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News-Sonderthema: 

Martin Walser - Zum 80. Geburtstag am 24. März 2007

Lebenswerk und Hintergründe
 

 

Erzähler, Sprachvirtuose und Provokateur - Martin Walser wurde 80
Walser ein «großer Sprachmeister» und «begabter Erotiker»
Walser über sein Werk
Fünf Jahre nach «Tod eines Kritikers» keine Versöhnung in Sicht
Martin Walsers wichtigste Werke

 

 

24.03. Erzähler, Sprachvirtuose und Provokateur - Martin Walser wurde 80

Überlingen (dpa/HDL) - Wenn Martin Walser seinen 80. Geburtstag feiert, dann sollen seine Leser dabei sein. Denn allergrößtes Vergnügen bereitet ihm, was andere Autoren als lästige Pflicht empfinden mögen: Öffentlich lesen und Publikum hautnah spüren. So hat der Rowohlt Verlag für den Jubilar bei der Leipziger Buchmesse unter dem Titel «79plus» einen Abend im Schauspielhaus organisiert, bei dem er aus seinem neuen Gedichtband «Das geschundene Tier» vortragen und mit dem Literaturkritiker Martin Lüdke plaudern wird.

Eine große Lesergemeinde hat Walser über Jahrzehnte hinweg die Treue gehalten. Sie findet sich leicht wieder in den Figuren von Walsers Romanen. Denn mit Vorliebe beschreibt der Autor den Alltag von Normalbürgern, ihre Ängste, Sehnsüchte und Befindlichkeiten. Einfühlsam, mit großer Erzählkunst und feiner Ironie zeichnet Walser seine Helden, die sich meist als minderwertige Versager empfinden. Mit einer Sprachvirtuosität ohnegleichen spürt er dem Lebensgefühl von Vertretern, Lehrern oder Immobilienmaklern nach. Dabei nennt er Intimes, Peinliches oder Grausames gleichermaßen beim Namen. «Alles entblößen, um alles zu verbergen», lautet seine Maxime.

Mit provokanten Äußerungen hat sich Walser gerne auch in aktuelle Diskussionen eingemischt - und dafür mehr als einmal heftige Hiebe bezogen. Seine Beweggründe klingen einfach: «Ich sage das, was mit mir zu tun hat, ich sage es öffentlich, um zu sehen, ob es anderen auch so geht wie mir.» So erregte er 1988 großes Aufsehen mit dem Bekenntnis, er könne sich mit der deutschen Teilung nicht abfinden. Hatte er in den 1960er Jahren noch Wahlkampf für die SPD gemacht und zeitweise gar als Sympathisant der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) gegolten, wurde er nun in die rechtskonservative Ecke gedrängt.

Zu heftigen Reaktionen war es 1998 nach seiner Rede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels gekommen: Er kritisierte die «Instrumentalisierung von Auschwitz» und die ständige Thematisierung des Holocausts als «Moralkeule», die nur den gegenteiligen Effekt erziele. Im Mittelpunkt einer scharfen Kontroverse stand Walser 2002 wegen seines satirischen Romans «Tod eines Kritikers», in dessen Protagonisten viele Marcel Reich-Ranicki erkannten. Frank Schirrmacher, Herausgeber der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» (FAZ), verweigerte den Vorabdruck mit dem Argument, Walser spiele mit «antisemitischen Klischees». Der Autor beklagte sich über die «Hinrichtung seines Werkes».

Geboren wurde Walser 1927 in einer katholischen Familie in Wasserburg am Bodensee. Seine Eltern hatten eine Gastwirtschaft. Als Zehnjähriger verlor er den Vater. Im Zweiten Weltkrieg war er Flakhelfer und geriet 1945 in amerikanische Gefangenschaft. Nach dem Abitur in Lindau 1946 studierte er Literatur, Geschichte und Philosophie in Regensburg und Tübingen. Von 1949 bis 1957 arbeitete er als Reporter und Hörspielautor beim Süddeutschen Rundfunk (SDR) in Stuttgart.

1953 schloss er sich der «Gruppe 47» an, die ihm 1955 einen Preis für die Erzählung «Templones Ende» verlieh. Sein Aufstieg begann. Seither hat Walser fast alle großen Literaturpreise erhalten, etwa den Hermann-Hesse-Preis für sein Romandebüt «Ehen in Philippsburg» vor einem halben Jahrhundert. Zu seinen bekanntesten Werken zählt die Novelle «Ein fliehendes Pferd» (1978), die von der Kritik als Glanzstück bezeichnet wurde und im Herbst dieses Jahres ins Kino kommt. Unvergessen sind auch seine Romane «Seelenarbeit» (1979), «Das Schwanenhaus» (1980), «Brandung» (1985) und die auf einer wahren Affäre basierende Geschichte «Finks Krieg» (1996).

Als einer der ersten Autoren legte Walser mit «Die Verteidigung der Kindheit» (1991) einen Roman zur Wiedervereinigung vor. Von der Kritik ebenfalls sehr gelobt wurde sein autobiografischer Roman «Ein springender Brunnen» (1998), in dem der Schriftsteller über seine Kindheit reflektiert. Ein unterschiedliches Echo fanden «Der Lebenslauf der Liebe» (2001) und «Der Augenblick der Liebe» (2004) bei der Literaturkritik. Das gilt auch für den zuletzt vorgelegten Roman «Angstblüte» (2006), in dem er sich unter anderem mit den Themen Geld und Altern auseinandersetzt.

Zu Walsers vielschichtigem Werk gehören auch Theaterstücke wie «Eiche und Angora» (1962) sowie Lyrik, Essays und Aufsätze. Seine Schaffenskraft scheint ungebrochen. «Leben und Schreiben» (Titel seiner Tagebücher) sind für ihn untrennbar verbunden. Der Impuls zum Schreiben komme aus dem Mangel, sagt er. «Etwas ist nicht so, wie es sein soll». Darauf müsse er mit Schreiben reagieren - noch immer mit der Hand auf Papier. Viele seiner Gedanken und Gefühle finden sich auch in «Meßmers Gedanken» (1985) und «Meßmers Reisen» (2003), in den «Daseinsprotokollen» seines Alter Ego Herbert Meßmer.

Trotz seiner unzähligen Reisen und seiner Aufenthalte als Gastdozent in die USA ist Walser seiner Bodensee-Heimat treu geblieben. Unweit seines Geburtsortes lebt er seit fast 40 Jahren im Überlinger Ortsteil Nußdorf. Vom Arbeitszimmer im Dachgeschoss seines Hauses blickt er auf den See, der ihn im Sommer regelmäßig zum Schwimmen lädt. Seit 1950 ist Walser mit seiner Frau Käthe verheiratet. Stolz ist er auf die vier Töchter, die alle künstlerisch tätig sind - als Schriftstellerinnen oder Schauspielerinnen. «Dass die Töchter ausdrucksfreudig und ausdrucksbegabt sind, ist eine große Freude. Vielleicht sogar die einzige reine Freude in meinem Leben.»

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24.03. Martin Walser ein «großer Sprachmeister» und «begabter Erotiker»

Münster (dpa) - Als «gesellschaftskritische Prosa mit hohem Unterhaltungswert» hat der Literaturwissenschaftler Ernst Ribbat das Werk des Schriftstellers Martin Walser bezeichnet. «Er ist ein großer Sprachmeister», sagte der pensionierte Professor der Universität Münster in einem dpa-Gespräch. Das Gesamtwerk sei außerordentlich, die internationale Wirkung groß. Die Antwort auf die Frage, was von Walsers Werk dauerhaft bleiben werde, sei nicht leicht zu beantworten. Das liege am Zeitbezug der Themen: «Weil er immer versucht hat, nah an der Aktualität zu sein, bei dem was Autor und Leser gerade bewegt».

Ribbat betonte Walsers Talent, immer wieder ein interessiertes Publikum zu finden. Dies drücke sich nicht nur in einer langen Serie von Gesellschaftsromanen aus, sondern auch in erfolgreichen Theaterstücken. Walser stelle in seinen Romanen meist hochproblematische Figuren dar, die nicht zurechtkommen und geradezu «Mängelwesen» seien. «Er sucht sich seine Außenseiter in verschiedenen Milieus», sagte Ribbat. Auch fänden sich im Werk immer wieder interessante Darstellungen von Sexualität: «Walser ist ein begabter Erotiker und dies noch als Achtzigjähriger».

Walser wie der gleichaltrige Günter Grass hätten durch Jahrzehnte die deutsche Literatur geprägt, sagte Ribbat. «Beide sind nach wie vor so erfolgreich, dass die mittlere und jüngere Generation der Literaten fast frustriert ist.» Ribbat wies darauf hin, dass «diese alten Herren» weiterhin fast jedes Jahr ein neues Buch schreiben und «eine ungeheure Präsenz in der Öffentlichkeit haben».

Walser, der sich immer wieder in aktuelle politische Debatten eingeschaltet hat, binde sich nach Ansicht Ribbats nicht an Parteien oder Programme. Er gehe einzig von der eigenen Erfahrung aus. Dies werde dann als objektive Darstellung missverstanden. «Weil sein rhetorischer Schwung die Leute überredet, fällt es der Kritik schwer, ihm nachzugehen», sagte der Germanist. Wie Grass sei auch Walser zunächst und vor allem Künstler. Und das heißt: «Sie sind Einzelgänger, die sich Respekt einfordern».

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24.03. Walser über sein Werk: «Angenehmes Gefühl eines gewissen Reichtums»

GÜberlingen (dpa) - Martin Walser fühlt beim Blick auf sein umfangreiches Werk keinen Stolz, aber inneren Reichtum. «Ich weiß immer genau, warum ich welches Buch schrieb. So stellt sich das Gefühl eines gewissen Reichtums ein. Dieses Gefühl ist durchaus angenehm», sagte Walser in einem dpa-Gespräch in Überlingen am Bodensee anlässlich seines 80. Geburtstags. Stolz dagegen empfinde er wegen seiner literarischen Karriere nicht. «Stolz kam und kommt in meinem Wortschatz nicht vor», betonte der Dichter, der zu den bedeutendsten Autoren der deutschen Nachkriegsliteratur zählt.

Walser, vor allem für seine sprachgewaltige und entlarvende Beschreibung des deutschen Mittelstands gefeiert, will sich jedoch nicht in Schablonen pressen lassen. Charakterisierungen wie «Chronist deutscher Befindlichkeit» lehnte er ab. «Das sind Etiketten, in denen ich mich nicht erkenne», sagte er. Seine Aufgabe als Schriftsteller sei es, «etwas so schön zu sagen, wie es nicht ist».

Seit der Fußballweltmeisterschaft im Sommer 2006 erkennt er einen Wandel im Selbstgefühl der Deutschen: «Es war ja kein dummer Jubel, sondern eine Demonstration der Fähigkeit, schön und lebhaft und doch unterschiedsreich zu reagieren. Das ist für ein Kollektiv, und auch noch ein deutsches, wunderbar», meinte Walser.

Der Schriftsteller ist ungeachtet seines Alters voller Tatendrang.
Zu seinem runden Geburtstag hat er den Gedichtband «Das geschundene Tier» vorgelegt. In diesem Jahr soll noch der zweite Band seiner Tagebücher herauskommen. 2005 war der erste Teil der Jahre 1951 bis 1962 unter dem Titel «Leben und Schreiben» erschienen. Daneben schmiedet er weitere Zukunftspläne. «Meine Tagebücher spielen mir Themen und Projekte zu, die endlich einmal realisiert werden möchten», sagte Walser. Dazu gehört ein neuer Roman mit dem Titel «Das 13. Kapitel».

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24.03. Fünf Jahre nach «Tod eines Kritikers» keine Versöhnung in Sicht

GÜberlingen (dpa) - Fast fünf Jahre nach der beispiellosen öffentlichen Kontroverse um seinen Roman «Tod eines Kritikers» sieht Martin Walser weiterhin keinen Anlass zur Versöhnung mit Marcel Reich-Ranicki. «Aussöhnen muss ich mich nicht, da ich keinen Streit wollte», sagte Walser der dpa anlässlichlich seines 80. Geburtstags am 24. März. «Dass Marcel Reich-Ranicki die Geschichte nicht mochte, tut mir leid», betonte Walser. Das komme jedoch öfter vor. Reich- Ranicki wollte dazu nicht Stellung nehmen. Er sagte der dpa: «Ich möchte keinen Krieg mit Martin Walser führen».

Der 2002 erschienene satirische Roman über Mordfantasien um den Literaturkritiker André Ehrl-König hatte Walser den Vorwurf des Antisemitismus eingebracht. Der Herausgeber der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» (FAZ), Frank Schirrmacher, hatte das Werk als «Dokument des Hasses» bezeichnet und einen Vorabdruck mit dem Hinweis abgelehnt, der Autor spiele mit «antisemitischen Klischees». Reich- Ranicki hatte sich «tief getroffen» von dem Buch gezeigt.

Walser dagegen nennt den Roman «eine Liebesgeschichte, die unglücklich ausgeht. Das tun Geschichten großer Liebe öfter». Er könne niemals eine Romanfigur entwickeln, ohne sie zu lieben, betonte Walser. Mit dem Buch habe er auf Machtausübung der Kritik im Fernsehen reagiert. «Keinesfalls hätte ich auf die Literaturkritik in den Printmedien so reagiert», erklärte der Schriftsteller. «Die fernsehbedingte Hemmungslosigkeit, die Kritik als Temperament-Show, das war das Motiv dieses Romans».

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24.03. Martin Walsers wichtigste Werke

Überlingen (dpa) - Martin Walsers umfangreiches Werk umfasst Erzählungen, Romane, Novellen, Theaterstücke, Gedichte, Essays, Hörspiele und Aufsätze. Die meisten sind im Suhrkamp-Verlag erschienen. Seit 2004 publiziert Walser im Rowohlt-Verlag. dpa dokumentiert eine Auswahl seiner wichtigsten Titel:

1957: Ehen in Philippsburg, Roman

1960: Halbzeit, Roman

1966: Das Einhorn, Roman

1973: Der Sturz, Roman

1976: Jenseits der Liebe, Roman

1978: Ein fliehendes Pferd, Novelle

1979: Seelenarbeit, Roman

1980: Das Schwanenhaus, Roman

1982: Brief an Lord Liszt, Roman

1985: Brandung, Roman

1985: Meßmers Gedanken, Roman

1987: Dorle und Wolf, Novelle

1988: Jagd, Roman

1991: Die Verteidigung der Kindheit, Roman

1993: Ohne einander, Roman

1996: Finks Krieg, Roman

1998: Ein springender Brunnen, Roman

2001: Der Lebenslauf der Liebe, Roman

2002: Tod eines Kritikers, Roman

2003: Meßmers Reisen, Roman

2004: Der Augenblick der Liebe, Roman

2004: Die Verwandlung des Nichts (Essays)

2005: Leben und Schreiben. Tagebücher 1951-1962

2006: Angstblüte, Roman

2007: Das geschundene Tier, Gedichte

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