur Kritik Reich-Ranickis an ihrem Buch «Das verborgene Wort», 2001)

«Die Fehde der großen alten Männer ist vielleicht die letzte finale Fehde einer untergehenden Generation.» (Norbert Kron in «Die Welt» zum Konflikt zwischen Reich-Ranicki und Walser, 2002)

«Ich spüre ein Recht darauf, diesen Menschen ein für alle Mal zu hassen!» (Martin Walser im Rahmen der lit.Cologne in Köln, März 2010)

«Wenn sich Deutschland heute noch als Kulturnation begreifen kann, dann haben Sie daran ein großes Verdienst - ja, Sie verkörpern auf Ihre Art diese Kulturnation.» (Bundespräsident Horst Köhler zum 85. Geburtstag Reich-Ranickis, 2005)

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01.06. Prominente: «Für mich ist Reich-Ranicki...»

Hamburg (dpa) - Zum 90. Geburtstag des Literaturkritikers von Marcel Reich-Ranicki an diesem Mittwoch (2. Juni) haben Autoren und Kulturstaatsminister Bernd Neumann folgenden Satz ergänzt: «Für mich ist Marcel Reich-Ranicki...»

«... eine Persönlichkeit, die insbesondere in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts so viel für die deutsche Sprache und Literatur getan hat, wie kaum ein anderer. Seine im Jahr 2000 erschienene Autobiografie ist für mich das bewegende Zeugnis eines von großer Humanität und tiefer Weisheit geprägten Lebens. Ich wünsche Marcel Reich-Ranicki von Herzen alles Gute zu seinem 90. Geburtstag.» (Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU))

«...schon deshalb nicht "der Literatur-Papst", weil ihm die Nähe zum derzeitigen Benedetto möglicherweise peinlich wäre.» (Klaus Staeck, Präsident der Berliner Akademie der Künste)

«...der wichtigste deutsche Literaturkritiker nach dem Zweiten Weltkrieg. Er hat jahrzehntelang das beste Feuilleton Deutschlands geleitet und mit dem Literarischen Quartett Fernsehgeschichte geschrieben.» (Autor Erich Loest, Leipzig)

«...ein leidenschaftlicher und einzigartiger Literaturkenner, der nur leider durch sein eigenes, doch antiquiertes Literaturverständnis und seine oft infamen, vernichtenden Verrisse mehr Verhinderer als Förderer neuer deutscher Literatur ist.» (Enthüllungsautor Günter Wallraff, Köln)

«...eine glückliche Mischung aus Woody Allen und Franz-Josef Strauss.» (Autor Martin Walser, Überlingen am Bodensee)

«...ein brillanter Literaturkritiker, dessen Liebe zur Literatur mich besonders berührt, weil sie ihn über die tiefsten Abgründe menschlichen Schicksals getragen hat.» (Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland)

«...ein Glückskind - weil er nun schon seit Ewigkeiten mit seiner Frau Tosia zusammen leben darf. Und wie es aussieht, wird sie ihm noch lange die Treue halten.» (Autor und Hanser Verleger Michael Krüger, München)

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02.06. Reich-Ranickis Hörkanon - 46 Stunden Literatur

Berlin/Köln (dpa) - «Alles, was man hören muss!» - frei nach diesem Motto hat Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki kurz vor seinem 90. Geburtstag (2.6.) seinen ganz persönlichen Hörkanon zusammengestellt. In mehr als 46 Stunden lesen bekannte Schauspieler die nach Reich-Ranickis Einschätzung besten deutschen Erzählungen. Zu den «Vorlesern» gehören Iris Berben, Ulrich Matthes, Dieter Mann, Burghart Klaußner, Nina Petri, Martina Gedeck und Gert Voss.

Reich-Ranicki spannt den literarischen Bogen von Goethe, Schiller und Kleist bis Siegfried Lenz, Thomas Bernhard, Martin Walser, Christoph Hein, Peter Handke und Gabriele Wohmann. Die beeindruckende Sammlung umfasst nach dem Vorbild von Reich-Ranickis Literaturkanon 70 Novellen, Kurzgeschichten, Fabeln, Parabeln, Legenden, Kalendergeschichten und Anekdoten - geschrieben von 61 Autoren.

Auf der ersten der 40 CDs meldet sich Reich-Ranicki persönlich zu Wort, um von der Entstehung und Bedeutung der Literaturgattung Erzählung in Deutschland zu erzählen. «Unser Kanon deutscher Erzählungen ist ein Angebot. Das heißt, jeder kann sich aussuchen, was er aussuchen möchte», sagt er.

Tatsächlich ist der Hörkanon ein sehr verlockendes Angebot an alle, die sich an die dicken Romane nicht so recht herantrauen. Vor allem die heute ungewohnte Sprache der Klassiker wird plötzlich ganz leicht verständlich, wenn sie vorgelesen, vorgetragen und manchmal wie bei einem Theaterstück regelrecht gespielt wird. Im übersichtlich gestalteten Booklet stellt Reich-Ranicki das Werk jedes Autors prägnant vor. Es folgen Biografie und eine Auflistung der wichtigsten Werke.

 

02.06. Marcel Reich-Ranicki wird Ehren-Offizier

Frankfurt/Main (dpa) - Hohe Ehre für Marcel Reich-Ranicki: Der Literaturkritiker hat am Freitag den zweitwichtigsten Orden des niederländischen Königreiches erhalten. Damit würden Reich-Ranickis Verdienste um die niederländische Literatur gewürdigt, wie die Botschaft in Berlin mitteilte. So habe er unter anderem in der Sendung «Das literarische Quartett» wiederholt Werke niederländischer Schriftsteller besprochen, darunter Cees Nooteboom («Philip und die anderen») und Harry Mulisch («Entdeckung des Himmels»).

Stellvertretend für Königin Beatrix übergab Botschafter Marnix Krop die Auszeichnung in den Räumen der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» (FAZ). Reich-Ranicki, der am kommenden Mittwoch 90 Jahre alt wird, darf sich nun «Offizier im Orden von Oranien-Nassau» nennen.
Die Auszeichnung besteht aus einer Medaille und einem Ansteckknopf.
Sie wird in der zweithöchsten Stufe nach Angaben der Botschaft nur sehr wenigen Ausländern verliehen. Die Ehre sei in etwa mit dem deutschen Bundesverdienstkreuz zu vergleichen, das es ebenfalls wie den niederländischen Verdienstorden in mehreren Stufen gibt. 

 

02.06. Koch gratuliert Reich-Ranicki - großartige Persönlichkeit

Wiesbaden (dpa/lhe) - Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) hat dem Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki zum 90. Geburtstag am 2. Juni gratuliert und ihn als großartige Persönlichkeit gewürdigt. Koch dankte dem Publizisten auch im Namen der Landesregierung außerdem für seine Verdienst um das Land. Reich-Ranicki habe «auf dem Gebiet der Literatur und des literarischen Lebens für viele Bereicherungen gesorgt».

«Als Meister der spitzen Feder und auch als streitbarer wie kritischer Demokrat mit einer bewegenden Biografie trugen Sie oft zur produktiven Weiterentwicklung verschiedener flammender Diskurse bei. Ich war immer froh, Sie hier in Hessen zu wissen und teile noch heute Ihren Leitsatz, dass Demokratie durch Kritik geradezu definiert wird», schrieb Koch in einem Glückwunschbrief. Er wünschte dem Literaturkritiker vor allem Gesundheit und persönliches Wohlergehen. Außerdem wünschte er Reich-Ranicki, der seit vielen Jahrzehnten in Frankfurt lebt, harmonische Stunden für seinen Ehrentag und weiterhin viel Energie für sein Wirken und Schaffen. 

 

02.06. Lobeshymnen auf Reich-Ranicki - auch von Siegfried Lenz

Frankfurt/Main (dpa) - Marcel Reich-Ranickis Verhältnis zu den großen Autoren des Landes war stets eher angespannt. Zum 90. Geburtstag von Deutschlands berühmtestem Literaturkritiker am Mittwoch hat ihn jetzt Siegfried Lenz als «Freund» seit mehr als 50 Jahren bezeichnet. Die deutsche Literatur habe Reich-Ranicki viel zu verdanken, würdigte der Schriftsteller («Deutschstunde») den Jubilar in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung». «Er liebt das Streitgespräch, er blüht auf beim Widerspruch, sein bevorzugter Turnierplatz ist die Polemik.»

«Er wollte immer für alle schreiben, und er wusste, wie man es macht», meinte der Schweizer Literaturwissenschaftler Peter von Matt ebenfalls in der «FAZ», deren Literaturchef Reich-Ranicki viele Jahre lang war. Das «Spektakel der Verrisse» mit Gewinnern und Verlierern sei ein «zirzensisches Element», das zur literarischen Öffentlichkeit gehöre. «In Deutschland ist diese Aussage anstößiger als anderswo, weil hier die literarische Kultur stärker als anderswo die religiöse abgelöst und beerbt hat.»

ZDF-Intendant Markus Schächter erklärte am Mittwoch, Reich-Ranicki habe Fernsehgeschichte geschaffen. «Keine Literatursendung hatte einen gewaltigeren Ruf, jedes Nachfolgeformat muss sich zwangsläufig mit dem "Literarischen Quartett" messen lassen», hieß es im Glückwunschbrief. Reich-Ranicki habe mit dem «Literarischen Quartett», das von 1988 bis 2001 und in den Jahren 2005 und 2006 in vier Sonderausgaben ausgestrahlt wurde, Maßstäbe gesetzt.

Der Verleger des Carl Hanser Verlags, Michael Krüger, wies auf das geradezu wissenschaftliche Interesse Reich-Ranickis an Klatsch hin. «Wer was über wen gesagt hat und warum das gehört für ihn genauso dazu, weil es natürlich das Mehl, die Erde ist, worauf dann Literatur wächst», sagte Krüger im Deutschlandradio Kultur. Besonders bemerkenswert ist nach Ansicht Krügers der Unterhaltungswert Reich-Ranickis. «Viele haben ihn nachgemacht keiner hat ihn erreicht.»

Reich-Ranicki hat es nach Ansicht seines langjährigen Weggefährten im «Literarischen Quartett», Hellmuth Karasek, wie kein anderer verstanden, sich selbst zu einer Marke zu machen. «MRR» sei als Literaturkritiker zum Fernsehstar geworden, sagte Karasek ebenfalls im Deutschlandradio Kultur.

 

02.06. Loest: Bin von Reich-Ranicki freundlich behandelt worden

Dresden (dpa/sn) - Der Schriftsteller Erich Loest fühlt sich von dem für seine Verrisse berühmten Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki freundlich behandelt. «Ich kann micht nicht beklagen», sagte er in einem Interview mit der «Dresdner Morgenpost» (Montag) zum 90. Geburtstag von Reich-Ranicki. «Nur einmal war ich mit ihm über Kreuz.» Das sei im Oktober 2002 gewesen, als er für die «Dresdner Morgenpost» in Reaktion auf Reich-Ranickis Literatur-Kanon eine eigene Bestenliste entworfen habe.

«Er hatte die Autoren der DDR ignoriert, was ich für falsch hielt.» Seine Liste habe Jurek Becker und Christa Wolf enthalten, sagte Loest. Dafür habe er auf Franz Kafka verzichtet und zu Protokoll gegeben, dass er zu Kafkas Romanen keine Zugang finde. Reich-Ranicki habe sich im Fernsehen darüber mokiert, wie denn einer über deutsche Literatur urteilen wolle, wenn er Kafka nicht verstehe.

 

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