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News-Sonderthema:

«Unwort» 2005 - Reaktionen auf die Wahl

 

25.01. Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung: Unwort zu Recht gewählt

München - Nach Ansicht des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung an der Universität München wurde der Begriff «Entlassungsproduktivität» zu Recht zum Unwort gewählt. «Es handelt sich dabei um die Zunahme der gemessenen Arbeitsproduktivität, die dadurch hervorgerufen wird, dass überhöhte Lohnsteigerungen die relativ unproduktiven Arbeitsplätze vernichten und nur die produktiveren übrig lassen», teilte das Institut mit. Bei den Tariflohnvereinbarungen, die sich am Produktivitätszuwachs der Vergangenheit orientierten, komme es so zu einem Rechenfehler, der in der nächsten Lohnrunde abermals überhöhte Lohnsteigerungen impliziere und mit weiteren Entlassungen von neuem die gemessene Produktivität erhöhe. Die Folge sei eine «Teufelsspirale», die in Massenarbeitslosigkeit münden könne.
 


24.01. «Entlassungsproduktivität» ist «Unwort» - «Kennt kein Mensch»

Frankfurt/Main (dpa) - Mit der Wahl des betriebswirtschaftlichen Begriffs «Entlassungsproduktivität» zum «Unwort des Jahres 2005» haben sich Sprachwissenschaftler für eine in der Öffentlichkeit kaum gehörte Formulierung entschieden. «Das Wort kennt kein Mensch», sagte der Direktor des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim, Prof.
Ludwig M. Eichinger, am Dienstag. «Das geht ein bisschen am Sprachgebrauch vorbei, auch am gebildeten.» Dennoch löste die Wahl sofort gegensätzliche Reaktionen von Arbeitgebern, Gewerkschaften und Sprachexperten aus.

Der Präsident des deutschen PEN-Zentrums, Johano Strasser, stimmte Eichinger zu: «Das Wort ist nicht sehr geläufig. Ich habe es noch nie gehört. Das kommt mir ein bisschen sehr gesucht vor.» Die unabhängige Jury aus fünf Sprach- Experten hat jedoch mit ihrer 15. Entscheidung
- offenbar eher unbeabsichtigt - einen sehr aktuellen Streitpunkt aus den Metall- Tarifverhandlungen aufgegriffen.

Jury-Sprecher Horst Dieter Schlosser nannte zwar Gesamtmetall- Präsident Martin Kannegiesser als eine Quelle für die Verwendung des Begriffs - in der Internet-Suchmaschine Google ergibt das Wort aber schon 287 Treffer. Gleichzeitig betonte der Frankfurter Germanistik- Professor jedoch, das Wort sei «keine Erfindung» aus dem Jahr 2005.
Ex-Kanzler Gerhard Schröder (SPD) habe es schon 1998 kritisiert, und danach sei es immer wieder verwendet worden. So findet es sich etwa in einem Monatsbericht der Bundesbank. Anlass der Wahl war für die Jury auch der Hinweis eines Studenten, im Betriebswirtschaftsstudium werde «Entlassungsproduktivität» gelehrt.

Betriebswissenschaftler verstehen unter dem Begriff die Steigerung der Leistungsfähigkeit eines Unternehmens durch Personalabbau. Der Unwort-Jury zufolge bezeichnet er eine «gleich bleibende, wenn nicht gar gesteigerte Arbeits- und Produktionsleistung, nachdem zuvor zahlreiche für "überflüssig" gehaltene Mitarbeiter entlassen wurden».
Das Unwort verschleiere die meist übermäßige Mehrbelastung derjenigen, die ihren Arbeitsplatz noch behalten konnten, was oft mit dem ebenfalls beschönigenden Wort von der «Arbeitsverdichtung» umschrieben werde, heißt es in der Begründung. «Aber auch die volkswirtschaftlich schädlichen Folgen der personellen Einsparung, die Finanzierung der Arbeitslosigkeit, werden mit diesem Terminus schamhaft verschwiegen.»

In der Metall-Tarifrunde wird das Wort «Entlassungsproduktivität» von den Arbeitgebern verwendet. Sie wollen nur den Teil der gesteigerten Leistungsfähigkeit von Unternehmen bei Lohnerhöhungen berücksichtigen, der nicht auf Personalabbau zurückzuführen ist. Den gesamten Produktivitätszuwachs beziffern sie auf bis zu 1,4 Prozent und ziehen davon 0,2 Prozentpunkte an «Entlassungsproduktivität» ab, so dass am Ende nur noch 1,2 Prozent zu verteilen wären. «Es ist ein etablierter wissenschaftlicher Fachausdruck, der in Zusammenhang steht mit der Findung eines Lohnverteilungsspielraums», betont Gesamtmetall-Sprecher Peter Klotzki. Der Begriff werde unter anderem auch vom Sachverständigenrat verwendet.

Die IG Metall hält die Entscheidung der Jury für goldrichtig. «Das trifft ins Schwarze», sagte Gewerkschaftssprecherin Ingrid Gier. «Der Begriff ist es wert, zum Unwort gekürt zu werden. Er verschleiert, wie es den Menschen geht, und was für eine Belastung sie haben.»

Der Vorsitzende des Verbands deutscher Schriftsteller (Berlin), Fred Breinersdorfer, hält das Unwort ebenfalls «für ein ganz gelungenes Beispiel für dieses Betriebswirte- und neoliberale Wirtschafsblabla». Solche Begriffe «sind immer Ausdruck fehlender Ehrlichkeit» und transportierten zynische Verschleierungen.
«Entlassungsproduktivität» sei zwar kein «Gassenhauer». «Ich finde es aber auch wichtig, Worte schon vorbeugend, im Aufkeimen, so zu stigmatisieren, dass sie gar nicht in den allgemeinen Sprachgebrauch aufgenommen werden.»

Strasser meint dagegen, der Begriff sei nur einer von vielen fragwürdigen, die in der Ökonomie verwendet würden. Es sei deswegen nicht sehr sinnvoll, ihn zum «Unwort» zu machen. Es müsste vielmehr genau gesagt werden, was in Frage gestellt werde, nämlich «dass Teilbereiche wie die Ökonomie sich der Bewertung durch die normalen Wertmaßstäbe, die in der Gesellschaft gelten, völlig entziehen und nur ihrer Binnenlogik gehorchen.»

(Internet: www.unwortdesjahres.org)
 

 

24.01. «Worte» und «Unworte» des Jahres seit 1995

Frankfurt/Main (dpa) - «Worte» und «Unworte» des Jahres gelten als Ausdruck des Zeitgeistes in Deutschland. dpa dokumentiert die «Worte» und - mit kurzer Begründung der Jury - die «Unworte» seit 1995:

WORT DES JAHRES

1995: «Multimedia»
1996: «Sparpaket»
1997: «Reformstau»
1998: «Rot-Grün»
1999: «Millennium»
2000: «Schwarzgeldaffäre»
2001: «Der 11. September»
2002: «Teuro»
2003: «Das alte Europa»
2004: «Hartz IV»
2005: «Bundeskanzlerin»

UNWORT DES JAHRES

1995: «Diätenanpassung» (Beschönigung der Diätenerhöhung im Bund)

1996: «Rentnerschwemme» (Falsches Naturbild für einen sozialpolitischen Sachverhalt)

1997: «Wohlstandsmüll» (Umschreibung arbeitsunwilliger und -unfähiger Menschen durch den Ex-Nestlé-Verwaltungspräsidenten Helmut Maucher)

1998: «sozialverträgliches Frühableben» (Zynisch wirkende Ironisierung durch den Ex-Präsidenten der Bundesärztekammer, Karsten
Vilmar)

1999: «Kollateralschaden» (Verharmlosung der Tötung Unschuldiger als Nebensächlichkeit, NATO-offizieller Terminus im Kosovo-Krieg)

2000: «National befreite Zone» (Zynisch heroisierende Umschreibung einer Region, die von Rechtsextremisten terrorisiert wird)

2001: «Gotteskrieger» (Kein Glaube an einen Gott gleich welcher Religion kann einen Krieg oder gar Terroranschläge rechtfertigen)

2002: «Ich-AG» (Reduzierung von Menschen auf Börsenniveau)

2003: «Tätervolk» (Grundsätzlich inakzeptabler Kollektivschuldvorwurf; als potenziell möglicher Vorwurf gegen Juden in der Rede des Ex-CDU-Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann schlicht
antisemitisch)

2004: «Humankapital» (Degradierung nicht nur von Arbeitskräften in Betrieben, sondern von Menschen überhaupt zu nur noch ökonomischen
Größen)

2005: «Entlassungsproduktivität» (Verschleierung der Mehrbelastung derjenigen, die ihren Arbeitsplatz noch behalten konnten)


 

 
02.01.«Unwort»-Suche läuft - Bis 09. Januar 2006 können sich alle Bürgerinnen und Bürger mit Vorschlägen beteiligen

Frankfurt/Main (dpa) - Nachdem «Bundeskanzlerin» zum «Wort des Jahres» gekürt wurde, läuft die Suche nach dem «Unwort des Jahres»
2005 auf Hochtouren. Gute Chancen haben verschiedene Wortschöpfungen aus der Wirtschaftssprache, sagte der Vater der sprachkritischen Aktion, Horst Dieter Schlosser, in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Bis zum 9. Januar müssen die «Unwort»- Vorschläge - möglichst mit Quellenangabe - eingegangen sein. Eine Jury aus vier Sprachwissenschaftlern und zwei jährlich wechselnden Mitgliedern verkündet ihre Entscheidung am 24. Januar in Frankfurt.

Als Beispiel für ein preiswürdiges «Unwort» nannte der Frankfurter Germanist «Smartsourcing». «Das ist Josef Ackermann, Deutsche Bank, der damit 6400 Arbeitsplätze in Niedriglohnzonen verlegen will», sagte der Sprachwissenschaftler. «Das ist eine besonders smarte Art von Outsourcing bei gleichzeitig hohen Gewinnen.»

In einem Schreiben von DaimlerChrysler an alle Mitarbeiter zur geplanten Entlassung von 8000 Arbeitnehmern sei von einem «beschäftigungsorientierten Abbaumodell» die Rede gewesen. Der Siemens-Vorstand Klaus Kleinfeld habe im Zusammenhang mit der Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland von «unternehmerischer Hygiene» gesprochen.

Unter den bislang knapp 1500 Vorschlägen für das 15. Unwort des Jahres finde sich jedoch am häufigsten die «Schwampel», gefolgt von «Gammelfleisch», berichtete Schlosser. Der Begriff «Schwampel» - kurz für «schwarze Ampel», eine schwarz-gelb-grüne Koalition - sei jedoch kein sprachlicher Missgriff, sondern «nur nicht schön». Bei «Gammelfleisch» werde das Wort mit der Sache verwechselt. Als Unwort werden einzelne Wörter oder Formulierungen gesucht, die sachlich grob unangemessen sind und möglicherweise sogar die Menschenwürde verletzen.

Gute Chancen, von der sechsköpfigen Jury zum Unwort gekürt zu werden, haben auch Oskar Lafontaines «Fremdarbeiter» oder der Begriff «Ehrenmord» als Begründung dafür, dass Frauen aus türkischen Familien um der Ehre der Familien willen getötet werden. Unter den Vorschlägen ist auch der Vorwurf des brandenburgischen Innenministers Jörg Schönbohm (CDU), der mit Blick auf eine Mutter, die ihre sechs Kinder umgebracht haben soll, davon sprach, dass dies an der «Proletarisierung in der DDR» liege. Dahinter stehe der Verdacht, «dass sich alle Leute durch die Sozialpolitik der DDR zu Verbrechern haben machen lassen. Das finde ich daran so schlimm», erläuterte der Sprachwissenschaftler.

Unwort-verdächtig ist nach Ansicht Schlossers zudem der Begriff «Bombenholocaust», den der sächsische NPD-Fraktionschef Holger Apfel angesichts des Gedenkens an die Zerstörung Dresdens gebraucht hatte.
Ein Gericht in Nordrhein-Westfalen habe einen Bestechungsversuch eine «Einflussspende» genannt und damit für einen Vorschlag gesorgt.

«Ich bin noch unentschieden», sagte Schlosser. «Manchmal kommt noch was, woran man vorher nicht gedacht hat.» Im vergangenen Jahr fiel die Wahl auf den Begriff «Humankapital». Anlass war eine EU- Erklärung, in der damit die «Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie das Wissen, das in Personen verkörpert ist», bezeichnet wurden.

(Internet: www.unwortdesjahres.org)

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