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100 Jahre Rowohlt Verlag

Ein Porträt des Verlags
 

 
Unsere Beiträge:

100 Jahre Rowohlt Verlag: «Tummelplatz der freien Geister»
Verlags-Marketingchef: Rowohlt war als Verleger ein Besessener
Literatur-Nobelpreisträger bei Rowohlt
Die wichtigsten Stationen der Verlagsgeschichte
 

 

100 Jahre Rowohlt Verlag: «Tummelplatz der freien Geister»

Reinbek (dpa) - «Einen Tummelplatz der freien Geister» nannte Ernst Rowohlt seinen Verlag, den er als junger Buchhändler-Volontär 1908 in Leipzig gründete. Und er muss ihn wirklich geliebt haben, denn 1919 in Berlin und 1945 in Stuttgart und wenig später in Hamburg folgten zwei Neugründungen. Heute versammelt sich unter dem Dach von Rowohlt in Reinbek bei Hamburg eine Gruppe von Verlagen - mit so bedeutenden Schriftstellern wie Kurt Tucholsky, Ernest Hemingway, Albert Camus, Peter Rühmkorf, John Updike, Paul Auster oder Elfriede Jelinek, Martin Walser und Daniel Kehlmann. Mit einer großen Jubiläumskampagne, die auf der Leipziger Buchmesse (13. bis 16. März) startet und auf der Frankfurter Buchmesse endet, feiert der Verlag in diesem Jahr seine 100-jährige Verlagsgeschichte.

«Was war die Leistung der beiden Rowohlt-Gründer? Was hat sie ausgemacht?», fragt Verleger Alexander Fest in seinem Vorwort zur Verlagschronik «100 Jahre Rowohlt» - neben Ernst Rowohlt übernahm seit Ende der 1930er Jahre zunehmend sein Sohn Heinrich Maria Ledig-Rowohlt Aufgaben im Verlag. «Vielleicht in erster Linie dies: dass sie jederzeit imstande waren zu umreißen, was für einen Schriftsteller ein Zuhause sein könnte.» Ein Zuhause, das wurde der Rowohlt Verlag für viele Schriftsteller, mit denen die Rowohlts oft ein freundschaftliches Verhältnis pflegten, so etwa zu Ernest Hemingway und Henry Miller.

Das erste Buch, das Ernst Rowohlt verlegte, war der Gedichtband «Lieder der Sommernächte» seines Bremer Schulfreundes Gustav Edzard. Dass das Buch mit einer bescheidenen Auflage von 300 Exemplaren floppte, irritierte den 20-Jährigen nicht. Der junge Mann, der zunächst eine Banklehre absolvieren musste, hatte seinen Traum verwirklicht! Mit viel Einfallsreichtum und Gespür für Autoren wurde aus dem jungen Haus Rowohlt schon nach kurzer Zeit ein gewichtiger Verlag. Schon damals überraschte das Programm mit seiner Vielseitigkeit, veröffentlichte Rowohlt neben Hans Fallada und Kurt Tucholsky ein Diätbuch aus Amerika und Sinclair Lewis «Elmer Gantry», der dem Verlag 1930 den ersten Nobelpreis für Literatur bescherte.

Weil Ernst Rowohlt sich weigert, seine jüdischen Lektoren zu entlassen, erhält er 1938 von den Nazis ein Berufsverbot - die Hälfte der Bücher des Verlages werden beschlagnahmt oder verbrannt. Nach dem Krieg kämpft auch Rowohlt wie alle Verlage anfangs mit dem Mangel an Papier. Nach der Devise «Möglichst viele Buchstaben auf möglichst wenig Papier für möglichst wenig Geld» schlägt der Sohn vor, Romane wie Zeitungen auf der Rotationsmaschine zu drucken - «Rowohlts Rotations-Romane», abgekürzt «rororo», waren geboren. Im Dezember 1946 erscheinen die ersten «rororo» in einer Auflage von jeweils 100 000 Stück, darunter «In einem anderen Land» von Ernest Hemingway und «Schloss Gripsholm» von Kurt Tucholsky.

Mit der Währungsreform 1948 beginnt das Ende der Rotationsromane, die Leser wollen keine Notlösungen mehr. Bei einer Reise nach New York lernt Heinrich Maria Ledig-Rowohlt die Massenproduktion von Büchern kennen - das erste Taschenbuch entsteht. Bald wird «rororo» in der jungen Bundesrepublik zum Synonym für Taschenbücher schlechthin, die Popularität vieler Autoren wären ohne die «rororo» undenkbar. Außerdem lässt Vater Rowohlt einige Seiten mit Werbung für Zigaretten platzieren - oft in Anspielung auf die Handlung. Kritik an dieser Form der kommerziellen Nutzung von Literatur lässt den Verleger kalt: «Die besten Zeitschriften der Welt verkaufen einen Teil ihrer Seiten an Inserenten, warum macht man das nicht auch mit Büchern?»

Mit dem Archäologie-Roman «Götter, Gräber und Gelehrte», den Cheflektor Kurt Marek unter dem Pseudonym C. W. Ceram veröffentlicht, gelingt dem Verlag der erste Bestseller - es werden noch etliche folgen. Während der Studentenunruhen 1968 werden die von Fritz J. Raddatz herausgegebenen aktuell-Bände «Rebellion der Studenten» und «Die neue Opposition» zum Sprachrohr der außerparlamentarischen Opposition (APO). Nach der Wiedervereinigung führt der Rowohlt Verlag Berlin die politische Linie des Verlages fort. Heute arbeiten 140 Mitarbeiter für den Verlag, zu dem auch die Imprints Kindler und Wunderlich und der Kinderbuchverlag Rotfuchs gehören. An jedem Arbeitstag bringen sie zweieinhalb neue Bücher heraus - das macht rund 500 Taschenbücher und 100 Hardcover-Bände im Jahr. Seit 1983, als Heinrich Maria Ledig-Rowohlt und sein Bruder Harry Rowohlt ihre Gesellschafteranteile verkauften, gehört Rowohlt zur Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck in Stuttgart.

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Verlags-Marketingchef: Rowohlt war als Verleger ein Besessener

Hamburg (dpa) - Der Rowohlt Verlag in Reinbek bei Hamburg ist einer der bedeutendsten deutschen Verlage - Heimat von Schriftstellern wie Kurt Tucholsky, Franz Kafka, Ernest Hemingway, Peter Rühmkorf, Elfriede Jelinek, Martin Walser, John Updike und Daniel Kehlmann. Zum 100-jährigen Jubiläum hat die dpa ein Interview mit Marketing-Geschäftsführer Lutz Kettmann geführt.

Können Sie die Anfänge des Verlages beschreiben, den der junge Buchhändler-Volontär Ernst Rowohlt 1908 in Leipzig gründete?

Kettmann: «Ich glaube, die Verlagsgründung 1908 war etwas höchst Individuelles. Hier hat ein Mann Ideen gehabt, der besessen davon war, Autoren verlegen zu wollen - und er hat einfach angefangen. Das Verlagsprogramm der ersten Jahrzehnte war sehr vielfältig, man konnte weder sagen, dass er sich besonders für junge deutsche noch für amerikanische Autoren im besonderen interessiert hat. Ich glaube, Ernst Rowohlt hat die Autoren verlegt, die ihm Spaß machten, mit denen er gut umgehen konnte und deren Bücher ihn interessierten. Das war auch so etwas wie die Selbstverwirklichung eines jungen Mannes.»

Dabei hat er sehr viel Geschick bewiesen. Schon nach kurzer Zeit war aus dem jungen Haus ein gewichtiger Verlag geworden.

Kettmann: «Ernst Rowohlt hatte wohl die Fähigkeit, die Qualität von Autoren zu erkennen und an sich zu binden, die später einmal eine führende Rolle in der Literatur spielen sollten. Es gab sicherlich andere Verlage zu der Zeit, die eher die Klassiker der Moderne gepflegt haben, aber Rowohlt liebte das Unkonventionelle. Da gab es Autoren wie Arnolt Bronnen, aber auch Kurt Tucholsky. Er verlegte alles, was ihm interessant erschien und er muss auch sehr schnell eine Anziehungskraft auf Autoren ausgeübt haben, die dann gerne zu ihm gekommen sind. So ging es dann von Jahr zu Jahr weiter und der Verlag wuchs und wuchs.»

Kann man sagen, welche Autoren von Rowohlt entdeckt wurden?

Kettmann: «Autoren wie der genannte Arnolt Bronnen, Emil Ludwig, Mascha Kaléko, Robert Musil oder Hans Fallada, einer der ersten Rowohlt-Autoren. Kurt Tucholsky natürlich. Dann kamen schon sehr früh, Ende der 20er, Anfang der 30er Jahre die ersten amerikanischen Autoren hinzu. Das ist das Verdienst von Ernst Rowohlt, dass er diese Autoren in Deutschland bekanntgemacht hat. Damit wurde die amerikanische Tradition bei Rowohlt begründet, die bis heute noch eine der stärksten Programmlinien des Verlages ist. In den 30er Jahren kamen Autoren wie Ernest Hemingway, Sinclair Lewis, William Faulkner, Thomas Wolfe dazu, die alle heute noch lieferbar sind.»

Von Erich Kästner stammt ja das Zitat: «Rowohlt-Autoren trinken und rauchen.» Gibt es den typischen Rowohlt-Autor?

Kettmann: «Das ist auf die Zeit der 20er und 30er Jahre zu beziehen.
Ernst Rowohlt muss ein sehr vitaler, lebenslustiger, trinkfester, lauter Mann gewesen sein, der die Leute anzog und die sich gerne mit ihm unterhalten haben - und das galt sicher für die Autoren seiner Zeit. Es scheint mir so zu sein, dass in den ersten zwei, drei Jahrzehnten der Rowohlt Verlag eine ausgesprochene Männergesellschaft gewesen sein muss. Das waren oft feucht-fröhliche Herrenrunden. Den typischen Rowohlt-Autor gibt es sicher nicht. Typisch für Rowohlt ist heute eher die angelsächsische Autorin, der Autor aus England, oder Amerika und natürlich nach dem Zweiten Weltkrieg sehr viele junge, deutsche Autoren.»

Nach 1945 ist dann Ernst Rowohlts Sohn Heinrich Maria Ledig-Rowohlt in den Verlag eingetreten. Hat sich mit dem Sohn viel geändert ­ oder hat er die Tradition des Vaters fortgesetzt?

Kettmann: «Natürlich war Ernst Rowohlt ein Verleger, der eher mit deutschen Autoren zu tun hatte. Umso erstaunlicher und umso größer das Verdienst, dass er schon früh die ersten Amerikaner geholt hat. Ledig-Rowohlt war internationaler. Er liebte die angelsächsische Literatur und unter Ledig-Rowohlt sind noch einmal sehr viel mehr angelsächsische Autoren zum Verlag gekommen. Einer seiner liebsten Autoren war John Irving mit dem Buch «Garp und wie er die Welt sah». Es gibt dieses legendäre Foto von ihm, vorne im Verlag in der Halle mit der Tischtennisplatte, wo er mit Henry Miller Ping-pong spielt. Das sagt eigentlich, welche Autoren Ledig liebte.»

Und wie steht der Verlag heute da?

Kettmann: «Man muss sehen, dass der Buchmarkt in Deutschland heute einerseits sehr gut funktioniert, es gibt sehr gute Möglichkeiten für Verlage, auch mit Hilfe der Medien Autoren bekanntzumachen und Bücher zu verkaufen. Gleichzeitig ist es ein schwieriger Markt. Wir haben sowohl auf Verlagsseite, wie auch auf Buchhandelsseite eine sehr starke Konkurrenz und Verlage sind eben auch Wirtschaftsbetriebe, die Geld verdienen müssen. Man kann mit der Verlegerei nicht reich werden, aber niemand will Geld verlieren, das heißt, auch für Traditionsverlage wie Rowohlt ist es wichtig, dass man wirtschaftlich arbeitet und die Fähigkeit hat, zu investieren und in die Zukunft zu planen Und das kann relativ leicht aus dem Lot geraten, wenn einige Dinge nicht mehr stimmen. Das musste der Rowohlt Verlag auch um das Jahr 2000 herum erfahren.»

Was ist da passiert?

Kettmann: «Wenn Verlagsprogramme zu umfangreich werden, wenn sie ausufern, zu viele Titel produziert werden. Daraus muss man dann die Konsequenzen ziehen. Auch wir haben vor acht oder neun Jahren die Anzahl der Neuerscheinungen deutlich zurückgefahren, mit dem Ziel, uns mehr auf die Autoren zu konzentrieren, die Unterstützung brauchen und die auch ein Potenzial haben, die erfolgreich sein können. Und der Erfolg hat uns Recht gegeben. Schiere Titelbreite allein ist noch kein Garant für Erfolg.»

Sie blicken also optimistisch in die Zukunft?

Kettmann: «Ja, absolut. Der Verlag hat in den vergangenen Jahren viele neue Autoren gewonnen, das ist eine gute Gewähr dafür, auch in Zukunft erfolgreich zu sein, nichts ist wichtiger als Kontinuität. Und die regelmäßige Nominierung von Autoren unseres Verlages für den Literaturnobelpreis zeigt, dass wir richtig liegen. Wir haben traditionell viele amerikanische Literaturnobelpreisträger, aber auch José Saramago, Imre Kertész, und Elfriede Jelinek. Gleichzeitig ist es für Rowohlt typisch, dass wir nicht nur anspruchsvolle Literatur machen, sondern auch populäre, dafür haben wir das Taschenbuch. Und das müssen wir auch machen. Ein Verlag in dieser Größenordnung kann nur funktionieren wenn er ein stabiles wirtschaftliches Rückgrat besitzt. Und so ist Rowohlt heute nicht nur einer der größten Literatur-, sondern zugleich auch einer der größten Taschenbuch- Verlage.»

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Literatur-Nobelpreisträger bei Rowohlt

Hamburg (dpa) - Im Rowohlt Verlag, der jetzt seinen 100. Geburtstag feiert, sind Werke zahlreicher Literaturnobelpreisträger erschienen. Vor den Namen steht das Jahr der Nobelpreisvergabe.

1930 - Sinclair Lewis

1938 - Pearl S. Buck

1949 - William Faulkner

1954 - Ernest Hemingway

1955 - Halldór Laxness

1957 - Albert Camus

1964 - Jean-Paul Sartre (verweigert die Annahme)

1977 - Vicente Aleixandre

1978 - Isaac Bashevis Singer

1985 - Claude Simon

1993 - Toni Morrison

1998 - José Saramago

2002 - Imre Kertész

2004 - Elfriede Jelinek

2005 - Harold Pinter

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Die wichtigsten Stationen der Verlagsgeschichte

Reinbek (dpa/lno) - «Ich glaube, ich bin der einzige Verleger, der einen Verlag gegründet hat und mehr als fünfzig Jahre in seinem Verlag geblieben ist», pflegte Ernst Rowohlt (1887-1960) zu sagen. Sein Verlag wurde dreimal gegründet, jeweils in einer anderen Stadt: 1908 in Leipzig, 1919 in Berlin, 1945 in Stuttgart und Hamburg. Die wichtigsten Stationen der Verlagsgeschichte:

- 1908: Der Buchhändler-Volontär Ernst Rowohlt verlegt sein erstes
Buch. Dieses Ereignis gilt fortan als Beginn der
Verlagsgeschichte.

- 1919: Nach dem Ersten Weltkrieg Gründung der Ernst Rowohlt KG mit
Sitz in Berlin.

- 1930: Sinclair Lewis erhält als erster amerikanischer Autor und als
erster Rowohlt-Autor den Literaturnobelpreis.

- 1933: Rund die Hälfte der Verlagsproduktion wird verboten und
verbrannt.

- 1938: Ernst Rowohlt weigert sich, seine jüdischen Lektoren zu
entlassen und erhält von den Nazis Berufsverbot.

- 1945: Neugründung des Verlages nach dem Krieg - erst in Stuttgart,
später dann in Hamburg.

- 1946: Die ersten «Rowohlts Rotations-Romane», abgekürzt
«rororo», im Zeitungsformat erscheinen.

- 1950: Die ersten rororo-Taschenbücher erscheinen.

- 1960: Umzug nach Reinbek bei Hamburg. Ernst Rowohlt stirbt im Alter
von 73 Jahren an einem Herzinfarkt.

- 1968: Während der Studentenunruhen werden die aktuell-Bände zum
Sprachrohr der außerparlamentarischen Opposition (APO).

- 1983: Heinrich Maria Ledig-Rowohlt und sein Bruder Harry Rowohlt
verkaufen ihre Gesellschaftsanteile an die Verlagsgruppe
Georg von Holtzbrinck in Stuttgart.

- 1985-1995: Michael Naumann leitet den Verlag.

- 1990: Der Rowohlt Berlin Verlag wird gegründet.

- 1992: Tod von Heinrich Maria Ledig-Rowohlt. Die Heinrich-Maria
Ledig-Rowohlt Stiftung wird ins Leben gerufen.

- seit 2002: Alexander Fest leitet den Verlag.

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